Arbeitsmarkt Lohnt sich das?

Drei Millionen Menschen in Deutschland haben eine Arbeit - und sind trotzdem arm. Unter ihnen sind Küchenhilfen genauso wie Lehrer und Handwerker

Der Tod ist gut fürs Geschäft. Der Wirt hat die Tische zusammengeschoben, die Trauernden haben Hunger. Ganz in Schwarz sitzen sie vor dampfenden Tellern, Rauch hängt in der Luft, Biergläser klingen, ein dicker Mann ruft: »Wo bleibt mein Kalbskopf?« Die Tür zur Küche schwingt auf, die Kellnerin bringt Braten und Kraut. Bevor die Tür wieder zufällt, wird für einen Moment ein kleine, rundliche Frau mit weißer Schürze sichtbar. Das ist Maria Leitmayr.

Sie sagt, manchmal träume sie von ihrer Arbeit. Vor allem von Kartoffeln. Ein, zwei Säcke schält sie am Tag. Sie putzt Gemüse. Sie kratzt altes Fett aus schweren Pfannen. Sie bereitet Salate vor. Nachher, wenn die Trauergemeinde gegangen ist, wird sie die Toiletten schrubben.

Maria Leitmayr ist jetzt Mitte 40. In Landshut, in Niederbayern, ist sie zur Welt gekommen und zur Schule gegangen. Zwei-, dreimal war sie zum Urlaub in Österreich bei ihrer Schwester, ein paar Mal in München. Das ist alles. »Ich bin eigentlich immer in Landshut gewesen«, sagt Maria Leitmayr. Immer hat sie in irgendwelchen Küchen gearbeitet, immer als Hilfskraft.

Nur, so wenig wie jetzt hat sie noch nie verdient.

Maria Leitmayr arbeitet 42 Stunden in der Woche. An sechs von sieben Tagen steht sie in der Küche, von morgens um elf bis nachmittags um drei und abends noch einmal, von sechs bis neun. Manchmal, wenn viel los ist im Wirtshaus, muss sie Überstunden machen, aber die tauchen auf ihrem Lohnzettel nicht auf. Dort steht nur eine Zahl. 891,90 Euro. Das ist der Bruttomonatslohn von Maria Leitmayr. Macht nicht einmal 5 Euro pro Stunde. Steuern muss sie bei diesem niedrigen Einkommen nicht bezahlen, aber Sozialversicherungsbeiträge. Es bleiben ihr 697,02 Euro.

Maria Leitmayr lebt allein. Sie hat ein kleines Appartement im achten Stock eines Wohnblocks mit 81 Parteien, eines der wenigen Hochhäuser im 800 Jahre alten Landshut mit seinen Türmchen und Zinnchen. 285 Euro Warmmiete zahlt sie im Monat. Bleiben 412 Euro zum Leben. Knapp 14 Euro am Tag. »Da muss ich schon knapsen«, sagt sie.

Eigentlich dürfte es jemanden wie Maria Leitmayr in der Bundesrepublik gar nicht geben. Jahrzehntelang verlief im Hochlohnland Deutschland die Wohlstandsgrenze zwischen denen, die einen Job hatten, und jenen, die keinen hatten. Die einen bezogen ein gutes Einkommen, die anderen schlugen sich mit Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe durch.

Doch jetzt ist da plötzlich eine wachsende Zahl von Menschen, die Arbeit haben, die etwas leisten – und sich trotzdem nichts leisten können. Nach Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin leben in der Bundesrepublik inzwischen drei Millionen Menschen unterhalb der Armutsschwelle, obwohl sie erwerbstätig sind, als Angestellte oder als Selbstständige. Sie müssen mit einem Nettoeinkommen von weniger als 940 Euro im Monat auskommen. »In Deutschland ist ein soziales Niemandsland entstanden«, sagt der Göttinger Soziologe Berthold Vogel. Das Niemandsland der Niedriglöhner.

Die Menschen, die dort leben, sind fast so unterschiedlich wie der Rest der Gesellschaft. Manche haben studiert. Manche arbeiten bei traditionsreichen Konzernen, andere bei jungen Wachstumsunternehmen und wieder andere in unbekannten Kleinbetrieben, irgendwo in der Provinz. So wie Maria Leitmayr.

Sie ist ja nicht besonders anspruchsvoll. Kleider kauft sie beim Discounter, wo es keine Umkleidekabinen gibt und die T-Shirts drei Euro kosten. Die Möbel hat sie gebraucht bekommen. Der Kleiderschrank ist vom Sozialamt. Zum Friseur geht sie selten. »Nur, wenn es einen Anlass gibt.« Vor dem Gespräch mit der ZEIT hat sie sich ein paar blonde Strähnchen machen lassen. Für 24 Euro. »Das muss ich jetzt woanders wieder reinholen.«

Maria Leitmayr ist nicht besonders gut darin, über sich selbst zu reden. Nur wenn sie auf ihren Chef, den Wirt, zu sprechen kommt, braust sie auf. Drei Autos habe er und bestimmt ein Heidengeld. »Da kommen oft ganze Busse mit Gästen, bis aus Stuttgart.« Doch dann wird sie gleich wieder stiller und sagt, dass ihr Name keinesfalls in der Zeitung stehen dürfe. »Sonst bin ich weg.«

So geht es den meisten. Niedriglöhner sind Menschen, die von zwei Gefühlen beherrscht sind: von der Wut auf diesen schlecht bezahlten Job. Und von der Angst davor, ihn zu verlieren und dann gar nichts mehr zu haben. Die Angst ist meist stärker als die Wut. Deshalb sind die Namen aller Betroffenen geändert.

Wenn Maik Hoppe morgens aufsteht, hat er manchmal das Gefühl, er sei allein auf der Welt. So still, so dunkel ist es in der Früh um halb vier in Naumburg an der Saale. Hoppe wäscht sich, frühstückt hastig, dann geht er zu seinem alten Opel.

Ein paar Straßen weiter stehen drei Männer an der Ecke. Hoppe hält, die Männer steigen ein, er fährt auf die Autobahn. Sie reden nicht viel, Hoppe lenkt, die anderen dösen. Um viertel vor sechs rollt der Opel auf einen riesigen Parkplatz, auf dem schon ein paar hundert andere Autos stehen. Die Männer steigen aus und gehen auf ein metallenes Tor zu und auf ein paar große weiße Buchstaben: BMW-Werk 07.10.

