Fast Food »Ich werde als Person diffamiert«
Ein Gespräch mit dem McDonald’s-Kritiker Eric Schlosser über sein neues Aufklärungsbuch für Kinder – und die Gegenangriffe der Fast-Food-Industrie
Eric Schlossers Mitteilungsdrang in Sachen Fast Food erreicht in diesen Tagen auch die Filmfestspiele in Cannes. Eine Kinoversion seines Sachbuchs läuft dort im Wettbewerb – und zwar in Form eines Spielfilms mit den Darstellern Ethan Hawke und Patricia Arquette. Der Regisseur Richard Linklater verwebt darin sechs Episoden aus einer amerikanischen Kleinstadt, die von schlechter Ernährung und Bauernsterben erzählen.
Kurz vor dem Filmstart ist Schlossers neues Buch erschienen. Seine heftigen Attacken auf die Hamburger-Industrie setzt er darin fort, wendet sich diesmal aber an jüngere Leser: Er möchte Kindern und Jugendlichen die Gefahren der sich ausbreitenden Fettleibigkeit vor Augen führen und die schlechten Arbeitsbedingungen in der Fast-Food-Industrie. Bisher ist das Buch nur auf Englisch erschienen, unter dem appettitzügelnden Titel Chew On This – Everything You Don’t Want to Know About Fast Food (»Daran kaut mal – Alles, was ihr nicht über Fast Food wissen wollt«). In den USA löste es sofort erbitterte Diskussionen aus.
DIE ZEIT: Ihr Nachschlag, Chew On This scheint ja einen ganz schönen Wirbel zu machen.
Eric Schlosser: Die vergangene Woche war unglaublich! Schon vor einem Monat hat das Wall Street Journal über interne McDonald’s-Dokumente berichtet, laut denen Aktionen gegen Buch und Film geplant seien. Und jetzt passiert es: Überall, wo ich Chew On This vorstelle, tauchen merkwürdige Gruppen auf, die versuchen, mich als Person zu diffamieren. Obskure Vereine wie Junge Amerikaner für die Freiheit oder Zentrum für Konsumentenfreiheit gehen gegen mich vor, aber auch der kalifornische Restaurant-Verband oder die kalifornische Handelskammer.
ZEIT: Wie machen die das?
Schlosser: Manche Gruppen schwärzen mich bei Schulen und Radiosendern an: Ich sei eine »ungeeignete Persönlichkeit«, um mit Kindern zu diskutieren; ich ermutigte sie dazu, Drogen zu nehmen. Oder diese Leute verteilen Flugblätter bei den Lesungen und behaupten, ich sei Sozialist und Ausländerfeind.
ZEIT: Und Sie vermuten, McDonald’s stecke hinter einigen solcher Aktionen?
Schlosser: Offiziell haben sie jeden Zusammenhang bestritten.
ZEIT: In der Pressemitteilung zum Erscheinen Ihres Buches heißt es: »Ganz eindeutig teilt Herr Schlosser das Engagement von McDonald’s für Lebensmittelsicherheit, gute Jobs und Lebensmittelqualität.«
Schlosser: Es gibt auch eine neue Website, Best Food Nation, da wird wenigstens inhaltlich gegen meine Kritik Stellung bezogen. Auf deren Unterstützerliste stehen allerdings einige der größten Lobbyverbände der Lebensmittelindustrie, vom Amerikanischen Fleisch-Institut bis zu den Vereinigten Eierherstellern.
ZEIT: An Gegenwind müssten Sie doch seit der Auseinandersetzung um Ihr Buch Fast Food Nation gewöhnt sein.
Schlosser: Nicht in dieser Vehemenz.
ZEIT: Die Branche steht immer stärker unter Druck. Immerhin hat Expräsident Bill Clinton gerade eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller von Softdrinks mit eingefädelt, in amerikanischen Schulen keine überzuckerten Limonaden mehr zu verkaufen.
