Natürlich möchte die Politik die Fußball-WM benutzen, und zwar schamlos. Sie möchte auf vielen, vielen Grinsebildern den Eindruck erwecken, dass in Deutschland alle mit allen immerfort groß koalieren – die Ausländer mit den Inländern, die Unterschicht mit der Franz-Beckenbauer-Welt, der migrantische Hintergrund mit dem patriotischen Vordergrund, Kahn mit Lehmann. Und am Ende auch das Volk mit den Politikern. Je näher das Großereignis rückt, desto kräftiger drückt aber dessen Schwerkraft auf solch naive Vorstellungen vom gelingenden Image-Transfer. Überhaupt schimmert die ganze WM schon vor dem Anpfiff ein bisschen retro, nämlich rot-grün.

Schließlich ist es Gerhard Schröder gewesen, der mit Fußball eine Wahl gewinnen wollte und sich zum Bundestrainer im Agenda-Land stilisiert hatte. Schon im Herbst 2004 hatte sich sein Kanzleramt dafür eine Kampagne ausgedacht. Sie sollte »FC Deutschland 06« heißen, wurde aber wenig später von der CDU in die Abseitsfalle gelockt. Im Kampf um den Ball (»Die Macht ist rund!«) kam damals keine rechte Spielfreude auf. Mit Fischer und Schröder saß immerhin fußballerische Kompetenz am Kabinettstisch, was man von der amtierenden Bundesregierung nicht sagen kann. Glos, Gabriel? Lieber nicht dran denken. Eine Ausnahme ist Müntefering. Franz Müntefering lässt in seinem Büro gern mal einen kleinen Ball rollen, aber an der Torwand würde seine Kollegin, die Familienministerin, vermutlich doch wieder die bessere Figur abgeben. »Schlimm«, seufzen die SPD-Frauen, »am Ende gewinnt immer Ursula von der Leyen

Dann gibt es noch die Sache mit den Gratiskarten. 79 Spitzenpolitiker haben entsprechend dem Protokollkonzept des Bundesinnenministeriums Anspruch auf freie Tickets. Der Gedanke ist an sich nicht falsch: Wenn die Welt bei uns zu Gast ist, sollte während der Spiele der Gastgeber immerhin zugegen sein. Natürlich stellte Bild aus diesem Anlass wieder die obligate Neidliste zusammen. Der Vorwurf des Fußball-Feudalismus stand im öffentlichen Strafraum, der Spaß für die Politiker war weg. Von den Umsonstkarten geht bereits feiner Verwesungsgeruch aus. Könnte sein, dass sie mal – ähnlich wie Bonus-Flugmeilen – zu den »Vollkommen sinnlosen Rücktrittsgründe« (VSRGs) gezählt werden.

Von der Furcht vor VSRGs werden die Spielklassen unterhalb der Bundestagsliga nicht so sehr geplagt. Deswegen geht es dort handfester zu. Alle zwölf Kommunen, in denen WM-Stadien stehen, erfreuen sich eines Vorkaufsrechtes für Karten, die sie an Leute ihrer Wahl weitergeben dürfen. Da können dann Stadtpolitiker mal so richtig altrömische Klientelpolitik treiben. Was auch geschieht. Insgesamt geht es dabei um etwa 25000 Karten. Vergleicht man das mit den fast 500000 Karten, welche die Fifa den offiziellen WM-Sponsoren zur Kontaktpflege andient, hält sich das politische Erregungspotenzial aber in Grenzen.

Derweil werden die Plätze und Gebäude in Berlin auf wirklich schäbige Weise verfußballert: der Fernsehturm eine magentarote Pille, vorm Parlament ein Miniaturstadion, irgendwo steht auch ein Riesenfußballschuh aus Plaste. Vorm Reichstag steht eine große Schlaftablette. Solche Kunstskulpturen gehören zur Imagekampagne »Deutschland – Land der Ideen«. Ausgerechnet beim Kicken erinnern Regierung und BDI noch einmal an »Made in Germany«. Am Anfang wollte die Politik die Regie der WM übernehmen, jetzt befindet sie sich in deren Griff. Das Bild Deutschlands, mit seinen ausländerfreundlichen, ideenreichen Bewohnern wird nämlich nur dann stehen bleiben, wenn nichts Schlimmes passiert – und die deutsche Mannschaft nicht sofort rausfliegt.

Im besten Fall hat Angela Merkel dann ein paar Wochen mit Fototerminen der netten Art. Beim ersten Haarriss jedoch stürzt das Bild in sich zusammen. Im Sport ist die Fallhöhe hoch, denn er setzt – anders als Funktionäre versprechen – nicht nur gute Gefühle frei. Wird im Juni mal kein Ausländer verprügelt? Keiner abgeschoben? Dann ist ja gut.

Die Politik kann während der WM nicht mehr darauf verzichten, sich beim Fußball unterzuhaken. Aber die Imageschere zwischen dem Sport und seinen geldgierigen Verbänden geht immer weiter auf. Sind wir wirklich alle eine Nationalmannschaft, sitzen inzwischen nicht zu viele auf der Reservebank? Die Imagepfleger der Regierung sehen schlaflosen Nächten entgegen. Es bleibt spannend bis zur letzten Minute.