BelletristikDer kalte Kontinent

Stumme Dramen der Liebe: M. Blechers Roman »Vernarbte Herzen« ist eine Entdeckung – und jetzt schon ein jugendfrischer Klassiker

Es ist der längste Sommer aller Zeiten. Er dehnt sich schön und schrecklich aus vor Emanuel, dem weichen, verlorenen Emanuel, der in seiner Kutsche fährt, durch die Straßen der kleinen Stadt, über die Dünen, an jenem Ozean entlang, der sich bis nach Amerika erstreckt, groß und mächtig, während Emanuel so daliegt, flach und hilflos in seinem Gips, selbst wenn er seine Kutsche steuert, dieser Emanuel, der aus Rumänien gekommen ist bis an die französische Atlantikküste, um gesund zu werden, um zu sterben. Der Sommer legt sich für Emanuel wie ein Tuch über die Tage, wie ein ganz besonders ausgesuchtes Leichentuch.

Es ist der längste und der traurigste Sommer aller Zeiten. Die Hoffnung ist nicht mehr als ein weiteres Spiel, mit dem sie sich die Zeit vertreiben, die Patienten, die Gefangenen, die Gezeichneten im Sanatorium an der See, wo sie die Stunden verlieren und die Jahre und dazwischen auch die Liebe, die verschwindet, ein weiteres Sandkorn am langen Strand. Wie alle Sommer ist es der Versuch, die Wolken zu fassen, die vorüberziehen. Wie alle Sommer endet es mit einem Gewitter.

Es ist der längste und der traurigste und der tröstlichste Sommer aller Zeiten. Denn M. Blecher hält die Wolken an mit seinen Worten. Er bietet vor dem Regen Schutz mit seinen Sätzen. Er tauschte sein Leid gegen Literatur und bezahlte mit dem eigenen Leben. Uns bleibt sein grandioser Roman Vernarbte Herzen, ein Schmerzensbuch, das lakonisch ist und unsentimental bis zur Ehrlichkeit.

»Da nun beiläufig auch vom physischen Leiden die Rede ist«, schrieb Blecher in seinen Aufzeichnungen, die er Die beleuchtete Höhle nannte, »erlaube ich mir, es nicht auf einen besonderen Rang zu erheben von der Art einer vornehmen Inspiration für die Kunst, die allein gültige Kunstwerke gebiert. In Ruhe und Überfluß, so glaube ich, wurden unendlich viel mehr bleibende Kunstwerke geschaffen als im Schmerz und unter Zähneknirschen.«

Das »Zähneknirschen«, von dem Blecher spricht, ist in seinem Fall eine Knochentuberkulose, an der er 1939 stirbt, noch keine 30 Jahre alt. Wie jener Emanuel wurde er in Rumänien geboren, wie jener Emanuel war er der Sohn eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns. Es ist kein Zauberberg, der hier vom Schreibtisch aus bestiegen wird, wobei dann Thomas Mann das Anämische zur Zeitdiagnose hochschreibt; Vernarbte Herzen ist ein Buch des individuellen Leidens, das von Krankheit und Einsamkeit handelt, aber von Sonne, Wind und Weite erzählt.

Und von jenem Emanuel, der in das Städtchen Berck an der Atlantikküste kommt mit einem Abszess und dem »Gefühl, nur sehr flüchtig verleimt zu sein. In den Glasfabriken zerstreuten sich die Arbeiter damit, daß sie Stücke geschmolzenen Glases ins Wasser warfen, die dann verhärteten und widerstandsfähiger wurden als gewöhnliches Glas, doch wenn sich ein kleines Fragment vom gesamten Gebilde ablöste, zerfiel die ganze Masse zu Staub. Reichte etwa ein einziger zerbröselter Wirbel nicht aus, um den ganzen Leib sich in Staub verwandeln zu lassen?« Das ist die Sprache, das sind die Bilder dieses Buches. M. Blecher, der eigentlich Max L. Blecher hieß, hat aus den Prüfungen seines kurzen Lebens diese Distanz mitgebracht, die es ihm ermöglicht, seltsam heiter und dabei fast brutal direkt aus seinem schmerzensreichen Sein zu berichten. Er verwendet Wörter wie Nägel, die er in eine Wand schlägt, schockierend und doch mit großer Selbstverständlichkeit; er schafft Stimmungen, die lange nachhallen, gerade weil sie ans Alltägliche appellieren; er lässt Figuren aus dem Nebel entstehen und wieder darin verschwinden. Und was bleibt, das ist die Erinnerung – das Schrecklichste, was man sich wünschen kann.

