Medizin Schlechte Zeiten für Bakterien

Es gibt ein neues Antibiotikum, existiert auch ein Markt dafür?

Penicillin nahm der Infektion den Schrecken. Seine Entdeckung war eine der wichtigsten in der Geschichte der Medizin. Doch Bakterien lernen dazu, und immer neue Antibiotika müssen veraltete ersetzen. In den letzten Jahren haben die Krankheitserreger viel verlorenes Terrain zurückerobert. Resistenzen gegen Antibiotika nehmen zu.

Darüber hinaus: Die Pharmaindustrie verliert die Entwicklerlust. Nach einer Studie der amerikanischen Food and Drug Administration ist die Zahl der Antibiotikazulassungen in den vergangenen zwanzig Jahren um 56 Prozent gesunken.

Das kommt besonders den mutierten Varianten des Eiter-Erregers Staphylococcus aureus zupass. Mit immer neuen Winkelzügen entwischt dieser Keim fast allen pharmakologischen Angriffen und bedroht vor allem das Leben immungeschwächter Patienten – etwa auf Intensivstationen.

Wie tröstlich, wenn jetzt amerikanische Wissenschaftler aus den Laboratorien von Merck & Co in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts Nature ein neues Antibiotikum vorstellen, das anders wirkt als alle schwächelnden Vorgänger. Sogar die resistenten Staphylokokken kann es überrumpeln. 250000 Mikroorganismen testeten die Forscher auf ihre antibiotische Potenz. Aus einer südafrikanischen Bodenprobe isolierten sie schließlich Streptomyces platensis . Der Keim birgt eine Substanz, Platensimycin genannt, die gegen resistente Staphylokokken und Enterokokken wirkt und im Mausversuch sehr gut verträglich ist. Platensimycin stört die Fettsäureproduktion in den Bakterien und verhindert so den Aufbau der bakteriellen Zellmembran. Völlig neue Wirkmechanismen wie diesen entdecken die Wissenschaftler sehr selten. Bei den Antibiotika gelang das in den letzten vierzig Jahren ganze zwei Mal.

Nun wächst die Hoffnung auf einen therapeutischen Befreiungsschlag gegen die grassierende Resistenz. Noch ist nicht sicher, ob auch Menschen die Substanz gut vertragen. Die Forscher können zudem noch nicht sagen, ob die Krankheitserreger auch gegen Platensimycin schnell Resistenzen bilden werden. Und doch weckt der Stoff große Erwartungen. Wäre da nicht eine weitere offene Frage: Kann man mit Antibiotika überhaupt genug Geld verdienen?

Medikamente, die nur kurzfristig verabreicht werden müssen, sind in der Pharmaindustrie nicht sehr beliebt. Die Hersteller mögen Dauerbrenner wie Cholesterin- und Blutdrucksenker. Damit ein Antibiotikum sich überhaupt dauerhaft verkauft, sind die Ärzte angehalten, es sparsam einzusetzen.

Einen Ausweg gäbe es: Verlängerte Patentlaufzeiten könnten die Unternehmen reizen, Substanzen wie Platensimycin weiter zu entwickeln. Damit produzieren sie kaum kurzfristige Verkaufsrenner – aber Lebensretter. Und die tun dann auch dem Image gut.

