Arbeitsmarkt
Lohnt sich das?
Drei Millionen Menschen in Deutschland haben eine Arbeit - und sind trotzdem arm. Unter ihnen sind Küchenhilfen genauso wie Lehrer und Handwerker
Der Tod ist gut fürs Geschäft. Der Wirt hat die Tische zusammengeschoben, die Trauernden haben Hunger. Ganz in Schwarz sitzen sie vor dampfenden Tellern, Rauch hängt in der Luft, Biergläser klingen, ein dicker Mann ruft: »Wo bleibt mein Kalbskopf?« Die Tür zur Küche schwingt auf, die Kellnerin bringt Braten und Kraut. Bevor die Tür wieder zufällt, wird für einen Moment ein kleine, rundliche Frau mit weißer Schürze sichtbar. Das ist Maria Leitmayr.
Sie sagt, manchmal träume sie von ihrer Arbeit. Vor allem von Kartoffeln. Ein, zwei Säcke schält sie am Tag. Sie putzt Gemüse. Sie kratzt altes Fett aus schweren Pfannen. Sie bereitet Salate vor. Nachher, wenn die Trauergemeinde gegangen ist, wird sie die Toiletten schrubben.
Maria Leitmayr ist jetzt Mitte 40. In Landshut, in Niederbayern, ist sie zur Welt gekommen und zur Schule gegangen. Zwei-, dreimal war sie zum Urlaub in Österreich bei ihrer Schwester, ein paar Mal in München. Das ist alles. »Ich bin eigentlich immer in Landshut gewesen«, sagt Maria Leitmayr. Immer hat sie in irgendwelchen Küchen gearbeitet, immer als Hilfskraft.
Nur, so wenig wie jetzt hat sie noch nie verdient.
Maria Leitmayr arbeitet 42 Stunden in der Woche. An sechs von sieben Tagen steht sie in der Küche, von morgens um elf bis nachmittags um drei und abends noch einmal, von sechs bis neun. Manchmal, wenn viel los ist im Wirtshaus, muss sie Überstunden machen, aber die tauchen auf ihrem Lohnzettel nicht auf. Dort steht nur eine Zahl. 891,90 Euro. Das ist der Bruttomonatslohn von Maria Leitmayr. Macht nicht einmal 5 Euro pro Stunde. Steuern muss sie bei diesem niedrigen Einkommen nicht bezahlen, aber Sozialversicherungsbeiträge. Es bleiben ihr 697,02 Euro.
Maria Leitmayr lebt allein. Sie hat ein kleines Appartement im achten Stock eines Wohnblocks mit 81 Parteien, eines der wenigen Hochhäuser im 800 Jahre alten Landshut mit seinen Türmchen und Zinnchen. 285 Euro Warmmiete zahlt sie im Monat. Bleiben 412 Euro zum Leben. Knapp 14 Euro am Tag. »Da muss ich schon knapsen«, sagt sie.
Eigentlich dürfte es jemanden wie Maria Leitmayr in der Bundesrepublik gar nicht geben. Jahrzehntelang verlief im Hochlohnland Deutschland die Wohlstandsgrenze zwischen denen, die einen Job hatten, und jenen, die keinen hatten. Die einen bezogen ein gutes Einkommen, die anderen schlugen sich mit Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe durch.
Doch jetzt ist da plötzlich eine wachsende Zahl von Menschen, die Arbeit haben, die etwas leisten – und sich trotzdem nichts leisten können. Nach Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin leben in der Bundesrepublik inzwischen drei Millionen Menschen unterhalb der Armutsschwelle, obwohl sie erwerbstätig sind, als Angestellte oder als Selbstständige. Sie müssen mit einem Nettoeinkommen von weniger als 940 Euro im Monat auskommen. »In Deutschland ist ein soziales Niemandsland entstanden«, sagt der Göttinger Soziologe Berthold Vogel. Das Niemandsland der Niedriglöhner.
Die Menschen, die dort leben, sind fast so unterschiedlich wie der Rest der Gesellschaft. Manche haben studiert. Manche arbeiten bei traditionsreichen Konzernen, andere bei jungen Wachstumsunternehmen und wieder andere in unbekannten Kleinbetrieben, irgendwo in der Provinz. So wie Maria Leitmayr.
