Mitten in China, auf einem schummrigen Nachtmarkt des Städtchens Fuyang in der Bauernprovinz Anhui, bleibt das Taxi in einer Menschentraube stecken. Im Halbdunkel wird die Tür aufgestoßen, ein Mann ruft: »Komm raus! Wir gehen zu Fuß weiter.«

Es ist Li Xinde bei der Arbeit. Li, 46 Jahre, in seiner Jugend Marinetaucher und Opernsänger, gilt als Chinas bekanntester Enthüllungsjournalist. Er ist Einzelgänger. Alle Medien in China werden von der Partei zensiert. Doch alles, was Li schreibt, steht unzensiert auf seinen Blogs im Internet. Im Moment, hier in Fuyang, ist er einem flüchtigen Schokoladenfabrikbesitzer auf der Spur. BILD

Li trägt eine braune Kunstlederjacke, über der er eine schwarze Laptop-Tasche des Computerherstellers Lenovo geschultert hat. Mühsam bahnt er sich einen Weg zwischen Pfannkuchen- und Ananasverkäufern, die hier so arm sind, dass sie ihre Ware für ein paar Pfennige ohne Pause von Sonnenaufgang bis Mitternacht anbieten. Hinter den Markthütten stehen sechsgeschossige Wohnhäuser – schnelle Betonbauten der letzten Jahre, wie sie heute jede chinesische Provinzstadt füllen.

Er steuert auf ein älteres Hotel zu. Es ist elf Uhr abends. Er hat für sein Interview ein Zimmer für sechs Euro die Nacht gemietet und führt nun durch schnapsdunstige Gästeräume zu einer kaum beleuchteten Hintertreppe. Nach ein paar Stufen dreht er sich um und fragt grinsend: »Man muss für diese Arbeit Mut haben, nicht wahr?«

Li kokettiert mit seinem für chinesische Verhältnisse ungewöhnlichen Berufsethos. Noch recherchieren hier nur wenige Journalisten wie er auf eigene Faust. Für gefährlich hält Li seine Arbeit trotzdem nicht. Gefährlich sei es in der Kulturrevolution der siebziger Jahre gewesen, als er und seine Familie während einer Überschwemmung fast verhungerten. Tagelang seien sie im Bett wie mit einem Boot durch die Wohnung gerudert und hätten maoistische Revolutionslieder gesungen, nur zu essen hätten sie nichts gehabt. Li lacht schallend. Die Hotelflure sind leer. Er dreht den Schlüssel zum Zimmer Nummer 3011 um. Es ist verwohnt, aber sauber. BILD

Er macht es sich bequem. Stellt einen Stuhl vor ein Bett, gießt eine Instantnudelsuppe auf, öffnet eine Bierflasche, steckt sich eine Zigarette an. Dann geht er mit seinem Wireless-Laptop online, auf seinen Blog. Das ist bei ihm wie eine Sucht. Er muss die meiste Zeit online sein. Dann kann er zuhören, wie sein Laptop fast im Minutentakt klingelt – immer dann, wenn wieder jemand eine neue Nachricht auf seinem Blog hinterlässt. So spürt der Einzelgänger, dass er auch im tiefsten Provinznest nicht allein ist, sondern verbunden mit Millionen anderer Blogger.

Auf die Idee brachte ihn vor drei Jahren ein befreundeter Staatsanwalt. Statt den Zeitungsredaktionen hinterherzulaufen, die Rücksicht auf die Zensur nehmen müssten, solle er doch frei im Internet publizieren. Der Staatsanwalt schenkte ihm einen Laptop, und am 1. Oktober 2003 öffnete Li seine erste Webpage. Plötzlich befand er sich in einem virtuellen Netz mit Staatsanwälten, Richtern, Polizisten, die ihm bei seiner Arbeit halfen. Zugleich begann der Kampf gegen einen neuen Feind: die Internet-Zensur. Lis wechselnde Websites wurden in immer schnellerem Takt von den Behörden geschlossen. Doch dann ergaben sich mit den Blogs neue Möglichkeiten.