Cham, der Urahne der Afrikaner, soll aus Feuer und Überschwang bestanden haben. Seit der Antike ist von Afrika als Land der »Feuermenschen«, der leidenschaftlichen Menschen die Rede. Es scheint also ein verwegenes Unternehmen, die Psychoanalyse und Afrika einander näher bringen zu wollen. Die Psychoanalyse ist so sehr in der philosophischen Tradition der Aufklärung verwurzelt, derart diskret und wohlerzogen in ihrer Anwendung, so individualistisch und antiklerikal, dass es schwer fällt, sich vorzustellen, wie sie ihren Weg nach Afrika finden sollte, auf den Kontinent der Intensität, der Gemeinschaft, des Spektakulären.

Afrika ist auch heute noch der Kontinent – im Grunde der einzige –, der sich aus seinem Innersten heraus der Globalisierung widersetzt, Widerstand leistet gegen die Auflösung der Bande des Stammes, des Clans und besonders der Bande zwischen Menschen und Nichtmenschen. Darüber hinaus gab es etwas, das seit Freuds Totem und Tabu (1912) – dem Versuch, »das Seelenleben der Wilden« zu interpretieren – die Psychoanalyse an einer Begegnung mit den Afrikanern hinderte, weil ihr ihre Denkmodelle im Weg standen. Und auch wenn Psychoanalytiker wie Géza Roheim Feldforschung betrieben, wenn sie nach Australien oder Mittelamerika gingen, bestand ihr Ansatz darin, eine Hermeneutik kollektiver Gestaltungen zu konstruieren.

Die Psychoanalyse interpretierte die Praktiken eines abstrakten Anderen, ließ aber nirgends Raum für das, was die wirklichen Anderen sagten, die liebten und arbeiteten, sprachen, logen und mogelten. Keinerlei Beachtung schenkte sie jenen aus dem Busch und dem Urwald, die es verstanden, ihren Fetischen Nahrung zu geben, mit Geistern umzugehen und sich gegen bedrohliche Angriffe der Nacht-Wesen zu verteidigen. Es gelang ihr nicht, sich ohne Dünkel einzulassen auf die Gedanken und Praktiken der Baba Iawos (»Meister des Geheimnisses«) der Yoruba aus Benin, der Boram Xam Xam (»Meister des geheimen Wissens«) der Wolof in Senegal oder der Nganga aus dem Kongo.

Zweifellos veränderte sich diese Situation mit dem Auftreten der ersten afrikanischen Psychiater, zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Anbruch der Zeit der Unabhängigkeit. Das ursprüngliche Ansinnen von Totem und Tabu erfuhr eine Umpolung. Es war nicht länger so, dass afrikanische Verhaltensweisen durch psychoanalytische Denkmodelle interpretiert wurden, sondern vielmehr gewann Afrika Modellcharakter für die moderne Psychiatrie. Dort konnte man lernen, wie man seine Irren nicht wegsperrt, wie die Gemeinschaft bei der Krankenpflege einzubeziehen ist, wie die Mitarbeit traditioneller Heiler im Rahmen eines modernen Gesundheitssystems gefördert werden kann – alles Prinzipien, die Bestandteil der therapeutischen Traditionen Afrikas waren.

Eine der ersten afrikanischen Psychoanalytikerinnen, Solange Faladé, erklärte, sie sei stolz, dass die »schwarze Rasse« die Welt Derartiges lehren könne. Faladé war eine direkte Nachfahrin des Königs Behanzin von Abomey, gehörte seit 1952 zu den Getreuesten um Jacques Lacan und leitete die Freudsche Schule bis zu ihrem Tod im Jahr 2004. »Die Heiler sind unsere Kollegen«, lautete auch der Ansatz von Henri Collomb zu Beginn der sechziger Jahre. Er hatte die Abteilung für Neurologie und Psychiatrie am Krankenhaus von Dakar reformiert und ein Team zusammengestellt, das zehn Jahre lang die psychoanalytische Denkweise mit der afrikanischen Erfahrung konfrontierte. In dieser »psychoanalytischen Schule von Dakar« erschien 1966 Œdipe africain (»Der afrikanische Ödipus«) von Marie-Cécile und Edmond Ortigues, die davon berichteten, wie senegalesische Kinder in einem psychoanalytischen Setting in ihrer eigenen Sprache zu Wort kamen. Im selben Team hat der Anthropologe András Zempléni seine berühmt gewordene Studie über das therapeutische System der Wolof und der Lebou in Senegal veröffentlicht. Aber die bedeutendste Wirkung der »Schule von Dakar« war die psychoanalytische Ausbildung einer ganzen Generation afrikanischer Psychiater, die in ihren Ländern dann eine moderne Psychiatrie begründeten: Moussa Diep und später Momar Gueye in Senegal, René Gualber Ahyi und Thérèse Agossou in Benin und Togo, Mathias Makang Ma Mbog in Kamerun, Baba Koumaré in Mali.

Die soziale Situation in Afrika hat sich kaum gebessert. Es gibt zwar heute in Afrika eine Reihe afrikanischer Psychiater und Psychoanalytiker, doch üben sie, weil eine entsprechende Klientel kaum vorhanden ist, ihren Beruf in ihren Ländern nur in seltenen, umso bemerkenswerteren Fällen aus. Man begegnet ihnen vielmehr in Europa oder in Nordamerika, wo es für sie äußerst schwierig ist, ihre Rolle als Vermittler zwischen den beiden therapeutischen Traditionen wahrzunehmen. In Frankreich bot die ethnopsychiatrische Bewegung Gelegenheit, im Rahmen der psychosozialen Betreuung von Migranten auf eine schwer vorstellbare Begegnung zwischen Afrika und der Psychoanalyse hinzuarbeiten, namentlich im Zentrum Georges Devereux an der Universität Paris VIII. Aber es sieht weiter so aus, als gäbe es eine unüberwindbare Kluft.

Trotz der Entwicklung der wissenschaftlichen Medizin zeigt eine kürzlich in Senegal durchgeführte Studie, dass immer noch 90 Prozent der psychiatrisch Kranken die traditionellen Heiler aufsuchen. Das Wesen ihrer Arbeit – sie ist sozial und kollektiv und beruht auf dem Verhandeln mit nichtmenschlichen unsichtbaren Wesenheiten – ist der Praxis der Psychoanalyse diametral entgegengesetzt. Was das bedeutet, habe ich selbst erlebt: Ein Mann aus Senegal, der fünf Jahre lang in psychoanalytischer Behandlung gewesen war, wurde von seinem Psychoanalytiker zu mir geschickt, weil dieser sich darüber wunderte, dass bei diesem verfeinerten Intellektuellen traditionelle Vorstellungen weiterhin fortbestanden. Der Mann sagte mir: »Die psychoanalytische Behandlung war sehr interessant. Ich habe die Weißen beim Denken beobachten können. Jetzt aber muss etwas Ernsthaftes in Angriff genommen werden – ich muss mich heilen lassen.«
Aus dem Französischen von Bertrand Schütz