Erziehung Verwildert, verlottert, verludert

Viele europäische Staaten haben ein Problem mit ihrer Unterschichtenjugend. Was tun gegen die Verwahrlosung?

Rüde Jugendliche, schwierige Schulen, hohe Gewaltbereitschaft: Nicht nur in Deutschland schlagen sich Lehrer, Sozialarbeiter und Behörden damit herum. Klagen über einen Verfall gemeinsamer Wertvorstellungen und eine Verrohung der Umgangsformen gibt es in allen westeuropäischen Gesellschaften. Und überall versuchen Regierungen – mit vielfältigen Methoden und unterschiedlichem Erfolg – gegenzusteuern, mit aufwändigen Kampagnen und moralischen Appellen, mit schärferen Gesetzen und härterem Durchgreifen (»null Toleranz«).

Respektlosigkeit im Umgang, antisoziales Verhalten, Verrohung in der Sprache und eine niedrige Gewaltschwelle im Alltag sind in Großbritannien weit verbreitete Phänomene – und nicht nur ethnischer Natur. Zum Beispiel Southend-on-Sea östlich von London. Dort nahmen Pöbeleien und Aggressionen jugendlicher Rabauken derart überhand, dass Bürger zur Selbsthilfe schritten. Linda Martin, eine 56-jährige Hausfrau, gründete zusammen mit anderen Frauen die Mum’s Army, eine Partei, die es sich zum Ziel gesetzt hat, staatliche Maßnahmen gegen die »Seuche antisozialen Verhaltens« durchzusetzen. Linda Martin will der Politik Beine machen, die Regierung soll dafür sorgen, dass der öffentliche Raum auch in den Vororten für ältere Menschen und Frauen wieder sicher wird. Tony Blair hat darauf zwar inzwischen mit einer »Respektkampagne« reagiert. Zu ihr gehören Ausgangssperren für außer Rand und Band geratene Teenager und so genannte antisocial behaviour orders, also zum Beispiel das Verbot, sich auf bestimmten Straßen oder Plätzen herumzutreiben.

Doch den Bürgerinnen von Southend-on-Sea reicht das nicht, denn nach wie vor sind viele Problemviertel für Frauen, Kranke und Alte zu gefährlich: Spätestens nach Einbruch der Dunkelheit sind die Straßen fest in der Hand der feral kids. So nennt die Polizei die außerhalb jeder elterlichen Kontrolle heranwachsenden »verwilderten« Jugendlichen, die ihre Gesichter vor den Überwachungskameras unter ihren hoods (Kapuzen) verbergen und für nichts und niemand Respekt haben. Sie hängen in Gruppen vor Fast-Food-Restaurants herum, betrinken sich, pöbeln Passanten an, schmeißen Steine auf vorbeifahrende Autos und werden rasch handgreiflich. Die Polizei kriegt sie nicht in den Griff. Entweder findet sie keine Zeugen, oder die Täter sind zu jung, um vor Gericht zu kommen. Ein Teufelskreis, den Linda Martins Mum’s Army durchbrechen möchte.

Im Vergleich dazu ist das skandinavische Musterland Schweden eine Oase. Aber nicht ganz. Problemzonen gibt es auch hier, trotz Demokratieunterricht, Konflikttraining und großer Erfolge bei der »Vermittlung sozialer Kompetenz«, von der schwedische Bildungspolitiker berichten. Doch aus Malmö kommen andere Nachrichten. Da geschah soeben Ähnliches wie an der Rütlischule in Berlin-Neukölln: In einem Stadtteil der südschwedischen Industriestadt mit über neunzig Prozent Immigranten und hoher Arbeitslosigkeit kapitulierte eine Grundschule, die Hermodsdal-Schule, vor der Gewalt, die aus dem umliegenden Ghetto auf den Schulbetrieb übergegriffen hatte. Von einem Tag auf den anderen, ohne Vorwarnung, schloss die Schulleitung den Lehrbetrieb in den drei obersten Schulstufen, also für die 13- bis 15-Jährigen. Das war angesichts der sonst relativ idyllischen Verhältnisse im Königreich ein Eklat. Aber war es ein »Einzelfall«?

