Österreich Kein Deutsch, kein Studium, kein Job
Erst wenn Österreich seinen Zuwanderern Aussicht auf eine gesicherte Zukunft bietet, kann es verlangen, dass sie sich in die Gesellschaft eingliedern
Seit Tagen diskutiert Österreich über das Verhältnis seiner Muslime zur Mehrheitsgesellschaft. Innenministerin Lise Prokop behauptete, bis zu 45 Prozent der hier lebenden In- und Ausländer muslimischen Glaubens seien nicht integriert und hätten daran auch kaum Interesse. Dem widerspricht Anas Shakfeh, der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Er rechnet maximal fünf Prozent zu der Gruppe der Nichtintegrierten.
Die Innenministerin stützt sich bei ihrer Einschätzung auf eine Studie des Erlanger Jus-Professors Mathias Rohe, eines Experten für internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung. Der Autor der Studie analysierte unter anderem Interviews, die mit rund 500 Personen türkischer und bosnischer Herkunft geführt wurden. Kontrovers diskutiert wurden daraufhin vor allem: der Anteil der Nichtintegrierten unter Österreichs rund 370000 Muslimen, die Kompetenz des Autors und die Lesart der Innenministerin. Vieles klang schon nach Wahlkampf.
Tatsächlich gibt die Studie nicht eindeutig Auskunft darüber, wie viele der Befragten schlecht oder gar nicht integriert sind und dies auch nicht wünschen. Sie verweist allerdings zu Recht auf bestehende Defizite. Sie haben zwar mit der Wanderungssituation, doch nur wenig mit der Religion der Betroffenen zu tun. Vielen Zuwanderern fehlt anfangs die klare Perspektive, für längere Zeit oder auf Dauer in Österreich zu bleiben. Dazu fehlt es vonseiten Österreichs an einem klaren Signal an die Neuzuwanderer. Wer deshalb nur mit einem vorübergehenden Aufenthalt rechnet, wird sich wahrscheinlich kaum integrieren. Das beginnt beim Erlernen der Sprache und endet bei der Frage, ob lieber in Wien eine Wohnung saniert oder doch im Herkunftsland ein Haus gebaut werden soll.
Unterschiede bestehen schon im Vorschulalter. In den meisten Bundesländern schicken Zuwanderer ihren Nachwuchs seltener in den Kindergarten. Für etliche ist es eine Geldfrage, andere stoßen sich an konfessionell oder weltanschaulich ausgerichteten Trägern vieler Kindergärten. Ohne Besuch des Kindergartens sind aber auch die Voraussetzungen bei der Einschulung schlechter. Dies gilt vor allem für die Kenntnis der deutschen Sprache.
Die Konsequenz: Im Schnitt sind die schulischen Erfolge zugewanderter Kinder geringer als jene von gleichaltrigen jungen Österreichern. Dies machen die Ergebnisse des Pisa-Tests klar. Besonders schwierig dürfte es für Quereinsteiger ins österreichische Bildungssystem sein. Geringe Deutschkenntnisse sowie Lese- und Schreibschwierigkeiten der Eltern kommen in etlichen Fällen erschwerend hinzu. Denn damit verringert sich die Chance, dass zugewanderte Mütter und Väter ihre Kinder bei der Bewältigung des Lernstoffs ausreichend unterstützen können. Solche Probleme erklären zum Teil, warum auch die bereits in Österreich geborenen Kinder von Zuwanderern beim Pisa-Test im Schnitt schlechter abschneiden.
Nächstes Problem: Kinder von Zuwanderern besuchen meist keine weiterführenden Schulen und erhalten nur selten eine universitäre Ausbildung. Dies führt ganz unmittelbar zu schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund ist Arbeitslosigkeit daher weiter verbreitet als unter jungen Einheimischen. Die Ursachen dafür sind allerdings nicht bloß in der mangelnden Qualifikation zu suchen. Erschwerend kommt hinzu, dass Zuwanderer und ihre Kinder zu einem Teil des österreichischen Arbeitsmarktes faktisch keinen Zugang haben.
Wer die österreichische Staatsbürgerschaft noch nicht besitzt, hat keine Chance auf Anstellung im öffentlichen Dienst. Ausgegliederte oder inzwischen privatisierte ehemalige Staatsbetriebe beschäftigen ebenfalls kaum Zuwanderer oder deren Kinder. Dies gilt insbesondere für Bahn, Post, OMV, andere Energieversorger und kommunale Verkehrsbetriebe; und es gilt für viele andere gehobene Dienstleister, die Zuwanderer zwar gern als Kunden, aber nicht unbedingt als zukünftige Mitarbeiter sehen. Schließlich ist zu bedenken, dass ein Teil der Neuzuwanderer anfangs keine Arbeitsbewilligung bekommt und damit keinen Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt hat.
Im Alter wirkt es sich für viele Zuwanderer negativ aus, dass sie einen Teil ihres Berufslebens außerhalb Österreichs verbrachten oder hier keine durchgehende Erwerbsbiografie nachweisen können. Dadurch ist der Pensionsanspruch entsprechend klein. Manche lösen das Problem durch Rückkehr in ihr Herkunftsland. Denn dort sind die Lebenshaltungskosten meist niedriger als in Österreich. Andere ziehen eine solche Rückkehr zwar in Erwägung, bleiben aber dann doch hier, weil ihre Kinder inzwischen in Österreich Fuß gefasst haben.
Als Zielland müssen wir den Spracherwerb von Neuzuwanderern und ihren Kindern ermöglichen. Wir sollten in zusätzliche Bildung investieren. Und wir müssen für faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt sorgen. Dann dürfen wir als Gegenleistung erwarten, dass Neuzuwanderer sich ernstlich um Integration bemühen und nach einer Weile auch Staatsbürger dieses Landes werden.
Zugleich müssen wir selbst in der Lage sein, Zuwanderer mit ausländischer oder österreichischer Staatsbürgerschaft, insbesondere muslimische Zuwanderer als Mitbürger zu akzeptieren. Hier gibt es ebenfalls Defizite. Dies belegt die Studie des Innenministeriums. Denn die Autoren befragten auch 1000 Angehörige der Mehrheitsbevölkerung. Und von denen äußerten sich immerhin 40 Prozent skeptisch bis ablehnend gegenüber den hier lebenden Muslimen. Integration ist also nicht bloß eine Herausforderung für Zuwanderer, sondern auch für die einheimische Mehrheit unserer Gesellschaft.
Der Autor ist Bevölkerungs- und Migrationsforscher
- Datum 24.05.2006 - 10:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 24.05.2006 Nr.22
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