Es klang wie eine Sensation damals, vor ziemlich genau einem Jahr, als das Werk eröffnet wurde: BMW produziert jetzt im Osten! Aber nicht in Polen, nicht in Tschechien, nicht in Ungarn. Sondern im Osten Deutschlands, in Leipzig, in einer Region, in der in manchen Dörfern, in manchen Stadtteilen jeder Zweite nach Arbeit sucht. Auf einmal entstanden dort 5000 neue Jobs.

Auch Maik Hoppe, 29, gelernter Kfz-Mechaniker, war arbeitslos, als er in der Zeitung von den neuen Stellen las. Er dachte: »Das ist meine Chance.« Aber das dachten viele. Und alle wollten sie nur eines: hineinkommen ins BMW-Werk.

Bis heute gingen bei BMW rund 150.000 Bewerbungen ein.

Maik Hoppe hatte Glück, jedenfalls sah es zunächst so aus. Zwar bekam er von BMW eine Absage. Aber ein Zulieferunternehmen, das ebenfalls auf dem Werksgelände produziert, konnte ihn brauchen. Dort baut Hoppe jetzt die Sitze für den Dreier-BMW zusammen. Er montiert Kopfstützen und Lederpolster, installiert Elektroleitungen und Sitzheizungen. Er trägt eine weiße Arbeitshose und ein weißes Sweatshirt. Auf seinem Rücken steht, in blau unterlegter Schrift, der Name: Faurecia. So heißt die französische Zulieferfirma.

Maik Hoppe hat es geschafft. Er arbeitet im BMW-Werk. Trotzdem gehört er nicht dazu.

Hoppe ist Leiharbeiter. Das ist an sich nicht weiter überraschend. In fast jeder größeren Fabrik in Deutschland arbeitet heute ein kleiner Anteil von Leih- und Zeitarbeitern. Damit können die Betriebe schnell auf kurzfristige Auftragsschwankungen reagieren. Inzwischen aber beschäftigen immer mehr Unternehmen auch langfristig Leiharbeiter. Nicht nur, weil sie dadurch Konjunkturschwankungen ausgleichen können, sondern vor allem, weil Leiharbeiter noch einen anderen Vorteil haben. Sie kosten nicht so viel.

Am Fließband der Faurecia in Leipzig kommt inzwischen auf jeden Festangestellten ein Leiharbeiter. Maik Hoppe verdient brutto 924 Euro im Monat, 600 Euro weniger als die Stammarbeiter. Netto bleiben ihm 720 Euro.

Um 15.45 Uhr ist Feierabend. Hoppe und seine drei Kollegen steigen wieder ins Auto und fahren zurück, von Leipzig nach Naumburg, von Sachsen nach Sachsen-Anhalt. Um kurz nach fünf kommt Maik Hoppe nach Hause.

70 Kilometer hin und 70 zurück. Jeden Tag. Das Problem, sagt Hoppe, seien nicht die vielen Stunden, die er im Auto sitzt. Die würde er in Kauf nehmen. Das Problem ist das Benzin. Sie haben schon eine Fahrgemeinschaft gebildet, Hoppe ist mit seinem alten Opel nur jeden vierten Tag dran, aber trotzdem: Eine Tankfüllung im Monat braucht er allein für den Weg zur Arbeit.

Jeden Tag schaut er in die Zeitung. Wie ein Börsenmakler sucht er nach Nachrichten vom Ölpreis. »Im Moment ist es eine Katastrophe«, sagt Hoppe. Jeden Monat zahlt er 65 Euro, um arbeiten zu können. Bleiben 655 Euro zum Leben.

Wenn er mehr verdiente, würde er nach Leipzig ziehen. Sich dort eine Wohnung mieten. Stattdessen bleibt er in Naumburg und wohnt weiter in seinem Zimmer, bei seiner Mutter. So kommt er einigermaßen hin mit dem Geld. »Natürlich möchte ich endlich etwas Eigenes haben, aber was soll ich machen?«

In ein paar Monaten wird er 30 Jahre alt.

In Deutschland gibt es Preise für Schauspieler, für Schriftsteller, für Journalisten. Vor einigen Jahren kam die Unternehmensberatung Ernst & Young auf die Idee, einen Preis für Unternehmer auszuschreiben. Sie wolle Mittelständler ehren, die »einen entscheidenden Beitrag zur Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands« leisten, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Gewinner dürfen sich »Entrepreneure des Jahres« nennen. Im vergangenen Jahr schaffte es Norbert Lüer in die engere Auswahl.

Lüer greift die Deutsche Post an. Einst war sie das einzige Unternehmen, das in Deutschland Briefe zustellen durfte. Dann begann die Bundesregierung auf Anordnung der Europäischen Union, die Postdienste zu liberalisieren. Bei Amts- und Gerichtsbriefen gilt inzwischen freier Wettbewerb. Lüer erkannte den neuen Markt. Vor drei Jahren gründete der ehemalige Stahlmanager die Jurex GmbH, seitdem wirbt er bei Ämtern und Behörden darum, dass diese ihre Briefe von ihm zustellen lassen statt von der Deutschen Post. Lüer hat ein gutes Argument: Er macht es billiger. Das zieht. Heute hat Jurex bundesweit 560 Mitarbeiter. Jens Gerber ist einer von ihnen.

Jeden Morgen fährt er in die Berliner Firmenzentrale und nimmt 80, 90, manchmal weit über 100 Briefe entgegen. Er ordnet sie nach Straßen und Hausnummern, dann steigt er in einen schwarzen Smart mit der Aufschrift »Jurex« und fährt nach Berlin-Kreuzberg, dort ist sein Bereich.

Gerber darf die Briefe nicht einfach in die Kästen werfen. Gerichtspost muss persönlich übergeben werden. Das macht die Arbeit unangenehm. Gerber ist der Unglücksbote. Wenn er an der Tür klingelt, sagt er nur: »Post für Sie!« Die Leute denken dann, sie bekämen etwas Schönes, ein Paket vielleicht, und öffnen die Tür. Stattdessen steht dort Gerber und drückt ihnen einen Bußgeldbescheid in die Hand. Oder eine Vorladung vor Gericht. Oder einen Räumungsbefehl. Oft wird er dafür beschimpft. Manchmal drohen sie ihm Prügel an. Aber das kann er wegstecken. Jens Gerber ist kein Sensibelchen. Er ist 40 Jahre alt und so groß und breit, dass er kaum in den Smart passt. Er sagt, der Job sei schon in Ordnung. »Wenn nur das Gehalt besser wäre.«

Jens Gerber arbeitet acht Stunden am Tag. Dafür bezahlt ihm Jurex 1250 Euro brutto im Monat, kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld. Macht netto 820 Euro.

