Kritik in Kürze Kleine Fluchten
Schwer zu sagen, ob Herr Jensen sich selbst im Laufe der Zeit immer unähnlicher oder uns immer ähnlicher wird. Jakob Hein jedenfalls erzählt in seinem neuen Roman Herr Jensen steigt aus die Lebensgeschichte eines gekündigten Postboten – eine Allerweltsgeschichte, die sicher Platz im kleinsten Briefkasten finden würde, wäre sie nicht so großartig erzählt.
Im Grunde genommen ließe sich das Leben von Herrn Jensen zu etwas kaum noch Wahrnehmbarem zusammenfalten. Sein Leben durchzieht eine unendliche Ereignislosigkeit, in die wir hineinschauen und beklommen feststellen, dass es dahinter immer noch weitergeht, fast wie im Sternenhimmel. Herr Jensen lebt zusammen mit den Möbeln aus seinem Kinderzimmer und seinem Fernseher. Was die Liebe betrifft, so glaubt er, dass es »einen geheimen Jagdgrund gibt, wo nachts die Frauen weiden«. Aber dort traut er sich nicht hin, und als ihm einmal eine Sabine zustößt, ergreift er die Flucht, während sie sich im Bad für die Verführung präpariert. Über die Selbstverführung geht es bei ihm nicht hinaus. Herr Jensen kriegt, so simpel kann Scheitern sein, viele Dinge einfach nicht hin.
Nach seiner Kündigung sitzt er vor dem Fernseher, wenn er nicht gerade zum Amt muss und für eine Qualifizierungsmaßnahme angemeldet wird. Grippale Infekte und Durchfallerkrankungen können in solch einem Leben eine Karriere als willkommene Abwechslung machen. Das geht so lange, bis er sich eines Tages der »Bleiben Sie dran«-Aufforderung widersetzt, seinen Fernseher aus dem Fenster wirft und beschwingt feststellt, dass das Nichtstun seine Berufung ist – und sich mehr und mehr zu einer Philosophie auswächst, die letztlich zur Auflösung der Persönlichkeit führt. Während Herr Jensen im Überfluss der Zeit über die Individualität von Molekülen nachdenkt, verflüchtigt sich seine eigene.
Jakob Hein zeichnet in der Figur des arbeitslosen Postboten den tragischen Helden unserer Zeit – ein durch Sparmaßnahmen und Ämterwillkür stillgelegter Mensch, der gezwungen ist, seine Verzweiflung mit einem positiven Vorzeichen zu versehen, damit er seiner Existenz überhaupt noch etwas hinzuaddieren kann. Es ist nur logisch, dass der Autor ihm keinen Vornamen gibt, denn wer sollte ihn auch noch rufen? Das Kollektiv der Außenseiter ist leider zu groß, um Herrn Jensen noch als solchen zu bezeichnen. Ein Roman, dem es an Schlichtheit, Aktualität und Wahrheit ebenso nicht mangelt wie an gekonnt inszenierter Komik, die der Autor mit einem finalen Erschrecken zu versiegeln weiß.
- Datum 17.05.2006 - 10:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 18.05.2006 Nr.21
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