Bekleidung Ihr Schicksal war der Schuh
Hundert Paar Fußballschuhe bestellt David Beckham pro Jahr bei adidas, alle mit Sonderwünschen. Erika Wittmann muss sie erfüllen
Bevor Erika Wittmann den Laden übernahm, konnte es passieren, dass man bei Ballack landete, wenn man zu Zidane wollte. »Hier war ja alles durcheinander«, sagt Erika Wittmann. Erschreckend orientierungslos hätten die Jungs herumgelegen, der Bierhoff, der Klinsmann und all die anderen. Dann aber machte die neue Abteilungsleiterin ihr Büro hinter der Werkstatt auf und erklärte ihr neues System. Einen Aktenschrank mit Hängeordnern brauchte sie noch – und das Alphabet. Ballack musste nun zu Bierhoff, Klinsmann zu Kaká. »Ein Beispiel«, sagt Erika Wittmann, zieht den Ordner B und liest Überschriften vor: »Baumann, Ballack, Beinlich, Bobic, Bierhoff, A Punkt Brehme, Bianchi, Bajramovic«, sie stockt und schüttelt den Kopf, »manche von denen lassen sich blöd aussprechen.« Erika Wittmann rattert diese Namen herunter, als sei sie beim Sozialamt und habe in den Stapel mit Anträgen auf Wohngeld gegriffen.
Sie trägt eine Jeans mit großen aufgesetzten Taschen und langen Reißverschlüssen unter den Knien. Auf ihrem Schreibtisch steht eine halb volle Flasche Cola, neben einer Gießkanne verdörrt ein eingetopftes Bäumchen. Das Handy, das sie pausenlos mit sich herumschleppt, hält sie so fest wie einen Hammer. Ständig klingelt das Ding, bald beginnt die Fußballweltmeisterschaft, von Woche zu Woche gehen mehr Bestellungen ein. Die Leute sind ja alle verrückt geworden. »Fragen Sie mich bloß nicht nach Fußball. Ich hab keine Ahnung«, sagt Erika Wittmann, die Frau für die Sonderwünsche der Fußballstars. In der fränkischen Kleinstadt Scheinfeld leitet sie die Abteilung für Spezialanfertigungen in der adidas-Schuhfabrik, dem letzten deutschen Reservat in der Welt der adidas-Werke. Fränkische Maßarbeit für die Füße.
»Was der mit den vielen Schuhen will, wissen wir auch nicht«
»Em tu em«, verbessert Erika Wittmann, MTM, Made-to-Measure, so nennen sie in der Adidas-Zentrale in Herzogenaurach Wittmanns 18-Leute-Abteilung. »Im Headquarter läuft jetzt alles auf Englisch«, sagt sie. Erika Wittmann hat versucht, sich der adidas-Sprache anzupassen, so gut es eben geht. Das Leben wird jeden Tag internationaler. »Ein Filmteam aus Hongkong«, steht auf einer Tür in der Werkstatt, habe sich angekündigt, »bitte die blauen Polohemden anziehen.« Dann passiert wohl wieder etwas, das Erika Wittmann sonst nur von ihren prominenten Kunden kennt. Sie nennt es »Fodo-Schuding«. Es kommt ihr immer seltsam vor. Die Bilder, die bei solchen Terminen entstehen müssen, zeigen eine Welt, die es hier nicht gibt.
Draußen vor den Fenstern hat sich der Frühling eingerichtet. Aus den Gärten hinter den Einfamilienhäusern wehen die grellgelben Blütenblätter von den Forsythiensträuchern herüber. Riechen kann man den Frühling jetzt überall, die Fabrik ist umzingelt von ihm. Erika Wittmann und ihre Leute riechen nur den Klebstoff, der unter Schuhe geschmiert wird, das heißt: Sie riechen ihn nicht mehr, sie haben sich daran gewöhnt. Fragt man eine Näherin nach Deutschlands Torhüter Jens Lehmann, dann kann die Antwort lauten: »Ja, Lehmann, der Name sagt mir was.« Es kann auch passieren, dass eine Näherin zurückfragt: »Wie, ist das dieser Torwart?« In Scheinfeld stoßen die Leben der Großen gegen die Leben der Kleinen.