In Deutschland gibt es seit einigen Wochen eine neue alte Diskussion über die Rolle der Frau. Es geht um die Frage, ob Frauen lieber arbeiten oder zu Hause bei den Kindern bleiben sollen. Es ist eine Frage für Gutverdiener. Im Niemandsland der Niedriglöhner stellt sie niemand. Jens und Gudrun Gerber haben einen 13-jährigen Sohn. Angenommen, Gudrun Gerber hätte sich keinen Job gesucht: Wovon hätte die Familie dann leben sollen?

Gudrun Gerber ist Köchin in einer Großkantine, sie verdient netto 1000 Euro im Monat. »Mit beiden Gehältern zusammen kamen wir einigermaßen aus«, sagt Jens Gerber. Nur miteinander kamen sie irgendwann nicht mehr klar. Vor einem Jahr, kurz nachdem Gerber bei Jurex angefangen hatte, zog seine Frau aus. Jetzt ist er alleinerziehender Vater. 120 Euro bezieht er an Unterhalt von seiner Frau, 154 Euro an Kindergeld vom Staat. Mit dem Jurex-Gehalt kommt er auf 1100 Euro. 440 Euro zahlt er für die Miete in sanierter Platte in Berlin-Hellersdorf. Bleiben 660 Euro zum Leben, für ihn und seinen Sohn.

Gerbers Einkommen ist niedriger als das eines alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängers, der sich mit einem 1-Euro-Job ein bisschen was dazuverdient. Laut Gesetz hat er deshalb Anspruch auf 120 Euro Arbeitslosengeld, obwohl er nicht arbeitslos ist. Vor kurzem hat er einen Antrag auf Unterstützung gestellt. Auf die Antwort wartet er noch.

Gerber ist gelernter Maurer, er hat jahrelang auf dem Bau gearbeitet, er hat nicht schlecht verdient am Anfang. »Der Bau ist tot in Deutschland«, sagt er. Seit der Wende war er bei einem halben Dutzend Firmen, nicht nur als Maurer, auch als Gabelstaplerfahrer und als Montagearbeiter. Ein Unternehmen nach dem anderen musste Stellen abbauen oder ging Pleite. Gerber verdiente immer weniger, war immer wieder arbeitslos, am Schluss immer länger.

Als er hörte, Jurex suche Postzusteller, dachte er, endlich schafft mal einer Arbeitsplätze. Er bewarb sich, wurde zum Vorstellungsgespräch geladen, man sagte ihm, wie viel er verdienen würde, da musste er schlucken. Aber was blieb ihm übrig? Sonst hätte die Stelle ein anderer bekommen.

Am Wochenende und nach Feierabend sucht Gerber nach anderen Jobs, er bewirbt sich, wo er kann. Er hofft, wieder hinüberzukommen in den Sektor der Normalverdiener. Nie war das so schwer wie heute. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg haben sich die Aufstiegschancen für Geringverdiener massiv verschlechtert. Nur noch jeder Dritte schaffe es, sich innerhalb von fünf Jahren aus dem Niedriglohnbereich zu befreien. Für viele Arbeitnehmer werde der Niedriglohnsektor zur Niedriglohnfalle, heißt es in der Studie.

Jens Gerber sagt: »Verdammt noch mal, ich arbeite von früh bis spät, aber ich kann mit meinem Sohn nicht einmal in Urlaub fahren.«

Herr Andresen steht hinter Herrn Mehdin . Er malt ihm mit dem Zeigefinger ein großes B auf den Rücken. Herr Mehdin hält die Augen geschlossen, er konzentriert sich, er überlegt, dann sagt er entschlossen: »B!« – »Sehr gut«, sagt Peter Hardenberg.

Herr Mehdin ist fast 60 Jahre alt. Jahrzehntelang hat er in einer deutschen Wurstfabrik gearbeitet, dann wurde die Fabrik geschlossen, und Ali Mehdin musste aufs Arbeitsamt. Dort stellten sie fest: Mehdin ist Analphabet. In der Türkei ist er nie zur Schule gegangen, in Deutschland hat er nur gearbeitet. So kam er in Hardenbergs Klasse.

Es ist eine ungewöhnliche Klasse. 13 erwachsene Menschen zwischen 25 und 58, die eines gemeinsam haben: Sie können kaum lesen und schreiben.

Und es ist ein ungewöhnlicher Lehrer: Peter Hardenberg. Ein schmaler Mann von Mitte 50, der vor mehr als 25 Jahren in Baden-Württemberg Lehramt studierte, der seitdem immer als Lehrer gearbeitet hat und dem dennoch alle typischen Insignien eines deutschen Lehrerlebens fehlen. Er hat kein Haus, er hat kein Auto. Vor allem hat er kein sicheres Einkommen.

Hardenberg ist kein Beamter. Als er Anfang der achtziger Jahre sein Staatsexamen ablegte, stellte das Land Baden-Württemberg kaum noch Lehrer ein. Schon damals ging es dem Staat darum, Geld zu sparen. Hardenberg fing zunächst an, sich mit befristeten Verträgen durchzuschlagen. Hier eine Krankheits-, dort eine Schwangerschaftsvertretung. Bis auch diese Jobs seltener wurden und ihm das Arbeitsamt nahe legte, sich selbstständig zu machen. Als Honorarkraft in der Erwachsenenbildung.

Es ist schon seltsam: In den Staatsdienst hat es Hardenberg nie geschafft, trotzdem ist er vom Staat abhängig. Indirekt. Seit einigen Jahren arbeitet er für private Weiterbildungsinstitute. Meist unterrichtet er Deutsch, seine Schüler stammen aus der Türkei, aus Iran, Ghana, Togo, Kasachstan, Afghanistan. Meist wurden sie von irgendwelchen Ämtern geschickt, und die Ämter sind es, die diese Kurse größtenteils finanzieren.

Früher haben sie auch die Lehrer bezahlt. Die Honorare lagen immerhin bei etwas mehr als 20 Euro pro Stunde. Im Zuge des Zuwanderungsgesetzes hat die Bundesregierung das geändert. Die privaten Träger bekommen jetzt eine kleine Pauschale für jeden Kursteilnehmer, wie viel sie davon an die Dozenten weiterreichen, ist ihre Sache. Seitdem sind die Honorare teils auf 10 Euro pro Stunde gesunken. Pro Unterrichtsstunde. Die Vorbereitung der Kurse, die Korrekturen der Hausarbeiten, all das ist unbezahlt. »Da kommt man am Ende auf 800, 900 Euro im Monat«, sagt Hardenberg.