Schlosser: Das finde ich sehr gut. Wobei der beste Politiker bei diesem Thema der republikanische Gouverneur von Kalifornien ist. Arnold Schwarzenegger hat Gesetze vorangetrieben, die auch Fast Food aus den Schulen verdrängen. Dass er dabei sogar gegenüber großen Sponsoren seiner eigenen Partei Rückgrat zeigte, rechne ich ihm hoch an. Kürzlich beschloss zudem die Walt Disney Corporation, ihr Marketing-Abkommen mit McDonald’s nicht zu verlängern. Dabei funktioniert der Hamburger-Konzern auch als eines der größten Spielzeugunternehmen der Welt: Jedes Jahr verkauft oder verschenkt er 1,5 Milliarden Spielzeuge. Gewiss machen die McDonald’s-Leute sich Sorgen, wenn jetzt auch noch mein Buch eine ihrer wichtigsten Zielgruppen anspricht. Und dann der Film…
ZEIT: …an dem Sie auch mitgewirkt haben. Auf McDonald’s haben Sie sich ja wirklich eingeschossen. Das sind für Sie offenbar die Bösen.
Schlosser: Ich kritisiere keine Personen, sondern Systeme und Denkweisen.
ZEIT: Trotzdem, warum immer wieder McDonald’s? Zu viel Zucker und Fett, Zusatzstoffe, schlechte Bezahlung: Das machen doch andere Firmen genauso, sie sind oft bloß noch weniger transparent.
Schlosser: McDonald’s war aber ein Pionier für vieles, was in der Lebensmittelbranche passiert. Nach wie vor ist der Konzern der größte Aufkäufer von Rindfleisch, Huhn, Schweinefleisch und Kartoffeln in den USA. Wenn seine Manager morgen beschließen würden, von riesigen, zentralen Produktionsstätten auf lokale Zulieferer umzusteigen und auf frische Zutaten, dann hätte das fundamentale Auswirkungen auf die gesamte amerikanische Landwirtschaft. McDonald’s hat auch in Frankreich und Deutschland eine immense Nachfragemacht. Das heißt nicht, dass andere Ketten weniger problematisch wären.
ZEIT: In Deutschland bezieht McDonald’s die meisten Rohstoffe inzwischen von einheimischen Firmen und fliegt sie nicht mehr wie am Anfang von weit her ein.
Schlosser: Schön, wenn sie deutschen Bauern Arbeit geben. Aber welche Landwirtschaft fordern sie denen ab? Einer meiner zentralen Vorwürfe gegen die Fast-Food-Ketten ist, dass sie in Tausenden von Filialen komplett einheitliche Produkte haben wollen und dann auf Massenproduktion angewiesen sind. Als würden ihre Speisen nicht auch gut schmecken, wenn es an verschiedenen Orten wegen der anderen Anbauweisen kleine Unterschiede gäbe.
ZEIT: Wo liegt das Problem dieser Einheitlichkeit?
Schlosser: In den USA werden zum Beispiel mittlerweile bis zu 100.000 Kühe dicht nebeneinander auf den Weiden gehalten und gefüttert, und man verarbeitet sie in Schlachthäusern von nie gekannter Größe. Eine derartige Konzentration der Fleischproduktion bekommt nicht nur den Tieren schlecht, sie ist zugleich die perfekte Voraussetzung für die Ausbreitung gefährlicher Keime. Ich weiß nicht, ob die Vogelgrippe auch Menschen krank macht. Doch ohne Zweifel hat die asiatische Geflügelproduktion nach US-Vorbild dem Virus perfekte Entfaltungsmöglichkeiten geboten. Die Fabriklandwirtschaft hat das Essen verbilligt. Aber die potenziellen Kosten für Tiere, Konsumenten und Umwelt muss man zum Lebensmittelpreis dazurechnen.
ZEIT: Und die Verbraucher? Ein McDonald’s-Sprecher sagte: Gegen Schlossers Meinung stimmen jeden Tag weltweit 45 Millionen Kunden.
Schlosser: So schnell lasse ich die Firmen nicht aus der Verantwortung. Die geben jedes Jahr mehr als drei Milliarden Dollar für Marketing aus und die ganze Fast-Food-Industrie dreieinhalb Milliarden allein für Fernsehwerbung. Ihr Einfluss ist riesig.
ZEIT: Fast Food erfüllt auch Bedürfnisse: Viele Verbraucher müssen mobil sein, oder sie haben keine Zeit, gezielt einzukaufen und zu kochen.
