Experimental Der Sex der Melodie

Feldneun - Drei Männer aus Hamburg in offener Landschaft

Es ist, als zögen Wolken über einen strahlend blauen Himmel. Jede Wolke für sich und doch alle zusammen; es herrscht ständige Veränderung und doch Gleichmaß. Die Wolken treffen sich hier oder dort, stoßen sich ab, verbinden und überlagern sich, stimmen gemeinsam ein neues Formenspiel an.

Die Töne von Trompete, Kontrabass, Powerbook sind in stetem Wandel begriffen; sie decken das ganze Spektrum zwischen eiseskalten Flageoletts und der Wärme im Souterrain des tonalen Raums ab, zwischen kristallin klirrenden Geräuschen, dem gefährlichen Knistern elektrischer Fehlschaltungen und den beiläufigen Rhythmen aus dem urbanen Alltagsleben. Und schließlich heizen sie sich auf an der Wärmestrahlung einer gedämpften Trompete.

Feldneun ist ein Trio aus Hamburg. Drei Pioniere: der Powerbook-Musiker Uwe Haas, der Kontrabassist Johannes Huth und Trompeter Michael Leuschner bewegen sich an einem unbesiedelten Ort, Terra incognita irgendwo am Rande der konventionellen Stilbeschreibungen, in der Schnittmenge zwischen analog und digital, akustischer Beweglichkeit und elektronischer Experimentierfreude.

Streng mag einen diese Musik zunächst anmuten, als eine musikalische Variation auf Lars von Triers filmisches Dogma, in ihrem Verzicht auf vorgefertigte Soundspielereien und auf die Schlagsahne aus dem Hallgerät. Doch Stringenz und Klarheit zahlen sich auch in der Freiheit der Improvisation aus. Die drei Musiker spielen mit den Klängen, den erwünschten, schönen; den geduldeten; den unerwünschten grellen; sie demontieren die überlieferten Rollen im Gefüge ihrer Musik und lassen dabei kein Bausteinchen unüberprüft.

Das verschafft ihnen Luft und überdies die Freiheit, sich mit voller Überzeugung wieder dem Sex-Appeal einer schönen Melodielinie zuwenden zu können. Und das tun sie gern, wenn es der Ausdrucksstärke ihrer Musik dient.

Mit großer Spielruhe und Präzision im freien Zusammenspiel entwickelt das Trio eine Folge atmosphärisch dichter Klanglandschaften, die sich jeder eindeutigen Zuordnung entziehen und damit weite Assoziationsräume öffnen. Felder, Himmel, Wolkenbilder – sie sind nur der Anfang der Gedankenfilme.

Feldneun
(blue pearls music/Indigo) bpm 6780-2

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 18.05.2006
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    • Schlagworte Musik | Dogma | Trier | Hamburg
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