Hardenberg lebt allein. Er hat eine kleine Wohnung in einem nicht besonders beliebten Viertel von Hannover. Eine Gegend, aus der die meisten Deutschen, die es sich irgendwie leisten konnten, längst weggezogen sind. »Hier in der Straße leben 90 Prozent Ausländer«, sagt Hardenberg. Ihn stört das nicht, und vor allem drückt es die Miete. So kommt er über die Runden.

Wenn in Expertengremien und Podiumsdiskussionen über Niedriglöhner gesprochen wird, entsteht das immer gleiche Bild. Ein Bild, auf dem das schlechte Einkommen als Folge von fehlender Ausbildung erscheint. Es ist ein falsches Bild. Nach Erkenntnis des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben zwei von drei Geringverdienern eine Berufsausbildung oder sogar ein Studium abgeschlossen. Die Unqualifizierten dagegen bekommen oft gar keine Jobs mehr.

Zuletzt hat es Peter Hardenberg noch gut getroffen. Der Veranstalter der Alphabetisierungskurse stellte ihn für zwölf Monate fest ein. Er verdient jetzt 1500 Euro brutto, 1000 Euro netto im Monat, weniger als ein Straßenkehrer im öffentlichen Dienst, aber immerhin: Bis zum Sommer wird Hardenberg ein festes Gehalt beziehen. Was danach kommt, weiß er nicht.

Peter Hardenberg ist ein ruhiger Mensch. Anders als der Postzusteller Jens Gerber fängt er nicht zu fluchen an, wenn er über sein Leben spricht. Hardenberg sagt, er sehe das ganz sachlich: Er sei nicht mehr der Jüngste, er habe kaum Ersparnisse, die Bundesversicherungsanstalt habe ihm mitgeteilt, dass er wegen zu geringer Beiträge keine nennenswerte staatliche Rente zu erwarten habe.

Also bleiben ihm genau zwei Möglichkeiten. Entweder er lebt von Sozialhilfe. Oder: »Ich arbeite bis zum Tod.«

 
Leser-Kommentare
    • Wellm
    • 15.05.2006 um 9:21 Uhr

    Ich finde es etwas skuril, einen Artikel über Menschen zu Schreiben, die sich aufgrund ihres Einkommens schwerlich einen Urlaub leisten können, und diesen mit Tui-Werbeblöcken zu schmücken. Ich hätte von der Zeit etwas mehr Sensibilität erwartet.

  1. ... für Ihre ebenso ausführliche wie im Ton äußerst angenehme Antwort. "Was sonst soll man tun?" ist der Tenor Ihrer Rückfrage. Beim Lesen ihres Beitrages gingen mir so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich sie unmöglich alle aufschreiben kann - das würde ein Buch werden, und vieles ist mir selbst sicherlich nicht klar genug, um es wirklich ein Buch werden zu lassen ;-)

    Dennoch möchte ich ein paar Punkte aufskizzieren, die mir wichtig sind. (Disclaimer: Sie sind ja ganz offensichtlich intelligent genug, im Folgenden keine Patentrezepte zu erwarten. Die hat ja leider keiner.)

    Vorab: Ich bin kein pauschaler Ablehner der USA, nicht einmal in ökonomischer Hinsicht. Dafür war ich zu lange dort, um nicht ein differenzierteres Bild zu haben. Jedoch hat dieses Modell Folgen für das Gemeinwesen, die ich persönlich als Preis nicht akzeptieren kann.

    Die Gesellschaft, die ich dort (= Southern California, vielleicht in vielerlei Hinsicht ein Extremfall) vorfand, präsentierte sich mir als sehr zerrissen (langjährige Freundeskreise existieren nur in Email-Adressbüchern, da die hohe persönliche Mobiliät diese nicht wirklich aufrechterhalten lässt). Öffentlicher Raum ist - von einigen, z.T. allerdings bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen - entweder non-existent oder wegen der enormen Anzahl Obdachloser (die freilich dieses Schicksal zum Teil - gerade in L.A. mit seinem milde Klima - auch selbst wählen) nicht unbedingt Orte, an denen man sich gerne aufhält. Man trifft sich stattdessen in Einkaufszentren (!). Psychisch Erkrankte werden weitgehend ihrem Schicksal überlassen, man trifft sie überall, und Krankenversicherung ist ein Luxusgut. Alles bekannte Punkte natürlich, die Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

    Bei aller Sympathie, die ich für individuelle Amerikaner habe, schält sich hier das Bild einer Gesellschaft heraus, die ich für Europa, also das politische Gebilde, in dem ich lebe, ablehne. Dass diese Ablehnung ihren Preis hat, ist mir klar. Ich bin bereit, ihn zu zahlen. Aber ich bin auch überzeugt, dass es bessere Lösungen als die bestehenden gibt.

    Schimpfmodus an: Wenn ich noch einmal das Wort "Jahrhundertreform" höre, werde ich anfangen, aus den Ohren zu bluten. Das Wort sollte jährlich zum Unwort des Jahres gekürt werden, solange, bis endlich niemand mehr den haarsträubenden Etikettenschindel hinzunehmen bereit ist. ("Ich habe eine Jahrhundertreform im System der Stoffwechsel-relevanten Infrastruktur durchgeführt", mit anderen Worten:" Ich habe Geschirr gespült"...)

    Es macht mich krank, dass es offensichtlich nicht mal mit einer großen Koalition möglich ist, Systemprobleme auch nur zu verstehen, geschweige denn, sie anzufassen. Offensichtlich verhindern dies zwei Gründe: Klientelpolitik und Ideologie. Man muss zumindest der SPD zugestehen, dass sie eine Bereitschaft entwickelt hat, an letzterer zu arbeiten, wenn auch mit bislang zweifelhaftem Ergebnis.

    Was ich vermisse, ist dieselbe Bereitschaft im sog. konservativen Lager. Letztlich spielgelte sich dieses von mir ausgemachte Defizit ja auch in meinem vorherigen Beitrag an Sie (da ich Sie als Stellvertreter dieser Denkrichtung ausgewählt hatte) wieder. Denn so, wie die Traditionslinken lernen mussten, dass Staat/Abgabenerhöhungen/das Modell "Industriearbeiter" allein gegenwärtig nicht mehr funktioniert, so müssen nun die mehr-oder-weniger-Traditionsrechten lernen, das dasselbe erst recht für den Markt gilt. Diese Einsicht sehe ich noch nirgendwo am Horizont.

