Sucht In der selbst gebauten Falle

Neue Studien zeigen, wie man sich in eine Sucht hineinmanövriert – und wie schwer es ist, wieder herauszufinden

Das Paradies der Süchtigen liegt in Winston-Salem, North Carolina. Hier gibt es Kokain auf Tastendruck – und jeder nimmt sich, so viel er mag. Die Folgen kann man sich ausmalen: Einer nach dem anderen verfällt der Droge, bis am Ende die ganze Gesellschaft high ist. Der übliche Geschäftstrieb erlahmt, Kinder werden vernachlässigt, soziale Beziehungen verkümmern, selbst das Essen interessiert nicht mehr. Alle Gedanken kreisen nur noch um Koks. Und doch gibt es Unterschiede: Selbst im Rausch bildet sich die gesellschaftliche Hierarchie ab. Sozial Schwache greifen schneller und öfter zur Droge; sie vertragen deren Wirkung schlechter; und bei Versorgungsengpässen gieren sie stärker nach dem Suchtstoff als die Angehörigen der Oberschicht. Zwar verfällt auch die Elite dem Koks, doch ist sie dessen zerstörerischer Kraft weniger ausgeliefert.

Zum Glück nahmen an dem Rauschexperiment des Drogenforschers Michael A. Nader nur Makaken-Affen teil. Der Pharmakologe von der Wake Forest University untersuchte in seinem Labor also eine eher einfache Gesellschaftshierarchie. Umso erstaunlicher aber ist, dass selbst in einer Affenhorde der Suchtverlauf vom Sozialstatus abhängt.

Das Ergebnis, kürzlich vorgestellt im Fachblatt JAMA, steht exemplarisch für eine moderne Drogenforschung, die unser Verständnis der Suchtkrankheiten derzeit nachhaltig wandelt: Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass mitunter ganz andere Dinge für eine Abhängigkeit verantwortlich sind als nur die spezifische Wirksubstanz. Mal erweist sich der soziale Status als entscheidender Faktor, mal prägen Gene oder Lebenserfahrungen die Abhängigkeit. Mitunter hängt die Drogenwirkung auch einfach von äußeren Umständen ab: Im Vietnamkrieg experimentierte rund die Hälfte aller US-Soldaten mit Heroin; zwanzig Prozent wurden körperlich abhängig; nach der Heimkehr blieb jedoch nur etwa ein Prozent an der Nadel hängen.

Solche Beobachtungen haben – zusammen mit den Ergebnissen der Hirnforschung – zu einem tiefgreifenden Umdenken geführt: »Drogenabhängigkeit« gilt heute weder als Charakterschwäche (wie man vor 20 Jahren gern glaubte) noch als unausweichliche pharmakologische Reaktion des Körpers auf eine Substanz (wie naturwissenschaftlich denkenden Mediziner argumentierten). Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Lernprozesses, der immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Nicht nur persönliche Konstitution und Geschichte bestimmen den Weg des Süchtigen in die Abhängigkeit, sondern auch seine sozialen Beziehungen, sein Umgang mit Stress und die gesellschaftliche Akzeptanz einer Droge.

»Sucht wird regelrecht erlernt – wie Klavierspielen«, sagt der Suchtforscher Falk Kiefer von der Universität Heidelberg, »auch wenn es viele unterschiedliche Gründe gibt, warum aus einer individuellen Anfälligkeit eine echte Sucht wird.« Kiefer, zugleich leitender Oberarzt an der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim, ist mit allen Fällen von Drogensucht konfrontiert. Zu seiner Klientel gehören Alkoholiker, Medikamentenabhängige und Junkies ebenso wie Esssüchtige und notorische Glücksspieler. So unterschiedlich diese Süchte auch sind – Kiefer sieht bei allen dasselbe Grundmuster: »Die Sucht setzt im Gehirn an und verändert das körpereigene Belohnungssystem – bis der Abhängige aus dem Teufelskreis der Sucht keinen Ausweg mehr findet.«

Ein besonderes Tabu umgibt dabei ausgerechnet die akzeptierteste Droge in Deutschland: den Alkohol. »90 Prozent der Alkoholabhängigen werden von unserem Suchthilfesystem nicht erreicht«, sagt Kiefer, »obwohl 70 Prozent von ihnen mit alkoholbedingten Folgeerkrankungen wie Hypertonie oder Gastritis zum Arzt gehen.« Offenbar scheuen sich selbst die Hausärzte, Alkoholiker(innen) auf ihr Leiden anzusprechen. Und im alljährlichen Drogen- und Suchtbericht stehen stets die illegalen Substanzen (Heroin, Kokain etc.) im Zentrum des Interesses. Doch was sind die akribisch aufgeführten 1326 Rauschgift-Toten gegenüber den rund 40.000 Menschen, die laut Schätzungen alljährlich am Alkohol und seinen Folgen sterben?

Unmöglich, das öffentlich zu thematisieren. Schon gar nicht zur Fußballweltmeisterschaft. So plant die deutsche Suchtstiftung zwar eine große Alkohol-Aufklärungskampagne – aber erst für 2007. »In diesem Jahr, wenn die WM läuft, geht das nicht«, sagt der Suchtmediziner und stellvertretende Stiftungsvorsitzende Götz Mundle pragmatisch. Das liegt nicht nur an den Werbeeinnahmen, die die Fifa den Bierbrauern verdankt, sondern auch am Januskopf des Alkohols: Einerseits ist er ein Nervengift, andererseits verheißt er Entspannung und Geselligkeit. Er bringt Partys in Schwung und fördert die Inspiration. Aber wo verläuft die Grenze zwischen förderlichem und schädlichem Konsum?

Höchstens eine grobe Orientierung vermitteln die offiziellen Angaben . Denn sie berücksichtigen keine individuellen Unterschiede. Und die sind gewaltig: Den einen macht schon das erste Bier besoffen, der andere spürt noch nach dem dritten kaum eine Wirkung.

