Sucht Therapie extrem

Wer an der derzeit erfolgreichsten Entwöhnungskur für Alkoholabhängige teilnimmt, muss auf einiges gefasst sein. Manchmal ruft der Arzt den Chef an. Oder er kommt nach Hause und kriecht unters Bett

Wolfgang R. kann sich nicht daran erinnern, wie er in die Klinik gekommen ist. 52 Jahre war der Hochschuldozent alt, als er im Hörsaal zusammenbrach. Er trank jeden Abend drei Flaschen Wein. Die Ärzte gaben ihm keine vier Wochen mehr.

Ursel V. wollte Schluss machen. Hepatitis C und Alkohol hatten ihre Leber ruiniert, für eine Transplantation hätte sie trocken werden müssen. Doch ohne ein Glas Wodka, erzählt sie, konnte sie morgens nicht einmal aufstehen. Sie spülte eine Packung Schlaftabletten mit Wodka runter – und schleppte sich dann doch irgendwie zu einem Taxi. Dort sagte sie nur: »Auf die Neun, bitte, ich habe Tabletten genommen.« Da sei der Taxifahrer losgerast.

»Die Neun« ist die Entgiftungsstation der Psychiatrischen Uniklinik Göttingen. Als Wolfgang R. und Ursel V. dort landen, ist es für sie eigentlich schon zu spät. Doch nach ein paar Tagen Entzug steht ein Therapeut vom benachbarten Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin an ihrem Bett und macht ihnen ein Angebot: Sie könnten an einer neuartigen Therapie für Alkoholiker teilnehmen. Er sagt, dass nur wenige diese Chance bekommen, dass die Therapie lange dauern und bestimmt kein Spaziergang werde. Denn es sei alles erlaubt, um sie vom Alkohol fern zu halten – Urin- und Blutuntersuchungen, Gespräche mit Eltern, Freunden und Arbeitgebern, Kontrollanrufe, unangemeldete Besuche von Therapeuten, die ihre Wohnung zur Not auch auf Knien nach Schnaps durchforsten. Und sollten die Patienten doch zur Flasche greifen, würde ein spezielles Medikament dafür sorgen, dass ihnen fürchterlich übel werde. Für Alkoholiker wie Wolfgang R. und Ursel V. gleicht das Programm einem Gang durch die Hölle. Heute, einige Jahre später, sagen beide: »Alita hat mir das Leben gerettet.«

Das Kürzel Alita steht für Ambulante Langzeit-Intensivtherapie für Alkoholkranke; dahinter verbirgt sich das derzeit erfolgreichste Konzept für die Therapie schwerst alkoholkranker Menschen. Wer an dem Programm teilnimmt, wird zwar nicht in eine Klinik gesperrt, aber dennoch zwei Jahre lang überwacht und umsorgt; er muss häufig zu kurzen Therapiesitzungen kommen – in den ersten drei Monaten nach dem Entzug eine Viertelstunde täglich. Und er muss so genannte Alkohol-Aversiva schlucken, Medikamente, die den Alkoholabbau im Körper verhindern; wer danach dennoch trinkt, erleidet eine schwere Vergiftung. Die Alita-Therapeuten – insgesamt sind es fünf bis sieben, die sich in einem Rotationssystem um die Patienten kümmern – sind 24 Stunden am Tag erreichbar. Umgekehrt gilt: Wer nicht zum verabredeten Termin erscheint, »den stöbern wir auf«, sagt die Psychiaterin und Alita-Projektleiterin Hannelore Ehrenreich. Denn es gelte unter allen Umständen zu verhindern, »dass es zum Rückfall kommt«.

Alita ist der Albtraum aller Krankenkassen, lang, aufwändig, teuer. Doch die Göttinger haben Erfolg: Von 180 schwer alkoholabhängigen Menschen, die das Programm seit 1993 durchlaufen haben, ist über die Hälfte trocken geblieben. Das belegt eine Studie, die die Göttinger Anfang des Jahres vorstellten. Dabei hatten die Studienteilnehmer eine denkbar schlechte Prognose. Sie waren mindestens zehn Jahre alkoholkrank, die meisten hatten bereits gescheiterte Therapien hinter sich. Nach gängigen ambulanten Therapien werden 80 bis 94 Prozent solcher Patienten bereits in den ersten zwei Jahren rückfällig.

