WM Ein Land wird zum Kind

Deutschland vor der Weltmeisterschaft: Wir machen Urlaub von uns selbst

Es ist passiert. Das Thema Fußballweltmeisterschaft hat es auf die Seite eins der geschafft. Zugegeben, es war knapp. Auch bei uns gibt es die Stimmen jener, die das große Ereignis jetzt schon verloren geben. Menschen, die, wie mit einer zentnerschweren Last beladen, gramgebeugt über die Flure schleichen. Bemitleidenswert irgendwie. Und auch wenig souverän. Man verlässt keine Party, die gerade begonnen hat.


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Wenn die Zeichen nicht trügen, dann erlebt Deutschland in diesen Tagen, an denen nach dem langen Winter so übergangslos der Sommer ausgebrochen ist, auch sonst eine wundersame Wandlung. Zum Beispiel Hamburg, wo seit Jahrhunderten der rote Hamburger Klinker das Stadtbild beherrscht. Plötzlich erstrahlen so genannte »Blue Goals« auf den Dächern, gekrümmte Neonröhren mit kalt-blauem Licht. Bei Redaktionsschluss waren es bereits mehr als hundert dieser Gebilde.

Zu einer anderen Zeit hätte dieser Umstand sofort die hanseatische Bauaufsicht alarmiert. Aber jetzt? Freude, nichts als Freude über diese magischen Vorboten der großen Fußballspiele, die am 9. Juni beginnen. Vier Wochen. Schöne Wochen, einzigartige Wochen, Begeisterung, Tränen, passione in Deutschland! Und jeder kann mitmachen.

Einige wollen aber nicht – ewige Miesepeter, Dauernöler, Bürger, die noch nie Panini-Fußballbildchen gesammelt haben.

Zu viel Kommerz, zu viel Bundeswehr, zu viel Fifa, zu wenig Karten: so lauten die gebräuchlichsten Argumente der Lamentierer. Am Eigentlichen geht diese Kritik vorbei. Zu wenig Karten? Wir sagen nur: Ronaldinho und, mit Verlaub, auch Lehmann. Beide sind mal wieder in Deutschland, vor unserer Haustür. Seit Monaten gibt es auf dem freien Markt keine Tickets mehr, um sie leibhaftig zu sehen. Ausverkauft! Kann sich Liebe auf schönere Weise offenbaren? Seit Wochen gibt es eine neue, stabile Währung im Land neben dem ungeliebten Euro: Eintrittskarten für die großen Spiele. Beispielsweise wie aus München zu hören ist als Honorar für tieflotende Autoren, die mit ihren Artikeln rechtzeitig vor dem Anpfiff fertig geworden sind.

Zu viel Staatsgewalt? Ein Nebenschauplatz auch dies. Türsteher braucht jede gute Party. Eine große braucht viele.

Zu viel Fifa? Will man sich von einem einzelnen Herrn aus Zürich, Josef Blatter mit Namen, wirklich die Laune verderben lassen? Auch 1974 wehten die lichten Haarkränze der Fußballfunktionäre beim Endspiel unter dem Zeltdach des Münchner Olympiastadions. Vorbei und vergessen. Nicht aber Gerd Müllers Drehung und der Flachschuss von halb rechts.

Zu viel Kommerz? Das Argument stimmt mittlerweile immer, beim Papstbesuch auf dem Kirchentag, im heimischen Museum oder bei den Berliner Philharmonikern.

Dennoch: die Miesepeter wollen nicht schweigen. Könnte es sein, dass die Deutschen womöglich ein geerbtes, generelles Problem mit Spaß und guter Laune haben?

Samba auf Bismarckstraßen und Von-Moltke-Plätzen

Da muss schon ein diktatorisches Weltreich zusammenbrechen und die Berliner Mauer gleich mit, damit sich das Volk ein paar ausgelassene Tage gönnt. Im sich anschließend einstellenden Kater findet man zwischen Glücksburg und Garmisch dann schnell wieder zu einer getragenen Grundstimmung zurück. Das kann so nicht weitergehen.

Jetzt soll ausgerechnet eine mittelmäßige deutsche Fußballnationalmannschaft das Unmögliche, die Wende schaffen? Wenn nicht alles täuscht, gibt es diesmal selbst für die schwer stimulierbaren Deutschen kein Entkommen. Zehntausende swingende Animateure aus Costa Rica, der Elfenbeinküste, aus Togo, Italien und Ecuador, aus Argentinien, Schweden, Spanien und Brasilien haben Deutschland gebucht.

Auch sie sind für vier Wochen Deutschland. Männer und Frauen, die ihre knappen Kostüme und ihre laute Musik mitbringen, um auf deutschen Bismarckstraßen und Von-Moltke-Plätzen zu tanzen. Kann sein, dass man ihr Zielgebiet nicht wiedererkennt, wenn sie wieder weg sind – verwüstet von guter Laune.