Schlosser: Ich habe doch nichts gegen schnelle Zubereitung, da gibt es eine Menge gesunder Möglichkeiten. Ich habe aber beispielsweise etwas gegen Trans-Fettsäuren. Anderswo ist deren Anteil streng reguliert, denn sie können die Gefäße schädigen. Doch weil unsere Regierung nichts unternimmt, haben Kinder nach wie vor zu viel davon im Essen. Dafür können die Konsumenten ebenso wenig wie für die Verstöße gegen die Versammlungsfreiheit oder die Gesundheitsgefährdungen in amerikanischen Fleischfabriken von Nebraska bis Colorado. McDonald’s als größter Aufkäufer aber steht damit in Verbindung. Nike hat die Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen bei seinen asiatischen Zulieferern übernommen.
ZEIT: Eher ungewöhnliche Themen für ein Kinderbuch. Interessieren sich Jugendliche für so was? Sind sie überhaupt eigenständige Konsumenten?
Schlosser: Ich finde, auch Kinder sollten sich informieren. Sie bekommen nur leider in den USA ihre Aufklärung hauptsächlich von der Industrie. Die macht sich an die Kids heran, wo immer sie sind: bei den neusten Sportstars, im Kino, vor dem Fernseher, vor dem Computerspiel. Ich versuche, den 20.000 Fast-Food-Spots pro Kind und Jahr etwas entgegenzusetzen.
ZEIT: Sind Sie selbst als Vater besonders streng?
Schlosser: Ich bin kein Purist, und auch meine beiden Kinder kriegen fette Pommes und süße Brownies oder Milchshakes. Aber nur ab und zu, und wenn, dann aus frischen Rohstoffen zubereitet. Wir versuchen, so viele Bio-Lebensmittel wie möglich zu kaufen. Ich klopfe auf Holz: Meine Kinder sind bisher gesund und gut in Bewegung.
ZEIT: Wie so viele Kinder in der Mittelschicht. Erreichen Sie mit Ihren Büchern denn auch die ärmeren Familien, in denen es viel mehr Probleme mit Fehl- und Überernährung gibt?
Schlosser: Ich versuche es jedenfalls, zum Beispiel indem ich in Schulen lese. Tatsächlich müssten die Regierungen gerade dort etwas tun, wo die Leute wenig Geld haben. McDonald’s bietet zwar mittlerweile auch Salate an. Aber gerade in den Armenvierteln machen sie kräftig Werbung für Ein-Dollar-Menüs – und für das Geld kriegt man nur Burger. Die Strategie ähnelt jener der Tabakindustrie.
ZEIT: Merkwürdiger Vergleich. Nikotin macht richtig süchtig.
Schlosser: Aber auch die Tabakkonzerne haben sich, als die weiße Mittelschicht aufhörte zu rauchen, gezielt die Ärmeren und die Migranten als Kunden vorgenommen. Übrigens sind einige der Grüppchen, die mich jetzt attackieren, ursprünglich von der Tabakindustrie gefördert worden. Früher haben sie gegen jeden gehetzt, der gesagt hat, dass Rauchen der Gesundheit schade. Jetzt schalten sie um auf Fast Food.
ZEIT: Die Ärmeren sind nicht nur über Ernährung schlecht informiert, sie können sich auch die teurere Biokost kaum leisten.
Schlosser: Das Problem ist eher, dass organic food in ihren Wohnvierteln schwerer zu kriegen ist. Das ungesunde Essen ist übrigens nur deshalb billiger, weil es mit Macht gefördert wird. Die Maissubventionen, die unsere Regierung amerikanischen Farmern zahlt, machen oft sechzig Prozent von deren Einkommen aus.
ZEIT: In Deutschland wollen die Verbraucher keine Genpflanzen, in den USA kommen sie auf den Tisch. Wie stehen Sie dazu?
Schlosser: Ich kenne zwar bisher keine überzeugenden Belege dafür, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel die Gesundheit gefährden. Aber das Gegenteil ist auch nicht bewiesen. Jedes Arzneimittel muss jahrelang getestet werden. Genmais und -soja hingegen wurden ohne Langzeitstudien im großen Stil eingeführt. Mit den Bewohnern und der Umwelt Amerikas wird ein riesiges Experiment durchgeführt. McDonald’s hat sich übrigens geweigert, gentechnisch veränderte Kartoffeln einzukaufen. Die Genkartoffel war daraufhin in den USA praktisch erst mal kaputt. Auch daran erkennen Sie die Marktmacht des Unternehmens.