Immerhin hatte schon ein halbes Jahr vor diesem Ereignis in Malmö eine der bekannteren Politikerinnen Schwedens, Nalin Pekgul, Kurdin, gläubige Muslimin und Vorsitzende der sozialdemokratischen Frauenvereinigung, Schlagzeilen gemacht, als sie mit ihrer Familie demonstrativ aus dem Stockholmer Vorort Tensta wegzog. Dort, in dem ebenfalls von Immigranten geprägten Wohnviertel, befindet sich zwar eine Schule, die offiziellen Gästen aus dem Ausland gerne als Exempel für gelungene staatliche Integrationsbemühungen vorgeführt wird. Doch die Atmosphäre in Tensta ist geprägt von Einflüssen islamisch-fundamentalistischer Gruppen, und die Gewalt im Viertel hat zugenommen. Nach einer Schießerei in der Nähe ihres Hauses beschloss Nalin Pekgul, den Wohnort zu wechseln. Sie wollte ihren achtjährigen Sohn weder islamistischen Einflüsterungen noch den Gefahren der Straße aussetzen.

Noch deutlicher sind die Fehlentwicklungen in den Niederlanden. Dort sind die so genannten schwarzen Schulen mit ihren häufig mehr als neunzig Prozent Einwandererkindern spätestens seit der Wählerrevolte, die der später ermordete Populist Pim Fortuyn vor vier Jahren ausgelöst hatte, ein zentrales öffentliches Thema. Im vergangenen Jahr lieferte der Bestseller der Journalistin Margalith Kleijwegt über das pädagogische Vakuum in den Einwanderervierteln (Onzichtbare Ouders – Unsichtbare Eltern) Einsichten, denen sich die niederländische Gesellschaft bis dahin verschlossen hatte.

Integration wird schwierig, wenn die Eltern als Erzieher ausfallen

Ein Jahr lang hatte die Journalistin der Wochenzeitung De Tijd eine »schwarze Klasse« begleitet. In der Zeit bekam sie, trotz aller Schwierigkeiten, auch Kontakt zu den Müttern der Schüler, die meisten von ihnen aus Marokko, mit wenig Kenntnissen der holländischen Wirklichkeit, ganz zu schweigen von der Sprache. Das Fehlen elterlicher pädagogischer Kompetenz als Integrationshindernis Nummer eins ist die Hauptbotschaft der Fallstudie.

Es waren aber nicht die Erziehungslücken im Zuwanderermilieu, die den konservativen niederländischen Ministerpräsidenten Jan Peter Balkenende vor zwei Jahren veranlasst hatten, eine Art Anstands- und Wertedebatte anzuzetteln. Vielmehr hatte sich gerade unter den lange als tolerant und duldsam verklärten Holländern ein Unbehagen über den Niedergang der Umgangsformen ausgebreitet. Es häuften sich Berichte über Gewalt in den Schulen, über den Verfall öffentlicher Räume, über Vernachlässigung und Vandalismus. Eine »Beschavingsoffensief«, eine Offensive für mehr Kultur und Anstand im bürgerlichen Zusammenleben kam in Gang, Kommunen, Schulen, Krankenhäuser, auch Taxigesellschaften beteiligten sich. Balkenende sprang auf diesen Zug auf, war allerdings nicht sehr erfolgreich.

»Er hat nicht verstanden, was die Ursachen sind«, sagt der Publizist Paul Scheffer, dessen Essay über Hollands »multikulturelles Drama« die Integrations- und damit indirekt die Wertedebatte vorbereitet hatte. Den Kindern – und den Erwachsenen – einfach die guten alten Werte einer verklärten »Ära vor 1968« zu predigen sei lächerlich, schrieb Scheffer. Die Auswirkungen der Globalisierung, des Leistungs- und Flexibilisierungsdrucks auf Nachbarschaften, auf Heimatverbundenheit, sozialen Zusammenhalt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit ließen sich nicht wegpredigen. Von der Moraloffensive der Regierung ist denn auch keine Rede mehr. Einzelne absurde Auswüchse auf kommunaler Ebene wie die Anordnung, in der Öffentlichkeit nur noch Niederländisch zu sprechen, haben dazu beigetragen.

