Bewerbung McKinsey und ichSeite 5/5

Das ist aber auch nicht nötig. Denn nach einem kurzen Small Talk zieht er bereits den Vertrag aus der Tasche. Mein Name steht schon drauf. Alles ist geregelt: Ich bekomme einen dreiwöchigen Wirtschaftskurs in Kitzbühel, darf 25 Tage Urlaub pro Jahr machen und mir natürlich ein Auto aussuchen. Und dann steht da auch noch mein Gehalt: Im ersten McKinsey-Jahr verdiene ich mehr als 60.000 Euro, je nach Leistung maximal 67.000 Euro. Ein bisschen weniger als Johanna, weil ich keinen Doktortitel habe.

67.000. Bis vor einem Jahr habe ich von 600 Euro pro Monat gelebt. Mir wird heiß. Ich merke, dass sich mein Gesicht knallrot verfärbt.

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»Und?«, will der Berater wissen, als wir in seinem Büro sitzen. »Noch Fragen?« Ich nicke. »Woher kommt der Glitter in Ihrem Gesicht?« Er lacht und erzählt, dass er in seinem Büro einen Adventskalender für seine Söhne gebastelt habe und ihm eine Tube mit silbriger Dekorationspaste explodiert sei. »Das Zeug ist überall, geht auch nicht mehr weg.« Und wieder finde ich einen McKinsey-Mitarbeiter nett.

Er schlägt vor, dass ich gleich unterschreibe. Ich sage, dass ich den Vertrag erst einmal mit nach Hause nehmen will. Ich zögere und zweifle. Die McKinsey-Welt mag strahlen und glitzern, mich würde sie unglücklich machen. Nach einigen Tagen beginne ich eine E-Mail: »Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich das Vertragsangebot leider ablehne. So attraktiv der Vertrag auch ist, ich möchte nicht darauf verzichten, weiterhin als Journalistin zu arbeiten. Außerdem glaube ich, dass ich nicht die Richtige wäre, um in einem Unternehmen Entscheidungen zu treffen, die eventuell das berufliche Aus für manchen Arbeitnehmer bedeuten würden.« Es dauert lange, bis ich schließlich auf »Senden« klicke.

Ein halbes Jahr ist seitdem vergangen. McKinsey hat sich für meine offenen Zeilen bedankt und das Vertragsangebot bis zuletzt trotz meiner Absage aufrechterhalten. Ich war nie wieder versucht, doch noch zu unterschreiben. Johanna ist inzwischen Beraterin, und ich mag sie noch immer. Sie hat nur selten Zeit. Mein Freund hat sich von der ganzen Geschichte noch nicht erholt. Er müsse, sagt er, nun mit der ständigen Angst leben, dass ich wieder schwach werde, sobald mir jemand Geld, tolle Reisen und ein schickes Auto anbietet.

*Die Autorin ist 26 Jahre alt, wohnt in Berlin. Dieser Artikel erscheint in längerer Fassung auch in Thomas Leifs Buch »Beraten und verkauft« bei Bertelsmann, das in diesen Tagen im Buchhandel erhältlich sein wird

 
Leser-Kommentare
  1. Ich melde mich als in der Schweiz praktizierender Arzt zu Wort, daher die fehlerhafte Orthographie - hier existiert eben kein Sz... Alle Versuche, den einfachen und auch ganz offen als solchen bezeichneten Erfahrungsbericht der jungen Autorin zu diskreditieren, erscheinen mir ebenso sinnlos wie hochgradig unreflektiert. Wie kann es sein, dass man eine schlichte Beschreibung von Tatsachen als mangelhaften Journalismus kritisiert? Was hätte man denn sonst gerne gehört? Schmähreden und neomarxistische Kapitalismuskritik? Oder eine Apologie der armen, laut Stundenlohn-Rechnung gar "unterbezahlten" McK-Handlanger?
    Zum Vergleich: Ein promovierter Assistenzarzt erhält bei einer (inklusive Nachtdiensten) zwischen 60 und 80 Wochenstunden schwankenden Dienstzeit in Deutschland exakt 37.500 Euro (vor Steuer, brutto!!!) pro Jahr. Wer das nicht glaubt, kann es in den BAT-Tabellen (BAT IIa) nachlesen. Nach 6 Jahren Facharztausbildung wird eines der höchst-qualifizierten Mitglieder der Gesellschaft dann nach BAT Ia bezahlt und erhält rund 45.000 Euro bei voller Verantwortung für täglich mindestens 30-40 Patienten. Ist das noch verhältnismässig? Oder sind die Berater eben doch einfach, was im Grunde jeder weiss, nämlich ganz üble Abzocker?!