ZEIT: Reden Sie direkt mit McDonald’s-Managern?
Schlosser: Sie haben sich in den vergangenen fünf Jahren geweigert, öffentlich mit mir zu diskutieren. Angeblich will jetzt der England-Chef bei der BBC mit mir auftreten. Das finde ich klasse.
ZEIT: Auch in Deutschland reagiert McDonald’s durchaus auf Kritik. In den Restaurants wird jetzt beispielsweise Biomilch angeboten, die Manager treffen sich mit Verbraucherschützern. Woher rührt dieser Unterschied zu den USA?
Schlosser: Bei Ihnen in Deutschland scheint mir das Bewusstsein für die Qualität der Nahrungsmittel viel weiter entwickelt zu sein, vor allem seit BSE. Die Fast-Food-Firmen gehen mit ihren Verbilligungsstrategien so weit, wie man sie lässt.
ZEIT:
Zwei Bücher, ein Film: Sind Sie nicht doch ein Missionar?
Schlosser:
Ich habe Informationen gesammelt und will etwas gegen Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch tun. Ich bin weder Missionar, noch Fanatiker, noch Kreuzritter.
Das Interview führte Christiane Grefe
Eric Schlosser, 46, veröffentlichte im Jahr 2001 das Buch »Fast Food Nation«, das seither 1,4 Millionen Mal verkauft wurde. Der amerikanische Autor lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Kalifornien
- Datum 17.05.2006 - 08:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 18.05.2006 Nr.21
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Ich bin Single und seit Jahren "HeavyUser" von MCD, was im Schnitt einmal Fast Food pro Tag heißt. Warum das ?
Convenience ! Bei begrenztem Budget und
trotzdem, wie ich finde, recht guter Qualität. Da ich nirgends angestellt bin, komme ich auch nicht in den Genuß, mehr oder weniger gesunden Kantinenessens. Gut, als Student war das Mensaessen natürlich oft gesünder und auch abwechselungsreicher und schmackhafter (Ich esse auch lieber gedünsteten Chicoree mit Filetspitzen, als Burger mit Pommes), aber eben auch hoch subventioniert.
Allerdings brauchen Konzerne wie MCD auch Konkurenten. Seit es in meiner Region auch diverse Burger Kings gibt, ist die durchschnittliche Qualität bei MCD gestiegen.
Für mich ist eben auch wichtig, daß es ein Drive Thru ist,
weil ich beim Essen im Auto Radio hören will (DLF) und manchmal auch was lese. Ich wuerde auch gerne mal bei Subway essen, aber die Filiale in meiner Stadt liegt so bekloppt, daß noch nicht mal ein einziger Parkplatz vor der Tür ist.
Manchmal hole ich mir auch ein MozzarellaTomatenbaguette und ´nen Caffe beim Bahnhofsbäcker, aber da fahre ich finanziell schlechter ! Die ausgeklügelte Logistik bei MCD bringt dem Kunden eben auch relativ gute Preise. Bäcker (und andere Einzelhändler) sind teuer dagegen, wenn man sich satt essen will. Und wenn ich z.B. viel Fertigpizzen aus dem Supermarkt esse, werde ich schneller dick, als wenn ich mengenbegrenzt bei MCD, BurgerK, etc.. esse.
Mein Traum wäre ein DriveThru, der Pellkartoffeln mit Quark oder eben gedünstetes Gemüse mit Seefischfilets,
eben richtig gesundes, leckeres Essen zu Massendiscountpreisen anbietet!
Jedenfalls will ich mit der Zubereitung von
Essen so wenig wie möglich zu tun haben und trotzdem ,möglichst im Halbprivaten (Auto), einigermaßen schmackhaft und gesund essen können, aber kann mir keine regelmäßigen Restaurantbesuche leisten. Da bleibt
dann nur eine industrielle Zubereitung und Vermarktung
standartisierter, fertiger Speisen, also Fast Food !
Und richtig gesundes Essen ist ja offenbar zu teuer, bzw.
nicht zu entsprechenden Preisen und Mengen über diesen Kanal abzusetzen.
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