Sachbuch Das 1001-Nacht-Projekt
Der große Theaterregisseur Peter Zadek wird 80. Ist das wahr? In seiner Autobiografie zeigt er sich als einer, der nicht altert, solange er nur erzählen kann
Üblicherweise funktioniert eine Autobiografie so, dass der Autor sein Leben umschmilzt zu (gelebter) Kunst. Während der Schreiber seine Zeit verbraucht, häuft er andere Reichtümer an – Weisheit, Erkenntnis, Güte, Einsicht. Indem er Energie verliert, gewinnt er Überblick.
Von diesem Schema hält sich Zadek, der am 19. Mai 80 Jahre alt wird, instinktiv fern, als sei es mit Alter, Kapitulation, Tod gleichzusetzen. Als wolle er sagen: Wenn du anfängst, Sprüche über das Leben zu schmieden, hat der Tod schon gewonnen. So ist der Schatz seiner Erkenntnisse überschaubar, seine Weisheiten tarnen sich als Ratschläge, die Wahrheiten huschen in Nebensätzen vorbei. Das Altern spielt keine Rolle in der Erzählung dieses alten Mannes.
Peter Zadek, der Theaterregisseur, floh, wenn man ihn auf einen Stil festlegen wollte; er lachte, wenn man ihm eine »Handschrift« andichtete; er bekam Atemnot, wenn in seiner Nähe Perfektion drohte. Und auch als Erzähler seines eigenen Lebens ist Zadek ein rastloser Mann.
Die legendären Jahre bei Kurt Hübner in Bremen, die Zeit als Theaterdirektor in Bochum, der bahnbrechende Othello in Hamburg – immer will Zadek nur weiter und überlegt, was er als Nächstes gegen die Langeweile und die Angst tun könnte. Seine Geschichte ist ein Schelmenroman ohne Schelm. Aus seinen Leistungen baut er keine Podeste, von denen aus er auf sein Leben zurückblicken könnte. Kein »Ich fasse zusammen«, auch kein Ehrgeiz, dem Vergangenen eine höhere Form, den Anschein einer Komposition zu geben.
Zadek hat zwei dicke Bücher veröffentlicht, weil er zu faul oder zu beschäftigt war, ein dünnes (durchdachtes) zu schreiben. Er hat sein Leben auf Band gesprochen, und seine Lebensgefährtin Elisabeth Plessen hat es abgeschrieben und konzentriert. So gehen Ärzte mit ihren Diagnosen um. So geht auch Zadek mit seiner Selbstdiagnose um: Es ist gesagt worden, und damit gut. Therapie interessiert ihn weniger.
Man fühlt sich wie der geduldige Zuhörer eines Selbstgesprächs, und ein Grundgefühl des Künstlers Zadek, das Leiden an der Langeweile, grundiert die Lektüre: Das ist doch unerheblich, so klingt’s zwischen den Zeilen, die sich lesen, als habe sie einer dem natürlichen Wunsch nach Vergessen abgetrotzt. Eigentlich, sagt jeder Satz, ist das alles nicht der Rede wert – und dennoch setzt sich Zadek seit 1993 regelmäßig vors Tonband und redet über sein Leben, dabei die eigene Person beharrlich vor der Öffentlichkeit beschützend. Er treibt sein Ich vor sich her, er durchleuchtet es nicht.
Zadeks Autobiografie hat den unaufgeregten, fast blasierten Sachlichkeitssound, den Zadek auch in Interviews bevorzugt. Er ist Zeitzeuge, nicht Kommentator. Das deutsche Volk, aus dem er mit seiner jüdischen Familie floh, erstaunt ihn kühl, es empört ihn nicht. Als er 1958 aus England nach Deutschland zurückkehrt, tut er das, weil er in Deutschland bessere Arbeitsbedingungen findet. Ein Romantiker, ein Zauberer will Zadek nicht sein. Seine Inszenierungen schildert er als Baustellen, hinter deren Absperrgittern er sich mit ein paar Leuten auf die Lösung handwerklicher Probleme eingelassen hat.
- Datum 30.07.2009 - 11:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 18.05.2006 Nr.21
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