Das Leben in vielen Familien kreist um Fertignahrung und Fernsehen

Tony Blairs Respektkampagne ist im Vergleich wirksamer, trotz der Widerstände im eigenen Lager. Auch in Großbritannien geht es nicht zuletzt um die Frage, ob den Kindern überhaupt noch hinreichend moralische Werte vermittelt werden. Und wieweit Erziehungsmängel die Ursache für die sozialen Krisen seien. Viele Kinder wachsen in Haushalten der neets auf, das aktuelle britische Fachkürzel für die Unterschicht: no employment, no education, no training. Ohne Arbeit, oft nicht zu beschäftigen aufgrund mangelnder Ausbildung – das ist eine Unterschicht, die permanent vom Staat lebt und verwahrlost. Ihr Milieu ist geprägt vom Zusammenbruch der Familien, von Drogen und Kleinkriminalität. Im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen wächst sie am schnellsten. Und ihre rüden Verhaltensformen greifen immer stärker um sich. Es wird geflucht, geschrien, das Leben kreist um Fertignahrung und Fernsehen (freilich nicht das Programm der BBC). Mahlzeiten aus frischen Zutaten sind unbekannt. Erziehung ebenso. Die Eltern sind hilflos, weil sie in ähnlichen Verhältnissen aufwuchsen. Sie bedürfen daher dringend der Hilfe.

Das Problem ist längst erkannt, aber was tun? Noch jeder Vorschlag, jede Initiative der New-Labour-Regierung löste erbitterte Kontroversen aus. Ob sie nun »Bürgerschaftsunterricht« an Schulen anordnete, das Straffähigkeitsalter herabsetzte, gesundes Essen anmahnte und Süßigkeitenautomaten in Schulen verbieten ließ – prompt sprachen die Kritiker vom nanny state, von Blairs autoritärem Bevormundungsstaat.

Erfahrungen mit strikteren Regeln für den öffentlichen Raum geben dem Premier jedoch offenkundig Recht. Als Blue Water, ein riesiges Shopping-Center in Südengland, Blairs Vorschlägen für eine Null-Toleranz-Strategie folgte, das Herumlungern untersagte und Kapuzenträger vom Betreten der Anlage ausschloss, hagelte es Kritik. Das Einkaufszentrum aber verbuchte nach dem Verbot der hoods einen Anstieg der Besucherzahlen um 40 Prozent und ein Ende der Kleinkriminalität.

Dennoch sind die Verbote und Strafen gegen jugendliche Vandalen, Ladendiebe, Rowdys und aggressive Familien, die im Extremfall aus Sozialwohnungen ausgewiesen werden können, politisch weiterhin umstritten. Linke und Liberale werfen Blair autoritäres Gebaren vor, und Bürger wie Linda Martin bemängeln, dass die Maßnahmen bisher zu wenig gebracht hätten. Womöglich sind private Aktionen manchmal wirkungsvoller als gut gemeinte staatliche Initiativen. Das jedenfalls zeigt der Erfolg von Jamie Oliver, dem populären jungen Fernsehkoch. In einer Reality-Show des Fernsehens ließ er die Nation erschaudern angesichts der garstigen Kost, die den Jugendlichen in den Schulen als Mittagessen zugemutet wird – turkey twizzlers zum Beispiel, maschinell gewonnenes Restefleisch vom Truthahn.