Acht Jahre ist es her, da kam in Scheinfeld eine Ahnung auf von jener durchgedrehten Welt fernab der Forsythiensträucher. Da kündigte einer an, dass sie es bald mit dem englischen Fußballstar David Beckham zu tun bekommen würden. »Mensch, wir machen bald den Beckham«, freuten sich einige Schuster. Erika Wittmann dachte: »Na gut, den habe ich schon mal im Fernsehen gesehen.«
Sie sieht die Sachen immer sehr praktisch, packt an und setzt durch, was von ihr gefordert wird. Die 610 Menschen in den Hängeordnern mögen sich einen Namen gemacht haben, Erika Wittmann achtet auf deren Füße. Sie hat nur die Sportler mit besonderen Wünschen ans Design der Schuhe und solche mit »Problemfüßen«. Alles andere sind Normalkunden, Massengeschäft, made in China, nichts für Erika Wittmann, die Sachbearbeiterin für die Eitlen und die Deformierten. Wer in ihrem Schrank zu welcher Gruppe gehört, bleibt ihr Geheimnis, von dem sie nur selten etwas preisgibt. »Ein Herr Lehmann«, sagt sie und linst in einen Ordner, »hat offenbar einen Problemfuß. Aber mehr verrate ich nicht.«
Mit David Beckham hat Erika Wittmann ständig zu tun. Gemessen an Beckham, sind die anderen nichts wert. Gemessen an Beckham, ist sogar Ballack ein ganz kleiner Fisch. Jedes Jahr bestellt Beckham bei adidas 80 bis 100 neue Paare Fußballschuhe, alle für sich selbst, manchmal zwölf Paare auf einmal. Wenn Beckham bei adidas bestellt, dann lässt er natürlich bestellen, seine Wünsche treffen im fränkischen Headquarter ein, werden weitergereicht ans Department Athlete Care in der WOS, World of Sports, von dort zu Made-to-Measure, Scheinfeld, wo sich Erika Wittmann neben leeren Pappkartons vor ihren Computer setzt, sobald ihr E-Mail-Programm die Ankunft der neuen Nachricht mit einem spitzen Schrei gemeldet hat. Ist die E-Mail in Englisch verfasst, bittet Erika Wittmann eine Kollegin, den Text rasch zu übersetzen. Erika Wittmann ist noch nicht so international.
Dass Beckham sehr anstrengend ist, merkt Erika Wittmann schon an den Schuhgrößen. Zuerst wollte er 8 1/4, später lange Zeit 8 1/2, jetzt plötzlich 8 3/4. Er schien zu wachsen, mit jedem sportlichen Erfolg. »Was der mit den vielen Schuhen will, wissen wir auch nicht«, sagt Erika Wittmann.
Dank Beckham hat sie erfahren, dass England kurz vor der WM noch gegen Ungarn antreten wird und gegen Jamaika. Näherinnen sticken die Daten der Testspiele mit einem goldfarbenen Garn auf die Zunge von Schuhen, die Beckham bestellt hat. Only England lässt Beckham sticken, seine Kurzform »Becks«, seine Initialen DB, mal in geschwungener Schrift, mal geradlinig. In den Computern der Näherinnen sind die Ordner voll mit Beckhams Sonderwünschen, Hunderte verspielte Varianten. Es sind die Ordner einer tätowierten Diva. Ein Fußballspieler ist zu einem Werbepüppchen mutiert, dem auch adidas Millionen Euro zu Füßen legt. Beckhams Hängeordner ist viel dicker als die von anderen Athleten. So ungeniert stellt er sich aus, dass in Vergessenheit geraten kann, ob er noch Fußball spielt. Wie dünn dagegen der Ordner mit den Wünschen von Sebastian Schweinsteiger, einem von Deutschlands Hoffnungsträgern bei der WM. Für die Zunge seiner Schuhe hat er sich ausgedacht: »Schweini«.