Sie ist ja nicht besonders anspruchsvoll. Kleider kauft sie beim Discounter, wo es keine Umkleidekabinen gibt und die T-Shirts drei Euro kosten. Die Möbel hat sie gebraucht bekommen. Der Kleiderschrank ist vom Sozialamt. Zum Friseur geht sie selten. »Nur, wenn es einen Anlass gibt.« Vor dem Gespräch mit der ZEIT hat sie sich ein paar blonde Strähnchen machen lassen. Für 24 Euro. »Das muss ich jetzt woanders wieder reinholen.«
Maria Leitmayr ist nicht besonders gut darin, über sich selbst zu reden. Nur wenn sie auf ihren Chef, den Wirt, zu sprechen kommt, braust sie auf. Drei Autos habe er und bestimmt ein Heidengeld. »Da kommen oft ganze Busse mit Gästen, bis aus Stuttgart.« Doch dann wird sie gleich wieder stiller und sagt, dass ihr Name keinesfalls in der Zeitung stehen dürfe. »Sonst bin ich weg.«
So geht es den meisten. Niedriglöhner sind Menschen, die von zwei Gefühlen beherrscht sind: von der Wut auf diesen schlecht bezahlten Job. Und von der Angst davor, ihn zu verlieren und dann gar nichts mehr zu haben. Die Angst ist meist stärker als die Wut. Deshalb sind die Namen aller Betroffenen geändert.
Wenn Maik Hoppe morgens aufsteht, hat er manchmal das Gefühl, er sei allein auf der Welt. So still, so dunkel ist es in der Früh um halb vier in Naumburg an der Saale. Hoppe wäscht sich, frühstückt hastig, dann geht er zu seinem alten Opel.
Ein paar Straßen weiter stehen drei Männer an der Ecke. Hoppe hält, die Männer steigen ein, er fährt auf die Autobahn. Sie reden nicht viel, Hoppe lenkt, die anderen dösen. Um viertel vor sechs rollt der Opel auf einen riesigen Parkplatz, auf dem schon ein paar hundert andere Autos stehen. Die Männer steigen aus und gehen auf ein metallenes Tor zu und auf ein paar große weiße Buchstaben: BMW-Werk 07.10.
Es klang wie eine Sensation damals, vor ziemlich genau einem Jahr, als das Werk eröffnet wurde: BMW produziert jetzt im Osten! Aber nicht in Polen, nicht in Tschechien, nicht in Ungarn. Sondern im Osten Deutschlands, in Leipzig, in einer Region, in der in manchen Dörfern, in manchen Stadtteilen jeder Zweite nach Arbeit sucht. Auf einmal entstanden dort 5000 neue Jobs.
Auch Maik Hoppe, 29, gelernter Kfz-Mechaniker, war arbeitslos, als er in der Zeitung von den neuen Stellen las. Er dachte: »Das ist meine Chance.« Aber das dachten viele. Und alle wollten sie nur eines: hineinkommen ins BMW-Werk.
Bis heute gingen bei BMW rund 150.000 Bewerbungen ein.
Maik Hoppe hatte Glück, jedenfalls sah es zunächst so aus. Zwar bekam er von BMW eine Absage. Aber ein Zulieferunternehmen, das ebenfalls auf dem Werksgelände produziert, konnte ihn brauchen. Dort baut Hoppe jetzt die Sitze für den Dreier-BMW zusammen. Er montiert Kopfstützen und Lederpolster, installiert Elektroleitungen und Sitzheizungen. Er trägt eine weiße Arbeitshose und ein weißes Sweatshirt. Auf seinem Rücken steht, in blau unterlegter Schrift, der Name: Faurecia. So heißt die französische Zulieferfirma.
Maik Hoppe hat es geschafft. Er arbeitet im BMW-Werk. Trotzdem gehört er nicht dazu.
