Kino Prinz im Klo

Eine Vorstadtjugend zwischen Anpassung und Verweigerung – Christoph Hochhäuslers großer stiller Film »Falscher Bekenner«

Armin hat ein Gesicht, das man sich gut merken kann. Der verhuschte Junge mit melancholisch verschattetem Blick könnte der Prinz in einem dieser tschechischen Märchenfilme sein, in denen alles so weich und sanft aussieht, dass man selbst das Böse in Schutz nehmen möchte.

Armins Welt ist eine Vorstadtsiedlung von Mönchengladbach. Mit der Schule ist er fertig. Jeden Tag soll er eine Bewerbung schreiben, das hat er seiner Mutter versprochen. Einer Frau, die noch hofft, sie könne Kontakt zur Seele ihres Sohnes aufnehmen, wenn sie dem Wortkargen geschälte Äpfelchen vor den Fernseher stellt. Die älteren Brüder haben sich längst eine eigene Existenz aufgebaut, machen Karriere oder gründen eine Familie. Nur der Jüngste hat keinen Plan für die Zukunft. Ihn interessieren weder Bausparverträge noch Utopien vom freien, wilden Leben.

Falscher Bekenner von Christoph Hochhäusler, der sich der losen Regisseurbewegung Berliner Schule zugehörig fühlt, ist ein leiser, geheimnisvoller Film. Nicht märchenhaft überhöht wie sein Vorgänger (Milchwald). Er erzählt vom Nihilismus der mittleren Reife und blickt mit schon ethnologischer Distanz in die Black Box einer pubertären Welt. Mit Constantin von Jascheroff hat Hochhäusler obendrein einen Hauptdarsteller gefunden, der trotz zahlreicher TV-Auftritte eine wunderbare schauspielerische Unschuld und scheue Intensität auf die Leinwand bringt.

Die Kamera von Bernhard Keller umgibt das Phlegma des Helden mit zugestellten Räumen, in denen es nie richtig hell wird. In durchkomponierten halbnahen Tableaus wird Armins Jugendzimmer mit seinen Hanteln, der grau gestreiften Bettwäsche, den Raketenbildern und Konstruktionszeichnungen diverser Sportwagen zu einer verstörenden Landschaft aus phallischen Triumphen und verschlossenem Wahn. Weitet sich der Blick einmal zur Totalen, dann nicht um gesellschaftspathologische Zusammenhänge für einen Amoklauf zu liefern, sondern um den Streunenden im Niemandsland zwischen Leitplanken, Auffahrten und Grünstreifen auszusetzen.

Am liebsten treibt Armin sich an der Autobahn herum. Auf dem Raststättenklo studiert er die obszönen Botschaften auf den Kacheln und fantasiert sich in Sexszenen mit einem Trupp Motorradfahrer. Einmal auf dem Nachhauseweg kommt er an einem verunglückten Jaguar vorbei. Er nimmt ein Trümmerstück mit nach Hause, wie ein Souvenir. Am nächsten Tag schreibt er keine Bewerbung, sondern einen Bekennerbrief. Der Unfall soll sein »Werk« sein. Armin ist zufrieden. Er hat endlich etwas zu erledigen. Schuld kann auch Erfüllung sein.

Falsche Bekenner ist ein Film über eine Zwischenexistenz. Eine Generation zwischen Suche und Lethargie, Anpassung und Verweigerung. Es geht um die unbestimmte Sehnsucht nach einer Wucht, die das eigene, kleine Leben endlich in eine neue Richtung schubsen könnte. So wie der Motorradfahrer in der schweren Lederkombi, an den sich Armin einmal auf einer tagträumerischen Fahrt kuschelt und der ihm später zwischen Hanteln und Raketen seine Unschuld nimmt. Schnell und unverbindlich, ohne sich auszuziehen.

Hochhäuslers Erzählstil bleibt schwebend. Hier wird nichts wieder gut oder ganz. Die Bilder bleiben ausrisshaft, Sätze hängen wie Fahnen in der Luft. Und bevor sich ein Konflikt zuspitzen kann, brechen die Szenen ab. So wird nie ganz klar, ob Terrorakte, Toilettensex, Brandstiftungen zum Erlebten oder Erträumten zählen. Da steigen die Eltern die Treppe hoch, während sich oben der Sprössling seinen Sexfantasien hingibt. Und nichts passiert. Niemand wird bei irgendetwas ertappt. Es ist eine elegante Art, die verletztende Gleichgültigkeit freizulegen, die auch hier hinter allen familiären Zuwendungen nistet.

Hochhäusler zeigt den Effekt, aber nicht die Tat, das führerlos auf dem Asphalt liegende Motorrad, aber nicht die Sabotage, das fassungslose Gesicht von Armins Mutter, aber nicht, wie ihr Sohn den Rollstuhl des Nachbarjungen demoliert. Wenn alles gezeigt wird, gibt es nichts mehr zu sehen, hat Bresson einmal geschrieben, und für Hochhäusler ist das zur Maxime geworden.

In Falscher Bekenner macht sich einer selbst den Prozess und der ignoranten Welt gleich mit. Als die Polizei Armin in Handschellen abführt, kommt das Mädchen vorbei, das er liebt, die unerreichbare Katja. Er schaut zu ihr hin, versichert sich, ob sie ihn endlich sieht. Sie schaut zurück. Ungläubig, erschrocken, ein Blickwechsel wie bei Peckinpah. Zum ersten Mal lächelt der Prinz. Erlöst und frei, als sei er endlich angekommen in seinem Privatreich, im wunschlosen Unglück.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 18.05.2006
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    • Schlagworte Kino | Film | Jaguar
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