Pop Uncool heißt jetzt cool
Musik wie aus der Eiscremewerbung – nur eleganter: Mit »It’s never Been Like That« spendiert die französische Popband Phoenix eine Riesenportion Easy Listening

Beim Stichwort Pop aus Frankreich beginnt die Assoziationsmaschine auf Anhieb zu schnurren: große Gefühle und ausgeprägte Persönlichkeiten, verrauchte Liebesschwüre starker Stimmen oder filigrane Elektronik findiger Soundbastler, dazu Eleganz, Sex-Appeal und eine gewisse Androgynität – die Zuständigkeitsbereiche sind klar festgelegt, und das lange nach der Blütezeit von Serge Gainsbourg, Gilbert Bécaud oder Jean Michel Jarre. Wenn später Hinzugekommene wie das Männerquartett Phoenix auch noch internationale Erfolge feiern, helfen alle Gegenbewegungen und Underground-Offensiven wenig: Das Klischee ist nicht zu besiegen.
Man kann aber auch offensiv damit umgehen. Mit ungebremster Hinwendung zu beschwingten Vierviertelrhythmen und eingängigen Folkriffs, mit für Indie-Pop-Verhältnisse geradezu selbstverleugnender Bereitschaft zu tonaler Stromlinie und textlicher Verständlichkeit haben die vier Mittdreißiger von Phoenix zehn Stücke auf ihr neues Album It’s Never Been Like That gepackt, die vielen ihrer Kollegen im Genre womöglich peinlich wären. Sollen sie sich doch schämen! Und sich weiter in trotzige Randgebiete schreddeln. Phoenix bekennen sich auf ihrer mittlerweile dritten Platte in sechs Jahren zu einem Gestus, der im zunehmend unübersichtlichen Zeichenwirrwarr mainstreamkritischer, aber dennoch massentauglicher Gitarrenmusik rar geworden ist: zur Leichtigkeit. Also jener Art gespielter Traumtänzerei, die die Klangkultur östlich des Rheins leider importieren muss.
Eigentlich klingen Phoenix so französisch wie der Radetzkymarsch
Nicht etwa, dass France Galls Engelssoul über der hellen Allerweltsstimme von Thomas Mars schwebt oder die loungigen Technoteppiche der befreundeten Air über Christian Mazzalais Leadgitarrenspiel; eigentlich klingen Phoenix so französisch wie der Radetzkymarsch. Doch die vier Jugendkumpels aus dem Großraum Paris wirken dabei so entspannt, wie es wohl am besten die Wurzeln des Chansons (v)erklären. Auf allen Titeln herrscht eine Zwanglosigkeit, die sich hart am Rande des Erträglichen, manchmal fast Seichten bewegt – dann aber genau daraus ihre Souveränität bezieht.
Consolation Prizes etwa, das zweite Lied, hätte auch aus einer Eiscremewerbung der Achtziger stammen können. Die mit Abstand robustesten Gitarrenläufe bei Lost and Found würden selbst in einem Hollywoodstreifen mit Meg Ryan nicht stören, und das mit Abstand härteste Schlagzeug von Courtesy Laughs sogar dann nicht, wenn auch noch Tom Hanks mit von der Partie wäre. Man muss sich It’s Never Been Like That schon vier-, fünfmal anhören, bis es einem nicht gefällig, sondern unaufgeregt, ehrlich und selbstbewusst erscheint. Dann aber wirkt es, dieses Wagnis des ultimativen Rebirth of the Uncool. Genau genommen ist es sogar eine Wieder-Wiedergeburt, eine, die laut Thomas Mars alles Bisherige ganz weit hinter sich lassen will, weshalb er genau das unentwegt besingt. I’ve changed / you’ve changed / it’s not the same, trällert er in Second to None, gut gelaunt wie immer.