»Dort, weit weg, in den stehenden dunklen Wassern schwamm einsam und bleich das aufgedunsene Karpfengesicht der Kassiererin mit dem trägen Blick ihres runden und kalten Auges«, so beschreibt Blecher einen Erkenntnisschub Emanuels, der allein zu Mittag isst, nach der verheerenden Diagnose, ein Nachmittag wie ein Nachruf. »Sie war übrigens das einzige Tiefseegetier in jenen Untiefen des Ozeans, und Emanuel war der einzige Ertrunkene.« Es ist, auf längere Zeit, einer der letzten Momente dessen, was Emanuel als Normalität kannte.

In eine »lauwarme und düstere Oktoberabenddämmerung« hinein rollt er Berck entgegen, wo die Kranken mit der Grausamkeit oder Menschlichkeit behandelt werden, die jeder Zeit zu Gebote steht. »Was konnte das sein? Ein fahrbarer Sarg oder eine Totenbahre«, fragt sich Emanuel, als er mit dem Zug angekommen ist. »Ein Mann lag auf einem Bett, einem schmalen Holzbett, eine Art Rahmen mit Matratze, der auf einem Gestell mit vier gummibereiften Rädern ruhte. Allerdings war der Mann von Kopf bis Fuß normal gekleidet. Er trug eine Krawatte, hatte eine Baskenmütze auf und einen Anzug an und rührte sich trotzdem nicht, stand nicht auf, um herumzugehen wie alle anderen. Im Liegen kaufte er eine Zeitung, zahlte, schlug sie auf und begann, den Kopf auf Kissen gestützt, zu lesen, während hinter ihm ein Mann das Gefährt durch die Straßen der Stadt zu schieben begann.«

Jeder einzelne Satz wird zu einem Lebensbeweis

Was Emanuel da sieht, ist sein eigenes Schicksal, ist das Dasein, das auf ihn wartet, der ganze Körper in Gips, der Geist wach, das Herz vernarbt. Und wie Blecher dieses langsame Verlöschen beschreibt, das immer wieder von verzweifelten Ausbruchsversuchen ins Gefühl und in die Liebe unterbrochen wird, das hat jenseits aller artifiziellen Bedeutsamkeit etwas so Existenzielles, dass jeder einzelne Satz zu einem Lebensbeweis wird, zu einer Lebensversicherung im wahrsten Sinn. Was uns Blecher hier lehrt: Krankheit ist eine Schule des Alterns; die Kunst bietet die Chance des Augenblicks. Und ein Angebot an Ewigkeit.

Die Zeit, das ist ja das Widersprüchliche an jeder Krankheit, ist der eigentliche Feind. Die Krankheit raubt einem Monate und Jahre, die wir noch hätten. Jede Minute aber, die noch bleibt, jede Minute, die Emanuel so eingegipst wartet, im Sud seiner Ausdünstungen schmorend, während sein Körper verfällt, jede Minute wird zu einer Strafe, die die verstreichende Zeit nur um so grausamer werden lässt. Die Zeit ist eine Marter, die Heilung eine Hybris, und die Menschen schieben sich aneinander vorbei wie todestrunkene Insekten am Ende des Sommers, vorsichtig, vereinzelt und verzweifelt – Kafkas Cousins, allerdings ohne die Hoffnung, doch noch aufzuwachen und festzustellen, dass sie nur der Fantasie eines Schriftstellers entschlüpft sind.

»Wer hier gelebt hat, findet nirgends mehr auf der Welt einen Platz«

Blechers eigenes Schicksal macht das Buch dabei nicht literarisch interessanter: Aber es gibt den Sätzen ein Gewicht, eine spezifische Schwere, eine oft fast verzweifelte Heiterkeit. »An manchen Stellen wog der Gips viele Liter Wasser«, so beschreibt Blecher den erstarrten, erfrorenen Körper. »In der Dunkelheit erkundete Emanuel die Karte der Feuchtigkeit und der Qual. Es gab spitze Vorgebirge, die ihm tief in die Knochen drangen … und etwas weiter hin sanfte und ausgedehnte kühle Feuchtgebiete … dann Golfe von relativer Ruhe.« Und in dieses zähe, zehrende Warten schiebt sich nun das Bild eines Mädchens, das einen französischen Namen hat, der, auf Deutsch ausgesprochen, etwas übertrieben bedeutungsvoll wirkt. Solange heißt sie, so lange. Auch sie eine ehemalige Kranke, die jetzt im Sanatorium arbeitet, auch sie infiziert, auch sie verloren. »Es ist ein subtiles Gift«, sagt zu Emanuel sein neuer Freund Ernest. »Das sofort ins Blut geht. Wer hier gelebt hat, findet nirgends mehr auf der Welt seinen Platz.«

