Belletristik Als Ismael aus der Boeing fiel
Norbert Zähringers Roman »Als ich schlief« ist virtuos und kalt erzählt
Blenden wir einen Roman zurück: Ein Mann geht mitten in der Nacht zum Zigarettenautomaten, wirft Münzen ein, statt »Kal-akschlik« macht es ungesund nur »Ka-lak«. Nichts weiter tut sich, der Mann verschwindet für immer und aus dem Roman von Norbert Zähringer. Doch die Drei-Peso-Münze, die den Automaten blockiert, weil sie im Schacht stecken bleibt, die geht ihren Gang durch das Buch, bis sie auf Seite 400 die große Bank sprengt, mitten in Berlin. Das Geldstück und die Maschine sind es, die den fulminanten Erstling von Norbert Zähringer bestimmen. Es geht um das Geld- und Bankwesen, um den Sound der Mechanik und das große Nichtfunktionieren. Zähringers literarische Chapliniade wurde vor fünf Jahren sehr wohl gewürdigt, ihre Großartigkeit indessen nicht wirklich anerkannt. Damals passierte in der deutschen Literatur zu viel Gutes auf einmal. Man war verwöhnt und wollte nicht schon wieder ein Junggenie ausrufen.
Fünf Jahre später ist, funktional gesehen, aus der deplatzierten Peso-Münze ein deplatzierter afrikanischer Armutsmigrant geworden, der an einem Märztag 1985 aus einem Schacht fällt, aus dem Fahrwerkschacht nämlich der Boeing 727 des amerikanischen Vizepräsidenten Bush, kurz vor der Landung in Berlin. Um diesen vergleichsweise sanften Fall in einen Altpapiercontainer baut sich nun der zweite Roman Zähringers herum. Bevor der schwer unterkühlte Ismael vom Himmel fällt, hat der Erzähler das Terrain wohl bereitet. Wir haben Paul Mahlow kennen gelernt, den Security-Mann, der Ismael entdeckt; seinen Freund Gonzo, der hauptberuflich demonstrieren geht; Alp Tazafhadi, den Erzähler, der seinen Notarzt-Onkel Yilmer im Rettungswagen kutschiert; Miss Ellie, die lila gewandete, hennahaarige WG-Feministin, die die Jungs an der Kandare hält; und manch anderen Kleinkriminellen, Bummelstudenten, Sicherheitsfascho und hammelhirnschlürfenden Gastarbeiter. Es läuft das Kalter-Krieg-Spiel, das Chaoten- und Bullen-Spiel und das Berlin-ist-eine-Insel-Spiel, grell illuminiert, turbulent, komisch, idyllisch kaputt.
Ein Kabinettstück der Komik, sinnlos und sinnenfroh
Und nun kommt Ismael geflogen, ein Jüngling noch, und schlägt ein wie ein Meteorit im Schrebergarten. Zähringer spitzt die Situation zu. Erst wechselte er die Akteure und Szenen alle paar Seiten, jetzt schneidet er die parallelen Ereignisse absatzweise, schließlich satzweise gegeneinander. Maximale Beschleunigung, bis Ismael ohne Erinnerung und Alp Tazafhadi ohne Bewusstsein im Krankenhaus liegen. Nach 100 Seiten ist der Roman auf dem Höhepunkt und ein erstes Mal zu Ende. Ein Kabinettstück humoristischer Prosa, kalauernd-komisch, sinnlos und sinnenfroh; und was das Ganze zusammenhält, ist die Macht des Zufalls, jener höheren Unwahrscheinlichkeit, die der Verstand automatisch in Schicksal, Vorsehung oder noch Höheres verwandeln möchte. Gut gemacht!
Doch dann passiert etwas, was wir ansatzweise auch schon aus Zähringers So kennen. Starke Rückblenden versorgen den Roman mit historischem Unterfutter. In So waren es Szenen aus dem Ersten, dem Zweiten und dem Dritten Weltkrieg, erkennbar erfunden, brutal-amüsant, mehr Billy Wilder als Erich Maria Remarque. In Als ich schlief sieht die Sache etwas anders aus. In den Mittelpunkt des Romans schiebt sich nach und nach der Großvater des Erzählers, der »Eisteufel«, ein Naziunhold erster Ordnung, der medizinische Experimente an Juden durchführt. Seine Spezialgebiete sind Druckbelastung in großer Höhe und Kälteresistenz. Ausführlich werden die mörderischen Experimente geschildert, wir aber sind, noch eingestimmt auf die slapstickhafte Komik des ersten Romanteils, gar nicht in der Lage, mit diesem Input an Grausamkeit umzugehen. Das komische Bild ist auf einmal nicht mehr komisch. Isoliert und fremd hängt es zwischen allen Gefühlsmustern und lässt sich kaum mehr in den Roman integrieren.