So lautet die erste Regel der modernen Suchtforschung: Jeder Mensch ist einzigartig. Und ebenso individuell ist sein Weg in die Abhängigkeit.

Schon aus genetischen Gründen ist mancher besonders anfällig. Wer das Pech hat, Alkoholiker als Eltern zu haben, trägt ein drei- bis viermal höheres Risiko, selbst dem Alkohol zu verfallen. Suchtgefährdet sind paradoxerweise auch jene Rossnaturen, die als besonders standfest gelten. »Wer jeden unter den Tisch trinken kann, ist in Gefahr«, sagt Andreas Heinz, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin. Denn wer aufgrund seiner Konstitution weniger mit einem Kater kämpfen muss, gewöhnt sich die Droge leichter an – und rutscht eher in die Abhängigkeit.

Eine ebenso große Bedeutung wie dieser »individuellen Vulnerabilität« schreiben Suchtforscher allerdings auch der Umwelt zu. Ob, wann und wie oft jemand zu Drogen greift, hängt von den Gelegenheiten, dem individuellen Umgang mit Stress und den gesellschaftlichen Umständen ab. Das lässt sich im Tierversuch gut nachweisen: Ratten, die allein in einem Käfig gehalten werden und die Wahl zwischen Leitungswasser und einer verdünnten Morphinlösung haben, konsumieren bis zu 20-mal mehr Morphin als Artgenossen, die in Gesellschaft leben, Spielgeräte und viel Auslauf haben. Aus diesem Versuch schloss der kanadische Psychologe Bruce Alexander schon in den achtziger Jahren: »Menschen werden drogensüchtig, weil sie sich aufgrund ihrer Lebensumstände dafür entscheiden.«

Dem Wort »entscheiden« kommt in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle zu. Man kann kaum jemandem eine Sucht von außen aufzwingen. Denn – Regel zwei – die Entscheidung, Drogen zu nehmen, muss freiwillig erfolgen (oder als freiwillig empfunden werden). Nur dann setzt die Droge jene positive Rückkopplung im Gehirn in Gang, die dazu animiert, sie immer wieder zu nehmen.

Das zeigt sich bei Schmerzpatienten: Jene, die sich mit einer Dosiermaschine selbst Morphin verabreichen, werden häufiger süchtig als jene, denen der Arzt das Mittel gibt. Und wer im Tierversuch viele Ratten abhängig machen möchte, sollte möglichst viele unterschiedliche Alkohollösungen zur Wahl stellen. Auch für Laborratten gilt: Erst die freie Entscheidung führt zur Unfreiheit der Sucht.

Die Erklärung für dieses paradoxe Phänomen kommt aus der Neurobiologie und hört auf den Namen »Belohnungszentrum«. Wie drastisch diese Region im Mittelhirn das Verhalten zu beeinflussen vermag, wiesen James Olds und Peter Milner schon 1954 nach: Als sie Laborratten feine Elektroden ins Hirn implantierten, sodass diese über einen Hebel selbst ihr Belohnungszentrum stimulieren konnten, taten die Tiere nichts anderes, als ständig diesen Hebel zu drücken – bis zur völligen Erschöpfung.

Kein Wunder. Das Belohnungszentrum ist die zentrale Schaltstelle im Gehirn, um die Güte von Erlebnissen zu beurteilen. Dabei werden, vereinfacht gesagt, alle Erfahrungen als positiv bewertet, die eine Aktivierung des Zentrums bewirken – gutes Essen, Schokolade, Begegnungen mit netten Menschen, Musikhören, Sex. Sie werden als »wünschenswert« im Gedächtnis abgespeichert und bewirken dadurch einen Lerneffekt: Positiv markierte Erlebnisse wollen wir wiederholen, negative vermeiden. Ohne Belohnungszentrum wäre kein Tier lebensfähig. Selbst der Fadenwurm Caenorhabditis elegans ist darauf angewiesen. Setzt man bei ihm die (wenigen) Belohnungs-Neuronen außer Kraft, kriecht der millimeterlange Wurm an seiner Leibspeise, einem Klumpen Bakterien, einfach vorbei.

Kokain belohnt das Gehirn 20-mal stärker als eine positive Begegnung

Schnell fanden Forscher heraus, dass sich mit Drogen das Belohnungszentrum ähnlich aktivieren lässt wie mit Elektroden. Suchtstoffe lassen sich geradezu danach qualifizieren, wie stark ihre Wirkung auf diese Hirnregion ausfällt. »Kokain aktiviert das Belohnungszentrum 20-mal stärker als eine positive menschliche Begegnung«, sagt der Berliner Suchtmediziner Eckard Roediger, »das erleichtert unsere therapeutische Arbeit nicht gerade.«

Greift man – aus Frust, wegen Stress oder mangels Alternativen – regelmäßig zu einem Suchtmittel, tritt Regel drei in Kraft: Die pharmakologische Wirkung der Droge verändert das Gehirn. Durcheinander gebracht werden vor allem die Transportwege des Botenstoffs Dopamin, der positiv besetzte Reize übermittelt. Durch regelmäßigen Drogenkonsum wird das Belohnungszentrum mit Dopamin regelrecht überflutet. Das führt zu zwei gegenläufigen Effekten. Zum einen wird die körpereigene Dopamin-Produktion gedrosselt. Normale Reize (Essen, Sex, Begegnungen) kitzeln das Hirn also immer weniger, dafür verlangt es mehr nach dem Drogenkick von außen. Zum anderen werden jene neuronalen Transportbahnen, die mit dem Drogenreiz zusammenhängen, bei häufiger Benutzung verstärkt. So erhöht sich die Zahl jener Schaltstellen, die Dopamin-Signale empfangen können.