Jamie Oliver sorgte für einen anderen Speiseplan. Nachdem die Kinder über mehrere Wochen frisches Gemüse, Salat und Obst genossen hatten, konnten die Lehrer, wie sie selbst erstaunt berichten, nachmittags wieder vernünftigen Unterricht geben. Verhaltensstörungen waren wie weggeblasen. Und viele Schüler brauchten nicht mehr jene asthma boosts, Sprühstöße gegen Atemnotanfälle. An britischen Schulen gehören sie sonst zur Grundversorgung.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn sich unselbständige Problembürger vermehren, lösen sie damit weder die eigenen, noch die Probleme der Gesellschaft, also anderer, vielmehr vermehren und verstärken sie diese noch, nehmen sie, im Rahmen des Sozialstaates und der Menschenrechtsideologie, so dann automatisch andere Menschen in die Pflicht – und das kann ganz schön massiv werden.
    Die Analyse stimmt hier nun ja: Viele Kinder wachsen in Haushalten der neets auf, das aktuelle britische Fachkürzel für die Unterschicht: no employment, no education, no training. Ohne Arbeit, oft nicht zu beschäftigen aufgrund mangelnder Ausbildung – das ist eine Unterschicht, die permanent vom Staat lebt und verwahrlost. Ihr Milieu ist geprägt vom Zusammenbruch der Familien, von Drogen und Kleinkriminalität. Im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen WÄCHST SIE AM SCHNELLSTEN.
    Die anderen Bevölkerungsgruppen scheinen ja aber, welch Formulierungsfehler, nicht zu wachsen, sondern zu schrumpfen...!
    Wenn man die Probleme nun aber dort lösen will, wo sie entstehen, so müsste man vor allem die Vermehrung dieser unselbstständigen Personengruppen nicht fördern, sondern sogar hemmen. Dies ist bzw. wäre gerade auch im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe. Denn wer sich schon selbst nicht ernähren kann, der sollte nicht noch andere in solch eine Abhängigkeit gebären, zumal wir heute ja im Zeitalter der sicheren Verhütung leben! Es kann m.E. nicht erwartet und gutgeheißen werden, dass man für die Aufzucht von Kindern in diesen Situationen sozialstaatliche, also garantierte, Hilfe bekommt. In den Entwicklungsländern geht das insofern sauberer zu. Da sagt man, wenn du dich als Slumbewohner schon unbedingt auch noch vermehren willst, dann musst du schon selbst sehen, wo du das Essen für die Kinder herbekommst und die Wohnung. Das Problem ist hier aber wohl, dass viele sich die Verhütung nicht leisten können. Das wäre bzw. ist deshalb das Wichtigste, was der Staat, die Gemeinschaft der sozial handelnden Bürger, solchen Leuten m.E. kostenlos garantieren sollte. Und die Hilfe die man unseren notorischen Sozialhilfeempfänger-Familien zukommen lässt, die sollte man insofern lieber in die Verhütungsmaßnahmen armer Entwicklungsländer stecken, damit nicht auch diese uns später auf der Tasche liegen. Die Verbesserung der Ernährung der Kinder von Problemfamilien scheint mir hier, wie vieles andere auch, was gleichwohl notwendig ist, nachdem die Kinder mir nichts dir nichts in den Brunnen dieser Welt geschickt worden sind, eher bzw. nur ein symptomatischer Ansatz zu sein.
    Es ist jedenfalls höchst bedenklich, ja pervers, wenn Leute, die sich aus Verantwortungsgefühl oder wegen Überarbeitung keine Kinder anschaffen konnten oder wollten, die Stimulation der Kinderzeugung anderer mitfinanzieren müssen, für deren Existenz man auch schon aufkommen muss.

  2. ...und offensichtlich tut man sich derzeit in der deutschen Politik sehr schwer damit, zu investieren.
    Statt dessen hört man Vorschläge, Kinder und Jugendliche mit dissozialem Verhalten aus dem Schulalltag auszuschließen, sie in separate Klassen zu stecken und sie am besten gemeinsam mit ihren Eltern so hart wie möglich zu bestrafen.
    Darüber wird mit allem Eifer diskutiert und jeder findet es toll. Man neigt ja auch schnell dazu, Andersartiges auszugrenzen und auszublenden.
    Doch wo führt das hin?
    Man sollte doch lieber die besagten Investitionen tätigen: Konfliktlösungs- und präventionsstrategien für die Lehrer, kleinere Klassen, AKTIVE Ganztagesbetreuung, AKTIVE Einbeziehung aller Eltern, eine angemessene Lern- und Lehratmosphäre, Stärkung der Identifikation mit der Schule, Motivation der Kinder und Jugendlichen, Zusammenarbeit der einzelnen Schulen mit der Wirtschaft, um Ausbildungsperspektiven zu schaffen und so weiter und so fort.
    Aber warum sich so anstrengen und Geld investieren, wenn man das Problem einfach wegschieben kann.
    Und wer zahlt dann in zehn Jahren unsere Steuern und Renten? Etwa die Kreativwerkstätten in den Justizvollzugsanstalten?

