Es ist, als sei mit einem Mal ein Tor aufgestoßen: Sechs Jahre nach Kolumbus’ erster großer Reise segelt der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama nach Indien. Zwanzig Jahre später umrunden die Schiffe des Spaniers Fernando de Magellan schon den Globus, erobern seine Landsleute Hernán Cortéz und Fernando Pizarro die Reiche der Azteken und Inkas. Plötzlich hat die Welt sich verdoppelt. Sie verliert ihre Grenzen, muss täglich neu beschrieben und vermessen werden. BILD

Gerhard Kremer aus dem Städtchen Rupelmonde bei Antwerpen zählt 18 Jahre, als er sich am 29.August 1530 zum Studium der Philosophie an der Universität Löwen einschreibt. Es scheint ihm der ideale Ort, die neue Sicht auf Erde und Himmel zu studieren. An die berühmte Akademie der reichen flandrischen Tuchhändlerstadt, die in den Augen westeuropäischer Intellektueller nur von der Pariser Sorbonne übertroffen wird, strömen Tausende von Studenten. Neben Deutschen und Niederländern hören Spanier und Portugiesen, Italiener und besonders viele Engländer die Vorlesungen über Astronomie, Theologie oder Mathematik, die in der Wissenschaftssprache Europas gehalten werden, dem Lateinischen.

Der junge Kremer bringt dafür beste Voraussetzungen mit. Dreieinhalb Jahre haben ihn die frommen »Brüder vom gemeinsamen Leben« im weiter nördlich gelegenen ’s-Hertogenbosch mit Latein und Griechisch, Logik, Grammatik und Rhetorik gemästet, sind die Bibel und die Schriften der Kirchenväter, der antiken Philosophen und Dichter seine tägliche Lektüre gewesen. Stolz auf seine Bildung, latinisiert er seinen Namen und nennt sich fortan Gerardus Mercator Rupelmundanus.

Damit macht er, der jüngste Sohn eines Schusters, einen großen Schritt die soziale Stufenleiter hinauf. Zu seinem Talent und Fleiß kommt allerdings noch das Geld eines wohlhabenden Onkels, der erst die Lateinschule und dann das Studium des begabten Neffen bezahlt.

Er baut den größten Globus, den die Welt bis dahin gesehen hat

Zwei Jahre später, 1532, erwirbt Mercator den Grad eines Magisters, wechselt aber in einen anderen Beruf, in eine wahre Boombranche jener Zeit: Er wird Kartograf, Globenbauer und Konstrukteur astronomischer Instrumente. Ein gewiss aussichtsreicheres Unternehmen als die Philosophie.

Jahrhundertelang kam das christliche Europa mit einer simplen Dreiteilung der Welt aus, die sich theologisch wohl begründen ließ und jedermann einleuchtete. Der Heiligen Dreifaltigkeit, Gottvater, Sohn und Heiliger Geist, entsprachen die drei Kontinente Europa, Afrika und Asien, in deren Mitte die Heilige Stadt lag: Jerusalem.