Ich habe einen Traum Ray Davies

Ray Davies, 61, gründete 1963 mit seinem Bruder Dave die Band The Kinks, die neben den Beatles, den Rolling Stones und The Who zu den einflussreichsten Bands der sechziger Jahre gehörte. Als Songschreiber gelangen Davies neben Welthits wie »Lola« und »You Really Got Me« auch eine Reihe von Konzeptalben, die sich satirisch mit dem englischen Alltag auseinander setzen. The Kinks haben sich nie offiziell aufgelöst, traten aber zuletzt vor zehn Jahren gemeinsam auf. Der Britpop der Gegenwart sieht Ray Davies als seinen geistigen Vater an. Ray Davies träumt von einem besseren Verhältnis zu den Menschen um ihn herum

Träume haben für mich schon immer eine große Rolle gespielt. Als ich 1964 begann, mit den Kinks Platten aufzunehmen, waren wir alle Träumer. Wie jede junge Generation glaubten wir fest daran, die Welt verändern zu können. Wir träumten davon, eine bessere Gesellschaft zu erschaffen. Die Chancen schienen gut zu stehen – wir hatten Möglichkeiten zur Verfügung, die keine Generation vor uns hatte. Der britische Pop wuchs zu einem weltweiten Phänomen an, Grenzen wurden durchbrochen, Bands wie die Beatles und die Stones wurden auf der ganzen Welt gehört und verstanden. Die Jugend ging auf die Straße und meldete sich zu Wort. Für eine kurze Zeit, für einige wunderbare Monate, sah es so aus, als sei alles möglich, als könnte der Traum wahr werden.

Aber wir hatten uns getäuscht. Vielleicht haben wir es geschafft, die Sensibilität einiger Menschen zu verändern. Aber es ist uns nicht gelungen, zum Kern der Gesellschaft vorzudringen. Inzwischen glaube ich: Als Musiker einen radikalen Gesellschaftswandel erreichen zu wollen ist leider illusorisch.

Ich bin aber immer noch ein Träumer, und ich schreibe meine Stücke auch heute noch für Träumer. Jeder, der über die Fähigkeit verfügt, sich für einen Moment über die Realität zu erheben – sei es mit Hilfe eines Popalbums oder eines Gemäldes–, entwickelt einen Traum.

Wenn ich schon nicht die Gesellschaft verändern kann, würde ich zumindest gern die Leute um mich herum glücklich machen. Im direkten Kontakt gelingt mir das leider sehr selten. Ich bin gut darin, sie zu beobachten und Lieder über sie zu schreiben. Aber mich unter sie zu mischen und mit ihnen zu kommunizieren, das fällt mir extrem schwer. Das schaffe ich eigentlich nur über meine Songs.

Ich komme nicht gut mit Menschen zurecht. Ich habe zwei gescheiterte Ehen hinter mir, schwere Lebenskrisen, Tablettenmissbrauch, es gab Phasen voller Selbsthass und einen Selbstmordversuch. Die Beziehung zu meinem Bruder war geprägt von Wut und Gewalt.

Lange Zeit habe ich davon geträumt, ein ausgeglichener, gefestigter Mensch zu sein. Bedauerlicherweise führt der Beruf, dem ich nachgehe, nicht gerade auf den Pfad der Glückseligkeit.

Vor drei Jahren war es besonders schlimm. Damals schien mein gesamtes Leben auseinander zu fallen: Mein neues Album wurde einfach nicht fertig, die Arbeit daran hatte schon fünf Jahre gedauert. Im Studio lief alles sehr zäh, und ständig gab es Probleme mit Musikern, Technikern und Produzenten. Nach und nach verlor ich die Liebe zur Musik. Ich wurde immer ungeduldiger und reizbarer, nicht nur im Studio. Auch meine Beziehung litt, mit meiner Freundin hatte ich dauernd Streit. Wir standen kurz vor der Trennung.

Damals habe ich mir gesagt: »Ab jetzt will ich ein besserer Mensch werden, ich werde freundlicher sein und verständnisvoller. In Zukunft werden für mich die Menschen um mich herum im Mittelpunkt stehen, mein Privatleben, nicht mehr meine Arbeit.« Ich wollte, ganz einfach gesagt, ein glücklicher Mensch werden.