Das Konzept der Göttinger bricht mit zwei weit verbreiteten Annahmen in der Therapeutenszene. Der erste Irrtum lautet: Alkoholiker müssten aus eigenem Antrieb trocken werden wollen, nur dann sei eine Therapie erfolgreich. Das hat Alita klar widerlegt. »Woher der Druck kommt – ob vom Patienten selbst, vom Arbeitgeber oder der Familie –, ist völlig egal«, sagt Ehrenreich, die in Göttingen die Division Klinische Neurowissenschaften am MPI für experimentelle Medizin leitet. Ihre Probanden hätten im Schnitt einen Liter Hochprozentiges pro Tag getrunken. »Da kann man keine Eigenmotivation mehr erwarten«, erzählt Ehrenreich.

Zum Wohl des Patienten brechen die Therapeuten auch Türen auf

Zweiter Mythos: Ein Therapeut solle dem Patienten nicht hinterherrennen. In Göttingen sieht man das anders. Hier wird »aggressive Nachsorge« betrieben. «Wir haben unsere Patienten fest im Griff«, sagt Ehrenreich resolut. Ein Rückfall sei ein Notfall, und da sei alles erlaubt, was helfe. Erscheint ein Süchtiger nicht zum verabredeten Termin und ist telefonisch nicht zu erreichen, machen sich zwei Therapeuten auf die Suche. Sie durchkämmen Kneipen, klingeln bei ihm zu Hause, alarmieren Familie, Freunde, manchmal auch eingeweihte Arbeitgeber. Bisweilen brechen sie sogar Türen auf. Manchmal finden sie den Patienten mit einem Asthmaanfall im Bett. Oder nach einem epileptischen Anfall verletzt auf dem Boden. Meistens ist er total blau. Dann versuchen die Therapeuten, ihn auf »die Neun« zu bringen. Vor Therapiebeginn müssen die Alkoholkranken einen Vertrag unterschreiben, dass sie mit all diesen Maßnahmen einverstanden sind. Ursel V., die eine neue Leber und ein neues Leben wollte, war einverstanden. »Ich wusste, die kümmern sich um mich«, erklärt sie, »da biste am Haken.« Sie unterschrieb noch am selben Tag.

»Als ich gelesen habe, was die mit mir vorhaben, habe ich gesagt: Niemals!«, erinnert sich Wolfgang R. Unheimlich sei ihm das Forscheraufgebot hinter der Studie gewesen, »Professor Doktor Doktor Ehrenreich« war ihm regelrecht lästig, weil die einfach nicht locker gelassen und ihn immer wieder angesprochen habe. Nach drei Wochen habe er sich schließlich doch zur Therapie durchgerungen – »meiner Frau und meiner Tochter zuliebe«. Die täglichen Viertelstundensitzungen in der Uniklinik fand er anfangs überflüssig, einige Therapeuten habe er nicht gemocht. Aber Wolfgang R. hielt durch. Er meldete sich brav zur vereinbarten Zeit aus dem Urlaub, schluckte zu Beginn jeder Sitzung seine Alkohol-Aversiva und lieferte ein Becherchen Kontroll-Urin ab. Seit Beginn des Programms hat er – wie Ursel V. – nie wieder Alkohol angerührt.

Andere Patienten waren nicht so standfest. Doch schon beim ersten Glas bekamen sie die Wucht der Akohol-Aversiva zu spüren: Der Kopf wird knallrot, man fühlt sich übel, muss erbrechen, und der Blutdruck spielt verrückt bis hin zum Kreislaufkollaps. Denn die Aversiva-Wirkstoffe Calciumcarbimid und Disulfiram verhindern die Bildung eines bestimmten Enzyms, der Acetalaldehyd-Dehydrogenase. Sie ist am Abbau des Alkohols vor allem in der Leber beteiligt, indem sie das giftige Alkoholzwischenprodukt Acetaldehyd in das harmlose Acetat umwandelt. Wer trotz Alkohol-Aversiva trinkt, erleidet eine Vergiftung durch das aufgestaute Acetalaldehyd.

Bereits in den fünfziger Jahren wurden Disulfiram und Calciumcarbimid eingesetzt. Damals waren die Ärzte wenig zimperlich: Manche empfahlen den Patienten einen kräftigen Probeschluck auf die Aversiva, des Lerneffekts wegen. Die meisten verschrieben die Mittel wie Kopfschmerztabletten und überließen die korrekte Einnahme den Alkoholkranken. Die verzichteten zu Hause dann lieber ganz darauf oder bekamen von der leidgeprüften Ehefrau eine Extradosis ins Essen gemischt – beides war der Therapie nicht zuträglich. Als es Tote gab, wurden die Alkohol-Aversiva geächtet.