    Denn in diesem Punkt weiche ich von Ihnen ab: der Zusammenhang zwischen der Anwendung neoliberaler Wirtschaftsvorstellungen mit der Wohlfahrt einiger Staaten ist für mich alles andere als abgesichert. Um diese Bedenken mittragen zu könnne, muss man sowohl über den deutschen, als auch den amerikanischen Tellerrand hinausblicken. Dann sieht man, dass neoliberale "Kuren" in den meisten Ländern die Armut verschäft und die Arbeitslosigkeit keineswegs gesenkt haben. Profitieren tut in aller Regel nur eine Minderheit im Land, der Rest des Rahms wird von internationalen Konglomeraten abgeschöpft, die damit noch nicht mal ihre "Heimatländer" über Steuern unterstützen, den sie haben gar keine.

    Jedenfalls: zu sagen, dass neoliberale Rezepte grundsätzlich und überall die Wohlfahrt fördern, halte ich für ebenso gewagt, wie aus der Beobachtung der Storchpopulation in der Uckermark Handlungsanweisung für die Beeinflussung der Geburtenrate am Niederrhein abzuleiten.

    Was also könnte man denn tun? Die Handlungsfelder sind, wenn man meinen Meinungshintergrund voraussetzt, den ich oben wenigstens ansatzweise darzulegen versucht habe, eigentlich offensichtlich. Das Oberthema, dass ich so sehr vermisse, ist NACHHALTIGKEIT (daher meine "Jahrhundertreform"-Allergie):

    - Sozialstaat insgesamt: weg von der Finanzierung über Arbeitsabgaben. Fast jeder weiß es, fast jeder sagt es, keiner ändert mehr als Nachkommastellen für die nächsten 1 1/2 Jahre in den Lohnnebenkosten, also faktisch gar nichts. Stattdessen hin zum Modell skandinavischer Prägung, also Steuerfinanzierung. (Dazu Abschaffung von gewissen, verfassungsrechtlich garantierten "Erhöfen" - zurück zu einem der schönsten und klarsten Sätze unseres Greundgesetzes: "Eigentum verpflichtet.")

    - Familienpolitik: Abschaffung aller Förderinstrumente bis auf ein einheitliches Sockelkindergeld und ein Familiensplitting wie in Frankreich. Dazu ernstzunehmende Betreuungsangebote und flächendeckende Ganztagsschulen (von mir aus übrigens auch gerne mit Schuluniformen).

    - Gesundheitssystem: Abschaffung des irren Dreiklassen-Systems (Beamte, Reiche, "Normale") zugunsten eines Einheitlichen Systems, in dem Anbieter zu gleichen Voraussetzungen auf Augenhöhe konkurrieren können.

    - Rentenpolitik: Abschaffung des Beamtenpensionen (ein zu wenig beachteter Posten in den Staatsfinanzen, der unsere Handlungsspielräume in Zukunft noch enorm weiter einengen wird), am besten gleich des ganzen Beamtentums außer in Kernbereichen. Die notwendigen Verfassungsänderungen könnte nur eine große Koalition stemmen. (Stattdessen werden z.T. sogar immer noch MEHR Beamte eingestellt, weil so kurzfristig - zu einem schrecklich hohen Preis in der Zukunft - Sozialkassen entlastet werde.)
    Einführung einer weitgehend steuerfinanzierten, staatlich garantierten Grundrente für alle, dazu ernsthafte (!) Förderung der privaten Altersvorsorge, und zwar für alle, nicht nur für die 39% Angestellten innerhalb der Bevölkerung. Dazu ernstgemeinte (!) Freibeträge für klar definierte Produkte der Altersvorsorge bei ALG II - die bisherige Lösung ist ein schlechter Witz, die Freibeträge sollten ugf. verzehnfacht werden. Das entlastet schließlich auch irgendwann die Rentenkassen.

    - Steuersystem: irgendwie muss das ja auch alles finanziert werden. Was spricht gegen höhere Steuersätze für Spitzenverdiener und Inhaber? Die gerade beschlossene Reichensteuer ist natürlich reine Symbolpolitik. Als Gipfel des Hohns, damit auch wirklich überhaupt niemand mehr betroffen ist, verdoopelt sich der Freibetrag für Verheiratete noch auf astronomische 500.000 p.a. - da kann man die Betroffenen eigentlich uch gleich namentlich im Gesetz erwähnen. Aber ernsthaft: ich glaube, wenn wirklich ohne Rücksicht auf Verluste ALLE sog. "Gestaltungsmöglichkeiten" abgeschafft würden, dazu eine sanft weiter steigende Progression auf - sagen wir mal - 60% für Bezieher von Einkommen im Bereich der Reichensteuer, dazu die 19% Mehrwertsteuer, die ich leider auch für unumgänglich halte, zumal wir dringend eine europäische Harmonisierung benötigen. Das Steuerecht muss zudem letztlich auch der Tatsache Rechnung tragen, dass die Trennung zwischen Angestelltem und Unternhemer immer mehr verschwindet, anstatt immer mehr künstliche Barrikaden zwischen beiden Bereichen zu errichten, so dass man sich (ich weiß als Selbstständiger, wovon ich rede) manchmal wie der Tennisball in Woody Allans "Match Point" fühlt: reiner Zufall, auf welcher Seite des Netzes man landet und wie man fortan vom FInanzamt behandelt wird. (Die Trennunslinien für Freiberufler in diesen Bereichen verlaufen derzeit z.T, völlig absurd und sind ein Spiegelbild der Unfähigkeit der Politik, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Ära des Industriearbeiters zu Ende geht.)
    Wer in die unbedingt auf die Cayman Islands ziehen möchte, soll das tun. Dann muss aber dafür Sorge getragen werden, dass er auch wirklich dort bleibt oder er, wen er sich in Deutschland aufhält, mit hohen Abgaben belegt wird (eine Art Verallgemeinerung des damaligen Falls Boris Becker). Ich bin sicher, da lässt sich was machen. (Im übrigen steigt ja die Quellensteuer für ausländisches Geld z.B. in der Schweiz 2011 auf 35%, das geht schon mal in die richtige Richtung. Die bereits erfolgte De-facto-Abschaffung des deutschen Bankgeheimnisses ebenfalls.)

    - Einwanderungspolitik: Oh, Gott, og, Gott... wann wird die CDu endlich ihre absurde (und destruktiv-populistische) Realitätsverleugnung aufgeben und den Weg frei machen für QUALIFIZIERTE Einwanderung? Gebildete Einwanderer integrieren sich übrigens auch viel leichter, weil sie in keiner so großen Not leben und sich daher auch nicht so sehr an Religion und traditionelle Lebensweisen klammern müssen. (Ja, ich weiß, ich befinde mich hier im Widerspruch zu gewissen Positionen der Linken, aber ich halte Integration - die sich viel besser am Bildungshintergrund als an lächerlichen Fargebögen ermessen lässt - für die Voraussetzung nachhaltiger Immigrationspolitik.)

