Es recherchiert sich seltsam dieser Tage. "Woher weiß ich denn, dass Sie nicht auch einer von denen sind …", fragt ein Bundestagsabgeordneter am Telefon zurück. "Ah, willst wohl dem BND was über mich berichten?", scherzt ein Kollege von der Konkurrenz. Schöne neue Pressewelt: Bis zu neun Reporter von Zeitungen und Magazinen sollen sich dem Bundes-nachrichtendienst als Zuträger für Informationen über den eigenen Kollegenkreis zur Verfügung gestellt haben.

"Schillernde Persönlichkeiten" aus der Medienbranche hätten sich für "Unrechtsvereinbarungen" mit dem Auslandsgeheimdienst hergegeben, heißt es aus Regierungskreisen über den Bericht des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer an das Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) des Bundestages. Die meisten von ihnen sollen allerdings nicht Redakteure gewesen sein, sondern freie Mitarbeiter, die unter anderem für den stern , den Spiegel und Focus schrieben. Viel mehr waren es, und viel länger trieben sie ihre Geschäfte als bisher vermutet – von 1994 bis November 2005.

Spitzel ist vielleicht nicht der passende Begriff für die betreffenden Journalisten. Denunzianten aus beruflichem Ehrgeiz trifft es vermutlich besser.

Geheimdienstler und Journalisten – zwischen den beiden Berufsgruppen herrscht ein beinahe faustisches Verhältnis. Die Aussicht auf brisante Wissensschätze verführt manchen Redakteur, sich gemein zu machen mit den Geheimen. Denn gegenüber Agenten funktioniert das journalistische Austauschgeschäft Information vs. Publizität nicht; anders als Politiker verspüren Schlapphüte keinen Drang, in der Zeitung zu stehen. Da müssen sich Journalisten schon was anderes ausdenken. Jubelberichterstattung im günstigsten Fall. Doch einige gingen offenbar auch so weit, ihre Seelen zu verkaufen.

"Journalisten waren bereit, operativ für den Geheimdienst tätig zu werden", sagt das PKG-Mitglied Wolfgang Neskovic (PDS) über den Untersuchungsbericht des ehemaligen Bundesrichters Schäfer. Wilhelm Dietl soll einer von ihnen gewesen sein. Er arbeitete jahrelang als BND-U-Boot beim Focus, berichtet dessen Chefredakteur Hellmut Markwort. Hier waren Journalisten Täter. Davon zu unterscheiden sind jene Fälle, in denen Journalisten Opfer wurden. BND-Mitarbeiter sollen Redakteure der Süddeutschen Zeitung, des sterns, des Spiegels und der Berliner Zeitung zum Teil bis ins Privatleben hinein nachgestellt haben – wohl aus Sorge, die Reporter könnten "unkontrollierte Abflüsse" orten, wie Indiskretionen aus dem BND-Apparat genannt werden. Auf Andreas Förster, Redakteur der Berliner Zeitung, soll gar drei Jahre lang ein Informant des BND aus Leipzig angesetzt gewesen sein. Der Spitzel rief den BND-kritischen Reporter immer wieder in der Redaktion an, um ihn "massiv" zu seinen Recherchen zu befragen, wie sich Journalist Förster erinnert.