Hoppe ist Leiharbeiter. Das ist an sich nicht weiter überraschend. In fast jeder größeren Fabrik in Deutschland arbeitet heute ein kleiner Anteil von Leih- und Zeitarbeitern. Damit können die Betriebe schnell auf kurzfristige Auftragsschwankungen reagieren. Inzwischen aber beschäftigen immer mehr Unternehmen auch langfristig Leiharbeiter. Nicht nur, weil sie dadurch Konjunkturschwankungen ausgleichen können, sondern vor allem, weil Leiharbeiter noch einen anderen Vorteil haben. Sie kosten nicht so viel.
Am Fließband der Faurecia in Leipzig kommt inzwischen auf jeden Festangestellten ein Leiharbeiter. Maik Hoppe verdient brutto 924 Euro im Monat, 600 Euro weniger als die Stammarbeiter. Netto bleiben ihm 720 Euro.
Um 15.45 Uhr ist Feierabend. Hoppe und seine drei Kollegen steigen wieder ins Auto und fahren zurück, von Leipzig nach Naumburg, von Sachsen nach Sachsen-Anhalt. Um kurz nach fünf kommt Maik Hoppe nach Hause.
70 Kilometer hin und 70 zurück. Jeden Tag. Das Problem, sagt Hoppe, seien nicht die vielen Stunden, die er im Auto sitzt. Die würde er in Kauf nehmen. Das Problem ist das Benzin. Sie haben schon eine Fahrgemeinschaft gebildet, Hoppe ist mit seinem alten Opel nur jeden vierten Tag dran, aber trotzdem: Eine Tankfüllung im Monat braucht er allein für den Weg zur Arbeit.
Jeden Tag schaut er in die Zeitung. Wie ein Börsenmakler sucht er nach Nachrichten vom Ölpreis. »Im Moment ist es eine Katastrophe«, sagt Hoppe. Jeden Monat zahlt er 65 Euro, um arbeiten zu können. Bleiben 655 Euro zum Leben.
Wenn er mehr verdiente, würde er nach Leipzig ziehen. Sich dort eine Wohnung mieten. Stattdessen bleibt er in Naumburg und wohnt weiter in seinem Zimmer, bei seiner Mutter. So kommt er einigermaßen hin mit dem Geld. »Natürlich möchte ich endlich etwas Eigenes haben, aber was soll ich machen?«
In ein paar Monaten wird er 30 Jahre alt.
In Deutschland gibt es Preise für Schauspieler, für Schriftsteller, für Journalisten. Vor einigen Jahren kam die Unternehmensberatung Ernst & Young auf die Idee, einen Preis für Unternehmer auszuschreiben. Sie wolle Mittelständler ehren, die »einen entscheidenden Beitrag zur Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands« leisten, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Gewinner dürfen sich »Entrepreneure des Jahres« nennen. Im vergangenen Jahr schaffte es Norbert Lüer in die engere Auswahl.
Lüer greift die Deutsche Post an. Einst war sie das einzige Unternehmen, das in Deutschland Briefe zustellen durfte. Dann begann die Bundesregierung auf Anordnung der Europäischen Union, die Postdienste zu liberalisieren. Bei Amts- und Gerichtsbriefen gilt inzwischen freier Wettbewerb. Lüer erkannte den neuen Markt. Vor drei Jahren gründete der ehemalige Stahlmanager die Jurex GmbH, seitdem wirbt er bei Ämtern und Behörden darum, dass diese ihre Briefe von ihm zustellen lassen statt von der Deutschen Post. Lüer hat ein gutes Argument: Er macht es billiger. Das zieht. Heute hat Jurex bundesweit 560 Mitarbeiter. Jens Gerber ist einer von ihnen.
Jeden Morgen fährt er in die Berliner Firmenzentrale und nimmt 80, 90, manchmal weit über 100 Briefe entgegen. Er ordnet sie nach Straßen und Hausnummern, dann steigt er in einen schwarzen Smart mit der Aufschrift »Jurex« und fährt nach Berlin-Kreuzberg, dort ist sein Bereich.