    Yadda, yadda, yadda... mir fiele noch mehr ein. Aber ich will nicht all zu sehr langweilen.

    FAZIT: Ich weiß, dass man gegen all diese Gedanken Bedenken anmelden kann. Ich wäre schon froh, wenn ÜBERHAUPT mal in der Draufsicht über die anstehenden Richtungsentscheidungen diskutiert würde, ohne Scheuklappen und vor allem ohne den unerträglichen rhetorischen Kleister, der dem Bild-Leser die Gehirnwindungen verschleimen soll.

    Daher: Politiker, packt es an. Die Richtung lautet meiner Meinung nach Skandinavien (so sehe ich es jedenfalls, und wenn man die Wahlergebniss der letzten Jahre überhaupt interpretieren kann, dann denke ich, dass die Mehrheit der Staatsbürger das ebenso sieht.) Es wird es wird am Anfang viel Geld kosten (aber das wäre wenigstens mal gut angelegt, und wenn man ebenso ernsthaft auch schmerzlich kürzt, z.B. Ost-Transferzahlungen oder Steinkohlesubvention, wird es gar nicht so teuer). Es wird Bedenkenträger ohne Zahl (meist seltsam deckungsgleich mit Lobbyvertretern) geben. Es wird Verlierer geben (aber endlich werden die Gewinner mal wieder eine deutliche Mehrheit darstellen). Es wird Aufschreie geben, evtl. sogar Massenproteste, und ihr werdet eventuell nicht wiedergewählt werden. Aber das wäre es wenigstens mal wert. Hartz IV war es nicht.

  2. Zu wohlfeilen Vorwuerfen neige ich zumindest nicht alleine. Wie in meinem Kommentar angedeutet war ich selber in Deutschland arbeitslos und habe die beruehmten Luecken im Lebenslauf. Dass diese Luecken in Deutschland so stark zaehlen halte ich aber eher fuer eine Konsequenz der deutschen Neigung Leute zu diskriminieren. Diese glaube ich fuehrt bei Arbeitslosen und Geringverdienern zu mehr Leid als deren materielle Situation. Die Schuld an meiner damaligen Arbeitslosigkeit gebe ich allerdings eben jenem Kuendigugsschutz und anderen "sozialen" Gesetzen die Sie offensichtlich verteidigen. Glauben Sie mir bitte dass ich meinen Anteil an Depressionen und Selbstvorwuerfen hatte. Deswegen sich aber in sozialtraeumerische Rhetorik zu fluechten halte ich trotzdem fuer keine Loesung des Problems.

    Dass der Kapitalismus 2006 so boese ist kann ich nicht nachvollziehen. Fuer mich ist es die schrittweise Abschaffung der Marktwirtschaft, also das Gegenteil des Kapitalismus das zu den negativen Auswirkungen fuert. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass jede sinnvolle Massnahme kurzfristig schmerzen wird. Aber was schlagen Sie vor wie mit der jetztigen Situation umzugehen waere? Sozialismus funktioniert offensichtlich nicht, denn in Deutschland werden die sozialen Unterschiede groesser je mehr soziale Gesetze geschrieben werden. Da sei ein grosses Dank der Pisa-Studie, die gezeigt hat wie unsozial Sozialgesetzgebung wirken kann.

    Genau wie sie ist die Debatte um diese Themen auch fuer mich emotional. Deswegen habe ich nicht immer Erfolg darin drastische Formulierungen zu vermeiden. Allerdings halte ich auch Polemik und Uebertreibung fuer wichtig, da diese Alternativen klarer voneinander abgrenzen koennen. Der Weg zu einer Loesung fuer die deutsche Krankheit ist fuer mich trotzdem eindeutig. Um politische Worthuelsen zu benutzen: mehr Chancengerechtigkeit, weniger "Verteilungsgerechtigkeit".

    Zu den working poor in den USA: Ich habe einige Zeit in Bolivien gelebt, dem aermsten Land Suedamerikas. Den Hinweis, dass ich deswegen - im Gegensatz zu den meisten meiner Landsleute - Armut wenigstens vom Sehen her kenne kann ich mir jetzt nicht verkneifen. Freunde von damals sind illegal in die USA eingewandert und arbeiten in der Gegend in der ich jetzt wohne. Ihre Situation ist ueberhaupt nicht mit der im Zeit-Bericht erwahnten zu vergleichen. Hier an der Ostkueste gibt es mehr als genug Arbeit und die Stundenloehne die ein engagierter Einwanderer hier bekommt liegen meist zwischen 15 und 30 USD. Als ein Arbeitgeber einen illegalen Freund nicht rechtzeitig bezahlt hat, hat der einfach gekuendigt und sich innerhalb von 2 Wochen einen neuen Job gesucht. Diskussionen ueber Armut und Arbeit in den USA sind immer schwierig, da die statistische Erfassung sehr problematisch ist. Generell habe ich aber den Eindruck, dass die Ausgrenzung der schwarzen Bevoelkerung und die extrem niedrig qualifizierte Einwanderer (unter den Arbeitskollegen meiner Freunde sich durchaus Analphabeten) betreubliche, ja sogar schockierende Sonderfaelle sind, die allerdings das generelle Argument nicht wiederlegen.

    Das es fuer die Debatte viel bringen koennte den Betroffenen zuzuhoeren kann ich allerdings in der Tat nicht nachvollziehen, ich wuerde heucheln wenn ich etwas anderes sagen wuerde. Was soll das bringen? Klar waere es nett fuer die Betroffenen wenn das mal jemand tun wuerde aber das subjektive Leid des Gefuehls nicht gebraucht zu werden kenne ich aus eigener Erfahrung. Ausserdem traue ich jedem zu die Abstraktionsleistung Arbeitslosigkeit = Leiden von selbst zu erbringen. Die Frage die fuer mich einzig und alleine entscheidend ist ist: Was tun wir dagegen? Die wichtigen Rezepte sind keine wirtschaftswissenschaftlichen Moden sondern vollkommen offensichtlich. Es wundert mich ehrlich gesagt wenn irgendjemand der eine nennenswerte Zeit ausserhalb Deutschlands verbracht hat das nicht sieht. Die Deutschen muessten dazu bereit sein zuzugeben, dass Marktwirtschaft aus den im vorherigen Kommentar genannten Gruenden wichtig, moralisch gut und richtig ist. Diejenigen die das nicht tun nenne ich zynisch, da ihnen ihre Sozialrhetorik wichtiger zu sein scheint als das Wohl der betroffenen.

