Heuschnupfen Reizender Frühling

In diesen Wochen schwirren ebenso viele Pollen umher wie Weisheiten über den Heuschnupfen. Welche davon sind wahr, welche nicht? 13 Antworten von unserem »Stimmt’s?«-Kolumnisten Christoph Drösser

»So schlimm wie dieses Jahr war es noch nie«

In diesem Jahr kam der Frühling spät, und ebenso hat sich der Pollenflug vieler Gräser und Blumen verzögert. Dieser »synchrone« Pollenflug führt dazu, dass sich dieselbe Erreger-Menge über einen kürzeren Zeitraum verteilt, es liegt mehr in der Luft. So könnte es jedenfalls sein – Daten decken diese Vermutung jedoch noch nicht, warnt der Pharmakologe Theo Dingermann. Vielleicht ist es auch nur der bekannte Effekt, dass man die aktuellen Beschwerden immer besonders stark wahrnimmt.

»Bloß nicht mit offenem Fenster schlafen«

Die beste Maßnahme gegen Allergien ist es, die auslösende Substanz zu meiden, »Allergenkarenz« nennen das die Experten. Wer also eine Birke vor dem Schlafzimmerfenster stehen hat und gegen Birkenpollen allergisch ist, wäre dumm, wenn er das Fenster offen stehen lässt. Der Pharmakologe Manfred Schubert-Zsilavecz empfiehlt sogar: »Am besten sind Klimaanlagen, die mit einem guten Pollenfilter versehen sind.« Wer diese Investition scheut oder sich in klimatisierten Räumen nicht wohlfühlt, für den hat der Pharmakologe Theo Dingermann einen Tipp für die beste Lüftungszeit: »Lüften sollte man auf dem Land abends zwischen 19 und 24 Uhr, in der Stadt morgens zwischen 6 und 8 Uhr.«

»Alkohol und Tabakrauch machen alles noch schlimmer«

Abgesehen davon, dass wohl kein Mediziner zu übermäßigem Alkoholgenuss rät, gibt es keine Erkenntnisse darüber, dass Alkohol einen Einfluss auf den Heuschnupfen hat. Allenfalls kann er die Wirkung der Medikamente beeinträchtigen. Rauchen dagegen ist eindeutig schädlich. Der Qualm greift die Schleimhäute und Bronchien an, führt zu Entzündungen der Atemwege und erhöht die Anfälligkeit für Allergien. Raucher sollten zumindest in der gefährlichen Zeit auf die Zigarette verzichten.

»Diese Allergiker sind ja nicht wirklich krank«

»Das kann nur einer sagen, der noch nie darunter gelitten hat«, protestiert der Dermatologe Thomas Bieber von der Universität Bonn. Heuschnupfen ist eine schwerwiegende chronische Erkrankung und sollte nicht zu locker genommen werden. Wenn man ihn nicht behandelt, kann er zu schlimmeren Erkrankungen führen (siehe: »Wer nicht aufpasst…«).

»Heuschnupfen bleibt ein Leben lang«

Die Gefahr bleibt ein Leben lang, aber ansonsten kann man gegen den Heuschnupfen etwas tun. Das einfachste, aber auch banalste Mittel: vor den Pollen fliehen. »Man kann den Allergenen ausweichen, indem man zum Beispiel in die Antarktis zieht«, sagt der Pharmakologe Manfred Schubert-Zsilavecz. Bevor es am Südpol voll wird: Es gibt eine ursächliche Behandlung, die so genannte Hyposensibilisierung. Dabei werden dem Patienten die Allergene in immer höherer Dosierung gespritzt, bis er eine Resistenz entwickelt. Die hält bis zu zehn Jahre lang an, dann muss die Therapie wiederholt werden.

»In der DDR gab’s das nicht«

Es war nicht alles schlecht – für den Heuschnupfen stimmt diese Aussage. Zwar gab es in der DDR nicht weniger Pollen in der Luft, aber die Menschen haben weniger allergisch darauf reagiert. Überhaupt nehmen Allergien mit wachsendem Wohlstand zu. »In der DDR war es dreckiger als bei uns«, sagt der Pharmakologe Manfred Schubert-Zsilavecz von der Universität Frankfurt am Main. »Das Immunsystem entwickelt sich vor allem in den ersten zwei Lebensjahren, in dieser Zeit muss man ausreichend mit Dreck in Berührung kommen, das dient der Abhärtung.« Dafür gab es im Osten aufgrund des ätzenden Braunkohlerußes häufiger andere Atemwegserkrankungen wie Bronchitis. Heute haben sich die Zahlen in Ost und West angeglichen.

»Eigentlich sollte man eine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff buchen«

Auf dem offenen Meer gibt es keine Bäume und Wiesen – der Tipp ist also durchaus berechtigt. Allerdings kann sich nicht jeder Kreuzfahrten leisten, die so lange dauern, wie es in Augen und Nase juckt. Und ganz konsequente Allergiker müssten bei der Kreuzfahrt auch auf den Landgang verzichten.