Gerber darf die Briefe nicht einfach in die Kästen werfen. Gerichtspost muss persönlich übergeben werden. Das macht die Arbeit unangenehm. Gerber ist der Unglücksbote. Wenn er an der Tür klingelt, sagt er nur: »Post für Sie!« Die Leute denken dann, sie bekämen etwas Schönes, ein Paket vielleicht, und öffnen die Tür. Stattdessen steht dort Gerber und drückt ihnen einen Bußgeldbescheid in die Hand. Oder eine Vorladung vor Gericht. Oder einen Räumungsbefehl. Oft wird er dafür beschimpft. Manchmal drohen sie ihm Prügel an. Aber das kann er wegstecken. Jens Gerber ist kein Sensibelchen. Er ist 40 Jahre alt und so groß und breit, dass er kaum in den Smart passt. Er sagt, der Job sei schon in Ordnung. »Wenn nur das Gehalt besser wäre.«
Jens Gerber arbeitet acht Stunden am Tag. Dafür bezahlt ihm Jurex 1250 Euro brutto im Monat, kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld. Macht netto 820 Euro.
In Deutschland gibt es seit einigen Wochen eine neue alte Diskussion über die Rolle der Frau. Es geht um die Frage, ob Frauen lieber arbeiten oder zu Hause bei den Kindern bleiben sollen. Es ist eine Frage für Gutverdiener. Im Niemandsland der Niedriglöhner stellt sie niemand. Jens und Gudrun Gerber haben einen 13-jährigen Sohn. Angenommen, Gudrun Gerber hätte sich keinen Job gesucht: Wovon hätte die Familie dann leben sollen?
Gudrun Gerber ist Köchin in einer Großkantine, sie verdient netto 1000 Euro im Monat. »Mit beiden Gehältern zusammen kamen wir einigermaßen aus«, sagt Jens Gerber. Nur miteinander kamen sie irgendwann nicht mehr klar. Vor einem Jahr, kurz nachdem Gerber bei Jurex angefangen hatte, zog seine Frau aus. Jetzt ist er alleinerziehender Vater. 120 Euro bezieht er an Unterhalt von seiner Frau, 154 Euro an Kindergeld vom Staat. Mit dem Jurex-Gehalt kommt er auf 1100 Euro. 440 Euro zahlt er für die Miete in sanierter Platte in Berlin-Hellersdorf. Bleiben 660 Euro zum Leben, für ihn und seinen Sohn.
Gerbers Einkommen ist niedriger als das eines alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängers, der sich mit einem 1-Euro-Job ein bisschen was dazuverdient. Laut Gesetz hat er deshalb Anspruch auf 120 Euro Arbeitslosengeld, obwohl er nicht arbeitslos ist. Vor kurzem hat er einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Auf die Antwort wartet er noch.
Gerber ist gelernter Maurer, er hat jahrelang auf dem Bau gearbeitet, er hat nicht schlecht verdient am Anfang. »Der Bau ist tot in Deutschland«, sagt er. Seit der Wende war er bei einem halben Dutzend Firmen, nicht nur als Maurer, auch als Gabelstaplerfahrer und als Montagearbeiter. Ein Unternehmen nach dem anderen musste Stellen abbauen oder ging Pleite. Gerber verdiente immer weniger, war immer wieder arbeitslos, am Schluss immer länger.
Als er hörte, Jurex suche Postzusteller, dachte er, endlich schafft mal einer Arbeitsplätze. Er bewarb sich, wurde zum Vorstellungsgespräch geladen, man sagte ihm, wie viel er verdienen würde, da musste er schlucken. Aber was blieb ihm übrig? Sonst hätte die Stelle ein anderer bekommen.
Am Wochenende und nach Feierabend sucht Gerber nach anderen Jobs, er bewirbt sich, wo er kann. Er hofft, wieder hinüberzukommen in den Sektor der Normalverdiener. Nie war das so schwer wie heute. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg haben sich die Aufstiegschancen für Geringverdiener massiv verschlechtert. Nur noch jeder Dritte schaffe es, sich innerhalb von fünf Jahren aus dem Niedriglohnbereich zu befreien. Für viele Arbeitnehmer werde der Niedriglohnsektor zur Niedriglohnfalle, heißt es in der Studie.
