Belletristik Weiß ist besser als rot und schwarz
Souverän ist, wer sich für keine Partei entscheidet. José Saramago erzählt in seiner politischen Parabel »Die Stadt der Sehenden« von der Bekämpfung mündiger Bürger durch eine abgewählte Regierung
Bald wird in Deutschland wieder gewählt, aber wir wissen schon jetzt, worauf es nach den ersten Hochrechnungen hinausläuft: auf eine mühsam als Wahlanalyse getarnte Beschimpfung der Wähler durch enttäuschte Politiker und verwirrte Vertreter der interpretierenden Klasse. Denn der Wähler wählt ja immer seltener so, wie die großen Parteien es sich wünschen und wie es den Analysten ins Konzept passt. Je offensichtlicher die Handlungsunfähigkeit der Politik auf ihrem verlorenen Posten zwischen Staatsaufgaben und Wirtschaftsinteressen, desto stärker der Verdacht der Bürger, keine wirkliche Wahl zu haben, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie nur noch aus Protest oder dem fatalen Gefühl heraus wählen, man müsse sein Mitbestimmungsrecht wenigstens pro forma wahrnehmen. Manche glücklosen Kandidaten ahnen das wohl und schießen sich deshalb, wie letztes Jahr an vorderster Front Edmund Stoiber, auf das Versagen der Wähler ein, das in Wahrheit ein Versagen der Politik ist.
Doch dank José Saramago sind wir gewappnet. Der neue, grandiose Roman des portugiesischen Nobelpreisträgers ist ein Bollwerk gegen solche ideologischen Attacken, denn er zeigt, wie die Selbstherrlichkeit einer demokratisch gewählten Regierung zur Abschaffung der Demokratie führt. Frei nach Brecht: Wenn die Regierung vom Volk nicht mehr gewählt wird, muss sie es zu ihrem eigenen Schutz bekämpfen. Die Stadt der Sehenden ist eine klassische Was-wäre-wenn-Parabel, die in der namenlosen Hauptstadt eines namenlosen Landes spielt, das noch weniger an Portugal erinnert als die Schauplätze von Saramagos bisherigen Warn-Utopien: Das Steinerne Floß (1968, über die Abtrennung der Iberischen Halbinsel vom restlichen Europa), Die Stadt der Blinden (1995, über die demoralisierende Wirkung einer rätselhaften Epidemie), Das Zentrum (2000, über die Apotheose der Marktwirtschaft in einer totalitären Retortenstadt). Die Erzählzeit ist imaginäre Gegenwart, europäisches Fernsehzeitalter, und die Katastrophe beginnt, wie stets bei Saramago, mit einer relativ harmlos scheinenden unerhörten Begebenheit.
An einem verregneten Wahlsonntag kommen die Wähler der Hauptstadt nicht zur Wahl. Die Wahlhelfer werden nervös und nervöser, die Politiker versuchen, ihre Verwandten herbeizutelefonieren, im leeren Wahllokal breitet sich eine Stimmung aus wie auf einer einsamen, nur von ein paar Schiffbrüchigen bewohnten Insel. Verunsicherung, Bestürzung, Durchhalteparolen. Großes Gezeter der staatstragenden Medien. Doch dann, am späten Nachmittag, klart das Wetter auf, scharenweise strömen plötzlich Wähler herbei, die Politiker atmen auf, die Wahlurnen verschlingen gierig ganze Berge von Stimmzetteln, die Welt ist wieder in Ordnung – bis zur Auszählung der Stimmen. Denn nun stellt sich heraus, dass die Wähler nicht als rettendes Schiff die einsame Insel der politischen Pflichterfüllung angesteuert haben, sondern um ein Misstrauensvotum abzugeben: über 70 Prozent der Stimmzettel sind weiß.
Saramago schildert den perfekten Aufstand, die friedliche Revolution mündiger Bürger nach den Maximen Kantscher Selbstaufklärung. Vor allem aber beschreibt er die Weigerung der Regierenden, ihre Niederlage anzuerkennen und einen Extremfall von Demokratie zu akzeptieren. Politik als solche wird von Saramago, dem einstigen Salazar-Gegner und KP-Mitglied, als bloßes Mittel zum Machterhalt entlarvt. Die Minister in der Stadt der Sehenden sind demokratisch gewählte Herrscher mit absolutistischen Allüren, kritikunfähig, korrupt, und die Presse ist ihr Erfüllungsgehilfe. Um »das bedauerliche Ergebnis« des Wahltags vergessen zu machen und zur »absoluten Normalität des Wahlvorgangs« zurückzukehren, beschließt die Regierung Neuwahlen. Doch oh Wunder: Nun sind 83 Prozent der Zettel weiß. Daraufhin sieht sich der Premierminister »gezwungen«, den Ausnahmezustand zu verhängen. Seinen »lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgern« empfiehlt er Zerknirschung und Reue, sonst müsse er den Belagerungszustand verhängen, so leid es ihm tue, also reißt euch zusammen, denn »die Heimat schaut auf euch!«.
