Es gibt da ein Problem. Sucht man im neuen Thematisch-Bibliographischen Werkverzeichnis von Margit L. McCorkle nach Robert Schumanns Beethoven-Etüden, sucht man vergebens – jedenfalls in der Ordnungsrubrik der Werke ohne Opuszahl. Dort trug der Zyklus bislang die Nummer WoO 31. Aber bei McCorkle muss man sich ins Kleingedruckte vorarbeiten, bis man ihn unter F25 in einem Register der unveröffentlichten Werke aufspürt.

Die Etüden in Form freier Variationen über ein Thema von Beethoven sind selbst ein Problem. Schumann komponierte sie in Leipzig zwischen 1833 und 1835, als er verschiedene Klaviervariationszyklen schrieb über Themen von Komponisten, die er schätzte. Dazu zählte auch das Thema aus dem zweiten Satz von Beethovens 7. Sinfonie. Als Schumann den Zyklus ins Reine schrieb, nannte er diese Etüden eine »sehr unschöne Idee«. Dass er sie nur in drei Skizzenbüchern hinterließ und nicht für den Druck freigab, bezeugt einen gewissen Abstand des Komponisten zu seinen Stücken. Schumann glaubte, dass sie nicht den Rang der zeitgleich entstandenen Sinfonischen Etüden in Form von Variationen op. 13 erreichten.

Die Pianistin Ragna Schirmer hat nun diese beiden Zyklen auf CD eingespielt und damit im Schumann-Jahr die Debatte um die versehrten, teilweise unvollständigen Beethoven-Etüden wieder eröffnet. Beide Werke sind Ausdruck eines kompositorischen Ringens um die letzte, gültige Version. Bei den Beethoven-Etüden blieb das ein unerfüllter Wunsch, bei den Sinfonischen Etüden gibt es immerhin zwei von Schumann selbst für den Druck autorisierte Fassungen, eine von 1837 und eine von 1852, für welche er auf den Wunsch Claras zwei besonders brillante Etüden tilgte. Schirmer bietet beide Opera gleichsam in ihrer synthetischen Totalen, indem sie jeweils komplette Einzelsätze und Skizzen zyklisch integriert. In der Rückschau darf man die Beethoven-Etüden als einen imperial-virtuosen Versuch ansehen, das Prinzip der Etüde mit der Variationsform zu verbinden. Eine Kombination, die er im Opus 13 dann in ideenhafte Ordnung brachte: die Klaviatur des Konzertflügels als Spielfeld eines sinfonisch-orchestralen Gestus.

Ragna Schirmer organisiert in den Beethoven-Etüden die thematisch freien Etüden als brillanten Auslauf zwischen den thematisch gebundenen. Und in den Sinfonischen Etüden weist sie der Variation 5 den Rang einer Zentralachse zu – Schumann schätzte solche Symmetrien. Außerdem bettet sie fünf von Clara und Johannes Brahms als »posthume« Variationen herausgegebene Sätze sowie eine bislang gänzlich unveröffentlichte ein.

Groß ist die pianistische Dignität Ragna Schirmers. Sie erweist sich als schöpferisch Denkende, die alles, was sie auf dem Klavier treibt, in den Dienst umfassender Ordnung stellt. Ihre bisherigen Aufnahmen kreisten immer wieder um Variationen und Etüden. Sie hat Bachs Goldberg-Variationen und Franz Schmidts Beethoven-Variationen eingespielt und Chopins Etüden op.10. Nebenher fahndete sie in den toten Winkeln des Repertoires, etwa bei Klavierwerken Haydns und den drei Sonaten von Alfred Schnittke. Ihr Schumann-Kompendium ist eine logische Konsequenz aus spieltechnischer Bravour und motivisch-thematischer Feinarbeit. Man erkennt überdies genau, wo Schumann in den Organisationsmustern der zehn Finger geschwisterliche Verbindungen zwischen beiden Zyklen erzeugte; man beachte thematische Dubletten und beiderorts zu bewältigende Spezialaufgaben, etwa die starken Dehnungen der Hand.

Über allen Details geht der freie Geist Florestans nicht verloren, der seinen scheuen Bruder Eusebius mit auf die Bahn der Euphorie zieht. Schirmer ist diesen beiden Fantasie-Gefährten Schumanns, seinen ungleichen Zwillingsspiegeln, eine treu sorgende Verwalterin, mehr noch: Der Dichter spricht mit den Fingern einer fantasievollen Vertrauten.

Robert Schumann: Beethoven-Etüden, Sinfonische Etüden;
Ragna Schirmer (Klavier) (Berlin Classics 0017862BC)