Jens Gerber sagt: »Verdammt noch mal, ich arbeite von früh bis spät, aber ich kann mit meinem Sohn nicht einmal in Urlaub fahren.«
Herr Andresen steht hinter Herrn Mehdin . Er malt ihm mit dem Zeigefinger ein großes B auf den Rücken. Herr Mehdin hält die Augen geschlossen, er konzentriert sich, er überlegt, dann sagt er entschlossen: »B!« – »Sehr gut«, sagt Peter Hardenberg.
Herr Mehdin ist fast 60 Jahre alt. Jahrzehntelang hat er in einer deutschen Wurstfabrik gearbeitet, dann wurde die Fabrik geschlossen, und Ali Mehdin musste aufs Arbeitsamt. Dort stellten sie fest: Mehdin ist Analphabet. In der Türkei ist er nie zur Schule gegangen, in Deutschland hat er nur gearbeitet. So kam er in Hardenbergs Klasse.
Es ist eine ungewöhnliche Klasse. 13 erwachsene Menschen zwischen 25 und 58, die eines gemeinsam haben: Sie können kaum lesen und schreiben.
Und es ist ein ungewöhnlicher Lehrer: Peter Hardenberg. Ein schmaler Mann von Mitte 50, der vor mehr als 25 Jahren in Baden-Württemberg Lehramt studierte, der seitdem immer als Lehrer gearbeitet hat und dem dennoch alle typischen Insignien eines deutschen Lehrerlebens fehlen. Er hat kein Haus, er hat kein Auto. Vor allem hat er kein sicheres Einkommen.
Hardenberg ist kein Beamter. Als er Anfang der achtziger Jahre sein Staatsexamen ablegte, stellte das Land Baden-Württemberg kaum noch Lehrer ein. Schon damals ging es dem Staat darum, Geld zu sparen. Hardenberg fing zunächst an, sich mit befristeten Verträgen durchzuschlagen. Hier eine Krankheits-, dort eine Schwangerschaftsvertretung. Bis auch diese Jobs seltener wurden und ihm das Arbeitsamt nahe legte, sich selbstständig zu machen. Als Honorarkraft in der Erwachsenenbildung.
Es ist schon seltsam: In den Staatsdienst hat es Hardenberg nie geschafft, trotzdem ist er vom Staat abhängig. Indirekt. Seit einigen Jahren arbeitet er für private Weiterbildungsinstitute. Meist unterrichtet er Deutsch, seine Schüler stammen aus der Türkei, aus Iran, Ghana, Togo, Kasachstan, Afghanistan. Meist wurden sie von irgendwelchen Ämtern geschickt, und die Ämter sind es, die diese Kurse größtenteils finanzieren.
Früher haben sie auch die Lehrer bezahlt. Die Honorare lagen immerhin bei etwas mehr als 20 Euro pro Stunde. Im Zuge des Zuwanderungsgesetzes hat die Bundesregierung das geändert. Die privaten Träger bekommen jetzt eine kleine Pauschale für jeden Kursteilnehmer, wie viel sie davon an die Dozenten weiterreichen, ist ihre Sache. Seitdem sind die Honorare teils auf 10 Euro pro Stunde gesunken. Pro Unterrichtsstunde. Die Vorbereitung der Kurse, die Korrekturen der Hausarbeiten, all das ist unbezahlt. »Da kommt man am Ende auf 800, 900 Euro im Monat«, sagt Hardenberg.
Hardenberg lebt allein. Er hat eine kleine Wohnung in einem nicht besonders beliebten Viertel von Hannover. Eine Gegend, aus der die meisten Deutschen, die es sich irgendwie leisten konnten, längst weggezogen sind. »Hier in der Straße leben 90 Prozent Ausländer«, sagt Hardenberg. Ihn stört das nicht, und vor allem drückt es die Miete. So kommt er über die Runden.
Wenn in Expertengremien und Podiumsdiskussionen über Niedriglöhner gesprochen wird, entsteht das immer gleiche Bild. Ein Bild, auf dem das schlechte Einkommen als Folge von fehlender Ausbildung erscheint. Es ist ein falsches Bild. Nach Erkenntnis des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben zwei von drei Geringverdienern eine Berufsausbildung oder sogar ein Studium abgeschlossen. Die Unqualifizierten dagegen bekommen oft gar keine Jobs mehr.
