Es sprudelt und fließt, ist dicht und doch flüchtig. Die Premiere von Pina Bausch heißt nicht, wie gewohnt, erst mal Neues Stück, sondern gleich Vollmond . Nach dem Himmelsgebilde, dessen ewiges Werden und Vergehen durch den wandernden Schatten bewirkt wird und durch das Kreisen im Raum und umeinander. Die Metapher passt zu den Nachtbildern, die das Tanztheater in Wuppertal seit dreißig Jahren prägen. Aber die große Kulturgeschichte, die auf dem Titel lastet, will das Stück nicht abarbeiten, sondern findet seine eigenen, schlicht-schönen Assoziationen.

Zunächst beleuchtet der Mond nur indirekt das Bühnengeschehen: Auf die Bühne scheint fahles, gelbliches Licht, vor allem regnet es fast pausenlos. Durch den schwarzen Raum zieht ein dunkler Bach, und rechts wölbt sich schiefergrau ein Felsbrocken. Die einzigen Lebewesen aber sind die Tänzer. Zwei Männer schöpfen Luft in leere Flaschen. Und siehe da: Der Schwung brummt. Wenn der eine Tänzer seine Arme, Beine, Ellbogen und Knie um sich herumwirbelt, bremsenlos geschmeidig, meint man, auch den Klang der Bewegung zu hören. Das je Eigene der meist solistischen Choreografien ist der Rhythmus zwischen Dehnen und Loslassen, Halten und Werfen einer Bewegung; ein je eigener Ausdruck für »Wasser, Himmel, Nacht«. Dabei schauen die Tänzer immer wieder nach oben, hintenüber gebogen; breiten die Arme aus, als wollten sie immer noch größer werden, mehr umfassen, als reiche ihnen ihr Körper nicht aus.

Der Zuschauer spürt dies als Sehnsucht: den Drang zu tanzen, Licht zu suchen, Tropfen fangen und fühlen zu wollen. Das ist kein Lebenslustigjubeltanz wie in früheren Stücken des Wuppertaler Tanztheaters. Auch scheinen die Frauen hier in einem anderen Element zu atmen. Sie spreizen Finger wie kleine Flossen; der Kopf zwischen weiten Armen zuckt. Kleine Wellen im Handgelenk und große durch den ganzen Körper, der unter den bodenlangen Kleidern fußlos wird. Gebremste Schwünge. Auch wenn die Musik manchmal zu seicht säuselt, zwischen herzerfüllenden balkanisch-zigeunerischen Melodien, vermeidet das Stück meisterhaft die Kitschpfützen des Themas. Stattdessen schwebt es einfach im Wasser.

Schon bei Arien 1979 war die Bühne geflutet, oft schon spritzte und platschte es in den Stücken von Pina Bausch. In Vollmond nun zeigt sich: Für eine eindrucksvolle Premiere muss es nicht immer das Superneue sein. Wir sehen wie gewohnt theatrale Zwischenszenen, Übungen aus dem Tanzstudio, Kräftemessen der Männer und Dehnbarkeitsvergleiche von Frauen. Gehässigkeiten, Ungeschicklichkeiten. Sie stehen für einen Alltag aus belächelnswerten Kleinigkeiten und fächeln der Wehmut Licht zu. Zitate aus früheren Stücken wehen hinein. Dominique Mercy, der Senior der Truppe und wunderbar ausdrucksvoll in der kleinsten Nuance, steht oft abseits der elf geschäftigen anderen. Einmal eilt er auf allen Vieren herein, dann schüttelt er seine Glieder wie im sprachlosen Gebet.

Am Ende fließt alles über. Die Tänzer rennen, tanzen ins Wasser, begießen den Felsen. Schließlich reihen sie sich völlig erschöpft für den Applaus auf. Sie lächeln nicht. Wasser rinnt ihnen übers Gesicht wie Tränen. Vollmond ist stark, weil es der alten Tanztheaterkraft vertraut, den Wurzeln des Ausdruckstanzes, der Anfang des 20. Jahrhunderts den von Zwängen befreiten Körper als ästhetisches Prinzip feierte. Der andere Große der deutschen Tanzszene, William Forsythe, der seinerseits die Ballettgeschichte fortschreibt, kommentierte kürzlich eindrucksvoll mit seinen Three Atmospheric Studies die bedrohliche politische Weltlage. Pina Bausch aber wagt sich dichter an den einzelnen Menschen. Deshalb geht einem auch ihr Stück näher.