  2. "Außerdem glaube ich, dass ich nicht die Richtige wäre, um in einem Unternehmen Entscheidungen zu treffen, die eventuell das berufliche Aus für manchen Arbeitnehmer bedeuten würden."

    Dies ist der Grundtenor des ganzen Artikels. Oder könnte es nicht auch heißen:

    "Außerdem glaube ich, dass ich nicht die Richtige wäre, um in einem Unternehmen Entscheidungen zu treffen, die eventuell das Aus für manches Unternehmen bedeuten würden." - und damit die Existenz einer größeren Anzahl von Arbeitnehmern vernichten würde?

    Hier outet sich die Gutmenschin als zu kurz denkend, anscheinend arbeitnehmer(menschen-)freundlich, jedoch bei nur etwas längerem Nachdenken möglicherweise arbeitnehmerfeindlich. Leider hat sich Frau Friedrichs nicht von dem üblichen, primitiven Schwarz-Weiß-Schema lösen können.

    So abgegriffen das Beispiel ist: der Chirurg, der aus Skrupel nicht schneiden kann, hat den Beruf verfehlt. Es muß natürlich nicht jeder Chirurg werden. Chirurgen brauchen wir dennoch. So soll Frau Friedrichs nicht für sich die höhere Moral beanspruchen und den Chirurgen verurteilen, was sie mit ihrem Artikel letztendlich getan hat.

  3. @ThorstenPadberg Eigentlich mag ich bissige Kommentare nicht so sehr, finde, Diskussionen werden schnell unsachlich, aber jetzt kann ich es mir doch nicht verkneifen, diskret darauf hinzuweisen, dass die Variante 'Dr. Sommer' als Kommentator noch gefehlt hat. Abgesehen davon dass Ratschläge (auch noch im Nachhinein, hättest du bloß.... irgendwie uncool, weil sie auch Schläge sind) besteht zwischen der Studienstiftung und einem McKinsey-Hype (das hat schon was sektiererische durch das Einschwören auf eine bestimmte Wahrheit) doch ein paar nicht unwesentliche Unterschiede. Die Studienstiftung mag man als elitär betrachten, sie verpflichtet zu nichts oder nicht zu viel. Die Kontakte kann man nutzen oder auch nicht.
    Man kann sein eigener Herr oder Frau bleiben, dass ist bei McK. eher fragwürdig.
    Davon abgesehen gibt es ja durchaus seriöse Beraterfirmen, gerade für kleinere mittelständische Betriebe kann eine gute Unternehmensberatung hilfreich sein.

    • fbm
    • 21.05.2006 um 14:15 Uhr
    4. @carll

    ich finde eigentlich, dass die vorgebrachten kritikpunkte eigentlich total konträr im artikel zu finden sind...

  4. Ein toller Beitrag von Julia Friedrichs. Hier wird nicht nur erzählt, mit welchen Methoden man Eliten rekrutiert, sondern auch sehr persönlich berichtet, wie schwer es ist, sich der Schmeichelei dieser Prozedur zu entziehen. Insofern ist dies ein in jeder Hinsicht toller Artikel: Er ist Einblick in Geschehnisse, die man nicht tagtäglich aus erster Hand erfährt, ein ehrlicher Bericht über die realen Verlockungen der Macht ohne den Versuch, dies zu moralisieren und (nicht nur nebenbei) auch auch noch toll geschrieben.

    Gratulation.

  5. Dass die verhinderte McKinsey Mitarbeiterin Julia Friedrichs lieber keine zukünftigen ALG II Empfänger produzieren wollte, ehrt sie. Die Verdrängungsarbeit, die die Elitenmacher gern mittels einer Mischung aus darwinistischer Selbstbeweihräucherung und etwas Mut zur Unvollkommenheit betreiben, ist enorm.