Im Endeffekt heißt das: Das Gehirn gewöhnt sich an die Droge – und wird gleichzeitig sensitiver dafür. »Das ist wie bei einer vertrauten Stimme, die wir selbst aus einem Chor herauszuhören vermögen«, erklärt Falk Kiefer. »Ähnlich filtert ein abhängiger Mensch speziell suchtassoziierte Reize aus seiner Umgebung heraus und fokussiert darauf.« Wird die Droge in diesem Stadium abgesetzt, reagiert das Gehirn mit unwiderstehlichem Verlangen, dem so genannten Craving. Zugleich – das ist besonders fatal – reagiert das Gehirn aufgrund der Abstumpfung des Belohnungszentrums kaum noch auf »normale« Schlüsselreize, die Gesunden attraktiv erscheinen. Der Süchtige zieht seine Befriedigung nur noch aus der Droge. Der Teufelskreis der Abhängigkeit schließt sich. Es gilt Regel vier: Ist dieses Stadium erreicht, verlieren jene Bedingungen, die dazu geführt haben, ihre Bedeutung. Der Kreislauf der Sucht wird zum Prozess, der nur noch von der Droge angetrieben wird und sich selbst aufrechterhält.

Für Therapeuten ist dies eine höchst frustrierende Erfahrung. »Selbst wenn sie psychosoziale Faktoren definieren können, die zur Entwicklung einer Sucht beigetragen haben, und diese therapeutisch behandeln, führt dies häufig nicht zur Beendigung der Sucht«, erklärt Kiefer. Die Nervengifte haben Denken und Fühlen der Süchtigen verändert.

In einer Suchttherapie muss der Patient daher zunächst körperlich entwöhnt werden, was beim Alkohol bis zu vier Wochen dauern kann; bei Heroinabhängigen (Seite 36) gelingt dies auch schon einmal mit einem Turboentzug in wenigen Tagen. Doch das Perfide an der Sucht ist, dass im Belohnungszentrum nicht nur die Wirkungen des Suchtstoffs gespeichert sind, sondern auch sämtliche Begleitumstände, die damit zusammenhängen.

Auch das lässt sich am Tier nachweisen: Gewöhnt man Ratten an Heroin und verabreicht ihnen (im gewohnten Käfig) die doppelte Dosis, sterben 30 Prozent. Setzt man sie in einen fremden Käfig, sterben 60 Prozent an diesem »Schuss«. In vertrauter »Drogenumgebung« stellt sich der Körper schon auf das zu erwartende Nervengift ein.

Beim Menschen kann schon der Anblick der Stammkneipe oder der alten Kifferfreunde als Auslösereiz fungieren. Daher nützt es wenig, wenn Suchtpatienten nur in der Abgeschiedenheit einer Klinik den Verzicht auf ihren Stoff üben. Sie müssen auch lernen, ihre Lebensumstände zu ändern.

Die Suchtforschung ist deshalb eine lange Geschichte von Fehlschlägen. Die Euphorie über angebliche Wunderkuren hält nie lange. So wurde die Raucher-Entwöhnungspille Zyban als Idealmittel gegen das Nikotin-Craving gepriesen – bis sich die Studien als geschönt herausstellten und massive Nebenwirkungen bekannt wurden. Auch Medikamente gegen Alkoholsucht wie Naltrexon oder Acamprosat erwiesen sich nicht als Allheilpräparate. Zwar halfen sie manchen, von der Flasche wegzukommen – bei anderen zeigten sie keine Wirkung.

Vor sechs Jahren träumte der Tübinger Suchtforscher Jochen Wolffgramm davon, das »Suchtgedächtnis« löschen zu können. An Ratten hatte er nachgewiesen, dass er ihnen das Verlangen nach einer Droge austreiben konnte, wenn er ihnen diese nicht als Belohnung, sondern permanent verabreichte. So w??rde die Droge im Belohnungszentrum nicht mehr als positiv abgespeichert, ergo der Teufelskreis unterbrochen. Bundesforschungsministerium und Medien waren begeistert. Dann folgte die Ernüchterung: Beim Menschen funktioniert das Verfahren nicht. Nach vielen Pleiten löste Wolffgramm seine Forschergruppe auf und wandte sich anderen Themen zu. Das humane Suchtgedächtnis funktioniert eben doch anders als das von Ratten.

Rückfälle sind unvermeidliche Fallen auf dem Weg zur Abstinenz

Wenn die These stimmt, dass Sucht wie Klavierspielen erlernt wird, folgt daraus eben auch, dass sie sich nie ganz löschen lässt. »Man kann zwar außer Übung kommen«, sagt Kiefer, »aber das erlernte Verhalten bleibt immer abrufbar.« In der Therapie werden Rückfälle deshalb auch nicht mehr, wie früher, als Versagen gedeutet, sondern als oft unvermeidliche Stolpersteine auf dem Weg, ein neues Verhalten zu erlernen. Wie dies im Einzelfall gelingt, ist individuell höchst unterschiedlich. »Der eine sagt: Wenn Sie mit mir über meine Kindheit reden, gehe ich gleich wieder. Der andere braucht gerade eine intensive psychotherapeutische Betreuung«, berichtet Kiefer. Am erfolgreichsten, so scheint es, ist eine Kombination von Psychotherapie und Medikamenten, die das Craving unterdrücken. Wenn dann noch Angehörige und Arbeitskollegen mitspielen, ist in den meisten Fällen viel gewonnen.

Letztlich muss sich dieses Verständnis jedoch nicht nur bei Patient und Therapeut durchsetzen, sondern in der Gesellschaft. Noch immer schließen private Krankenversicherungen Suchterkrankungen häufig explizit aus ihrem Leistungskatalog aus. Der Charité-Mediziner Andreas Heinz hält es für »neurobiologisch nicht begründbar«, dass die gesetzlichen Kassen zudem nur die akute Entgiftung bezahlen, die weitere Rehabilitation dagegen den Rentenversicherungsträgern überlassen. Für eine solche Trennung ist im neuen Bild der Sucht kein Platz mehr. Ihm zufolge ist eine Drogenabhängigkeit nicht mehr – aber auch nicht weniger – als eine chronische Krankheit, die das Gehirn verändert und ohne massive Therapie nicht zu heilen ist.