    • Kiwi3
    • 21.05.2006 um 21:26 Uhr

    "Verwildert, verlottert, verludert" ist in unserer extrem kapitalistischen Gesellschaft leider nicht nur die Unterschichtenjugend. Mindestens ebenso zerstörerisch ist die auf allen Ebenen der sog. Wirtschafts- und Führungselite rücksichtslos und zynisch praktizierte Raffgier und Karrieregeilheit. Humanistische Werte werden von diesen Leuten zwar immer gerne zur Schau gestellt - kaschieren bei genauer Prüfung aber nur knallhart verfolgte Egoismen.

    Armes Europa, wo stündliche Börsennachrichten für die Eliten inzwischen wichtiger scheinen als der Wetterbericht und die -dank automatisierungs- u. globalisierungsbedingter Arbeitslosigkeit- wachsende Unterschicht mit Dauerfernsehen, immer neuen Sportevents und billigstem Massenkonsum "zugesdröhnt" werden. Der letzte anstängig erzogene und maßvoll lebende Bürger und der letzte noch achtbar handelnde Kaufmann hierzulande möge bitte das Licht ausmachen!

  3. Jawohl, es stimmt: uns wird nichts anderes übrig bleiben, als viel, viel Geld in die Kinder der neuen Unterschicht zu stecken. Weil wir andere Kinder nicht, bzw. nicht in ausreichendem Maße besitzen.
    Aber das kostet. Um auch nur (relativ zum BIP pro Kopf) das Niveau skandinavischer Länder zu erreichen, müßten wir die öffentlichen Bildungsausgaben um 50% erhöhen. Das wären so um die 40 Milliarden - pro Jahr.

    Wacker halten sich noch immer jene, die glauben, damit allein ließen sich die Probleme mit unseren bildungsfernen Schichten lösen (ich glaube das nicht, sie werden nur abgemildert)-- aber davon mal abgesehen: KEINER sagt, woher dieses Geld bitte kommen soll.
    Also, ihr fritzfernandos, ilibaranets, colons - aber auch icemans: woher nehmen? Von den "Reichen" vielleicht? Schon heute erwirtschaften die bestverdienenden 10% der Bevölkerung 80% der Einkommenssteuern. Wie sehr kann man Kühe melken, die heute leichter denn je auf die Nachbarweide abhauen können? Oder Sozialleistungen kürzen, etwa Renten und Harz-IV-Unterstützungsgelder?

    Ich habe eine Antwort: zahlen müssen diejenigen, die keine oder zuwenig eigene Kinder haben. Sie sind die EINZIGE Gruppe in diesem Land, die sich das erstens leisten kann (im Verhältnis zu sozial vergleichbaren Leuten mit Kindern leben sie alle prächtig - außer sie gehören zur Unterschicht) und der das zweitens auch zuzumuten ist. Wenn wir ein Steuer- und Abgabensystem schaffen würden, bei dem vom Hilfsarbeiter bis zum Chefarzt jeder Familienvater/jede Familienmutter im wesentlichen genausoviel, aber auch nicht mehr Geld zur freien persönlichen Verfügung (!) hat wie der kinderlose Kollege -- dann würden sich viele Probleme von selbst erledigen. KEIN STAAT DER WELT hatte zu so etwas bislang den Mut, nicht mal die Franzosen.