    • DrNoa
    • 22.05.2006 um 13:24 Uhr

    Es ist schon interessant wie einfach und billig sich junge (recht unerfahrene) studierte Leute "einkaufen" lassen.
    Erzähle ihnen sie seien etwas besonderes, die Elite, biete ihnen scheinbar viel Geld (interessant wäre zu erfahren, was McKinsey für ihre Leute je Stunde verlangt, erst dann ist klar ob das Gehalt in einem korrekten Verhältnis zur erwirtschafteten Leistung steht).
    Verwirre sie mit Freundlichkeit und kleinen Annehmlichkeiten.
    Danach spanne sie vor Deinen Karren.
    Da ich selbst auch einmal als "Berater" gearbeitet habe (wenn auch nicht für McKinsey, aber doch für einen international tätigen Großkonzern), finde ich dies alles wenig überraschend. Höchstens das es Leute, die über die Fähigkeit zur Analyse verfügen sollten, beeindruckt.
    Tatsächlich sind Berater oft nur Mittel zum Zweck. Für das Management, um die bitteren Pillen besser eintrichtern zu können - die übrigens meistens als Vorschläge schon intern existieren. Es ist besser, wenn die Botschafter schlechter Nachrichten nicht Leute sind, die noch im Unternehmen verbleiben sollen (man sollte seinen Macchiavelli kennen).
    Mittlerweile arbeite ich festangestellt in der Technik und fühle mich dabei bedeutend wohler. Denn ich muss den Kunden nicht mehr einreden, dass ich noch weitere Berater brauche (mehr Umsatz ist alles), muss ihnen nicht mehr Lösungen verkaufen, von denen ich genau weiss, dass sie für den Kunden überdimensioniert sind und er sie nicht wird händeln können (Folgeaufträge sind auch schön) - zumindest waren dies die Vorstellungen meiner Vorgesetzten. Daran gehalten habe ich mich allerdings nicht. Es war mir wichtiger Lösungen zu verkaufen, die auch funktionieren (hat übrigens auch Folgeaufträge gegeben, nur mit erheblich weniger frustrierten Kunden). Da war ich wohl zu sehr Techniker und zuwenig Politiker.
    Letztendlich fand ich diesen Tanz um Folien-Präsentationen (ersparen sie mir die Fakten, begeistern sie mich), Corporate-Identities (kommt einem schon vor wie eine Sekte) und das Gerangel um bessere Boni verlogen und ermüdend.
    Zudem fehlen vielen Beratern die Erfahrungen langjähriger Administration, die ich für unabdingbar halte, um gelungene Konzepte planen und einführen zu können.
    Allerdings findet man hier die Methode: Junge Menschen lassen sich viel eher dazu bewegen harte Lösungen (die ja in der Theorie hervorragend funktionieren) überzeugend zu propagieren, die ihnen mit Hilfen einfacher psychologischer Techniken als der Weisheit letzter Schluss verkauft wurden. Da gehört es dazu manipulative Filme zu zeigen, die mit der Wahrnehmung spielen, Farb- und Darstellungspsychologie zu verwenden um den Blick zu lenken (das tun gute Filmregisseure jeden Tag - ein Beispiel sind Musikvideos in denen eigentlich nichts passiert - jemand geht einen Gang entlang - aber durch unmotivierten Schnitt, Zeitlupe und verstärkte Schwarzweiss-Kontraste sieht das Ganze plötzlich interessant aus, weil unser Steinzeitgehirn nunmal auf Bewegung, Licht und starke Hell-Dunkel-Wechsel reagiert).
    Der Witz ist, dies wirkt umso besser, je mehr die Kandidaten glauben einer kognitiv überlegenen Elite anzugehören, die ihr Leben doch ganz klar im Griff hat.
    Auch ein IQ von 180 schützt nicht vor Techniken, die sich die Wahrnehmungsfunktionen (und -schwächen) des menschlichen Neuronalnetzes zunutze machen. Es sei denn, man weiss wie man gerade manipuliert werden soll.
    Das Leben im Griff zu haben ist ebenfalls eine interessante Illusion, der viele verfallen.
    Es gibt zwei Arten Risiken: Die, die man selbst beeinflussen kann und die, die man nicht beeinflussen kann.
    Beispiel: Beim Autofahren, kann ich mich anschnallen, ich kann vorsichtig fahren, dies kann ich beeinflussen. Ich kann jedoch nicht beeinflussen ob es in meinem Kfz Materialfehler gibt, ob jemand betrunken in mein Auto fährt, ob ein Vogel in meine Windschutzscheibe fällt...es gibt sehr viel mehr Faktoren, die ich nur sehr begrenzt oder gar nicht beeinflussen kann, als Faktoren auf die ich einen direkten Einfluss habe (wäre es anders, wären wissenschaftliche Versuche nicht möglichst klar umrissenen Modelle, die nur wenige variable Faktoren enthalten sollten).
    Trotzdem behauptet die Beraterbranche so gut wie jedes Problem lösen zu können indem einfachen BWL-Rezepte ihre Anwendung finden, oder die Mitarbeiter stärker "motiviert" werden - soweit ich weiss gibt es jedoch auf komplexe Fragestellungen keine einfachen Antworten.
    Outsourcing, Costcutting und Konzentration auf das Kerngeschäft sind solche Schlagworte. Die Automobilindustrie musste jedoch feststellen, das die Aufgabe der Entwicklung und Herstellung vieler essentieller Komponenten (insbesondere in der Autoelektronik) dazu führten, dass sie die Qualität dieser Komponenten nicht mehr beeinflussen konnten, was wiederum die Qualität ihrer Endprodukte und damit den Markenwert beschädigte (systemisch betrachtet besteht ein Kfz heute zur Hälfte aus Elektonik und Software). Denn ohne Kompetenz auf diesen Gebieten ist eine echte Qualitätskontrolle nicht möglich. Diese Kompetenz erwerbe ich aber nur durch die Entwicklung und Produktion dieser Komponenten. Also ist doch hier die Frage, was ist das Kerngeschäft? Und wie sollen Zulieferer auf immer weiteres Costcutting reagieren, wenn nicht durch Qualitätsminderung?
    Es erfordert viel Wissen um Entwicklungs- und Produktionsprozesse, um solche Entscheidungen (was wird ausser Haus gegeben, was nicht) kompetent treffen zu können, wie so etwas durch völlig branchenfremde Berater passieren soll, weiss wohl nur McKinsey.
    Sokrates hat viel Zeit damit verbracht, Experten seiner Zeit zu zeigen, dass sie eigentlich keine sind ("Ich weiss das ich nichts weiss."), es erstaunt doch, dass über zweitausend Jahre später, die Menschen nichts hinzugelernt haben.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Drei Ausreifezeichen, reißerische Überschrift! Reicht das, um journalistische Aufmerksamkeit zu erregen? Keine Ahnung, ich bin nicht vom Fach, sondern von der "anderen Seite", d.h. seit einigen Jahren bei einer internationalen Strategieberatung tätig (nicht McK, aber nahe dran...).