Letztlich wirft die Sucht auch konkret jene Frage auf, die Hirnforscher und Philosophen bislang rein abstrakt diskutiert haben: Hat der Mensch einen freien Willen? Zweifellos haben die Patienten der Suchtmediziner einen eigenen Willen. Doch nach jahrelangem Drogenkonsum ist dieser alles andere als frei.

 
Leser-Kommentare
  1. Ist das alles? DAS ist der neueste Stand der Erkenntnis? Fällt wirklich erst jetzt auf, dass es sich beim Süchtigwerden um eine extreme Ausprägung der überall und jederzeit stattfindenden Lernprozesse handelt? Wird tatsächlich im Jahre 2006 erst klar, dass Sucht nichts anderes ist als Wissen in seiner krassesten Form und dass der Mensch dafür die selbe Hard- und Software „nutzt“, die es ihm erlaubt, Firmen wie Mc Donalds oder Microsoft zu gründen oder ohne Sauerstoffmaske auf den Mount Everest zu steigen?

    „Ist dieses Stadium [dasjenige nämlich, in dem der Süchtige seine Befriedigung nur noch aus der Droge zieht] erreicht, verlieren jene Bedingungen, die dazu geführt haben, ihre Bedeutung. Der Kreislauf der Sucht wird zum Prozess, der nur noch von der Droge angetrieben wird und sich selbst aufrechterhält.“ So steht es geschrieben. Die Natur hat das Perpetuum Mobile also doch erfunden. Es heißt: (autogenes) Training! Arbeit, Sport, Sex, Computerspiele, Geld, Essen und Kunst – Dinge und Handlungen können zum Selbstzweck werden, betrieben bis zur Perfektion und darüber hinaus: bis zum Umfallen. Wir kennen es alle, das Suchtprinzip. Seltsam, ich hatte angenommen, die Wissenschaft sei bereits weiter auf den Weg der Erleuchtung.

    Es gibt unzählige Süchte. Alle haben sie neben den als positiv geltenden in vielen Fällen auch schlimme körperliche und seelische Folgen. Wie viele Bergsteiger sind schon abgestürzt? Wie viele Sportler sind gestorben, weil sie im Eifer des Gefechtes ihren Kreislauf „vergessen“ haben. Und füllen nicht die zu Lebzeiten unentbehrlichen Manager ganze Großfriedhöfe? Manchmal hat Sucht sogar negative Folgen für andere Menschen als die unmittelbar davon Befallenen. Man denke nur an die diversen killing fields der Geschichte. Die biologischen und chemischen Mittelchen, die man sich einwerfen kann, wenn man den besonders schnellen, besonders einfachen, besonders „reinen“ Kick will (20-fache Lob-Dosis ohne jede Gegenleistung), sind im Grunde nichts anderes, als die Olympia-Teilnahme, der weltweite erbitterte Kampf gegen die Achse des Bösen oder der 16-Stunden-Tag des Chefarztes. Es gibt keinen Unsinn, den man nicht lernen kann. Das Belohnungssystem macht es möglich.

    Dass sozial Schwache schneller und öfter zur Droge greifen, ist logisch. Ihr chronisch unterbeschäftigtes Belohnungssystem macht sie anfällig gegen Versprechungen aller Art. Man sieht das schon daran, dass täglich ganze Lastwagenladungen BILD unters Volk gebracht werden. Als hätten die HarzIV-Empfänger tatsächlich Geld übrig, das sie zum Fenster hinauswerfen können! Deswegen sind die sozial Schwachen ja sozial Schwache, weil sie der gesellschaftlichen „Erziehung“ zum Wahnsinn weniger entgegenzusetzen haben, als alle anderen. Sie vertragen die Wirkung der Werbung schlechter und sie „verplempern“ ihre Ressourcen. Der Erfolg per Grips ist ihnen weitgehend versagt. Sie treten statt dessen in Containern oder bei DSDS auf und bei (künstlich geschaffenen) Versorgungsengpässen wie zum Beispiel einer Massenarbeitslosigkeit gieren sie stärker nach dem „Suchtstoff“, als die Angehörigen der Oberschicht, die es ganz gut aushalten in ihren goldenen Käfigen, sponsert by Papa.

    So weit, so klar also. Aber was, bitte, sind „normale“ Schlüsselreize? Aha, es sind die Reize, die „Gesunden attraktiv erscheinen“. Bier kistenweise also und Sangria aus Eimern, Fußball und Formel 1, nackte Busen oder knackige Hintern, Musik, die einem das Trommelfell zerfetzt und Klingeltöne zu 1,80 € das Stück, Haare in Pink und Nägel in Schwarz, Anzüge von Armani und Kleider von Gucci, Medaillen aus Blech und ein Konto, das aus allen Nähten platzt. Na, dann...