Jahrzehntelang waren sie aus der Alkoholikertherapie in Deutschland verschwunden. Bei Alita schlucken die Patienten die Tabletten – reine Abschreckdosen, die unangenehm, aber nicht lebensgefährlich werden können – unter Aufsicht; außerdem werden sie immer wieder über die Wirkung aufgeklärt. Metaanalysen zufolge sind die Alkohol-Aversiva wirksamer als moderne Anti-Craving-Substanzen wie Acamprosat, das seit zehn Jahren in Deutschland zugelassen ist. Acamprosat greift in den Neurotransmitter-Haushalt im Gehirn der Süchtigen ein und reduziert so deren Verlangen nach Alkohol. Doch mit solchen Medikamenten allein ist die Sucht meist nicht zu heilen. »Sucht ist zu komplex und individuell zu verschieden«, sagt Ehrenreich, mit einer Pille sei es nicht getan. »Eine Therapie muss an jeden einzelnen Patienten angepasst werden«, ergänzt Alita-Therapeut Henning Krampe, was dem einen helfe, helfe dem anderen noch lange nicht. Eine Erfolgsquote von 50 Prozent bedeutet eben auch, dass 50 Prozent nicht trocken geblieben sind. Rückfällig wurden die Patienten, die am längsten abhängig waren oder ausgeprägte Persönlichkeitsstörungen hatten – nicht etwa jene, die wenig motiviert in das Programm gegangen sind.

Ursel V. hat viel Glück gehabt. Und inzwischen auch eine neue Leber

Mittlerweile ist Alita unter Suchtforschern anerkannt, es wird in den neuesten Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie für die Nachbehandlung von Alkoholikern empfohlen. Doch die Umsetzung in den Klinikalltag scheitert am Geld. Die Krankenkassen weigern sich, die Kosten von 18 000 Euro für das aufwändige Programm zu übernehmen. Dennoch soll Alita nun in mehreren deutschen Kliniken multizentrisch überprüft werden. Die ProVivere GmbH, eine Tochter der LBK Hamburg (ehemals Landesbetrieb-Krankenhäuser), bietet die Therapie bereits seit August 2005 an – bezahlen müssen hier allerdings die Patienten selbst. »Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht möglich, die angepeilte Zielgruppe zu erreichen – schwerstabhängige Alkoholiker, die meistens arbeitslos sind«, klagt die Hamburger Alita-Leiterin Karin Bonorden-Kleij. Derzeit nehmen ihr Programm gerade einmal fünf Patienten in Anspruch.

Ursel V. und Wolfgang R. dagegen durften als Probanden kostenlos an der Alita-Studie teilnehmen. Dafür sind sie noch heute dankbar. Ursel V. hat inzwischen eine neue Leber und erzählt fröhlich, wie sie ihren Therapeuten erst neulich beim Einkaufen getroffen hat. Wolfgang R. arbeitet nach wie vor als Hochschuldozent, ist gerade Großvater geworden und fühlt sich nach eigenem Bekunden »blendend«. Nur eine Packung Disulfiram-Tabletten im Nachttisch erinnert ihn noch an seine Sucht. »Wenn ich irgendwo eingeladen bin und befürchte, schwach zu werden«, sagt er, »dann nehm’ ich einfach eine.«

 
Leser-Kommentare
  1. Im Großen und Ganzen bin ich geneigt, der beschriebenen Therapieform als "Zwangsbeglückung" zuzustimmen. Es ist richtig, dass der "Druck von Aussen" sicherlich den Weg in Therapie frei macht und sogar vorschreibt, wie genau er Schritt für Schritt zu gehen ist. Auch ich als ehemals "hart"-Alkoholabhängiger mit mehr als 1 Fl. Hochprozentigem /Tag konnte aus eigener Kraft nicht den Anstoß geben, um die Blase zum Platzen zu bringen. Mein damaliger Vorgesetzter hat vor 17 Jahren meinen Ausstieg vorbereitet und mir sehr zugewandt das Angebot gemacht, eine "normale" Langzeittherapie zu machen. Ich fühlte mich sofort in Sicherheit, und darauf kam es an. Als diese Brücke geschlagen war, sie war wie gesagt nur der Piekser, erlebte ich schlagartig, wie als zwingende Folge meine Eigenmotivation einsetzte. Von dieser Zeit an bin ich nach 4 Monaten stat. Therapie, ambulanter Nachsorge und vor allem mehr als 10 Jahren Selbsthilfegruppe lebendig im Leben, eigentlich hat es mit dem Piekser des Engels in Form meines Chefs erst begonnen. Ich konnte mich selbst neu gebären, und mich entscheiden zu leben. Also, es muss nicht der Satz im Artikel zwingend stehen bleiben, dass nach einer bestimmten Menge Alkohol über lange Zeit davon auszugehen ist, dass keine Eigenmotivation mehr vorhanden ist. Sie ist in dem kleinen Licht am Ende des Tunnels enthalten, das immer noch, auch im tiefsten Strudel noch zu erkennen ist.