Zuletzt hat es Peter Hardenberg noch gut getroffen. Der Veranstalter der Alphabetisierungskurse stellte ihn für zwölf Monate fest ein. Er verdient jetzt 1500 Euro brutto, 1000 Euro netto im Monat, weniger als ein Straßenkehrer im öffentlichen Dienst, aber immerhin: Bis zum Sommer wird Hardenberg ein festes Gehalt beziehen. Was danach kommt, weiß er nicht.
Peter Hardenberg ist ein ruhiger Mensch. Anders als der Postzusteller Jens Gerber fängt er nicht zu fluchen an, wenn er über sein Leben spricht. Hardenberg sagt, er sehe das ganz sachlich: Er sei nicht mehr der Jüngste, er habe kaum Ersparnisse, die Bundesversicherungsanstalt habe ihm mitgeteilt, dass er wegen zu geringer Beiträge keine nennenswerte staatliche Rente zu erwarten habe.
Also bleiben ihm genau zwei Möglichkeiten. Entweder er lebt von Sozialhilfe. Oder: »Ich arbeite bis zum Tod.«
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- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 11.05.2006
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Ich finde es bewundernswert, dass diese Menschen immer noch arbeiten. Ohne Perspektive und teils mit so geringem Einkommen, dass andere Arbeitslosengeld II Empfaenger besser dastehen.
Aber sie arbeiten, und das zaehlt. Sie versuchen ein Auskommen zu machen und kaempfen taeglich um dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Ich habe mehr Respekt vor diesen Leuten als vielen Politikern.
naja, sieht man sich mal die stigmatisierende stimmungsmache von medien und politikergesocks auf der einen und die stellung von erwerbsarbeit im gesellschaftlichen wertekanon auf der anderen seite an, so ist da vielleicht auch ziemlich oft der verzweifelte versuch, wenn man schon nicht aus der situation entkommen kann, so doch das eigene selbstwertgefüjhl nicht zusätzlich mit bzw. durch das gefühl des überflüssig seins zu ersetzen.
das ist ziemlich hart, aber interessiert kein schwein und alle wundern sich, warum das volumen der psych. erkrankungen und der drogenkonsum (stichwort: das liebe saufen) neben anderen dingen zuwachsraten verzeichnen.
ein armutszeugnis im doppelten sinne.
insofern ein anlaß mehr, brain drain zu betreiben und sich abzusetzen, auch weil sich über soziale drift das klima und sachen wie z.b. toleranz doch gar zu gerne eintrüben.
lebenswert wird diese gesellschaft, zu deren "weiter so deutschland" wir nachkömmlinge ja die kinder zur rentenversicherung ansetzen sollen, irgendwie nicht.
du bist deutschland, mach also als letzter das licht aus und hinter dir die türe zu.
... haben die Vorstände der DAX-Unternehmen eine durchschnittliche Gehaltssteigerung von 20% erzielt.
Wie ich gestern schon mal schrieb:
Was letztlich dann das beste wäre:
Grundeinkommen für alle und jeder kann frei und unabhängig entscheiden, welcher Tätigkeit er nachgeht.
Spitzenkräfte, Facharbeiter und Sportler wären freilich ohne Ende verfügbar und viele Probleme wären gelöst.
Die meisten Menschen wollen nämlich arbeiten und sind am Produktivsten für die Gesellschaft, wenn sie das tun, was sie am besten können und nicht das was tun MÜSSEN um überhaupt ein Dach überm Kopf zu haben und den Kühlschrank füllen zu können!
Und Leistung würde sich auszahlen. Weil jeder bessere Leistungen erbringen kann, wenn er frei entscheiden kann und nicht unter Zwang dirigiert wird.
Das hat übrigens nichts mit Kommunismus oder Sozialismus zu tun, sondern wäre eine Grundbasis für ein extrem Liberales System.
[Links gelöscht, gez. Die Redaktion]
Und vor allem gibt es keine WORKING POOR mehr. So wie es sie früher noch in den USA gab, sind auch diese hier importiert worden.
