Politisches Buch Visionär oder Starrkopf

Zum 500. Todestag des Kolumbus: Alfred Kohler würdigt den Entdecker Amerikas im Kontext seiner Zeit

»Die Welt ist klein«,schrieb Christoph Kolumbus trotzig auf seiner letzten Reise. Elf Jahre zuvor war er nach 36 Tagen westwärtiger Seereise auf einer kleinen Insel an Land gegangen, in dem Glauben, im Reich eines gewissen »großen Khan« gelandet zu sein, von dem er in einem 200 Jahre alten Reisebericht eines Kaufmanns namens Marco Polo gelesen hatte, und in der Hoffnung, auf dem an allerhand Früchten reichen Eiland die Reichtümer zu beschaffen, die die Könige Kastiliens und Aragons für die Befreiung Jerusalems aus den Händen der Ungläubigen benötigen würden.

Was sich am Morgen des 12. Oktobers 1492 am Strand der Insel, die ihre Bewohner Guanahaní nannten, zutrug, als unter den Augen der Einheimischen die Flaggen zweier Monarchen aus einem fernen Land entrollt wurden, ist historische Folklore; ein literarischer Topos, dass der Mann, den zumindest die Nachwelt als Entdecker Amerikas feiern sollte und dessen Name sich wie kein zweiter mit einem historischen Epochenwechsel verknüpft, sich bis zuletzt starrsinnig der Erkenntnis verweigerte, überhaupt etwas Neues entdeckt zu haben.

In seiner kurzen Geschichte der europäischen Expansion im 15. Jahrhundert will der Wiener Neuzeithistoriker Alfred Kohler das Genuine an der Leistung des Seefahrers Kolumbus würdigen und verständlich machen, woher die Initiative zu seiner Westfahrt kam. Er muss den Heldenmythos dazu nicht mehr demontieren; häufig ist bereits darauf hingewiesen worden, dass die Annahmen, auf die Kolumbus seine Argumentation für die Reise stützte, bereits verbreitet waren und auch die Idee zu Westfahrt bereits 1474 von Toscanelli am portugiesischen Hof vorgetragen worden war.

Für Kohler ist die Geschichte der europäischen Expansion auch immer die Geschichte eines europäischen Überlegenheitsanspruchs, die sich an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert dynamisierte. Er möchte sein Buch im Kontext einer Forschung verstanden wissen, die die gängigen eurozentrischen Geschichtsbilder infrage stellt und den Blick auf außereuropäische Zusammenhänge richtet. In diesem Sinne vermisst er den Wissenshorizont von Kolumbus und seinen Zeitgenossen und ordnet die Entdeckung Amerikas in eine Expansionsbewegung ein, die wesentlich älter war und zur Zeit von Kolumbus vor allem von der Konkurrenz zwischen Spanien und Portugal angetrieben wurde. Sie schloss nach Asien, auf dessen Schätze sich die europäischen Begehrlichkeiten seit langem richteten und dessen Zivilisation man Respekt zollte, und nach den islamischen Ländern auch Afrika ein; den europäischen Beziehungen zu diesem als rückständig erachteten Kontinent räumt Kohler ein umfangreiches Kapitel ein. Was die Expansion nach Amerika letztendlich von diesen Bewegungen unterschied, ist seines Erachtens am ehesten die Irreversibilität der Kolonisierung: Während in anderen Weltgegenden Kaufleute Handelsposten errichteten, kamen hier Siedler und Missionare, um den eroberten Ausbeutungsraum nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

An der Tragik des Irrtums hat sich seit je die Fantasie der Nachwelt entzündet, auch die biografische Literatur hat Kolumbus immer wieder von ihr her erklärt: War er ein Visionär oder ein versponnener Starrkopf, der seinen Trugschluss ebenso beharrlich verteidigte, wie er zuvor seinen Traum von der Westfahrt verfolgt hatte? War er ein »moderner« oder ein Mensch des Mittelalters, der »erste Amerikaner« oder doch der letzte Bürger der Alten Welt? War er ein »Don Quichotte der Ozeane«, der als trauriger Held seiner eigenen Illusion einer vergangenen Zeit hinterhersegelte und dabei eher zufällig eine »Revolution der Phantasie« anstieß? Kohlers Buch ist keine Biografie, und die Persönlichkeit des Entdeckers, der beweisen wollte, dass die Welt klein war, und dessen herausragendste Leistungen Kohler auf dem Gebiet der Nautik ausmacht, zeichnet sich in ihm nur schemenhaft ab.

Als Kolumbus am 20. Mai 1506 starb, war seine Leistung fast vergessen. Der Ruhm kam später; da trug seine Entdeckung schon den Namen eines andern, der zwar nicht die Reise, aber den Gedanken als Erster gewagt hatte, dass das Land im Westen ein unbekanntes war.

 
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    • Quelle DIE ZEIT 18.05.2006 Nr.21
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    • Schlagworte Buch | Reise | USA | Literatur | Expansion | Portugal | Spanien | Oder | Afrika | Asien
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