Solange aber erscheint Emanuel noch einmal wie eine Wintersonne, wie das Versprechen, dass es Nähe und Wärme auch für jemanden geben kann, dessen Körper im Gips gefangen ist. Und so nähert er sich ihr, er nimmt sie mit in seine Kutsche, er fährt ans Meer, er schiebt seine schwere Figur auf sie, in einem widersinnigen Verlangen nach Körperlichkeit, wo doch der eigene Torso der Gegner ist und der fremde unerreichbar. Es ist etwas wie Liebe, das Emanuel und Solange verbindet, aber eben nur so etwas wie Liebe. Und wie Blecher das schildert, was zwischen den beiden ist, wie sie sich finden und verlieren, weil Emanuel nicht versteht, wie kalt, wie fern ihn diese Krankheit hat werden lassen – das wird bei Blecher nicht nur zu einer Operation am offenen Herzen, es wird zum stummen Drama jeder Liebe.

Den Winter über fahren sie in der Kutsche ans Meer, sie treffen sich auf seinem Zimmer, es sind Nachmittage, die die Lust ins Leere laufen lassen. »Und dennoch geschah alles, was er unternahm, mit peinlicher Genauigkeit, wie am ersten Tag ihrer Liebe, um, einmal von diesen Ritualen befreit, mit noch größerer Wollust deren Wegfall empfinden zu können. Zu spüren, wie ermüdend sie letztlich waren… Je genauer er sie vollzogen haben würde, um so erhabener müßte die Freiheit sein, dachte er.« Und dann schließt Blecher diese Seite: »Bei alledem führte Solange einen blauen und klaren Blick von gelassener Verständnislosigkeit spazieren.«

Und so wächst die Krankheit schließlich in alle sozialen Beziehungen hinein, infiziert alle Bewohner dieses Elendsreiches, die Blecher mit sanftem Respekt zeichnet. Tonio etwa, dessen Liebe für Madame Wandeska ihn mehr leiden lässt als alle anderen Gebrechen; oder die blasse, schöne Isa, die mit ihrer alten Pflegerin Karten spielt und sie betrügt und so die Tage gewinnen will, die ihr Leben verlängern; oder Quitonce, der Emanuel ein Knochenstück schenkt, zernagt, zernarbt, das Kostbarste, was er hat. Sie sind eine widerborstig heitere Jugend; sie alle werden verlieren, von ihnen werden nur Buchstaben bleiben, das Grausamste und Tröstlichste, was es geben kann.

Blecher führt seinen Emanuel schließlich hinaus, erst in die Villa am Meer, wohin er vor Solange flüchtet, wo er sich einnistet in das Leben und die Erinnerung einer Familie, die hier schon mehr verloren hat als einen Menschen. »Wild rauschten die Ozeanwellen in der Weite des Salons. Der Tag war von schweren, grauen Wolken verhangen, die sich wie ein Plafond über die Dünen herabgesenkt hatten.« Blecher gewährt seinem Emanuel also eine Hoffnung, die er sich selbst nicht mehr machen durfte. Und ahnte doch schon das Ende. »Die schweren weichselroten Samtvorhänge flatterten im Wind wie Trauerbanner, die in Aufbahrungsräumen hängen. Emanuel schloß ermüdet die Augen.«

Blecher führt ihn aber noch weiter. Er schickt Emanuel nach Paris, wo sein Freund Ernest auf ihn wartet; Blecher stirbt am 31. Mai 1938, Emanuel aber verlässt Berck, und »in der Ferne verschwand die Stadt wie ein sinkendes Schiff in der Dunkelheit«. Emanuel ist sein Bote für die Ewigkeit. Es dauerte allerdings bis zum Jahr 1995, da erst erschien Vernarbte Herzen in Rumänien. Und dass das Buch nun endlich auf Deutsch erscheint, verdankt sich vor allem Ernest Wichner, der außerdem die Übersetzung sicher zwischen spröder Schönheit und sentimentaler Trauer hindurchsteuert.

So ist jetzt ein Roman zu bestaunen, ein jugendfrischer Klassiker, der auf der Netzhaut nachbrennt, der nach Salz schmeckt und nach Chlor, der verweilt, mit seinen Sätzen, wie ein Freund aus einem fernen Sommer. Einem Sommer, der ein einziges Anrennen ist und eine stete Verweigerung: gegen die Zeit, die verstreicht, gegen den Tod, der bleibt.

 
Leserkommentare
  1. Ich möchte ganz herzlich danken, dass ein nahezu vergessener Autor (Max Blecher), diesem Platz für die Besprechung von "Vernarbte Herzen" bekommen hat.
    Schon sein anderes Werk " Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit" ist ein Trouvaille ersten Grades.
    Bitte lest.
    Ruedi Amrhein, Schweiz

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  • Quelle DIE ZEIT 18.05.2006 Nr.21
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  • Schlagworte Belletristik | Thomas Mann | Krankheit | Liebe | Sommer | Herz
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