    Ich finde, es wird wirklich Zeit, dass die hier publizierte Erkenntnis sich allgemein durchsetzt: mitunter sind ganz andere Dinge für eine Abhängigkeit verantwortlich als nur die spezifische Wirksubstanz. Applaus nämlich und Ehrgeiz. Die Wirksubstenz ist lediglich ein Verstärker. Es ist ein ganz alter Hut, dass es akzeptierte Süchte gibt und andere. Der Frage nach der Grenze zwischen förderlichem und schädlichem Konsum sollte sich die Wissenschaft tatsächlich einmal stellen. Ernsthaft und umfassend. Täte sie das nämlich, wären vermutlich weit mehr Dunge verboten, als Hanf und Kokain. Bestimmte Karrieren beispielsweise. Man würde umgehend von allen Ackermännern dieses Planeten verlangen, dass sie ihre Lebensumstände ändern und eine Entziehungskur antreten. Man tut es nicht. Warum nicht? Ganz einfach: It’s the „Wert“, stupid! Junkies produzieren schlicht keine (gesellschaftlich akzeptierten Mehr-)Wert. Jedenfalls keinen, auf den Steuern zu entrichten wären. Alkohol, Medikamente und Tabak werden ja nur deswegen öffentlich diskutiert, weil bei diesen Drogen der Zusammenhang zwischen körperlichem Verfall und Umsatz, zwischen gesellschaftlichen Kosten und privaten Gewinnen so offensichtlich ist, dass er durch kaum eine Werbecampagne schön geredet werden kann. Sport, sagt man, sei gesund und Erfolg soll sexy machen.

    Eines allerdings kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Das ist der Umstand, dass man kaum jemandem eine Sucht von außen aufzwingen kann. Versuch es, und der Betroffene wird sich wehren. Das Gefühl, zu irgend etwas gezwungen zu sein, setzt im Gehirn offenbar ganz andere Stoffe frei, als die, welche unser Belohnungszentrum aktivieren. Man sollte das jedem Ober(stufen-)lehrer ins Stammbuch schreiben, finde ich.

    Der Suchtumkehrmechanismus, der bei den Ratten durch den angewendeten Zwang ausgelöst wurde, tritt übrigens bei den meisten Menschen vermutlich allein deswegen nicht auf, weil sie auf eine seltsam verdrehte Art von der Idee des freien Willens besessen sind. Wer einmal geklaut hat, um an seinen Stoff zu kommen, der lässt sich von keinem Arzt der Welt mehr einreden, er werde gegen seinen Wille gedopt, nur weil die Spritze aus der Hand einer Schwester kommt, anstatt aus der eigenen. Mag sein, die Ratten haben einfach gefühlt: die Drogendauergabe bekommt mir nicht. Es hat ihnen ja auch keiner gesagt, wie gut das Zeug für die „Bewusstseinserweiterung“ ist. Ratten pfeifen offenbar auf ein erweitertes Bewusstein. Besonders, wenn ihnen davon übel wird. Menschen tun das nicht. Sie kennen das Wort „Opferbereitschaft“. Menschen haben Werte-Hierarchien, die auf dem Kopf stehen. Sie haben „Kultur“.

    Ich bin vollkommen sicher, dass auch menschliche Sucht sich löschen lässt. Der Betroffene (nicht sein Therapeut!) muss lediglich den richtigen Schalter umlegen. Einen ganz individuellen Schalter allerdings, denn jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens auf ein ganz individuelles „Muster“ aus Belohnungen und Bestrafungen konditioniert worden, auf ein diffiziles Netz aus Ängsten und Hoffnungen, (Alb-)Träumen und Sehnsüchten, Wohlbefinden und Unwohlsein. Ein Muster, das allein er kennen bzw. erkennen kann. Detlef Sax ist offenbar jemand, der vergleichsweise wenig autark und wenig findig ist. Mag sein, er hat eine leichte „soziale Schwäche“ für „positive menschliche Begegnungen“. Vielleicht hat er einfach jenen geglaubt, die behauptet haben, sein Wille könne nach so vielen Jahren (wovon auch immer) gar nicht mehr frei sein und bedürfte also fremder Hilfe für seine Befreiung äh... Genesung. Aber vielleicht, denke ich, verspricht sich ja das Belohnungszentrum des Detlef Sax irgend einen nur ihm allein bekannten Gewinn davon, dass er glaubt, was man ihm sagt...?!

    • feelx
    • 19.05.2006 um 17:36 Uhr

    Erst die freie Entscheidung führt zur Unfreiheit der Sucht. Diese Regel hat etwas sehr einleuchtendes, vor allem für diejenigen, die süchtig sind und wissen, dass sie eigentlich nicht mehr das tun wollen, was sie tun, dass sie tun müssen, was sie nicht mehr tun wollen. Diese Regel aber gilt nicht allein für Süchtige. Sie gilt auch für Verheiratete, für Werktätige, für all diejenigen, die sich einmal frei dafür entschieden haben etwas bestimmtes zu tun, nun aber mehr oder minder dazu verdammt sind, dieses frei entschiedene auch weiterhin tun oder sein zu müssen. Man kann sich also ausrechnen, welchen viel weitergehenden Sinn diese Regel hat. Man kann sich aber auch mal überlegen, dass es bei all diesem Müssen und nicht mehr Wollen ein Können gibt, eine Möglichkeit gibt, die niemals und bei keinem vollkommen auszuschliessen ist, nämlich die Möglichkeit, sich wiederum freiwillig dafür zu entscheiden, etwas anderes zu tun, etwas in seinem Leben zu verändern, sei es, der scheinbar lebensnotwendigen Sucht, sei es, der scheinbar notgedrungenen Partnerschaft, sei es, dem scheinbar unveränderbaren Arbeitsverhältnis, ja, sei es ganz allgemein der scheinbar notwendigen Unmöglichkeit entgegenzutreten mit dem Gedanken der Möglichkeit und dem ungeheuren Gefühl der Freiheit, der scheinbaren Unmöglichkeit den Kampf anzusagen und den wohl stets mühseligen Weg zu beschreiten aus der Unmöglichkeitsfalle. Diese Erfahrung der Freiheit wäre eine ganz andere als jene frühere, die bei näherem Nachdenken so unglaublich frei wohl nicht und nie gewesen ist.