    Wenn Sie also einen Vorschlag haben wie man in Deutschland wieder zu einer sozialen Gerechtigkeit zurueckfinden kann in der jedes Kind die Chance hat das beste aus sich zu machen und jeder wirklich Beduerftige die bestmoegliche Hilfe bekommt und Deutschland gleichzeitig weiter waechst und gedeiht bitte ich sehr darum mich einzuweihen. Ich habe die oben beschriebene Meinung nicht weil ich sie fuer besonders schoen halte sonder weil sie meiner Erfahrung entspricht.

    Herzliche Gruesse ueber'n Teich.

  3. Auch viele Unternehmer sind die Opfer ... der Unternehmensberater (z.B.).

    Dazu war gestern ein Artikel auf der Hauptseite im Spiegel-Online über die Zunft der Unternehmensberater (McKinsey, Roland Berger u.a.).

    Heute ist der Artikel kaum noch auffindbar (zu brisant?), aber im Moment noch zu finden unter:

    [Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion]

    Auszüge:

    [ANTI-UNTERNEHMENSBERATER-BUCH (von 11.5.2006)

    "Eine Zunft wie Opus Dei"

    Von Michael Kröger

    In seinem Buch "Beraten und verkauft" rechnet der SWR-Chefreporter Thomas Leif mit den Unternehmensberatern ab. Er stützt sich dabei auf eine Fülle von Zeugenaussagen und bisher unveröffentlichte Berichte von Ministerien und Landesrechnungshöfen.

    Berlin - Keiner hätte die Brisanz des Buches besser unterstreichen können als McKinsey-Chef Jürgen Kluge selbst. In einem Telefonat versuchte er, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) davon abzuhalten, bei der Präsentation des Buches "Beraten und verkauft" aufzutreten.

    ]

    ...

    [Zitat/Fazit: ... Dass für Lösungen, die im Unternehmen selbst konzipiert worden sind, trotzdem oft ein teures Beratungshonorar bezahlt wird, hat nach Leifs Recherchen aber noch einen ganz anderen Grund. "Ein Beratungsauftrag ist in der Regel mit der Erwartung verbunden, dass die Berater ihre Erfahrungen aus den Konkurrenzbetrieben einfließen lassen", erklärt der Autor unter Verweis auf verschiedene Gespräche mit Insidern.

    Im Grunde sei das nichts anderes als Spionage.

    ....]

    .

  4. Zunächst zu den Fakten:

    Die Existenz von "working poor" in den USA zu leugnen (und ja, ich habe selbst dort gelebt, ich weiß wovon ich rede), halte ich für einigermaßen amüsant, da man sie - zumindest in L.A., wo ich war - nun wirklich auf Schritt und Tritt sieht. Natürlich ist es eine Frage der Definition. Hält man es mit der (links-umstürzlerischer Umtriebe sicherlich unverdächtigen) Business Week ([ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]), dann sind immerhin 28 Millionen US-Amerikaner betroffen, die trotz Arbeit unter der Armutsgrenze leben. Das sind ugf. ein Viertel der Beschäftigten zwischen 18 und 64 - sicher keine Kleinigkeit. Natürlich geht es nicht allen gleich schlecht, aber sie können getrost davon ausgehen, dass es der Mehrheit dieser Menschen ökonomisch jedenfalls nicht besonders gut geht (zumal ein niedriger Stundenlohn, auf dem die Betrachtung basiert, sich gerade in diesen Sektoren auch gerne mit Teilzeitarbeit paart, was das Brutto natürlich weiter absenkt).

    Man sollte zudem nicht vergessen, dass in den USA Schwarzarbeit gerade im Niedriglohnsektor des Dienstleistungsbereiches ziemlich verbreitet ist (Gärtner, Kindermädchen etc.). Das sind eben die klassischen working poor. Dabei handelt es sich außerdem oft um illegale Immigranten, die in der Statistik häufig gar nicht erst auftauchen.

    Ich muss Ihnen eines gestehen: Ich reagiere allergisch auf Leute, die anderen Zynismus unterstellen. In den allermeisten Fällen - so möglicherweise auch in Ihrem - handelt es sich dabei entweder um eine grobe Vorwärtsverteigung mangels Fakten und Argumenten, oder um schlichte Unkenntnis der Lage - meist basierend auf fehlender eigener Anschauung.

    Ich kann mich nämlich des Eindrucks nicht erwehren, dass derartige Anwürfe, die die Lebensbedingungen von in (relativer) Armut lebenden Menschen betreffen, immer nur von Leuten kommen, die nicht nur selber noch nie ernsthaft von den hässlichen Auswüchsen des Kapitalismus der Prägung 2006 betroffen waren, sondern noch nicht einmal jemanden persönlich kennen, der diese Schattenseiten des kennengelernt hat. Da theoretisiert (und schimpft) es sich natürlich ebenso komfortabel wie von wenig Kenntnis der realen Verhältnisse getrübt.

    Warum macht es Ihnen z.B. nichts aus, dass mit dem Abbau des Kündigungsschutzes auf einmal Hunderttausende Arbeitsbiographien Makel erhalten werden? Oder dass die Arbeitsämter indirekt angewiesen sind, Karrieren zu unterminieren, indem sie Leute in unqualifizierte Billigjobs drängen, aus denen der Wiederaufstieg nur noch schwer möglich erschient? Hängt es vielleicht damit zusammen, dass Sie gar nicht in Deutschland arbeiten, und ergo nicht betroffen sind?

    (Ja, ich weiß, Sie sind in den USA, da ist alles noch viel härter. Wirklich? Z.B. werden Lebensläufe dort eher mit Schwerpunkt auf die Tätigkeit, für die man sich bewewirbt, geschrieben, Lücken sind deshalb keine Schnade wie in Deutschland. Auch Arbeitszeugnisse sind weitgehend unbekannt, dafür gibt es persönliche Referenzen, die aber insgesamt natürlich viel mehr Spielraum lassen, zumal man sich die Person, die einem die Referenz ausstellt, ja im Prinzip selbst aussuchen kann.)

    Ich spreche Sie daher stellvertretended für alle Bessergestellten der Gesellschaft an, die glauben, sie müssten sich unbedingt zu diesem Thema äußern. Ich möchte Sie bitten, anstatt Modewahrheiten wiederzugeben, die vielleicht in zehn Jahren selbst den Wirtschaftswissenschaften schon wieder als überholt gelten könnten, doch einfach mal stärker auf die Betroffenen selbst zu hören.

