Die Frau ist in schauderhaftem Zustand. Ihr kleiner Körper ist eingefallen, ihr Gesicht aschfahl, sie hat tiefe schwarze Ringe unter den Augen. Im Licht der kreisrunden Neonlampen, das die Notaufnahme des Royal-Victoria-Krankenhauses in Newcastle weiß ausleuchtet, wirkt Sarah Coleman wie ein Gespenst in einer abgewetzten lila Steppjacke. Die Haare fallen ihr aus, im Mund hat sie kaum noch Zähne. Als Krankenschwester Annie sie nach ihren Beschwerden befragt, klagt Sarah über Schlaflosigkeit, Übelkeit und Gelenkschmerzen. Annie misst ihren Puls und erwartet, an dem ausgemergelten Arm die Einstichwunden von Heroinnadeln zu finden. Wie Sarah Coleman sieht eine 35-Jährige nur aus, wenn sie heroinsüchtig ist oder Crack raucht. Aber Sarah hat in ihrem Leben keine Drogen angerührt. »Vielleicht mal ’n Joint vor zwanzig Jahren oder so«, versichert sie mit weinerlicher Stimme. Seither war sie eigentlich permanent schwanger, insgesamt sechzehn Mal, erzählt sie. Jetzt zieht sie sechs Kinder groß, von vier verschiedenen Vätern. Der jüngste Sohn ist drei, die älteste Tochter vierzehn. Schließlich die Diagnose: Die Patientin ist unternährt. Sarah Coleman ist gerade dabei zu verhungern. Traditionell ist Großbritannien eine Klassengesellschaft. Jetzt sollen mehr Briten am Wohlstand teilhaben. Das Foto zeigt die Millenium Bridge in London BILD

Großbritannien ist eines der reichsten Länder der Erde. Und doch leben hier 11,4 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Das bedeutet, dass sie weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens haben – so rechnet es die OECD vor. 3,4 Millionen von ihnen sind Kinder, unter ihnen auch die von Sarah Coleman. Natürlich wohnt sie in einer Sozialwohnung, bekommt Sozialhilfe und Kindergeld. Aber die rund 850 Pfund (1242 Euro), die sie vom Staat bekommt, reichen hinten und vorne nicht. Gerade musste sie für ihre älteste Tochter Ruth eine neue Schuluniform kaufen. Die hat sie sich buchstäblich vom Mund abgespart.

Alistair Monkton kennt solch ein Leben. Er ist 78 Jahre alt und wurde von seinem Nachbarn ins Krankenhaus gebracht, weil er mit jedem Tag schwächer wurde. Bis zum Tod seiner Frau vor einem Jahr galt er in seiner Straße in dem Arbeitervorort von Liverpool als unverwüstlicher Haudegen. Er hatte als Schlosser auf der Cammell-Laird-Schiffswerft in Birkenhead gearbeitet, einer der größten Werften in ganz England. Nach seiner Pensionierung baute er in seinem Gartenschuppen Modellkriegsschiffe. So lange, bis die Gichthände nicht mehr mitmachten. Dann starb seine Frau Violet, und das nahm ihm nicht nur ein bisschen von seinem eigenen Lebenswillen, sondern auch über die Hälfte der Rente. Als dann im Januar die Gasrechnung kam, musste sich der Greis entscheiden: Sollte er lieber die Heizung bezahlen, um sein windschiefes und zugiges Reihenhäuschen einigermaßen warm zu halten, oder sollte er das Geld für etwas zu essen ausgeben? »Ich dachte mir, es ist besser, im Warmen zu sitzen. Solange ich eine Tasse heißen Tee habe, geht das schon«, sagt er mit stoischer Ruhe. Fünf Wochen später ging es dann nicht mehr. Alistair Monkton kam halb verhungert ins Krankenhaus. Auch er ist kein Einzelfall. Von 11,2 Millionen britischen Rentnern leben 1,8 Millionen unterhalb der Armutsgrenze. Eine Studie der Universität von Southampton hat ergeben, dass im Norden Englands knapp 20 Prozent aller Rentner wegen Unterernährung im Krankenhaus behandelt werden.

Das Schicksal von Sarah Coleman, ihren sechs Kindern, Alistair Monkton und den vielen anderen Briten, die in Armut leben, entspricht der Ausrichtung des herkömmlichen angelsächsischen Wohlfahrtsstaates. Der Soziologe Gøsta Esping-Andersen nennt es den »liberalen« Wohlfahrtsstaat, in dem individuelle Verantwortung groß geschrieben wird. Die zentrale Rolle in der sozialen Absicherung spielt der Markt, nicht der Staat. Der soll nur die schlimmste Not lindern, nicht menschenwürdige Lebensumstände schaffen. Im Gegenzug ist die Steuerlast gering und der Arbeitsmarkt flexibel, sodass unterm Strich eine dynamischere Wirtschaft entsteht, die auch große Erschütterungen wie den Zusammenbruch der New Economy leicht mit hohen Wachstumszahlen übersteht.

Den Ausdruck »Vater Staat« gibt es in der englischen Sprache nicht

Dieses System passt zum traditionellen britischen Staatsverständnis. Vom Staat sollte man möglichst wenig mitbekommen. »So wenig Staat wie möglich und nur so viel wie eben nötig, in jedem Fall ist er lästig«, so erklärt der Historiker Hywel Williams die traditionelle britische Vorstellung von der Gesellschaft. »Im Mittelpunkt steht seit je das Individuum und die Unantastbarkeit seines Eigentums. Den Ausdruck ›Vater Staat‹ gibt es in der englischen Sprache nicht, das Konzept ist den Briten fremd.«

Dennoch, Großbritannien ist dabei, sich von dem alten Modell zu verabschieden. Als Tony Blair und Gordon Brown vor genau neun Jahren New Labour an die Regierung führten, sprachen sie viel von der totalen Erneuerung. Der Dritte Weg war ihr Ziel. Ein Staat, der hohe Steuereinnahmen sichert, um einen effektiven öffentlichen Dienst zu schaffen, und mehr Geld an die Schwächsten der Gesellschaft umverteilt. Die hohen Steuereinnahmen sollen erreicht werden, indem der Arbeitsmarkt flexibel bleibt und Eigenverantwortung bei der Jobsuche gefördert wird. Mit anderen Worten: Arbeitslosengeld gibt es erst, wenn Umschulung und Weiterbildung nichts geholfen haben.