»Immer mehr Leute bekommen Heuschnupfen«

Das gilt nicht nur für Heuschnupfen, sondern für alle Arten von Allergien – sie nehmen in unserer Gesellschaft zu. Die Experten rechnen heute mit zwölf Millionen Pollen-Allergikern in Deutschland. Manfred Schubert-Zsilavecz führt das auf unsere gestiegene Hygiene zurück, deretwegen unser Immunsystem nicht genügend Training erfährt (siehe auch: »In der DDR…«). Mitschuld trägt auch die Globalisierung: »Durch den Import von Obst und Gemüse werden wir mit immer unterschiedlicheren Substanzen konfrontiert, auf die unser Körper nicht eingestellt ist.«

»Bei den meisten fängt’s in der Pubertät an«

Stimmt nicht – die meisten entwickeln ihre Allergie schon in der frühen Kindheit. Kinder mit zwei allergischen Eltern erkranken doppelt so oft wie Kinder mit nur einem kranken Elternteil. Die Pubertät ist eine Zeit der hormonellen Umstellung, und die kann positive und negative Einflüsse auf den Heuschnupfen haben. Selbst im Erwachsenenalter kann sich die Allergie noch entwickeln.

»Wer nicht aufpasst, bekommt Asthma«

Ein Drittel bis die Hälfte der Pollenallergiker entwickeln im Laufe ihres Lebens eine schwere Asthma-Erkrankung. »Etagenwechsel« nennen Mediziner dieses unschöne Phänomen. Was bedeutet »nicht aufpassen«? Der Allergologe Thomas Fuchs von der Universität Göttingen: »Nicht zum Facharzt gehen und immer nur mit Cortison und Antihistaminika behandeln.« Denn dadurch werden nur die Symptome unterdrückt, und der Heuschnupfen kann sich ungestört weiterentwickeln.

»In der Stadt ist’s schlimmer, weil sich Autoabgase mit Pollen verbinden«

In Städten kann das Immunsystem tatsächlich heftiger reagieren. Rußpartikel binden sich an die Pollen und verändern ihre Struktur. Dadurch dringt auch ein Teil derjenigen allergenen Proteine an die Oberfläche, die normalerweise in den Pollen eingeschlossen bleiben – und reizen die Schleimhäute zusätzlich. Die Umweltmedizinerin Heidrun Behrendt von der Technischen Universität München vermutet, dass die aggressiveren Stadtpollen sogar allergische Reaktionen bei Menschen hervorrufen, die normalerweise nicht unter Heuschnupfen leiden. Hinzu kommt, dass die hohe Konzentration von Kohlendioxid in der Stadtluft die Pollenproduktion der Pflanzen noch anregt.

»Bei den Ursachen tappt die Forschung im Dunkeln«

Bei dem Satz schreien natürlich viele Experten auf. »Es gibt kaum ein Gebiet der Forschung, in dem man so viel Fortschritt gemacht hat«, sagt der Dermatologe Thomas Bieber. Richtig ist, dass der Mechanismus der Allergie gut bekannt ist, also wie das Immunsystem auf Erreger antwortet. Die entscheidende Frage aber, warum ein Mensch völlig unbehelligt von Pollen ist und der andere mit einer überschießenden Reaktion der Körperabwehr reagiert – darauf hat die Wissenschaft noch keine befriedigende Antwort. Vornehm drückt das Theo Dingermann aus: »Das Geschehen ist komplex und multifaktoriell, und letztlich kann man immer nur Risiken abschätzen.«

»Koffein hilft gegen Heuschnupfen«

»Das ist Quatsch«, sagt der Pharmakologe Manfred Schubert-Zsilavecz. Er erklärt sich dieses Vorurteil damit, dass die ersten antiallergischen Medikamente eine sedierende Wirkung hatten, und gegen diese Müdigkeit half manchmal ein starker Kaffee.

Mitarbeit: Sara Mously

 
Leser-Kommentare
  1. Ich habe meine Ernährung umgestellt. Ich wollte nicht mit dieser Verzichtsfalle beim Abnehmen leben und habe mir überlegt, wovon ich soviel essen kann wie ich will - und bin auf Obst und Gemüse gekommen. Seit ich Rohkost esse - das habe ich angefangen, um abzunehmen: in 13 Wochen 12 kg! ohne Sport und ich bin topfit - kann ich auf die sonst unumgängliche Einnahme von Zink und anderen Heuschnupfenmitteln verzichten. Ganz selten läuft ganz leicht die Nase. Dann putze ich einmal die Nase - und gut ist's. An den Augen null Symptome. Der Atem geht frei und kräftig. Das ist ein völlig neues Lebensgefühl, denn ich muss nicht länger mit betäubtem Körpergefühl, wie von den Heuschnupfenmitteln bei mir üblicherweise verursacht, herumlaufen. Ich bin total happy und praktisch symptomfrei. Ein komplett neues Lebensgefühl. Symptomfreie Grüße BrigitteSabina

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