    Meist lese ich solche Artikel wie den von Frau Friedrichs sehr amüsiert, da sie außer einer Mischung aus Vorurteilen, generellem Unbehagen und ideologielastiger Kritik wenig zu bieten haben. Schade, daß Frau Friedrichs zumindest nicht probeweise den "Pakt mit dem Teufel" eingegangen ist und einen echten Insider-Bericht geschrieben hat. So berichtet sie leider nur von der Fassade der "Hölle", ohne die Schwelle wirklich überschritten zu haben.

    Daher nun einige persönliche Eindrücke aus der "Hölle":
    In meiner Karriere als Unternehmensberater habe ich noch nie jemanden das Wort "Elite" in den Mund nehmen hören, geschweige denn, daß man selbst dieses Gefühl entwickeln würde. Krankhaftes Selbstwertgefühl gibt es in vielen Branchen, auch hier, aber die meisten meiner Kollegen nehmen sich oder ihre Arbeit bei weitem nicht zu ernst. Im Gegenteil, man wird ständig an seine Grenzen geführt und lernt, seine Schwächen zu respektieren. Ich habe vorher auch schon in einigen anderen Branchen gearbeitet, aber so viele Leute wie hier, die sich selbst und den Beruf gnadenlos realistisch einschätzen, habe ich noch nirgendwo kennengelernt.

    Und was den angeblichen "Berater-Voodoo-Zauber" betrifft: Ja, vielfach besteht die Tätigkeit vor allem darin, die im Unternehmen bereits vorhandenen Fakten und Meinungen zu sammeln, zu bewerten, zu modifizieren und zu aggregieren. Das Problem ist einfach, daß nicht wenige Unternehmen "unfähig" sind, die Ideen ihrer Mitarbeiter wirklich zu nutzen. Das ganze wird dann verknüpft mit eigenen Konzepten, die im Laufe ähnlicher Projekte entwickelt wurden. Hört sich einfach an, aber ohne hohe Disziplin, Organisationstalent und schnelle Auffassungsgabe entwickelt man in gegebener Zeit keine vernünftige Lösung. Das Problem ist meist, daß der Zeitdruck enorm ist. Für das gleiche Projekt würde der Auftraggeber seinen eigenen Mitarbeitern meist das Vierfache der Zeit gewähren. Das führt dann als Berater schnell mal zu den "legendären" 80-Stunden-Wochen.
    Wahrlich kein Vodoo-Zauber, einfach nur disziplinierte, hochkonzentrierte Projektarbeit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, "Bodyleasing" im Maßanzug. Größere Konzerne mit eigenen, personell ausreichend großen Business Development-Abteilung machen diese Projekte in der Regel ja oft selber.

    Und ja, die Arbeitsbelastung ist enorm. Keine Frage. Aber 99% der Anfänger bei einer Beratung machen dort auch nicht bis zum Ende Karriere, sondern man holt sich seine 3-4 Jahre Erfahrung. Dafür lohnt es sich schon mal, seine Freizeit zeitweise einzuschränken.

    Ich kann nur jeden empfehlen, der die Chance hat, sich zumindest einen eigenen Eindruck von der Arbeit einer Unternehmensberatung zu machen, z.B. in einem Praktikum. Denn frei nach Humboldt :"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derjenigen, die die Welt nicht angeschaut haben."

    Cheers,
    jester

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