Das größte Sportereignis der Welt muss ein Erfolg werden, vor allem wirtschaftlich. Nicht zuletzt deswegen wird Jürgen Klinsmann am Montag seinen WM-Kader in einer Mercedes-Niederlassung bekanntgeben. Unternehmen und Verbände sehen in der WM ein Konjunkturprogramm für Deutschland, und diverse Studien versuchen dies zu belegen. So sagen die Volkswirte der Postbank – bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – für die nächsten drei Jahre einen Wachstumsschub von bis zu zehn Milliarden Euro voraus. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet mir einem zusätzlichen Wachstum von 0,3 Prozent, ebenso die Landesbank Rheinland-Pfalz. Mit 0,25 Prozent sind die Deutsche Bank oder mit knapp 0,2 Prozent das Bundeswirtschaftsministerium etwas vorsichtiger. Gleichwohl, diese Prognosen haben eines gemein: Sie überschätzen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Weltmeisterschaft. Wie stark hat die WM das Bruttosozialprodukt im Gastgeberland verändert? BILD

Darin sind sich zumindest die Ökonomen der Institute einig. »Die WM ist kein Konjunkturprogramm. Die Wirkung auf das BIP ist marginal«, sagt Michael Grömling vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. »Wir reden hier über einen Wachstumsimpuls von bestenfalls 2,5 Milliarden Euro. Das ist in etwa so viel wie der Anteil der deutschen Zementindustrie am BIP«, sagt Gert Wagner vom Deutschen Institut der Wirtschaft in Berlin, »und der geht es nicht einmal gut.« Sportökonom Markus Kurscheidt von der Ruhr-Universität in Bochum bewertet den Wachstumsbeitrag der WM ebenfalls als verschwindend gering – 1,5 bis 3,4 Milliarden Euro, verteilt auf zehn Jahre. Er will nicht einmal einen Verlust von mehreren Millionen Euro ausschließen.

Dass eine Fußball-WM das Wirtschaftswachstum kaum beeinflusst, zeigte sich vor vier Jahren in Japan und Südkorea. In Nippon schrumpfte das BIP im WM-Jahr 2002 um 0,3 Prozent, in Korea hingegen stieg die Wirtschaftsleistung um sieben Prozent. Für die WM 1994 in den USA ermittelten die Ökonomen Robert Baade und Victor Matheson trotz Zuschauerrekords einen Verlust in Höhe von vier Milliarden Dollar. Trotzdem wuchs die US-Wirtschaft um vier Prozent. Und als 1974 schon einmal eine Fußball-WM in Deutschland stattfand, verdarb der hohe Ölpreis die Party, das BIP stieg nur um magere 0,5 Prozent (siehe Grafik).

Woher soll das Wachstum in Deutschland 2006 kommen? Es sind stets die gleichen Zahlen, mit denen man versucht, einen Aufschwung herbeizureden. Hotellerie und Gastronomie hoffen auf eine Million ausländische Touristen, die etwa eine Milliarde Euro ausgeben. Zwei bis drei Milliarden Euro sollen die deutschen Fans auf den Markt schmeißen. »Von Metro bis Tante Emma, alle hoffen auf die WM«, sagt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels.

Die Tourismusbranche rechnet mit zusätzlichen Einnahmen in Höhe von etwa drei Milliarden Euro, die Verkäufer von Unterhaltungselektronik berichten über »erhebliche Umsatzzuwächse« bei Flachbildschirmen. Zudem: Für 300 Millionen Euro sollen die Fans während der WM telefonieren, den gleichen Betrag geben die Organisatoren für Sicherheitsdienste aus (bei Olympia in Athen waren es sogar eine Milliarde Euro). Und die Baubranche hat bereits sechs Milliarden Euro verbaut und verbucht. Insgesamt kommen die Experten dabei auf einen Betrag von zehn Milliarden. Davon profitieren vor allem die Konsumgüterindustrie, der Dienstleistungssektor, Transport und Logistik, der Einzelhandel, der Tourismus und die Bauindustrie – nur leider nicht in dem Ausmaß, wie es sich viele versprechen.

Beispiel Konsum: Fußbälle, Trikots oder Flachbildschirme werden nicht in Deutschland hergestellt, sondern importiert. »Die Verkäufe erhöhen zwar den Konsum, aber weil Importe vom BIP abgezogen werden, verbleibt nur die Marge der Händler in der Rechnung«, sagt der Ökonom Michael Grömling. »Wenigstens kommen Bier und Würstchen aus Deutschland.« Zudem werde der erhoffte Kaufrausch von der geplanten Mehrwertsteuererhöhung gedämpft.

Beispiel Tourismus und Einzelhandel: »Kein Mensch weiß, wie viele ausländische Touristen Deutschland während der WM meiden und wie viele Deutsche vor dem Turnier fliehen«, sagt Gert Wagner. Branchenprimus TUI berichtet, dass Fernreisen im WM-Monat Juni glänzend gebucht sind. So reduzieren sich die Hoffnungen der Branche und des Einzelhandels auf den Besuch der ausländischen Fans. Ginge es nach den Verbandsoberen, dann sollte selbst der Fan aus Ecuador vor dem Vorrundenspiel gegen Deutschland auf der Berliner Friedrichstraße Kosmetika für die Ehefrau und ein Goleo-Stofftier für den Sohn kaufen, mittags in einem Restaurant am Gendarmenmarkt einkehren, dann vom Spiel im Olympiastadion per Fotohandy Ecuadors Anschlusstreffer zu den Liebsten daheim versenden, bevor er bierselig in seiner Adlon-Suite vom Viertelfinale gegen England träumt. Rund 600 Euro pro Tag, hat die Landesbank Rheinland-Pfalz errechnet, werde jeder Fan im Durchschnitt ausgeben. Vollkommen utopisch sei diese Zahl, sagt Wagner, seriöse Schätzungen schwankten zwischen 35 und 200 Euro pro Tag. »Fußballfans geben nicht so viel Geld aus wie normale Touristen«, sagt Grömling.