    • noart
    • 21.05.2006 um 20:54 Uhr

    Hiermit möchte ich mich bei ZoeckelA für die großartige Analyse von Detlef Sax bedanken. Diesem Menschen mußte immer schon ganz deutlich gesagt werden, wer er ist und wie er zu funtktionieren hat. Bis auf ZoeckelA hat dabei die gesamte Umwelt versagt. Sie hat ihm schließlich und endlich die Augen geöffnet was mit ihm nicht stimmt. Ihr analytischer Verstand ist Bemerkenswert und in der Einfachheit der Aussage auch schlicht erschreckend.

    Dieser Detlef Sax, ja das ist schon einer!
    ZoeckelA sagte ihm das er leichtgläubig ist und nun glaubt er auch das. Der ist so! Der liest noch nichtmal die Bildzeitung.

    Aber ansonsten war der Kommentar zum Artikel nicht ganz so schlecht. Meine Bewertung waren 5 Punkte (Hervorragend).

    noart, a.k.a. Detlef Sax

  2. .....die Falle ist immer schon da.

    Sie ist gut getarnt und mit allerlei Lockstoffen versehen.

    Ich möchte den Jugendlichen kennenlernen, der ohne Gruppenzwang ins Erwachsenenalter hinübergleitet.

    Der ohne Überprüfung oder Infragestellung der elterlichen (gesellschaftlichen) Werte in deren Fusstapfen tritt.

    Und genau auf diesem Weg sind die Fallen ausgelegt.

    Ich möchte behaupten, dass es zum Erwachsenwerden gehört, diese Fallen auszutesten.

    Die Fallen sind perfide konstruiert, sie schnappen nicht gleich zu.

    Sie verströmen ihren Lockstoff, wie ein Parfumpröbchen aus der Kosmetikabteilung.

    Ein hübscher, doch schüchterner Junge (oder Mädel) wird bald erkennen, dass

    ein Wodka in der Cola die Zunge lockert, die Bewegungen attraktiver macht und die Aufmerksamkeit des avisierten Partners eher erreicht, als wenn er schüchtern an seinem Platz sitzen bleibt.

    Wenn er damit ans Ziel kommt, hat er bereits gelernt.

    Dann probiert er die andern Fallen, - die richtigen Klammotten, das richtige Auto, die richtige Musik, das richtige Handy inklusive richtigem Klingelton.

    Wenn er Pech hat, geht er schon früh der Fettsucht auf den Leim.

    Wenn auf diesem Weg nicht eine Individualisierung stattfindet,

    tritt er automatisch in die Falle des Mainstream.

    Und das ist m.E. die grösste Sucht.

    Bei welchen andern Süchten er hängen bleibt, wird sich im Laufe der Zeit heraustellen.

    Manchmal steht auch eine Sucht der andern im Wege.

    Hat er beruflich Erfolg, will er mehr davon. Manche gehen dafür über Leichen, über Kündigungen und Existenzvernichtungen.

    So einer braucht einen klaren Kopf. Alkohol, oder das gesellschaftlich so geächtete Rauchen würde da nur stören.

    Die Dopamin Auschüttung ist ihm gewiss.

    Doch auch Kinder würden stören.

    Hat er keinen Erfolg, muss er sich das Dopamin woanders besorgen.

    Ob einer Erfolg hat oder nicht, entscheidet die Gesellschaft.

    Genauso wie sie entscheidet, welche Drogen akzeptiert, geduldet, -welche geächtet werden.

    Ob ein Künstler gut ist oder nicht, entscheidet die Gesellschaft, (oder Teile davon).

    Wird er als gut befunden und füllt Museen oder Konzertsäle, darf er saufen.

    Wenn er es nicht in die Tempel schafft, rümpft man die Nase.

    Schnupft er Kokain ist er solange anybodys Darling, solange er sich nicht erwischen lässt.

    Die Gesellschaft schaut schon genau, wen sie aufnimmt und wen sie fallen lässt.

    Das hat natürlich mit der Herkunft zu tun, sprichwörtlich: 'Der Teufel scheisst nur auf gedüngte Äcker!'

    Emporkömmlinge werden misstrauischst beäugt.

    Ich glaube nicht, dass sich jemand Arbeitslosigkeit aussucht.

    Es sei denn er gehört zur Oberschicht und eine stattliche Apanage ist ihm sicher. Das Dopamin auch.

    Anders bei Hartz IV, -Frust allenthalben. Ist diese Falle selbstgebaut?

    Oder ist sie eine ausgeklügelte Aussortierungsmethode der sogenannten 'Nichtsüchtigen'.

    Sie rückt alle mit 'Drogen' gemachten Erfahrungen wieder ins Gedächtnis.

    Wie gut tut der Wein, das Bier, der Wodka, die Zigarette.

    Wie schnell funktioniert die Entspannung oder das Vergessen.

    Der schüchterne Junge (Mädel) von einst ist auf seine Schüchternheit zurückgeworfen. Alle Drogen auf einmal weg. Einfach weg!

    Kein voller Terminkalender mehr, keine Arbeitskollegen, keine gesellschaftlichen Ritale, keine Freunde, mit denen man früher immer chic Essen ging, kein Auto, kein Boss Anzug, kein Urlaub, keine Oper, keine Cocktailparties.

    Und jetzt kommt der grosse Zeigefinger von oben!

    Hat der Mensch einen freien Willen? Zweiffellos.

    Doch er ist ihm durch jahrelangen Drogenkonsum abhanden gekommen.

    Genau das empfinde ich bei manchen Talkshows, mit Politikern, Wirtschaftsleuten, Erfolgsexoten, Sachverständigen.

    Ihnen ist etwas abhanden gekommen.

    Sucht nervt und macht krank! Man hüte sich davor!

    Doch ein Leben ganz ohne?

    'Avec modération' scheint mir noch die beste Empfehlung.

    Noch kann niemand helfen, die Suchtforschung bietet immer nur Amputation und Krücken an.

    Der Wissensstand anno 2006 ist lächerlich.

    Will man nicht oder kann man nicht?