Im Winter 2003 flog ich mit meiner Freundin nach New Orleans. Dort wollte ich mit der Verwirklichung dieses Traumes beginnen. Und mein Album fertig stellen, was mir in England nicht zu gelingen schien. Amerika schien mir der richtige Ort, meinem Traum nachzujagen. Amerika war schließlich das Land, das in mir das Bedürfnis geweckt hattte, eine Gitarre in die Hand zu nehmen, das Land, das mich mit dem Traum von einem Leben als Musiker infiziert hatte. Amerikanische Musik hat mich sehr beeinflusst, Blues, Skiffle, Rockabilly, Country, auch Jazz.

In New Orleans kam ich mit der Arbeit an meinem Album viel besser voran. Eines Nachmittags, die Aufnahmen waren gerade abgeschlossen, spazierten meine Freundin und ich zu einem Restaurant. Ich erzählte ihr, dass ich uns am nächsten Tag ein Haus in New Orleans kaufen wollte. Ich wollte mich dort niederlassen, mit ihr. Ich erzählte ihr von dem neuen Menschen, der ich von jetzt an sein würde: glücklich und ausgeglichen. Träume, Pläne, Ambitionen griffen ineinander, ihre Verwirklichung schien in greifbarer Nähe.

Dann geschah das, was häufig geschieht, wenn Träume mit der Wirklichkeit kollidieren – mein Traum verkehrte sich zu einem Albtraum. Nein, es war nicht die große Flut, die kam erst später. Wir wurden auf diesem Spaziergang von einem Straßenräuber überfallen. Er entriss meiner Freundin die Handtasche, ich rannte ihm hinterher, und er schoss mir ins rechte Bein. Gerade hatte ich begonnen, mich wie ein glücklicher Mensch zu fühlen, da schießt jemand auf mich, am helllichten Tag, auf offener Straße.

Die Kugel zerschlug alle Sicherheit und alle Träume. Anfangs war nicht einmal klar, ob ich überleben würde – die Kugel war ein Explosivgeschoss, sie hat mein Bein ziemlich übel zerfetzt, und während der Operation machte mein Herz Probleme. Ich musste lange im Krankenhaus liegen, war ans Bett gefesselt und hatte viel Zeit, nachzudenken. Einige Wochen nach dem Überfall hat mich meine Freundin verlassen. Das Haus habe ich nie gekauft.

In dieser Zeit habe ich eine wichtige Lektion über Träume gelernt. Ich habe begriffen, dass ich mein innerstes Wesen nicht grundsätzlich ändern kann. Dass ich wohl niemals ein ausgeglichener, glücklicher Mensch sein werde. Ich kann vielleicht etwas freundlicher werden, ein bisschen gelassener, das ja. Aber ich werde bleiben, wer und wie ich bin. Damit muss ich zurechtkommen.

Mein Leben ist geprägt davon, dass ich mein privates Glück häufig der Musik geopfert habe. Das ist sehr traurig, aber so bin ich eben. Meine Form von Glück ist es, die Menschen zu beobachten und Lieder darüber zu schreiben. Konzerte zu geben. Um das andere Glück muss ich mich stärker bemühen – das Glück, mich um meine Familie zu kümmern und um die wenigen Menschen, die ich liebe, die wenigen Freunde, die ich habe.

Jemand hat einmal gesagt: »Nicht die Dunkelheit draußen ängstigt mich, sondern die Dunkelheit im Innern.« Ich denke, das ist der Kampf, den ich zu bestehen habe. Bei dem Überfall in New Orleans ist die Dunkelheit von außen in mein Innerstes gedrungen. Es fiel mir dann sehr schwer, aus dieser Dunkelheit wieder hinauszufinden. Bis heute ist es mir nicht ganz gelungen.

Ich bin 61 Jahre alt, das Rätsel des Lebens habe ich immer noch nicht gelöst. Ich habe keine Ahnung, worum es im Leben wirklich geht. Aber ich versuche, Songs darüber zu schreiben. Vielleicht komme ich damit doch auf irgendeine Art der Antwort näher.

 
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