Dabei unternimmt Zähringer allerhand, um uns über das Makabre zum Absurden und weiter ins Heitere zu führen. Er öffnet die Geschichte ins Gestern und Heute. Der »Eisteufel« heißt jetzt Zumvogel und ist nach langer Flucht in die USA gelangt, wo er am »Institut für angewandte und experimentelle Raumfahrtmedizin« seine Versuche an illegalen mexikanischen Einwanderern fortsetzt. Nun folgt neben der Familiengeschichte die zweite Verbindung zu unserem Berliner Milieu. Zumvogel liest in der New York Times einen Artikel über den Fall Ismael und holt das erinnerungslose afrikanische Bürschchen zu sich nach New Mexico. Einen solchen Fall von Kälteresistenz darf er sich einfach nicht entgehen lassen.
So gerät die »Drei-Peso-Münze« des Romans Als ich schlief, der ismaelitische Zu-Fall aus dem Himmel, in die Fänge des medizinischen Teufels, und die Folterungen wiederholen sich am schwarzhäutigen Objekt. Aber bald naht die Rache. So richtig froh wird man des halbwegs guten Endes nicht, zu tief schon ist man in den Kerker der menschlichen Bosheit gefallen, um befreit lachend daraus wieder aufzusteigen.
Damit wäre ein zweiter Roman im Roman zu Ende. Auf die Farce folgt die Tragödie folgt die Farce. Die Kuriositätenschau geht weiter, so wahr Norbert Zähringer ein Mechaniker ist, der die Rädchen und Riemchen der Romanmaschine sauber und geräuscharm ineinander greifen lässt. Schließlich haben wir Ismael, gerettet zwar, aber nicht erlöst, in Eisteufels Labor verloren. Der letzte Teil also gehört Ismaels weiterem Werdegang als amerikanischer Selfmademan und wieder Scheiternder, bis in einer Wiederholung der dramatischen Parallelaktion vom Romanbeginn sich die Sache erneut zuspitzt. Der Retter von Ismael, Paul Mahlow, inzwischen erfolgreicher Geschäftsmann, kurvt mit einem schweren SUV um den Flughafen von Los Angeles; Ismael, von höherer Fügung getragen, geht ebendort zu Fuß, während ein kleines Mädchen seinem Puppenwagen auf die viel befahrene Straße nachläuft… Der einst Gerettete wird zum Retter, und der klug komponierte Roman hat sein äußeres Gleichgewicht erreicht.
Hier erzählt ein Komapatient, dort ein Glasauge
So war es schon in So. Und dort war es besser. Weil nämlich die erzählerische Spekulation mit dem Zufall viel besser funktioniert, wenn wir nicht auf härtestes quasihistorisches Material gestoßen werden. Das komisch-kühle Literatur-Spiel will dann nicht mehr so recht, schon gar nicht heiter, gelingen.
Und dann ist da noch der Erzähler. In So ein schlafender Pförtner mit einem »offenen Auge aus Glas, an dem die Jahre vorbeizogen«, so die letzten Worte des Romans. In Als ich schlief ist es Alp im Koma. Alp Tazafhadi war mit seinem Rettungswagen in die Demonstration gegen den US-Vize Bush geraten und unsanft ins Koma befördert worden. Warum macht Zähringer einen Komapatienten zum Erzähler, einmal abgesehen davon, dass literarische Komapatienten zurzeit in Mode sind? Nicht nur bei Robin Cook und Michael Crichton und wiederholt bei Marc Levi, auch auf deutsch haben wir den voll getexteten Komapatienten bei Ulrike Kolb; und die voll getextete Komapatientin bei Roger Willemsen; und jetzt schließlich den erzählenden Komapatienten selbst. Anders als die heißblütigen Monologisierer, die jemanden auf die Seite des Lebendigen ziehen wollen, ist Zähringers Erzähler immer ein Glasauge: kalt, unbeteiligt, also fähig zu Spaß und Spott ohne moralische Verluste. Aber da ist noch der Leser, keineswegs kalt und kichernd, sondern zweifelnd, ob mit Entsetzen Scherz zu treiben in solcher Gleichmut gehörig ist. Ästhetisch und nicht moralisch gefragt: ob die Gewichte stimmen, ob Tragisches und Komisches, Erhabenes und Lächerliches gut austariert sind, ob überhaupt die Fallhöhe stimmt – in einem Roman, der von nichts handelt als von einem tiefen Fall. Zähringer ist ein Erzähltalent. Er lässt die Puppen tanzen, die mechanischen, und wie! Doch wie das so ist mit Glasaugen und Komapatienten, es fehlt ihnen die … Empathie.
- Datum 17.05.2006 - 10:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 18.05.2006 Nr.21
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