    Sigi

  3. Die Droge mit den meisten Toten ist leider auch die, für die es am wenigsten echte Hilfe gibt und mit der gleichzeitig am meisten Geld mit Ausstiegswilligen verdient wird.

    Manch einer, der sich viel mit Sucht befasst hat, mag den Artikel vielleicht als „längst bekannt“ bezeichnen. Für die allermeisten Raucher gilt das sicher nicht. Sie wissen nichts von erlernter Sucht, glauben tatsächlich nur vom Nikotin abhängig zu sein. „Die Substanz Nikotin hat mich abhängig gemacht, geben sie mir bitte ein Gegenmittel!“ „Gern!“ antwortet die Industrie, „so verdienen nicht nur Staat und Zigarettenindustrie an ihnen, nein, wir bekommen auch noch etwas ab!“ Kaufen sie Nikotinkaugummis und Kräuterzigaretten, das mit starken Nebenwirkungen behaftete Antidepressivum Zyban und neuerdings ein Medikament, welches ganz speziell zur Raucherentwöhnung entwickelt und soeben in den USA zugelassen wurde. Das ist das Beste von allen, damit raucht man tatsächlich nicht mehr. Zumindest in den 24 Wochen, die es maximal angewendet werden darf. Danach gibt es Rückfallquoten von über 70%.

    Dieses Geschäft funktioniert nur deshalb, weil der Durchschnittsraucher nicht weiß, dass seine Sucht erlernt wurde. Vor allem aber, dass er dieses erlernte Suchverhalten ganz sicher nicht mit Medikamenten und Mittelchen loswird.

    Erst wenn all die Programmierungen, die man sich im Laufe der Raucherkarriere selbst beigebracht hat, wieder aufgelöst oder zumindest weitgehend unwirksam geworden sind, kann man entspannter, glücklicher Nichtraucher werden.

    Wir haben im Kicknic Nichtraucherkurs täglich Kontakt zu vielen werdenden Nichtrauchern und sind immer wieder verblüfft, mit welcher Naivität Raucher zu uns kommen. Die Geschichte vom bösen Nikotin, welches den Raucher gefangen genommen hat, ist so weit verbreitet, wird so gern weiter erzählt und auch geglaubt, dass es niemanden verwundern muss, warum das Geschäft mit Medikamenten zur Raucherentwöhnung so gut läuft, obwohl es für sich genommen so wenig Erfolg hat. Erst wenn das Verhalten des Rauchers entsprechend trainiert wurde, können diese Produkte als Unterstützung eingesetzt werden und sind dann sinnvoll.

    Hoffentlich haben viele aufhörwillige Raucher den Artikel gelesen und sind dadurch auf den richtigen Weg aus ihrer Abhängigkeit gekommen.

    Claus Wagner

    • noart
    • 19.05.2006 um 16:16 Uhr

    Ein Prozent der Heimkehrer aus Vietnam blieben am Heroin hängen. Wäre dieses 1% auch anderweiteig in Kontakt mit Heroin gekommen und hängen geblieben?

    Weiter werden Schätzungen erwähnt.

    Die vier Fragen zur Selbsteinschätzung sollten sie mal in einer gut besuchten größeren Kneipe allen Gästen vorlegen und für das Ausfüllen einen Anreiz setzen, z.B. ein Freigetränk der Wahl.

    Ich wette, obwohl ich eigentliche kein Zocker bin, 50 EUR,
    daß bei halbwegs ehrlicher Beantwortung der Fragen 90% Gefährdete herauskommen.

    Das sind Suggestivfragen die jeder der schon mal einen über den Durst getrunken hat und ehrlich ist mit "Ja" beantworten werden muß.

    So, jetzt kann man 90% der Bevölkerung als Gefährdet oder Behandlungsbedürftig einstufen, oder mal Kirchen im Dorf lassen.
    Und mal darüber nachdenken wer ein Interesse hat, soviele Menschen als Behandlungsbedürftig oder Gefährdet erscheinen zu lassen.

    Allein die Grafik mit dem rauchenden Mann mit niedergesentktem Kopf und Flasche in der Hand ist doch nur Stimmungs- Meinungsmache.

    Das Schlimme ist das diese Stimmungs- und Meinungsmache auf einen Selbsttest hinausläuft, den Jeder der normal lebt nicht bestehen kann. Man sucht selbst nach eigenen Fehlern und wer suchet der findet.

    Und wer wird einem schon Widersprechen, wenn man über sich selbst eine negative Aussage macht?

    Krank sind nicht die Abhängigen, die es selbstverständlich gibt und auch eine Behandlung benötigen. Keine Frage.

    Krank sind diejenigen die mit billigen kleinen Manipulationstechniken ganze Bevölkerungsgruppen dazu bringen, sich selbst als krank zu definieren.
    Und die dann in die Hände von Manipulationskünstlern gelangen, die dann auch noch erzählen, daß sowas genetisch bedingt ist. Oder unheilbar ist und ständiger Fürsorge von diesen "Fachleuten" bedarf um diese "Krankeit" dann nur "aufhalten" zu können.

    Dieser Artikel ist für mich höchst manipulativ, unwissenschaftlich, und der ZEIT nicht würdig.

    Die restlichen Seiten habe ich gelesen, möchte aber hier keinen Roman schreiben, da das schreiben über ein Webinterface doch ziemlich beschwerlich ist.

    In den USA die uns in so vielem voraus ist, im Guten wie im Schlechten, gibt es sogar eine "Intervention Show".
    Da werden "Abhängige", die von anderen als "Abhängig" erklärt werden, von Freunden und Familienangehörigen wie Dreck behandelt. Solange bis sie einer "Therapie" zustimmen.