    Dass diese Form der diskursiven Demut (verzeihen Sie den Ausdruck, aber ich finde ihn angebracht) auch den allermeisten Politikern guttäte, scheint mir außer Zweifel zu stehen. Etwa wenn permanent auf dem "Missbrauch von Hartz IV" herumgeritten wird, obwohl doch z.B. selbst Herr Clement gar nicht bestreitet, dass der Großteil der "Kostenexplosion" durch echte Armut verursacht ist, die nur - als unbedachte Nebenfolge von Hartz IV - leider nicht mehr so einfach in der Statistik zu verstecken ist.

    In diesem Sinne ein schönes Wochenende!

  5. Ich bin auch durch die Hölle gegangen: Nachdem mein Zeitvertrag im Krisenjahr 2001 nicht verlängert wurde, war ich auf mich selber angewiesen. Auch daß ich im gleichen Jahr meinen Hochschulabschluß in Marketingkommunikation mit 1,5 machte half mir nicht weiter. Ich mußte auf dem Arbeitsmarkt gegen die vielen auf dei Straße geworfenen der Dotcom-Blase antreten. So hielt ich mich als Freiberufler mit einem größeren Auftrag meiner ehemaligen Firma und anderen Aufträgen die nächsten 2-3 Jahre gerade so über Wasser.

    Ich habe mich immer wieder beworben. Bei einigen Firmen bin ich mit der Silbermedaille ausgeschieden. Viele andere sagten, ich sei schlicht überqualifiziert. Auch beste Vorbereitung, Hochglanz-Präsentationsmappen und persönliche Antworten auf jeden Punkt des Anforderungsprofils halfen nicht viel. Bekannte, die mir über Auswahlverfahren in ihren Unternehmen erzählten, teilten mir oft mit, daß der Auserwählte nicht immer mit der besten Qualifikation glänzte, sondern nach Nase oder Bauchgefühl des Teamleiters oder aufgrund einer Bekanntschaft eines Teammitgliedes den Job in der Firma gekriegt hat. Meines Erachtens ist der Neoliberalismus hierzulande nicht mehrheitsfähig, da es eben nicht darauf ankommt, wie leistungsfähig und gut der einzelne ist. Gerade bei Bewerbungsverfahren kommt es eben nicht nur auf einen selbst an!

    Auch privat zollte das prekäre Leben seinen Tribut. Ständige Spannungen mit meiner Frau mußten zusätzlich ausgehalten werden, bis sie eines Tages durchbrannte. Seitdem lebe ich aus guter Entfernung im Ausland und beobachte, wie es in der guten alten Bundesrepublik so zugeht.

    So muß ich ansehen, wie der Staat immer mehr Steuermilliarden durch sinnlose und halbherzige Reformen vergeudet und damit die Abwärtsspirale noch beschleunigt.

    Beispiel 1: Mit der Körperschaftssteuerreform zahlte Rot-Grün jahrelang sogar Steuern an Großunternehmen zurück, welche trotzdem ihre Produktion ins Ausland verlagerten. Mit Milliardensubventionen bauten BMW und VW in Ostdeutschland Werke, die, wie im Bericht werähnt, einen neuen Niedriglohnsektor aufbauen. Daß es auch ohne Subventionen geht, zeigte Wendelin Wedeking, der für Porsche in Ostdeutschland Subventionen ablehnte und dennoch eines der profitabelsten Unternehmen der Republik führt.

    Beispiel 2: Mit Schrecken muß ich in diesem und anderen Berichten erfahren, daß Hartz-4-Mittel zur Aufbesserung von Vollzeitstellen gezahlt werden. So wird die ganze Hartz-Reform zum milliardenschweren Rohrkrepierer. Wenn ich lesen muß, daß eine Friseurin einen halben Tag dafür arbeiten muß, um die Dienstleistung zu bezahlen, die sie selber in einer halben Stunde erbringt, dann läuft etwas aus dem Ruder.

    Stattdessen sollen Einsparungen erbracht werden, indem die Arbeitslosen noch mehr zu Billigjobs geprügelt werden sollen. Ich meine, die Spontis, die in den 80-ern Häuser besetzten und sich jetzt mit ihrer Stütze arrangiert haben oder die "Arschkartenbezieher", die sich in Kohls Zeiten von einer Umschulung zur anderen gemogelt haben, um weiter Stütze zu bekommen, lassen sich nicht mehr umerziehen. Die richten auch beim Spargelstechen mehr Schaden an, als das sie nützen. Und sie mußten ja schließlich als Feindbild für die vielen Sonntagsreden herhalten.

    Die wirklichen Prekären sind grundehrliche Leute, die arbeiten wollen und an der Gesellschaft teilhaben wollen. Und daß diese nun von ihren Vorgesetzten den "tollen Tip" bekommen, doch ihren kargen Lohn beim A-Amt aufzubessern ist schlichtweg entwürdigend. Sogar kommunale Aufträge werden inzwischen so vergeben, daß sie nur noch mit Hartz-Kombilohn zu bewerkstelligen sind. Dieser Tendenz kann man wahrscheinlich wirklich nur noch mit Mindestlöhnen entgegnen, womit wieder alle Branchen gleiche Ausgangsbedingungen haben.

    Beispiel 3: Mit monatlich bis zu 1'800€ will die Regierung die Bevölkerung zum Kinderkriegen anstacheln. Wenn ich mir vorstelle, daß ich für die selben 1'800€ eine Kindergärtnerin in Lohn und Brot stellen könnte, zeigt das mir, wie wenig die Regierung bei der Verteilung der Gelder an Wertschöpfung denkt. Dabei sind, wie Umfragen oder Praxisbeispiele z.B. in Frankreich, Ganztagsbetreuung oder kostenlose Kindergärten für Familien viel förderlicher. So ist Familien- und Karriereplanung kein Widerspruch mehr.

    • iceman
    • 12.05.2006 um 17:23 Uhr

    ... haben die Vorstände der DAX-Unternehmen eine durchschnittliche Gehaltssteigerung von 20% erzielt.

    • tupelo
    • 12.05.2006 um 14:23 Uhr

    Ich finde es bewundernswert, dass diese Menschen immer noch arbeiten. Ohne Perspektive und teils mit so geringem Einkommen, dass andere Arbeitslosengeld II Empfaenger besser dastehen.

    Aber sie arbeiten, und das zaehlt. Sie versuchen ein Auskommen zu machen und kaempfen taeglich um dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen. Ich habe mehr Respekt vor diesen Leuten als vielen Politikern.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service