 
Leser-Kommentare
  1. Es ehrt Sie, dass Sie zu denen gehören, die für einen vernünftigen Umgang mit Antibiotika plädieren. Selbstverständlich fordern nicht alle Patienten den Einsatz antibiotischer Mittel, doch aus Erfahrung kann ich sagen
    ( und da bin ich nicht allein ), dass die Zahl Patienten mit vorgefasster Erwartung recht hoch ist. Dass dennoch gegen eigene Überzeugung oft Antibiotika verschrieben werden liegt zum einen daran, dass eine entsprechende Beratung nach bestem Wissen und Gewissen anstrengend und zeitaufreibend ist ( und in der Tat nicht angemessen vergütet wird ) und zum anderen nicht selten damit endet, dass der Patient nicht mehr wiederkommt, da man seinen Erwartungen nicht entsprochen hat.
    Er geht dann zu einem anderen, ”verständnisvolleren” Arzt und generiert hierdurch nochmals Kosten, die von der Krankenkasse selbstverständlich auch übernommen werden. Das ist ja auch kein Problem für die Kasse, da jetzt der Punktwert fällt (was kein Patient weiss, nicht versteht und auch nicht interessiert), mit der paradoxen Folge, dass die oben erwähnte Beratung noch schlechter vergütet wird.
    Ich beziehe mich im übrigen nicht nur auf bakterielle Infekte, ein Staphylokokkeninfekt kann durchaus eine antibiotische Therapie erfordern. Oft sind es banale Virusinfekte, bei denen eine antibiotische Therapie ohnehin wirkungslos ist und die Krankheitsdauer auch nicht verkürzt, bei denen Antibiotika eingefordert werden.

    Der Vergleich des Medikamentenmarktes mit den USA ist bei der Diskussion um das deutsche Gesundheitswesen nicht relevant. Entscheidend ist, dass der Anteil der Arzneimittel an den Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen, dass heisst der Solidargemeinschaft, zu gross ist. Gerade heute wird wieder veröffentlicht, dass die gesetzlichen KK Milliardendefizite im ersten Quartal diese Jahres einfahren und der Anstieg der Arzneimittel wiederum ein Hauptfaktor dafür ist.
    Trotz Preisbindung sind Medikamente in Deutschland oft teurer als in anderen europäischen Ländern. Zum anderen fehlen vernünftige Massnahmen, um die Solidargemeinschaft vor unnötigen Ausgaben zu schützen. So ist die Politik nicht in der Lage oder nicht willens, gegen den Widerstand der Pharmaindustrie eine Positivliste zu erstellen, die Medikamente und Indikationen mit gesichertem Wirkungsnachweis und vertretbarer Kosten-Nutzen Relation enthält. Nur diese sollten zu Lasten der Solidargemeinschaft verschrieben werden können.
    Das nur als kurze Anmerkung, eine weiterführende Erörterung würde das Thema des Einsatzes von Antibiotika sprengen.

  2. Eine wichtige Ursache für zunehmende Resistenzentwicklung bei Bakterien ist der unkritische, oft unnötige Einsatz von Antibiotika. Hier spielt auch die falsche Erwartungshaltung und Forderung vieler Patienten eine grosse Rolle, die für jeden Schnupfen, jedes Wehwehchen im Hals die Verschreibung von Antibiotika einfordern !

    Ein banaler Infekt dauert nun mal 1-2 Wochen. Aus Sicht vieler Patienten wurde es erst nach Einnahme von Antibiotika besser – genau das gleiche wäre in den meisten Fällen auch ohne Antibiotikum passiert. Die zeitgleiche Besserung von Symptomen mit Beginn der Einnahme von Medikamenten wird dann einem inneren Erklärungsbedürfnis folgend in kausalem Zusammenhang gesehen. Wir sehen kaum noch einen Spontanverlauf eines Infektes.

    Einen anderen bemerkenswerten Aspekt hat der Beitrag:
    ” Einen Ausweg gäbe es: Verlängerte Patentlaufzeiten könnten die Unternehmen reizen, Substanzen wie Platensimycin weiter zu entwickeln. Damit produzieren sie kaum kurzfristige Verkaufsrenner – aber Lebensretter. Und die tun dann auch dem Image gut.”

    Diese ”Empfehlung” ausgerechnet in Zeiten von Kostendämpfungsmassnahmen und Ärztestreik ????
    Was Ärzten mit der moralisch ethischen Keule verwehrt wird, wird mit Selbstverständlichkeit dem grössten Kostenverursacher und Nutzniesser am Gesundheitssystem zugebilligt !!!

  3. Lieber Harro Albrecht,

    offen gesagt, ich bin etwas erschüttert, derart unkritische Artikel nun auch im Wissenschaftsteil der ZEIT zu finden. Auch wenn die Daten in Nature veröffentlicht wurden, spätestens seit dem letzten großen Science-"Schnitzer" (Hwang) sollte man doch lieber zweimal prüfen, was man da so arglos übernimmt - besonders wenn es sich um eine Studie von "BigPharma" handelt.

