50 Klassiker der Moderne Ganz dein Diener
Was wollten sie bloß, diese eckigen Mutanten, mit den akkuraten Scheiteln? Ralph Geisenhanslüke über "Die Mensch-Maschine" von Kraftwerk. Aus der ZEIT-Serie "50 moderne Musikklassiker"
Die ersten Sekunden erinnern an einen Science-Fiction-Film der sechziger Jahre: gläserne Synthesizer, dazu ein mechanisches Klappern. Die Maschinen erwachen. »Wir laden unsere Batterie. Jetzt sind wir voller Energie«, sagt eine Vocoder-Stimme. »Wir sind die Roboter.«
Mancher Zuschauer muss im März 1978 sehr erschrocken sein, als die vier Herren von Kraftwerk im ZDF das erste Stück aus Die Mensch-Maschine vorführten. Was wollten sie bloß, diese eckigen Mutanten mit den akkuraten Scheiteln? Dem Spät-Hippie mussten Kraftwerk wie eine Maschine erscheinen, die es zu stürmen galt. Es gab anderes, worüber man sich hätte aufregen können: John Travolta, die Bee Gees oder die Sex Pistols. Aber besonders linksliberale Feuilletons fielen über die Düsseldorfer her, die sich selbstironisch als verstrahlte arische Schwiegersöhne inszenierten.
Auch für die russischen Zeilen »Ya tvoy sluga, ya tvoy rabotnik« (»Ich bin dein Diener, ich bin dein Arbeiter«) gab es keine mildernden Umstände. Kraftwerk waren nicht nur von Futuristen wie El Lissitzky oder Majakowski inspiriert. Ihre Lust an der Provokation gründete in Fluxus und Performance-Kunst. Der Rest der Welt verstand. Bald wurden die germanisch-genau hämmernden Synthie-Linien weiterverarbeitet, zu Disco, HipHop, Techno und anderen elektronischen Körpermusiken. Wenn die selbst ernannten »Arbeiter der Stirn« heute ihre Konzerte mit der Mensch-Maschine beginnen, brandet der Jubel wie beim Gitarrenriff eines Rock-’n’-Roll-Gassenhauers.
Die Mensch-Maschine zeigt Kraftwerk in der beständigsten und produktivsten Besetzung. Ralf Hütter und Florian Schneider sind bis heute der Kern des Kreativ-Reaktors. Seit Karl Bartos und Wolfgang Flür vom Netz gingen, entstand nur wenig Neues. Werkstattberichte aus dem Studio sind kaum bekannt. Nur Flür, der frühere Schlagwerker, berichtet in seinen verbitterten Memoiren, wie sein Einfluss durch die Elektronik zunehmend schwand. Er wurde nur noch gelegentlich in Geschmacksfragen konsultiert. Die Rhythmen wurden von einem Sequenzer gespielt – auch wenn die Programmierung in der damaligen Analogtechnik noch penible Arbeit bedeutete. Hütter und Schneider testeten die Beats im Selbstversuch, ließen sie angeblich tagelang in nahezu unveränderter Form laufen. Sie warteten auf jene magischen Momente, in denen die Maschinen ihre Seele freilegten.
Die Pose war ihnen schon Anfang der Siebziger so wichtig wie die Musik. Für
Mensch-Maschine
ließ die Band bei der Münchner Schaufensterpuppenmanufaktur Obermaier die berühmten Roboter anfertigen. Tracks wie
Neonlicht
oder
Das Modell
nahmen die New Wave locker um fünf Jahre vorweg. Aber nicht deshalb wirkt
Die Mensch-Maschine
aus heutiger Sicht visionär; sondern, weil sie erstmals in der Popmusik den allseits mechanisierten Menschen zum Thema macht.
Kraftwerk: Die Mensch-Maschine
(Kling Klang / EMI)
"50 klassiker der modernen Musik
- Datum 19.05.2006 - 06:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.05.2006
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