Washington/Philadelphia

Eine rätselhafte Tafel hängt mitten in Washington, an der Ecke K- und 18. Straße, dort, wo der Fußgängerverkehr am dichtesten ist. In Großbuchstaben verkündet sie: »HONOR« und »17762 Verwundete«, dann »MOURNING« und »1400 Gefallene«. Dazu, ganz knapp: »Wir werden nie vergessen.« »Ehre« und »Trauer« – mehr nicht, weder Protest- noch Durchhalteparolen. Die Zahlen werden regelmäßig aktualisiert.

Wahrscheinlich können sich nur die Älteren, die Um-die-60-Jährigen, einen Reim auf diese kryptische Ansage machen. Sie werden sich um 37 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzen, in die größte aller Anti-Vietnam-Demonstrationen. Die fand neun Straßen weiter südlich an der National Mall statt, der drei Kilometer langen Parkanlage zwischen Kapitol und Washington-Denkmal. Hier haben am 15. November 1969 mehrere Hunderttausend Menschen gegen den Vietnamkrieg protestiert – genau drei Jahre, nachdem Präsident Johnson die Eskalation mit einer halben Million Soldaten verkündet hatte.

»Wir haben kapiert, dass nur die Iraker diesen Krieg gewinnen können«

Heute ist der Irak-Krieg ebenfalls drei Jahre alt, doch auf der Mall tummeln sich nur die Touristen und Jogger. Die größte Demo in diesen Tagen, eine Million Menschen quer durchs Land, hat nicht Friedensbewegte, sondern Neu- und Möchtegern-Amerikaner mobilisiert – Latinos, die erleichterte Einwanderung verlangen. Der Irak ist ein ferner Krieg, und kein Wunder. In diesem Krieg sterben 500 Amerikaner pro Jahr, in Vietnam waren es 500 pro Woche. Damals kämpften Wehrpflichtige, heute sind es Berufssoldaten. Damals litt das ganze Land an den Kosten, die sich in doppelstelligen Inflations- und Zinsraten niederschlugen. Heute halten sechs von zehn Amerikanern den Zustand der Wirtschaft für »sehr gut« oder »ziemlich gut«.

Neben den Familien der Gefallenen leidet am meisten ein einziger Mann an diesem Krieg. Er heißt George W. Bush, und seine Popularität entspricht in etwa jener der hiesigen SPD: 30 Prozent. Aber es gibt keinen Eugene McCarthy oder George McGovern, keine Senatoren also, die seinerzeit die Kriegsmüdigkeit in eine tödliche Wahlkampfwaffe gegen die Präsidenten Johnson und Nixon umzuschmieden versuchten. Der Einzige, der sich bislang aus der Deckung wagt, ist Senator Joe Biden, Demokrat aus dem Mini-Staat Delaware. Er macht keinen Hehl aus seinen Präsidentschaftsambitionen, und er ist der erste Politiker von Gewicht, der das Wörtchen »Abzug« in den Mund nimmt.

Wir treffen den Anwärter beim Lunch in Philadelphia, wo er seinen »dritten Weg« (von dem noch zu reden ist) zum Nachtisch präsentiert. Wir treffen ihn und noch ein paar andere, den Vizepräsidenten Dick Cheney und Nixons Außenminister Henry Kissinger. Sie alle waren gekommen, um den 90. Geburtstag eines großen Islam-Historikers zu feiern: Bernard Lewis. Vielen gilt Lewis als ideologischer Vater des Irak-Krieges. Er hat lange vor Samuel Huntington, schon 1990, den Begriff clash of civilizations geprägt. Er hat auch als Erster die Kriegserklärung eines gewissen Osama bin Laden ausgegraben, und zwar 1998 in einer Londoner Zeitung namens Al-Quds Al-Arabi (»Das Arabische Jerusalem«). Bin Laden stachelte damals alle Muslime auf, »die Amerikaner umzubringen, wo und wann auch immer«.