    Um die "Natural Products"-Sparte der Chemie ist es in den letzten Jahren ja eher ruhiger geworden. Zum einen weil immer mehr "neue Wirkstoffe" bereits in anderen biologischen Quellen gefunden worden sind, zum anderen weil die meisten sekundären Metaboliten, schlichtweg zu toxisch sind, um sie (außerhalb einer letzten Krebstherapie, bei der jedes Mittel recht ist, weil nichts mehr nutzt) therapeutisch zu nutzen.

    Das schreckt nun allerdings die wenigsten "Natural-Products"-Chemiker davon ab, ihr "Lieblingsmolekül" so lange wie möglich als "aussichtsreichen, neuen Arzneimittelkandidaten" anzupreisen. Es läßt sich dann ja schon eine weniger empfindliche Zelllinie finden, an der sich eine vorteilhafte IC50 demonstrieren läßt (die Unterschiede können ja gewaltig sein: siehe z.B. Psymberin).

    Warum wird im Nature-Paper zum Beispiel nur die IC50 für eine einzige humane (Tumor)-Zelllinie (HELA: Cervixcarcinom) dargestellt, aber zahlreiche Bakterienwerte? Zeigen die Werte für andere Zelllinien (HUVEC oder Fibroblasten wären schön) vielleicht eine katastrophale Toxizität?

    Warum wird die Maus mit S. aureus infiziert, dann getötet und nur der Antibiotika-Effekt auf die Bakterien ausgewertet, die in der Niere des Tieres angekommen sind? Wird Platensimycin vielleicht durch die Niere ausgeschieden und lassen sich vielleicht nur dort antibakteriell wirksame Konzentrationen erreichen, ohne im Rest des Tieres toxische Nebenwirkungen zu erzielen? Seit wann behauptet man eigentlich, daß etwas nicht toxisch ist, ohne Daten zu zeigen?

    Wenn Merck&Co so genau weiß, an welchen Aminosäurepositionen der FabF sich eine Interaktion abspielt, warum prüfen sie dann keine Interaktion mit dem humanen Analog (FAS) die an den entscheidenden Positionen (Substratbindung) die gleichen Aminosäurereste (Cystein, Histidin, Histidin) trägt? Warum diese hoch unspezifischen Tests?

    Gerade wenn eine Studie mit so großen finanziellen Interessen verbunden ist, dann sollte man doch Hieb- und Stichfeste Daten erwarten können, oder? Es kann sich ja durchaus um einen wirklich tollen neuen Wirkstoff handeln, aber warum wird das dann nicht entsprechend dargestellt? Andererseits ist es ja um sehr viele "aussichtsreiche" neue Stoffe nach anfänglichem Hype bedrückend still geworden.

    Manchmal hat man ja den Eindruck, die Effekte einer "aussichtsreichen" neuen Substanz auf den jeweiligen Börsenwert sind für die Unternehmen viel interessanter, als die tatsächliche biologische Wirkung.

    Nichtsdestotrotz muß ich Ihnen aber recht geben: neue wirksame, spezifische Antibiotika sind dringend erforderlich (siehe TBC). Gerade wegen ihrer unvergleichlichen Bedeutung für unsere Gesellschaft, sollte deren Entwicklung aber von rein finanziellen Interessen abgekoppelt werden. Man sollte auch nicht zulassen, daß die Industrie diese scheinheilig als Druckmittel zur Erlangung umfangreicherer Patentschutzrechte einsetzt. Dazu sind Penicillin und Co einfach zu wertvoll!