Saramago imitiert perfekt den Jargon parteiübergreifender Uneigentlichkeit, den auch wir aus dem deutschen Bundestag kennen. Der Autor reproduziert schimmlige vaterländische Floskeln und lügenhafte Verbrüderungsgesten, lächelnd ausgesprochene Drohungen und die schlecht verborgene Verachtung gewisser Machthaber für jeden, der ihre Macht infrage stellt. Durch diesen sprachlichen Rückgriff auf vertrauten Politikstil erzeugt der Autor einen rhetorischen Hyperrealismus, der die nachfolgend geschilderten Ungeheuerlichkeiten erst plausibel erscheinen lässt: die Abriegelung der aufständischen Stadt. Die Verhöre vermeintlicher Weißwähler. Den nächtlichen Rückzug der Regierung, der Streitkräfte und Polizeieinheiten. Die Hoffnung des Abgewählten, nun werde Chaos ausbrechen und die reumütigen Bürger kämen auf allen vieren in den sicheren Hafen der bestehenden Verhältnisse zurückgekrochen.
Die Stadt der Sehenden ist ein radikaler Ideenroman, der über weite Strecken nur Räsonnement bietet, subversiven Handlungskommentar statt Handlung. Hier gibt es keine Liebesgeschichte, keine Figurenbiografien, keine spannungssteigernden Rückblenden, keine Begründungen für das Weißwählen, keine unnützen Beschreibungen von Landschaft, Interieur, Physiognomie, überhaupt keine üblichen Lesehilfen, stattdessen einen Wald aus Reflexionen, in dem zynische Pointen und ironische Selbstauskünfte des auktorialen Erzählers wachsen. Das Wenige, was sich ereignet, wirkt dadurch umso drastischer – als ob der Leser aus dem kühlen Schatten der intellektuellen Durchdringung unverhofft ins grelle Licht des Geschehens tritt. »Als der Bürgermeister gerade die Gabel zum Mund führte, wurde das Gebäude plötzlich von einer Explosion erschüttert, die Doppelfenster zersprangen in tausend Scherben, Tische und Stühle fielen um, die Leute schrien und wimmerten, einige waren verletzt, andere hatten einen Schock.«
Ein Frieden ohne Polizei, eine Nächstenliebe ohne Parlament
Die Exilregierung lässt nämlich einen Bombenanschlag verüben, um die verdächtige Ruhe in der Hauptstadt zu stören. Als die Polizei abzog, hatte man noch gehofft, das Volk, die tumbe Masse, werde sich kannibalisieren, aber offenbar ist es fähig zu einem Frieden ohne Polizei, zu Nächstenliebe ohne Parlament. Als die Hauptstadtbewohner, die nicht weiß gewählt haben, mit Sack und Pack aus der Stadt fliehen wollen, aber an der Grenze verdächtigt werden, »Weiße« zu sein, und zurückgeschickt werden, helfen ihnen die echten »Weißen«, ihre Sachen wieder in die Wohnungen zu tragen: »Ein jeder hatte es für sich entschieden, es gab keine Anzeichen für einen Aufruf von höherer Stelle, auch kein Schlagwort zum Auswendiglernen, tatsächlich kamen sie einfach nur herunter und halfen nach Kräften mit, und nun waren sie es, die sagten, Vorsicht mit dem Klavier, Vorsicht mit dem Silbertablett, Vorsicht mit dem Großvater.«
Die Stadt der Sehenden ist keine Fortsetzung der Stadt der Blinden, auch wenn zentrale Romanfiguren wieder auftauchen, sondern ein Gegenentwurf: Während die Erblindeten im ersten Roman sich unter den Bedingungen des Ausnahmezustands bekriegten, verhalten sich die Eingesperrten nun solidarisch.
Der Mensch kann sich direkt für das Gute entscheiden, ganz ohne Politik
Das ist die Utopie, die Saramago, unbeeindruckt vom angeblichen Ende aller Utopien, predigt: Der Mensch könne sich mehrheitlich und direkt für das Gute entscheiden, ohne den Umweg über die Politik. Deshalb erleben auch einige redliche Vertreter des obsolet gewordenen Staates ihre Katharsis. Ein Bürgermeister, der in der Stadt geblieben ist, weigert sich, den Terror der Exilregierung zu unterstützen. Ein Kommissar quittiert seinen Dienst, als der Premierminister das Ermittlungsergebnis, es gebe keine Verschwörung, für inakzeptabel erklärt.
Saramago predigt nicht Anarchie statt Demokratie, sondern zieht lediglich in Erwägung, dass wahre Freiheit weniger auf einem Staatsapparat (und sei er noch so demokratisch) als auf der moralischen Integrität einzelner Bürger beruht und dass die Mutter der Ordnung nicht Ordnungswidrigkeit heißt, sondern Toleranz. Insofern ist Die Stadt der Sehenden ein sehr naives und sehr mutiges Buch. Naiv, weil es noch an eine Menschheit glaubt, die, wenn sie nur wollte, besser sein könnte, als sie ist. Mutig, weil der Autor sein tiefes Misstrauen gegen dieselbe Menschheit in einen politischen Roman transformiert, der keiner belletristischen Mode folgt. Er handelt nicht von den Spezialsorgen des kleinen Einzelnen, sondern vom großen Ganzen. »Ich bin ein junger Autor«, hat der Landarbeitersohn, dessen erster Roman 1977 erschien, vor nicht allzu langer Zeit einmal gesagt. Die Stadt der Sehenden ist das Buch eines jungen Autors von 83 Jahren, geschrieben mit eigensinniger Weisheit und frischer Wut.
- Datum 18.05.2006 - 10:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 18.05.2006 Nr.21
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