    Der Effekt wäre durchschlagend. Eigene Kinder wären plötzlich kein Kostenfaktor mehr. Statt dessen wäJedem Menschen würde schlagartig bewußt, was uns die Nachwuchssicherung kostet. Stellen Sie sich einen Oberarzt vor, der dieselben Kosten, die sein Kollege in zwei eigene Kinder investiert, für die Aufzucht FREMDER Kinder abdrücken muß - z.B. in hochintegrativen Kindergärten, in denen versucht wird, die schlimmsten Defizite unserer Unterschichtkinder abzumildern. Ich wette, das würde seine Bereitschaft, selbst eine Familie zu gründen, enorm befördern. Und es würde zugleich den volkswirtschaftlichen Irrsinn deutlich machen, der darin liegt, wenn die Strukturen einer Gesellschaft allein jene zum Kinderkriegen animieren, die ihren Kindern am wenigsten mit auf den Weg zu geben haben.

    Und es wäre gerecht. Wer nicht in eigene Kinder investiert hat (ob freiwillig oder unfreiwillig), der muß eben in die Kinder anderer Leute investieren, um seine spätere Pension/ Rente/ Sozialhilfe/ Krankenkasse/ Pflegestufe etc zu finanzieren.

  4. Eine freiwillig(!) an eine Kinder- bzw. Jungeltern-Unterstützungsversicherung koppelbare Rentenversicherung ist hier m.E. die beste Form, dies zu erreichen, denn es ist schon denkbar und möglich, dass jemand auf eine personelle gemeinschaftliche Alterssicherung bewusst verzichtet - ohne andere deshalb zu belasten. So haben dies ja z.B. die Eremiten getan, oder Jesus Christus...
    Hier sollte man eher über die Ermöglichung einer freiwilligen chemischen Sterbehilfe nachdenken, dass man sich im Falle des Falles also nicht erhängen muss. Sicher oder bestimmt würden dies aber die wenigsten tun bzw. wollen. Man sollte m.E. aber eben niemanden zwingen, die Kinder anderer zu unterstützen, aber sicher muss man dann auch die vollen Konsequenzen tragen - und diese können sehr hart sein!
    Für die Mehrheit der Bürger, wohl, würden die Rentenversicherungs-Beiträge für Leute mit eigenen Kindern bei solch einer Versicherung dann aber eben geringer ausfallen. Und sicher würde sich solch eine Versicherung die Eltern sich vor Vertragsabschluss auch anschauen und versuchen herauszufinden, ob das Kind eine halbwegs reelle Chance hat, später auch Renten zu erwirtschaften bzw. sich an der Alterssicherung anderer zu beteiligen. Man würde bzw. kann hier also nicht völlig undifferenziert und ungeprüft vorgehen, denke ich, auch wenn man hier natürlich niemals alles vorhersehen kann und nur das Gröbste Ausschließen sollte und würde. Denn je mehr und bessere Eltern man findet, desto niedriger wären ja die Rentenversicherungsbeiträge für die späteren Rentner. Würden sich (weltweit!) keine -geeigneten- Eltern finden, könnte eine Versicherung solch eine Kopplung eben nicht realisieren, dann müssten sich die Bürger halt auf die bzw. eine rein apersonelle Alterssicherung konzentrieren - was man abereben auch so tun kann.

    Nochmal zu den Sozialhilfeempfängern. Man muss auch hier zwischen solchen und solchen unterscheiden, darum geht es. Die Streichung des Kindergeldes, die Versagung der Kinder- bzw. Elternunterstützungsversicherung hier also, wäre m.E. nur gerechtfertigt, wenn man sich dieses Kind in der Notsituation anschafft, natürlich nicht wenn man mit Kindern dorthin gekommen ist.

    Dem Beitrag von Kiwi 3 kann ich in der Hauptaussage zustimmen. Es muss hier sicher eine komplexe Lösung her, bei der auch das bedenkliche Verhalten vieler Reicher zur Sprache kommen muss - man sollte hier nicht Unten reformieren. Man kann eine Gemeinschaft, die einen auch mit groß gemacht hat, von heute auf morgen m.E. nicht völlig straffrei sitzen lassen, hier sind, wenn eine wirkliche wirtschaftliche Notwendigkeit nicht erkennbar ist, m.E. Transfer-Zahlungen zu prüfen. Subventionen müssten hier ggf. also voll zurückgezahlt werden.