Neoliberalismus bringt nichts. Reiche werden immer reicher, Arme immer ärmer und der Staat hilft dabei, weil er jedem Arbeitgeber glaubt, das der sofort ins Ausland abwandern würde.
Schöne neue Welt
Haben wir nicht jahrelang gepredigt bekommen, von allen Großverdienern, "wir brauchen einen Niedriglohn-Sektor"?, was ja nur hieß, "die Löhne müssen runter", damit auch für die Unnützen sich das Arbeiten lohnt.
Niedriglöhner, Kurz-Arbeiter, Kleinst-Rentner: Millionen über Millionen. Und alles in einem der reichsten Länder der Erde.
Schreit da einer? Sieht einer unserer Großkopfeten ein Problem? Wird das konkrete Problem überhaupt zur Kenntnis genommen?
Nicht im mindesten. "Die Steuern müssen runter" - für Millionäre, für Milliardäre... und eben "für die Wirtschaft".
Und die anderen? Welche anderen? Die unnützen Esser, über die man allenfalls, wenn es sich nicht ganz vermeiden läßt, als stille statistische Größe... reden läßt.
In meinen Augen sind Menschen, die diese Jobs für dieses viel zu wenige Geld ausüben müssen, nichts anderes als Lohnsklaven. Nur das sie nicht in Ketten gelegt oder geschlagen werden dürfen. Gedemütigt werden sie oft genug.
Eine Gesellschafft die es zulässt, das Menschen ein darart perspektivloses Dasein führen müssen, macht einen großen Fehler.
Denn wer mit solche Mini-Einkommen auskommen muss, der schafft damit leider nur Arbeitsplätze in China oder Vietnam, eben dort wo die Hemden für drei Euro oder die Kaffetassen aus dem Ramschladen und der Ramsch aus den Ein-Euroläden herkommt.
Dort, wo man für noch weniger Geld noch länger arbeitet und noch schlechter geschützt ist.
Die Binnenkonjunktur geht leer aus.
Auch bekommen diese Menschen nur selten Kinder, wie soll man von diese Paar Kröten eine Familie ernähren. Die Bevölerungsstatistik geht also auch leer aus.
Das erstaunliche ist, das diese Menschen trotzdem so friedlich sind, sie werden nur selten kriminell obwohl sie Anlaß genug hätten sich "ihr Anteil zu holen".
Wie lange das allerdings gut geht ist eine andere Frage.
Dort wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich noch größer sind, leben die Reichen meisten nur noch hinter hohe Mauern und müssen Sicherheitsdienste einstellen. Die sind übrigens auch schlecht bezahlt...
was würde ich denn tun um eine Gesellschaft aufzubauen, in der ich als Geschäftsmann das sagen habe und Ruhe vor denen, die mein Kapital erschaffen?
Ich würde ein System der gegenseitigen Misstrauens und Neids kreieren. Mehrere Gesellschaftsschichten, die aufeinander einhacken, sich ständig belauern und dem anderen das jeweils Schlechteste zutrauen.
Ganz unten die, die in irgendeiner Art gehandicapt sind. Langzeitarbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Menschen einfach ohne Glück, die ohne Beziehungen, Nichtgesellschaftsfähige, Bildungsferne, etc. Die Resignierten.
Dann eine Schicht, die sich dieser schon wieder überlegen fühlt aber trotzdem in der gleichen materiellen Situation lebt. Menschen strebsam, mit vielleicht falsch verstandenem Stolz, arbeitswillig auch für wenig Geld und immer in der Hoffnung lebend, aus dieser Situation wieder herauszukommen. Die Ärmelhochkrempler.
Dann die Schicht der gut verdienenden einfachen Arbeiter und Angestellten. Klar, man sieht was da unten los ist und tut möglichst alles um seinen Job und Lebensstandart zu behalten. Und hält seine Situation natürlich seinen Fähigkeiten zugute: Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit; grad so wie ich. Die unteren Arrivierten.
Als nächstes die Schicht der Gebildeten. Studiert, mit oder ohne Job, auf jeden Fall mit erweiterter Einsicht in die Welt und der Überzeugung aufgrund seiner Qualifikation Anrecht auf ein ordentliches Gehalt zu haben. Dabei flexibel, solange es sich lohnt. Reisen, Bildung, Weinstube. Ruhig, solange das Gehalt stimmt. Die oberen Arrivierten.