    Das ist dann nicht von den Freunden und Verwandten initiert, sondern von sogenannten "Intervention Specialists" im Detail geplant. Sozusagen Theater aufgeführt. Die Folgen, Arbeitspaltzverlust, Verlust von sozialen Kontakten bis zum sogenannten "Tiefpunkt", dem "Bottom Hit" werden da in Kauf genommen. Die Folgen, das interessiert keinen. Der Grund ist ja klar, die Erkrankung und nicht der Terror.

    Diese "Intervention Show" die derzeit nur im US TV läuft, war auch von einem bekannten deutschen Showmaster, mittlerweile kleiner deutscher Medienmogul, geplant im deutschen Fernsehen zu zeigen.

    Das hinter dieser Fernsehshow Alltag steckt, ist Teil meiner Lebensgeschichte. Die auch ein mehrere hundert Seiten starkes Buch füllen könnte. Nur bin ich nach jahrelangem Terror von diesen Helfernaturen, die es immer Schaffen sich als die Gutmenschen überhaupt in der Öffentlichkeit darzustellen, nicht in der Lage mich über längere Zeit zu konzentrieren.
    Das sehe ich durchaus auch als Teil einer Self-Fullfilling-Phrophecy, der man so einfach nicht entkommen kann.

    Was macht ein Mensch dem jede Möglichkeit zur Entfaltung für alle Zukunft genommen wird? Er nimmt sich den Strick oder fängt an richtig zu trinken oder wird sonstwie seltsam oder gar unerträglich.

    "Some have to die, that others may live."
    Inschrift auf einer Plakette an einem Clubhouse der AA in den USA. Leider habe ich auch durch googeln dieses Foto nicht mehr gefunden.

    Detlef Sax, a.k.a noart

  4. Ich stimme Ihnen zu, noart, wenn Sie sagen, der Psychoboom war Geschäftemacherei. Er war eine Ersatzreligion, die ihr Erlösungsversprechen nicht gehalten, dafür aber durchaus realen Schaden angerichtet hat.

    Allein darauf bezog sich mein Beitrag jedoch nicht. Ich möchte insbesondere die irrationalen Mechanismen des Arbeitsmarktes sowie des Bildungswesens im weiteren Sinn anprangern, die erst Leute kaputtmachen, sie dann zu den Alleinverantwortlichen für ihr Schicksal erklären, ausgrenzen und schließlich nach Fachkräften und Kindern schreien.

    Die Leute aber, die vorhanden sind, werden mit den absurdesten Begründungen als ungeeignet abgelehnt. Zu alt (vermutlich gleich nach der Geburt), überqualifiziert, nicht qualifiziert genug, nicht mobil genug, zu mobil, nicht flexibel genug, zu flexibel, ...bla, bla, bla, unglaubwürdiger Vortrag, alles Vorwände. Niemand versucht ernsthaft, diese Schätze zu heben. Wenn jemand unter den absurden Bedingungen leidet oder irgendwann mal gelitten hat, ist ein neuer Vorwand für die Ablehnung geschaffen. Und die Psychoklempner helfen dann auch nicht weiter.

    Die Möglichkeit, aus eigenen Fehlern zu lernen, gibt es nicht, das muss immer wieder betont werden. Jeder Mensch ist fehlbar. Aber die Gesellschaft will nicht, dass sich jemand korrigiert, weil dann die Begründung für die Ausgrenzung entfallen würde. Dies ist ein zentraler Punkt.

    Den Entscheidungsträgern könnte übrigens ein gelegentlicher Blick in den Spiegel nicht schaden. Vermutlich haben die diese Teile längst zugehängt. (Das ist hauptsächlich im übertragenen Sinn zu verstehen.)

    Unstreitig völlig unfähige Leute haben attraktive Positionen. Die Fähigkeit, eine Aufgabe gut zu lösen, ist offensichtlich nicht das Kriterium, nach dem sich bemisst, ob jemand Chancen bekommt oder nicht. Jedenfalls nicht mehr.

    Einer meiner Urgroßväter hatte einen Handwerksbetrieb. Er hat, so wird erzählt, einen Mann beschäftigt, der stets besoffen war. Immer. Auch am Arbeitsplatz. Und nicht nur das. Er löste allgemeines Kopfschütteln aus. Wieso ist nicht ganz klar, irgendwie war der halt...(kopfschüttel). Aber seine Arbeit hat er gemacht. Sein Arbeitgeber hielt die Hand über ihn, sein Arbeitsplatz war sicher (kopfschüttel). Ich wünschte, es gäbe mehr Arbeitgeber, Personalverantwortliche und Vorgesetzte wie diesen meinen Urgroßvater.

    Danke für den Buchtip.
    Valeria

  5. Deutschland hat zu viele gute Leute.

    Anders ist es nicht zu erklären, dass Talente seit Jahrzehnten verschwendet werden. Niemand versucht doch ernsthaft, „Probleme“ ( ich meine die eigentlich leicht lösbaren, da durch die Lebensbedingungen - Arbeitslosigkeit ist nur ein Endstadium - verursachten „Probleme“, natürlich gibt es auch andere, und die Übergänge sind fließend) wie Alkoholmissbrauch, das ist jetzt nur ein Beispiel, zu lösen. Das Gegenteil ist der Fall. „Probleme“ werden generiert. Warum? Ganz einfach. Angedichtete, durch Lüge oder Manipulation hervorgerufene „Probleme“ schwächen die Opfer, die dann irgendwann wirklich Probleme haben, und stärken dadurch die Positionen und Möglichkeiten anderer, die bei fairem Wettbewerb klar unterlegen wären.

    Der nächste Punkt ist dann die Altersdiskriminierung. Haben es Opfer geschafft, sich zu erholen, sind sie angeblich für den Arbeitsmarkt zu alt.

    Man weiß nicht, ob man lachen oder heulen soll. Einerseits steht eine Gesellschaft, die sich eine derartige Verschwendung leisten kann, offensichtlich gut da. Andererseits stellt sich aber auch die Frage: wie lange noch?

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