Die spannende Frage lautet: Ist Deutschland bereit für die große Party? Die Bedenkenträger jedenfalls verlieren mit jedem Tag an Einfluss. Ihre düsteren Vorhersagen mag kaum noch jemand hören. Erwartungsfroh, fast dankbar und dabei seltsam unaufgeregt scheint das Land dem munteren Treiben entgegenzusehen. Den Animateuren wird der Hof gemacht, zum Beispiel in Berlin, wo das ehrwürdige Haus der Kulturen der Welt sechs Wochen lang zum brasilianischen Zentrum wird: der Musiker und Kulturminister Gilberto Gil zur Eröffnung am Mikrofon, Samba-Trommeln und Caipirinha im Tiergarten, in unmittelbarer Nachbarschaft des Bundespräsidenten, in Hörweite zum Kanzleramt und hohen Haus. Nicht nur die Mächtigen, auch die missmutigen Berliner müssen sich auf einiges gefasst machen.

Landauf, landab nehmen katholische wie evangelische Kirchen die frohe Botschaft auf, lassen den Spaß in ihre Gotteshäuser hinein und nehmen ihn in ihr Programm auf. Die ersten Videobeamer brummen in den Sakristeien schon vor sich hin, Generalprobe für die Übertragung der WM-Spiele vom 9. Juni an. In den Hinterhöfen der Republik werden schon jetzt zusammengenähte Bettlaken als Leinwandersatz probeweise aus den Fenstern gehängt. Public viewing durch Handarbeit, wie geschaffen für ein nachbarschaftliches WM-Wirgefühl über alle Maschendrahtzäune hinweg.

Plötzlich haben Lufthansa-Flugzeuge Fußballnasen, karren Rudi Völler und Günther Jauch im Werbefernsehen WM-Biervorräte nach Hause, versprechen sonst zugeknöpfte Bankmanager Zinsgutschriften für deutsche Fußballsiege. Prompt reagiert der Elektronikfachhandel mit der Erstattung von zehn Euro für jedes Tor der deutschen Mannschaft, »ausgenommen Elfmeterschießen«. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, Glückes genug, werden Frauen fürs Kinderkriegen von Harald Schmidt mit WM-Eintrittskarten belohnt, und in den Metzgereien zieren niedliche Fußballmuster die Dauerwurst.

Wenn Deutschland früh ausscheidet, laufen wir über zu den Brasilianern

Ein Land spielt wie verrückt, eine Nation wird für vier Wochen zum Kind. Wer Kinder nicht mag, bekommt zwangsläufig Schwierigkeiten. Sei es drum, wir müssen an dieser Stelle auf Jürgen Klinsmann zu sprechen kommen. Der Mann birgt Risiken. Denn von ihm hängt ab, wie lange die Party dauert, wie lange wir Kind bleiben dürfen.

Ist er größenwahnsinnig? Oder doch ein Genie? Hat er eine Deutschland-Phobie? Oder liebt er sein Vaterland heimlich? Warum macht er jetzt mit den Seinen Urlaub auf Sardinien? Muss er uns frühzeitig das Vorrunden-Aus erklären? Werden wir ihn dann jemals wiedersehen? Oder wird er uns erretten? Im Halbfinale, im Finale gar? Was dann? Rettet er am Ende auch den Rest von Deutschland? Acht Wochen noch!

Wer jemals eine Ehetherapie besuchte, weiß um die folgenden Sätze aus dem Grundwortschatz des Psychologen: »Das Schlimmste sind die Erwartungen« – und: »Man muss loslassen können«. Fußballdeutschland kann von Klinsmanns Truppe eigentlich nichts erwarten. Ein entspannender Gedanke: Die Abwehr um Per Mertesacker genügt genauso wenig den Stabilitätskriterien wie der Haushalt von Peer Steinbrück. Was kein Kalauer ist, sondern die nackte Wahrheit – und dazu noch eine angenehme. Als Streber waren wir über die Jahre hinlänglich bekannt. Nur, von Strebern lässt man sich nur ungern einladen, Streber sind auf Partys selten willkommen. Jetzt sind wir gern gesehen.

Erstaunlich für einen Beitrag zur Titelgeschichte auf der Seite eins der ZEIT: In den letzten 150 Zeilen war nicht einmal von Globalisierung, von Europa und Reformen die Rede, von George W. Bush oder Ursula von der Leyen. Und? Hat Ihnen etwas gefehlt? Keine Angst, diese Themen gehen nicht verloren. Aber nur für ein paar Wochen könnte das doch jetzt eigentlich so weitergehen, oder? Ersparen wir uns in dieser Zeit, zumindest in diesem Beitrag, die Frage nach dem Cui bono, nach Gewinn und Ertrag, nach Relevanz und Nachhaltigkeit. Ein Volk macht Urlaub von sich selbst. Vier Wochen lang. Das muss erlaubt sein. Die letzte große WM-Party in Deutschland liegt immerhin 32 Jahre zurück.

Und wenn der schöne Traum dieses Sommers jäh endet? 0:1, das Aus in der Vorrunde – auch gut. Keine Rede von Schande, keine Depression. Dann lassen wir eben los. Man sieht sich bei den Brasilianern.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Wir kommen 100% ins Halbfinale
    Oder wir fliegen gegen die Engländer raus und dann bin ich für die Tommis !!

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