    Gleichwohl scheint mir der wesentliche Ansatz hier in einem Weltstaat zu liegen, der allein schon aus Sicherheits- und Umweltgründen erforderlich ist, aber eben auch aus sozialen Überlegungen heraus.

    Man kann hier zwar dennoch depressiv werden, man ist aber selbst in hoffnungsloser Lage doch verpflichtet bzw. auch aus eigenen Interesse heraus gefordert, wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Das Schlimmste ist aber der infernalisch-chaotische Untergang der Menschheit, in Form einer Irakisierung der Welt, in Form selbstgemachter Umwelt- und Sozialkatastrophen oder auch eines 3. Weltkrieges, einer A-Waffen-Auseinandersetzung dann wohl.

    Die Organisation des friedlich-wohlorganisierten Aussterbens ist bzw. wäre dann bzw. hier das wesentlich(!) kleinere Übel, wenngleich dies sicher nicht die Erfüllung aller Menschheitsträume darstellt.

  5. Und es wäre gerecht. Wer nicht in eigene Kinder investiert hat (ob freiwillig oder unfreiwillig), der muß eben in die Kinder anderer Leute investieren, um seine spätere Pension/ Rente/ Sozialhilfe/ Krankenkasse/ Pflegestufe etc zu finanzieren.

    Nochmal: Diese Aussage ist so falsch. Denn es ist durchaus denkbar dass man auf all dies freiwillig verzichtet. Man kann, viele werden dies auch freiwillig tun, muss hier aber eben nicht in die Kinder anderer investieren.
    Sicher nicht in diesem Maßen. Man kann sich ja auch innerhalb der eigenen Altersgruppe durchaus ein Stück weit unterstützen.

    Genauso ist es prinzipiell ja denkbar, dass die Kinder der anderen einem im Alter nicht helfen, sondern einem die erspaarten bzw. zurückgelegten Ressourcen stehlen. Dass sie einem z.B. die Kohlen wegnehmen, oder einen gar aus dem Hause jagen - und sei es als Nebeneffekte ihre Kämpfe und Kriege...!
    Da ist es dann besonders unangenehm, wenn man die Zeugung dieser Menschen stimuliert, deren Aufzucht und Bildung mitfinanziert hat.

  6. Der Kommentar war eigentlich einer zu dem Interview mit Häussermann, passt aber hier auch dazu.

    Etwas oberflächlich ist der Artikel denn schon – die soziologische Perspektive auf Stadt war ein Schlüssel in den 70er Jahren und bereits damals war offensichtlich, dass dieser Schlüssel nicht passt. Wie an allen Resultaten zu sehen ist.

    Gleich zur Praxis.

    Vor wenigen Jahren war ich überrascht, als mir eine erfahrene berliner Lehrerin auf meine Frage nach den schulischen Integrationsprogrammen antwortete, dass es diese Programme überhaupt nicht gibt, es handelt sich um Worthülsen. Das ist dann vielleicht sogar besser, weil – viel wichtiger – überhaupt keinerlei Konzepte vorhanden sind. Absolut nichts. Die lassen die Dinge passieren. Die Lehrerin sagte, es werde gar nichts getan. Ein anderer Lehrer zog aus Kreuzberg wegen seiner eigenen Kinder weg, die in einem anderen Stadtteil zur Schule gehen sollten.

    Pragmatisch gehen die Amerikaner ihren türkischen Freunden in Kreuzberg zur Hilfe. Weil die nicht abwarten. McKinsey organisiert dort Lehrprogramme für türkische Migrantenkinder – nach amerikanischen Lehrplänen – ins Deutsche übersetzt. Das zeigt das berliner Desaster auf. Damit ist Berlin quasi ein Notfallgebiet für UNICEF geworden, UNICEF heißt hier McKinsey. Die Migrantenfeindlichkeit kommt im hohen Maße aus der Politik, die viel zu wenig Geld locker macht – all diese Migranten wären Konkurrenz für die Kinder der besser verdienenden –das sind die so nicht – aber wenn die das wären – wäre dann nicht auch mit einer Migrantenfeindlichkeit aus den besseren Kreisen zu rechnen ?