Veränderung als Rückkehr in eine wie auch immer geartete Normalität – das hat bei Phoenix durchaus Methode. Schon mit ihrem Debüt United gingen Mars, Mazzalai, Laurent Brancowitz (Gitarre) und Deck d’Arcy (Bass) den Weg des eher geringen Widerstands. Mischformen verschiedener Stile von Chartpop,Alternativrock und futuristischen Housesamples vermengten sich dort auf vertikaler Ebene zu einer sprunghaften Melange. Auf horizontaler Ebene waren die einzelnen Stücke dagegen mit ihren Computerdrums und Orgeleinsprengseln allesamt gut arrangiert, ohne dabei neu oder richtungsweisend zu sein. Der Nachfolger Alphabetical klang dann sogar noch ein bisschen gradliniger, aber eben auch versierter, schon weniger unnahbar. Mit beiden Alben verzeichneten sie – das Majorlabel EMI im Rücken – im Gegensatz zu den ersten eigenproduzierten Singles beachtliche Verkaufserfolge in halb Europa und koppelten Singles mit Wiedererkennungswert und Eigensinn aus.
Das kam in feuilletonistischen Kreisen ebenso gut an wie beim Publikum durchhörbarer Dudelsender. Sofia Coppola lieh sich vom Erstlingswerk ein Stück (Too Young) für ihren Film Lost in Translation aus, ihr Bruder Roman verfilmte mit Long Distance Call vom neuen Album gerade das zweite Phoenix-Lied, und die Auskopplungen von Alphabetical sind nach wie vor im Radio zu hören – vielleicht kein Zeichen besonderer Güte, aber in diesem Fall eines für Breitenwirkung mit Niveau.
Die Stärke von Phoenix ist zweifelsohne ihr Mangel an Eitelkeit. Sie findet eines ihrer vielen Echos in den Promo-Texten des Labels, die in anderen Fällen vor kritikfreien Elogen an die musikalische Exklusivität ebenso strotzen wie vor griffigen Genrebezeichnungen. An keiner Stelle der PR findet sich eine andere Umschreibung als die Zahl der Musiker (vier) und deren Herkunft (Frankreich/Paris). Dies aber fällt in Permanenz, als müsste man dem Publikum die Englisch singende Band aus einem Land, in dem selbst für Tie-Break eine Übersetzung gefunden wurde, ständig genau erklären; als stünde Frankreich wie in den Sechzigern per se für anspruchsvolle Musik und ihre Protagonisten grundsätzlich für deren Prototypen.
Das ist Musik für warme Sommertage und gewisse Stunden im Winter
Immerhin: Thomas Mars sieht mit Bubikopf, dunklen Augen und einem irgendwie haarlosen Dreitagebart derart französisch aus, wie man es eigentlich schon seit den Tagen von La Boum – Die Fete nicht mehr gewohnt ist. Schon seltsam, dass Phoenix das fluffigste ihrer Alben im technoiden Ambiente der Ostberliner Planet-Roc-Studios eingespielt haben. Man könnte vermuten, sie wollten sich in der eher düsteren germanischen Metropole ein paar Kanten ins Repertoire hauen, um sich daheim im beschaulichen Versailles wieder davon zu befreien – vom Schatten auf dem Sonnenscheingefühl einer Platte nämlich, die sie ausgerechnet in den Mai entlassen. Dazu passt, dass die Vier in derselben Wohngemeinschaft leben und sogar ihre Plattensammlung miteinander teilen sollen. Auf die Freundschaft! Wenn I t’s Never Been Like That eine moderne Platte sei, heißt es im Klappentext, dann »einzig und allein deshalb, weil Integrität gerade wieder modern ist«. War das jetzt Analyse oder Appell?

Wohl eher Zweites. Die französische Musikszene ruft gern mal zum nationalen Neustart mit globaler Wirkung auf. Vor rund 25 Jahren mit einer Elektro-Welle, vor 15 mit einer HipHop-Welle, vor knapp fünf mit einer Rock-Welle, zwischendurch mit einer House-Welle. Und nun also mit einer Folkpop-Welle? Bitte nicht! Noch alle französischen Bewegungen hatten bislang das Potenzial zur grenzübergreifenden kulturellen Einflussnahme und damit – Stichwort Air, MC Solaar, Daft Punk – oft überrascht. Doch diese hier birgt eher die Qualitäten von Sunshine Reggae. Für warme Sommertage und ein paar Stunden im Winter, die daran erinnern sollen, bestens geeignet, jedoch alles in allem zum schnellen Verzehr empfohlen. Ach ja: In Deutschland sind Phoenix vornehmlich auf Open-Air-Festivals live zu sehen. Und da ist’s ja bekanntlich auch am schönsten, wenn die Sonne scheint.
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Phoenix: It’s Never Been Like That
(EMI)
- Datum 25.05.2009 - 12:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.05.2006
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