Wo ist Gerhard Schröder, wenn wir ihn wirklich brauchen? Nicht den neuen Mr Gasprom, sondern den Kanzler, der den Paradigmenwechsel geprobt hatte – der mit der Agenda 2010 die Sozial- und Steuerlast zu senken und den Deutschen ein kompakteres Staatsverständnis beizubringen versuchte, etwa: "Der Staat soll nicht rudern, sondern steuern, weniger kontrollieren als herausfordern."

Auch Angela Merkel redet manchmal noch so – erst vor Monatsfrist predigte sie "weniger, nicht mehr Staat". Die Wirklichkeit läuft längst in die entgegengesetzte Richtung – und nicht nur in Deutschland, sondern von Europa bis Lateinamerika. Der Staat soll überall wieder "kontrollieren" und "rudern". Und da er nicht umsonst rudert, will er auch kräftig kassieren.

Zum Beispiel der deutsche Staat, der gerade die größte Steuererhöhung der Nachkriegsgeschichte verfügt hat. Den ökonomischen Unsinn, zu Beginn einer schlappen Konjunkturerholung 25 Milliarden Euro Kaufkraft abzusaugen, hätte man der Koalition noch verziehen, wenn sie den Erlös aus der Mehrwertsteuererhöhung den Lohnnebenkosten gewidmet hätte. Tatsächlich greift sich der Staat zwei Drittel fürs eigene Konto, und die Botschaft ist schlimmer als die Bereicherung: Kassieren ist besser als reformieren. Als Merkel anmerkte: "Sparen tut weh", hat sie nicht den Staat gemeint. Nach sechs Monaten Großer Koalition genießen die Skeptiker einen traurigen Triumph. Ein solches Monstrum hebt den Parteienstreit nicht auf, sondern verlagert ihn ins Kabinett, wo der Selbsterhaltungstrieb die Debatte zugunsten des kleinsten gemeinsamen Nenners, mithin des Stillstands erstickt.