    Ein Fehler von Häussermann – er übersieht, dass Berlin bei Weitem nicht den höchsten Migrantenanteil in Deutschland hat, Frankfurt bspw. hat einen wesentlich höheren Anteil.

    Und was dazu auffällt, in den unteren Schichten gibt es eine rege Vermischung deutscher und zugezogener nichtdeutscher Kids, Jugendlicher und langsam auch Erwachsener und das auch im Osten. Die cross culture Beziehungen liegen dort höher als in den besser gestellten Schichten. Das kann man auch aus der OECD Studie ablesen, die der PISA Studie folgte. Worin Sie lesen können, dass sowohl für die unteren Schichten als auch für die Migranten nichts getan wird, so was verbindet.

    Wenn Sie auf den Briefumschlägen der Institutionen lesen können, dass man hier nicht fremdenfeindlich sei, klingt das als seien damit Touristen gemeint und nicht Migranten. Denn Migranten und Einwanderer sind keine Fremden mehr, gegen die kann man gar nicht fremdenfeindlich sein.

    Hier wurde Häussermann befragt, dessen Gebiet diese Fragen gar nicht sind, was man leider sehr merkt.

    No Go Areas wie Heye sagt, er hat recht, mehr als es scheint, es gibt hier NO MONEY AREAS, dafür etwas zu tun, dass sich Dinge anders entwickeln. Und diese No Money Areas sind menschenfeindlich.

    Provokant müsste man fragen, waren Schwarze, besonders, 1936 zu den Olympischen Spielen sicherer als heute? Wenn man recherchiert, dann waren die 1936 sicherer als heute !

  7. So würde ich das sehen.
    Nichts habe ich gegen die Sozialhilfe, die braucht. Man sollte sich in dieser Notlage aber nicht noch vermehren, das sollte die Gesellschaft m.E. fordern und erwarten können. Das Problem ist hier ja eher, was man macht, wenn Leute es in dieser Situation dennoch tun.

    Man sollte hier dann nur freiwillige kartitative Hilfe anbieten, und sehr genau hinschauen, ob die Eltern die Kinder auch halbwegs erziehen können, diese denen ansonsten wegnehmen, was ja auch schon gemacht wird.
    Wichtig ist mir hier vor allem das Signal: Von Euch wollen wir keine Kinder! Kämpft für die Sicherung Eurer eigenen Existenz!

    Heute erreichen die materiellen und ideellen Signale zur Kinderzeugung ja auch diese Schichten, manche sehen und suchen deshalb (unbewusst manchmal vielleicht) wohl gerade darin ihre gesellschaftliche Anerkennung, diese sollte man ihnen so nicht geben und in Aussicht stellen. (Dafür werden diese Menschen von vielen dann wiederum hinter der Hand diskreditiert).
    Wer es in dieser Situation aber dennoch schafft, ein(!) Kind großzuziehen, warum nicht, möglich ist das wohl schon auch, bei mehreren Kinder kann ich mir das ohne Kindergeld aber nicht vorstellen.

    Also nochmal:
    Den bereits geborenen Kindern muss man die volle Unterstützung geben. Man muss gleichzeitig aber dafür sorgen, dass nicht weitere massiv hilfsbedürftige Kinder gezeugt werden!

    Aber sicher kann und sollte auch bei der Sozialhilfe manches geändert werden.
    In meiner Heimatstadt wurde dieses Jahr im Winter schlecht und oft zu spät gestreut, manche brachen sich deshalb ein Bein. Wie man mir sagte lag das z.T. daran, dass diese Arbeiten von Hartz-4-Hilfsarbeitern gemacht worden sind, bzw. gemacht werden sollten, die aber zu unzuverlässig waren.
    Ja das müsste dann schon Konsequenzen haben.
    Und hier kann ich mir schon vorstellen, dass halboffene - bzw. -geschlosse Heime hier manchmal für beide Seiten von Vorteil sein könnten.

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