Dann die Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst. Ob fähig oder unfähig: so gut wie unkündbar, unter ziemlich sicheren sozialen Verhältnissen lebend und Reformen, sie selbst betreffend, stets abgeneigt. Die Teilnehmer einer freien Marktwirtschaft verwaltend, doch selbst nicht an jener teilhabend. Recht durchsetzend, das der Erhaltung des Systems dient. Die Zuschauer.
Und dann noch die, denen dieses System am meisten zusagt. Die, die abschöpfen, die Droge Manipulation geniessen, die Meinungen machen, Kriege anzetteln die sie nicht selbst führen müssen, die Welt nach ihren Überzeugungen gestalten und Geschichte machen wollen. Der selbstverliebte moralische und monetäre Adel. Also ich.
Daneben, ist klar, noch ein paar Grüppchen an denen sich alle irgendwie reiben oder zu ihnen aufsehen können. Die Ergänzung sozusagen. Talkmaster, Rennfahrer, Busenqueens, Bundespräsidenten, Jetset, Künstler, Skandalpopsternchen, Big Brother, Nobelpreisträger, Starlets, Kommentareschreiber, etc. Ohne irgendwelche Bedeutung, aber zum Ablenken von wichtigen Sachen hervorragend geeignet. Die Egoshooter. Hier machts die Masse, das Schrotflintenprinzip. Einer kann noch so resistent sein, hier wird er fündig.
Vergessen wir nicht die wichtigste Sache. Jedem sein Medium, an und in dem er an den anderen sich aufreiben kann. Den unteren beiden und der Hälfte der dritten Schicht die Yellowpress und die Privatsender, der anderen Hälfte und den Arrivierten die bürgerliche Presse, Kosmopolitan und ARTE, dem Adel Forbes und den Hotelführer von Dubai. Und diese Medien müssen in meiner Hand sein. Opposition muss zugelassen, aber kontrolliert sein. Ausserdem hat suggeriert zu werden, sie sei gutmenschenhaft und realitätsfern.
Wichtig ist nur, die Grenzen klar zu halten. Für jeden muss erkennbar sein wer an der eigenen Lage Schuld ist. Und schuld ist, wer gerade dabei ist mir ins Geschäft zu pfuschen!
Auch viele Unternehmer sind die Opfer ... der Unternehmensberater (z.B.).
Dazu war gestern ein Artikel auf der Hauptseite im Spiegel-Online über die Zunft der Unternehmensberater (McKinsey, Roland Berger u.a.).
Heute ist der Artikel kaum noch auffindbar (zu brisant?), aber im Moment noch zu finden unter:
[Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion]
Auszüge:
[ANTI-UNTERNEHMENSBERATER-BUCH (von 11.5.2006)
"Eine Zunft wie Opus Dei"
Von Michael Kröger
In seinem Buch "Beraten und verkauft" rechnet der SWR-Chefreporter Thomas Leif mit den Unternehmensberatern ab. Er stützt sich dabei auf eine Fülle von Zeugenaussagen und bisher unveröffentlichte Berichte von Ministerien und Landesrechnungshöfen.
Berlin - Keiner hätte die Brisanz des Buches besser unterstreichen können als McKinsey-Chef Jürgen Kluge selbst. In einem Telefonat versuchte er, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) davon abzuhalten, bei der Präsentation des Buches "Beraten und verkauft" aufzutreten.
]
...
[Zitat/Fazit: ... Dass für Lösungen, die im Unternehmen selbst konzipiert worden sind, trotzdem oft ein teures Beratungshonorar bezahlt wird, hat nach Leifs Recherchen aber noch einen ganz anderen Grund. "Ein Beratungsauftrag ist in der Regel mit der Erwartung verbunden, dass die Berater ihre Erfahrungen aus den Konkurrenzbetrieben einfließen lassen", erklärt der Autor unter Verweis auf verschiedene Gespräche mit Insidern.
Im Grunde sei das nichts anderes als Spionage.
....]
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