  4. Der Autor des vorherigen Kommentars scheint ein Arzt zu sein - in diesem Fall habe ich eine Bemerkung und eine Frage:

    Bemerkung zum "größten Kostenverursacher im Gesundheitswesen": ich kenne nur eine Zahl für Deutschland, aber zwei für die USA: Der nicht preisregulierte US Medikamentenmarkt betrug 2005 ca. 210 Mrd. Dollar und trug damit lediglich ca. 10% zu den Kosten des US Gesundheitswesens bei. Der preisregulierte deutsche Medikamentenmarkt betrug 2005 ca. 30 Mrd. Dollar, das heisst er war auch im Pro-Kopf-Verhältnis kleiner als der US Medikamentenmarkt. Daher vermute ich, dass auch der deutsche Medikamentenmarkt nicht der größte Kostenverursacher im deutschen Gesundheitwesen ist.

    Meine Frage zielt auf den ersten Punkt des vorherigen Kommentars: Ich als Patient höre ständig von meinen Doktoren bei bakteriellen Infekten ähnliche Argumente - in der Vergangenheit wurden zu viele Antibiotika unkritisch verschrieben denn die Patienten fordern es usw. Ich habe noch nie Antibiotika von meinen Ärzten gefordert und meine Fragen zielen zunaechst immer in die Antibiotikavermeidungsrichtung. Am Ende der Konsultation steht aber immer die Verschreibung von Antibiotika (ich gehe nicht mit einer Grippe zum Arzt). Mir scheint ein signifikanter Kostenfaktor eher zu sein, dass Information in der vom Kommentator genannten Art (eine Staphylokokkeninfektion kann man auch mal aussitzen) dem Arzt weniger einbringt als ein Antibiotikarezept zu verschreiben. Stimmt das? (Ganz zu schweigen ist von einer zweiwöchigen Krankschreibung wegen Staphylokokken, die einem Arbeitgeber gegenüber "schwer zu vermitteln" ist, wenn man auch Antibiotika nehmen könnte und draußen 5 Mio. Arbeitslose warten.)

  5. ...für Ihre vertiefenden Betrachtungen zum Artikel. Für mich eine sehr sinnvolle Nutzung der Leserforums, denn ich habe was dazugelernt. Die geringe Punkteresonanz unserer Beiträge lässt mich jedoch leider zweifeln, ob das auch andere Leser so sehen.

    Ich denke die Kostenexplosionen in den Gesundheitsystemen der USA und Deutschlands sind durchaus vergleichbar. Gerade gestern hörte ich wieder einen Vortrag, der darauf hinwies, dass der größte Kostenanteil durch die immer bessere (und immer teurere) Versorgung chronisch Kranker (Diabetes II, AIDS, Krebs etc.) verursacht wird, die dadurch auch immer länger leben. Hier scheint mir auch für die Zunkunft die wahre Zunkunftsherausforderung für hochleistungsfähige Gesundheitssysteme zu liegen: Weiterleben oder nicht wird durch die erweiterten (und teureren) Möglichkeiten zu einer Geldentscheidung und gelangt damit in der Bereich der Ethik, voller Tretminen für Politiker und uns alle. Aber auch dies führt schon zu weit weg von den Antibiotika... Ich habe keine Pharmaaktien und arbeite nicht in dieser Industrie - jedoch strebe ich an, bei solcherlei Diskussionen um die richtigen Variablen zu streiten. Alles Gute.

  6. wer wundert sich da über die folgen.

    die gier regiert. auch ärzte verdienen sich dick an antibiotika und nicht am nichtverschreiben.

    für die 2. und 3. Villa wird das eigene leben und das der kinder in ein paar jahren verkauft

    die gier ist stärker als die vernunft

    unsere alten ticken eben aus: lange noch auf weltreisen leben hat eben seinen preis.

    resistenzen, staatsschulden für die kinder, höhere rendite mit entlassungen.
    alles globalisierung genannt und doch nur die gier der Landsleute.

    da kann man als junger zyniker nur auf einen altenvirus hoffen, bevor man selbst alt wird.

    ansonsten es gibt immer einen übergeordneten regelkreis für missstände. herrn ackermann würde sein ganzes geld, dass er durch die entlassungen mehr verdient auch nichts nützen, wenn der killervirus zuschlägt.

    viren und bakterien sind dann die großen gleichmacher.

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