Lynchburg, Virginia

Es ist dieses irritierende Bild, das sich einprägen wird. Wie der Senator neben dem Prediger auf der Bühne steht, John McCain neben Jerry Falwell. Freundlich miteinander plaudernd, als sei nie etwas geschehen. Als hätte Falwell den Star der moderaten Republikaner nie des »Verrats« an der konservativen Sache bezichtigt. Als hätte McCain den Altmeister der christlichen Rechten nie einen »teuflischen Einfluss« auf die Republikanische Partei zugeschrieben. Vergeben? Vergessen? Gang nach Canossa. Vor Studenten der Liberty University, einer Hochburg der Evangelikalen im Bundesstaat Virginia, muss John McCain um Zustimmung buhlen BILD

Nun also beugt sich John McCain nieder und lässt sich von seinem Erzfeind Jerry Falwell eine weiße Schärpe umhängen, als Zeichen der Ehrendoktorwürde, die er soeben wegen seiner »Verdienste um die Verbreitung konservativer Ideen« erhalten hat. Denn Falwell ist nicht nur ein berühmter Fernsehprediger, sondern auch Präsident einer Universität, der Liberty University. Mehr als 20000 Gottesfürchtige studieren an Amerikas größter religiöser Hochschule. Heute werden die frisch Graduierten verabschiedet, und deshalb sind Eltern zu Tausenden in die Basketball-Halle geeilt. »Jerry! Jerry!«-Rufe füllen die Arena. Falwell ist hier ein Held, der sich Amerikas moralischem Niedergang entgegenstemmt und deshalb kämpft gegen Abtreibung, Schwulenehe, Stammzellforschung und wie all die gesellschaftszersetzenden Phänome auch heißen mögen. Viele finden es bis heute richtig, dass der Gründer der Moral Majority im Terroranschlag vom September 2001 eine gerechte Himmelsstrafe für eine sündige Nation erkannte. Von Pastor Jerry erleuchtet, darf nun wieder ein Jahrgang seiner Jünger hinaustreten in ein Leben im Namen der Mission. »Halleluja«, jauchzt der Hochschulchor, es naht der Höhepunkt der Feierlichkeiten, die Rede des Senators.

Manchmal kann man sich Politik gar nicht vordergründig genug vorstellen. Es ist nämlich ganz einfach: Senator McCain befindet sich mitten in einem Präsidentschaftswahlkampf, der offiziell noch gar nicht begonnen hat, und muss als Erstes seine rechte Flanke sichern. Während sich der hässliche Herbst der Präsidentschaft Bush noch 1000 Tage hinziehen wird, stellen sich im Hintergrund schon die Kandidaten für die Nachfolge auf. Gegenwärtig deutet alles auf einen Kampf der Titanen hin: Hillary Clinton gegen John McCain. Dabei haben die beiden Favoriten unterschiedliche Herausforderungen zu meistern. Clinton muss nicht ihre Partei fürchten, sondern die Wähler. Für McCain ist es umgekehrt. Ihn verehren nicht nur moderate Republikaner, sondern auch die Wechselwähler der Mitte, die fast jede Wahl entscheiden. McCain steht in ihren Augen für Geradlinigkeit und die moralische Rehabilitation der Supermacht. »Das Gewissen der Nation« nannte man ihn, den ehemaligen Kriegsgefangenen und Folteropfer des Vietcong, als der sich ausdrücklich gegen seinen Präsidenten und dessen Aufweichung des Folterverbots wandte.

Bloß muss der Senator aus Arizona zuerst die Nominierung seiner Partei gewinnen – und der kann er sich keineswegs sicher sein. Denn hier übt die Minderheit der Rechts-Religiösen entscheidenden Einfluss aus. McCain muss also mindestens dafür sorgen, dass sie stillhalten und ihn nicht aktiv bekämpfen. Deshalb die Versöhnungsshow von Lynchburg.

Vor sechs Jahren hat er schon einmal verloren – gegen Bush

Der Senator tritt ans Rednerpult. Er trägt einen schlichten schwarzen Talar. Verhaltener Applaus begrüßt ihn. Wird er versuchen, die Herzen zu gewinnen, indem er sich in den Dienst von Glauben, Ehe und Familie stellt? McCain wittert die Gefahr und weicht aus. »Dienst am Vaterland« ist stattdessen sein Thema. Er spricht wie der Präsident, der er erst noch werden möchte. Eine schöne Sonntagsrede, wie es scheint. Doch als McCain fordert, einander in der Politik »nicht wie Feinde, sondern wie Landsleute« zu behandeln, wird der Hintersinn deutlich. Es ist ein Appell in eigener Sache. Soll heißen: Bitte nicht wieder John McCain zerstören. Ganz still ist es in der Arena geworden.