Lässt sich während der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland noch ein einigermaßen normales Leben führen? Vor allem die weniger Sportbegeisterten unter den Bundesbürgern dürfte in den kommenden Wochen diese Sorge bewegen. Schließlich erwecken die Vorbereitungen auf die WM längst den Eindruck, Deutschland wolle 2006 auf jeden Fall als Sicherheitsweltmeister in die Sportgeschichte eingehen. Beim ersten Blick auf die Zahlen kann einem mulmig werden vorm Big Fußball-Brother.

Die Polizei hat Urlaubssperre, wenn mit der Eröffnungsfeier am 7. Juni in Berlin die heiße Phase des Turniers beginnt. Die Bundeswehr hält 7000 Mann bereit für ABC-Abwehr, Hubschraubertransporte, Zeltstädte und Sanitätsdienste. Private Wachdienste tüfteln an modernsten Videoüberwachungssystemen für die »Public Viewing«-Plätze, auf denen sich Zehntausende Fans versammeln werden. 70000 THW-Mitarbeiter stehen für alle Eventualitäten bereit, nebst 530000 Mitarbeitern von Rotem Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund und Malteser-Hilfsdienst.

Ist der ganze Aufwand nicht ein bisschen überzogen? Ein Fall von typisch deutscher Gründlichkeit vielleicht? Wenn die WM gelaufen ist, ohne dass etwas passiert ist, werden Kritiker genau dies behaupten. Wenn aber etwas passiert, werden die meisten sagen, es sei zu wenig geschehen.

Doch trotz aller Furcht vor Terroranschlägen im Stadion – ein Ausnahmezustand wird während der vier Sommerwochen kaum herrschen. Wen es nicht gerade in die Fußballarenen oder vor Großbildleinwände zieht, der dürfte – jedenfalls von Durchleuchtung aller Art – unbehelligt bleiben. Sicher, dem einen oder anderen Polizisten zusätzlich wird man in der UBahn oder in der Fußgängerzone begegnen. Auch ein paar Hauptstraßen werden gesperrt. Und wer aus dem Auslandsurlaub nach Hause fährt, wird an Grenzübergängen ein bisschen warten müssen – wie früher. Denn für den Zeitraum der WM hat Deutschland das Schengen-Abkommen suspendiert; es darf wieder kontrolliert werden.

Doch der Großteil der Sicherheitsvorsorge wird hinter den Kulissen stattfinden. Schließlich soll die Welt sich wohl fühlen in Deutschland. Selbst private Wachdienste achten darauf, dass ihre Leute so wenig martialisch wie möglich auftreten. Cargohose in Springerstiefeln, glatt rasierte Kopfhaut – das soll’s nicht geben. Mit dem ästhetisch schmerzhaften Anblick einiger grölender Fanhaufen muss hingegen gerechnet werden.

Apropos »Die Welt zu Gast«. Dieser erste Teil des WM-Mottos ist gelinde übertrieben. Erwartet werden gut drei Millionen Besucher, davon gerade einmal eine Million aus dem Ausland. Verteilt über vier Wochen und zwölf Austragungsstädte (Berlin, Hamburg, Hannover, Dortmund, Gelsenkirchen, Köln, Frankfurt, Kaiserslautern, Stuttgart, München, Nürnberg, Leipzig), ist das alles andere als gewaltig. Zum Vergleich: Die Kieler Woche bevölkern jedes Jahr ebenfalls gut drei Millionen Besucher – ohne dass Schleswig-Holsteins bescheidene Landeshauptstadt unter dem Ansturm jemals kollabiert wäre. Die Erfahrung zeigt allerdings auch, dass Segelsportfans nicht zu Krawallen neigen, vielleicht weil Regatten weniger emotionsgeladen sind als Fußballkrimis. Außerdem werden während der WM-Wochen die TV-Augen der ganzen Welt auf Deutschland gerichtet sein. Mannschaften aus 32 Ländern treten in 64 Paarungen gegeneinander an, darunter weltpolitische Kontrahenten wie Iran und die USA. 20000 VIPs (»sehr wichtige Persönlichkeiten«), vom Staatschef bis zum Filmstar, werden die Tribünen bevölkern.

Für jemanden, der ein Fanal setzen möchte, bietet die WM damit allerbeste »Gelegenheitsstrukturen«, wie es in Sicherheitskreisen heißt. Schon einmal nahmen Terroristen in Deutschland ein ganzes Großereignis zur Geisel, 1972, beim Olympia-Überfall von München. Die gute Lehre aus der Geschichte lautet allerdings: Seither haben Terroristen keine Sportveranstaltungen mehr angegriffen (mit Ausnahme eines Sprengsatzes, den ein Amerikaner bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta platzierte).