    • noart
    • 24.05.2006 um 14:34 Uhr

    Nach der Einleitung wo zwei menschliche Extrembeispiele anektdotenhaft beschrieben werden, kommt der Author auf die Idee, daß Alita das derzeit erfolgreichste Konzept für Alkoholkranke Menschen ist. (Seite 1, Abschnitt 5)

    Auf Seite 3 werden wir als willige Leser dann darüber informiert, daß ALITA eine Erfolgsquote von 50% hat.

    Einen Satz weiter dann die Meinung, daß die Menshcen die wenig motiviert in das Programm hineinkommen die wenigsten Erfolgsaussichten haben öfter zu den glücklichen 50% gehören.

    Auf Seite 2 wurde ich allerdings schon informiert wie der erste Irrtum lautet:

    "Alkoholiker müssen aus eigenem Antrieb trocken werden wollen, ... Das hat Alita klar widerlegt."

    Das waren die Widersprüche bisher.

    Ok, weiter im Text mit widersprüchlichen Aussagen.

    Seite 1 behauptet, daß Alita der Alptraum (nicht Albtraum) aller Krankenkassen ist.

    Auf Seite 3 steht dann das die ProVivere GmbH, eine Tochter der LBK Hamburg diese Therapie zwar anbietet, die Patienten die Kosten von 18000 EUR selber tragen sollen. Die hatten auch nur 5 Patienten bisher.

    Was www.alita-olita.de laut eigener Aussage anbietet ist wohl eher ein Franchise-Programm.

    Und die Probanden waren wohl eher nicht Krankenkassen finanziert, sondern eher gesponsort.

    Die vollkommene Kontrolle über alle Lebensbereiche durch Kontrollfreaks, die mit Dr. Eisenbartmethoden einen Psychtoterror veranstalten, der dann auch Therapie genannt wird dank akademischer Titel ist dann nur noch peinlich.

    Gefährlich wird es an dem Punkt wo einerseits der Einsatz von chemischen Mitteln (Antabuse) schön geredet wird. Darauf hinwiesen wird, daß sogenannte Therapeuten auch Türen aufbrechen und schon mal jemand mit einem Asthmaanfall oder Kreislaufkollaps vorfinden. (Seite 2)

    Auf Seite 3 erfähr man dann, daß mit diesem Zeugs schon in den 50er Jahren experimentiert wurde und nach genügend Toten der Hype um Aversia die Verschreibungswut nachließ.

    Was ich mich dabei frage, ist, wieviel Tote es unter den 180 Probanden gab? Ist die Therapie vielleicht gefährlicher als das was bekämpft werden soll?

    Das Hinterherlaufen und das Stalking, das Aufsuchen von Arbeitgebern, Freunden und Familienangehörigen hat mich zumindest fast alles gekostet.

    Das war nicht Alita. Alita hat da kein Copyright auf Psychoterror unter dem Deckmantel der Therapie im Suchtbereich. Die sind da unschuldig. Nur die Methoden waren gleich.

    Einen Arbeitsplatz nach 20 jähriger Tätigkeit durch Mobbing verloren, einen anderen läppischen 640 DM Job Jahre später ebenfalls durch Mobbing. Zu der Zeit hatte ich bereits 2 Jahre ohne fremde Hilfe Abstinent gelebt und anschließend noch mal 2 1/2 Jahre.

    Das Freundschaften und Familienbande eben durch diese aufdringlichen und lästigen Helfernaturen unwiderruflich kaputt gemacht wurden, hat in langen Jahren niemand dazu bewogen auch nur ein Wort des Bedauerns auszusprechen.

    Und das alles in dem oft mißbrauchten Namen des "Helfens".

    Wir wollen ja nur helfen.

    Zu den ganzen Verlusten kommt dann bei mir noch ein unbeschreibliches Ekelgefühl vor dieser Art Helfernaturen und deren Argumentationslinien.

    Detlef

    [link gelöscht]

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  • Quelle DIE ZEIT, 18.05.2006
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