Das Paradies der Süchtigen liegt in Winston-Salem, North Carolina. Hier gibt es Kokain auf Tastendruck – und jeder nimmt sich, so viel er mag. Die Folgen kann man sich ausmalen: Einer nach dem anderen verfällt der Droge, bis am Ende die ganze Gesellschaft high ist. Der übliche Geschäftstrieb erlahmt, Kinder werden vernachlässigt, soziale Beziehungen verkümmern, selbst das Essen interessiert nicht mehr. Alle Gedanken kreisen nur noch um Koks. Und doch gibt es Unterschiede: Selbst im Rausch bildet sich die gesellschaftliche Hierarchie ab. Sozial Schwache greifen schneller und öfter zur Droge; sie vertragen deren Wirkung schlechter; und bei Versorgungsengpässen gieren sie stärker nach dem Suchtstoff als die Angehörigen der Oberschicht. Zwar verfällt auch die Elite dem Koks, doch ist sie dessen zerstörerischer Kraft weniger ausgeliefert. 14 Millionen Deutsche trinken zu viel Alkohol, über 4 Millionen sind nikotinsüchtig BILD

Zum Glück nahmen an dem Rauschexperiment des Drogenforschers Michael A. Nader nur Makaken-Affen teil. Der Pharmakologe von der Wake Forest University untersuchte in seinem Labor also eine eher einfache Gesellschaftshierarchie. Umso erstaunlicher aber ist, dass selbst in einer Affenhorde der Suchtverlauf vom Sozialstatus abhängt.

Das Ergebnis, kürzlich vorgestellt im Fachblatt JAMA, steht exemplarisch für eine moderne Drogenforschung, die unser Verständnis der Suchtkrankheiten derzeit nachhaltig wandelt: Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass mitunter ganz andere Dinge für eine Abhängigkeit verantwortlich sind als nur die spezifische Wirksubstanz. Mal erweist sich der soziale Status als entscheidender Faktor, mal prägen Gene oder Lebenserfahrungen die Abhängigkeit. Mitunter hängt die Drogenwirkung auch einfach von äußeren Umständen ab: Im Vietnamkrieg experimentierte rund die Hälfte aller US-Soldaten mit Heroin; zwanzig Prozent wurden körperlich abhängig; nach der Heimkehr blieb jedoch nur etwa ein Prozent an der Nadel hängen. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Solche Beobachtungen haben – zusammen mit den Ergebnissen der Hirnforschung – zu einem tiefgreifenden Umdenken geführt: »Drogenabhängigkeit« gilt heute weder als Charakterschwäche (wie man vor 20 Jahren gern glaubte) noch als unausweichliche pharmakologische Reaktion des Körpers auf eine Substanz (wie naturwissenschaftlich denkenden Mediziner argumentierten). Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Lernprozesses, der immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Nicht nur persönliche Konstitution und Geschichte bestimmen den Weg des Süchtigen in die Abhängigkeit, sondern auch seine sozialen Beziehungen, sein Umgang mit Stress und die gesellschaftliche Akzeptanz einer Droge. BILD Welche Wege führen in die Sucht? Klicken Sie auf das Bild!

»Sucht wird regelrecht erlernt – wie Klavierspielen«, sagt der Suchtforscher Falk Kiefer von der Universität Heidelberg, »auch wenn es viele unterschiedliche Gründe gibt, warum aus einer individuellen Anfälligkeit eine echte Sucht wird.« Kiefer, zugleich leitender Oberarzt an der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, ist mit allen Fällen von Drogensucht konfrontiert. Zu seiner Klientel gehören Alkoholiker, Medikamentenabhängige und Junkies ebenso wie Esssüchtige und notorische Glücksspieler. So unterschiedlich diese Süchte auch sind – Kiefer sieht bei allen dasselbe Grundmuster: »Die Sucht setzt im Gehirn an und verändert das körpereigene Belohnungssystem – bis der Abhängige aus dem Teufelskreis der Sucht keinen Ausweg mehr findet.«

Ein besonderes Tabu umgibt dabei ausgerechnet die akzeptierteste Droge in Deutschland: den Alkohol. »90 Prozent der Alkoholabhängigen werden von unserem Suchthilfesystem nicht erreicht«, sagt Kiefer, »obwohl 70 Prozent von ihnen mit alkoholbedingten Folgeerkrankungen wie Hypertonie oder Gastritis zum Arzt gehen.« Offenbar scheuen sich selbst die Hausärzte, Alkoholiker(innen) auf ihr Leiden anzusprechen. Und im alljährlichen Drogen- und Suchtbericht stehen stets die illegalen Substanzen (Heroin, Kokain etc.) im Zentrum des Interesses. Doch was sind die akribisch aufgeführten 1326 Rauschgift-Toten gegenüber den rund 40.000 Menschen, die laut Schätzungen alljährlich am Alkohol und seinen Folgen sterben?

Unmöglich, das öffentlich zu thematisieren. Schon gar nicht zur Fußballweltmeisterschaft. So plant die deutsche Suchtstiftung zwar eine große Alkohol-Aufklärungskampagne – aber erst für 2007. »In diesem Jahr, wenn die WM läuft, geht das nicht«, sagt der Suchtmediziner und stellvertretende Stiftungsvorsitzende Götz Mundle pragmatisch. Das liegt nicht nur an den Werbeeinnahmen, die die Fifa den Bierbrauern verdankt, sondern auch am Januskopf des Alkohols: Einerseits ist er ein Nervengift, andererseits verheißt er Entspannung und Geselligkeit. Er bringt Partys in Schwung und fördert die Inspiration. Aber wo verläuft die Grenze zwischen förderlichem und schädlichem Konsum?