Dass die Fußball-WM vor vier Jahren in Japan und Korea stattfand, merkte Erika Wittmann daran, dass plötzlich fernöstliche Schriftzeichen auf Beckhams Schuhe zu sticken waren. Sie bekam auch mit, dass er 1999 zum ersten Mal Vater wurde. Brooklyn, der Name des Sohnes, wurde beim Vater seitlich auf die Schuhe gestickt. 2003 kam Romeo hinzu, 2005 Cruz. Jetzt hat Erika Wittmann die ganze Familie als Kunden. Auf die Zungen der Kinderschuhe wird Mummy und Dad gestickt, nur Victoria Beckham ist scheinbar nicht sehr sportlich. Erst einmal, sagt Erika Wittmann, habe Beckham für seine Frau ein Paar Schuhe haben wollen, schnöde Freizeitschlappen. Der kleine Sohn Cruz kriegt aus Scheinfeld schon Sportschuhe, Größe 21. Im Keller, wo die Schränke mit den Leisten aller Schuhe stehen, haben Beckhams Kinder inzwischen ein halbes Regalbrett für sich.
Die Tür fliegt auf, ein junger Arbeiter steht fragend im Büro, er will irgendein Papier. 23 Jahre ist er alt, hat seine Baseballkappe tief in die Stirn gezogen. Seine Lehre brach er ab, eine Zeitarbeitsfirma hat ihn genommen und für einen kleinen Job in die Schuhfabrik geschickt. adidas stellt in Scheinfeld niemanden mehr ein und leiht sich Leute wie ihn. Er spricht nur wenig, aber das Wenige klingt, als seien die beiden miteinander vertraut. Nachdem die Tür ins Schloss gefallen ist, sagt sie: »Mein Sohn.«
Als David Beckhams Frau Victoria über einen Namen für ihren dritten Sohn nachdachte, kam sie auf »San Miguel«. Wie die spanische Biermarke. Die Beckhams denken ständig in Marken, die ganze Welt ist für sie eine Marke. David Beckham gilt als der reichste Fußballspieler der Welt. Er stellt vor Weihnachten einen Pagen ein, damit er jemanden hat, der all die Geschenke auspackt. Er hat ein Anwesen in England, das man Beckingham Palace nennt, eine Fußballakademie in Kalifornien, 15 teure Sportwagen. Beckham ist auch ein Parfum.
Nimmt er sich etwas Zeit für sich, steigt er in einen Ferrari und fährt los. Erika Wittmann geht in solchen Momenten auf dem Garagenhof hinter der Fabrik schnell eine rauchen.
Sie macht sich nicht einmal etwas aus Schuhen. Vielleicht 15 Paare habe sie, höchstens. »Ich bin nicht so anspruchsvoll.« Morgens um halb sieben fährt sie zu Hause los, nach sechs Minuten ist sie in der Fabrik, nachmittags um Viertel nach vier kehrt sie zurück. Sie trägt nur eine Armbanduhr, keinen Schmuck. Sie hatte keine Ausbildung, als sie vor 29 Jahren bei adidas anfing, und sie hat Kollegen, die noch länger da sind. Mit ihrem Mann, den sie in der Firma kennen gelernt hatte, zog sie in ein eigenes Häuschen, braune Fensterläden, Kopfsteinpflaster, nebenan der Gasthof Zum Hirschen. Sie weiß, dass die so genannten GSG9-Stiefel für die Spezialeinheit der Bundespolizei jetzt in Fernost gemacht werden und dass die Schäfte für den Fußballschuh »World Cup« aus Bosnien-Herzegowina kommen. Sie war nie da, nur einmal hat sie ein Foto von dort gesehen. Sorgen musste sie sich machen um ihre Fabrik, als es vor zwei Jahren hieß, der Standort Scheinfeld sei nicht mehr profitabel genug und werde aufgelöst. Aber dann ging es weiter, mit der Hälfte der Arbeiter.
»Ich laufe jeden Tag bestimmt soviel wie Beckham«
Abends, sagt sie, sei sie so erschöpft, dass sie keine Lust mehr habe, etwas zu unternehmen. Vielleicht noch eine Runde mit dem Fahrrad, aber höchstens eine halbe Stunde. Den ganzen Tag rennt sie zwischen Lagern, Werkstatt und den Lastwagen mit den Schuhkartons hin und her. Sie hat ihre Füße in braune Walkingschuhe gesteckt. Sie sagt: »Ich laufe jeden Tag bestimmt so viel wie Beckham.«
Macht David Beckham Urlaub in St. Tropez, trifft er am Strand des Club 55 hin und wieder Bruce Willis oder Kate Moss. Oder Jack Nicholson, der gerne Champagner aus Highheels trinkt.
Erika Wittmann setzt sich mit ihrem Mann für eine Stunde und 45 Minuten ins Auto, dann ist sie im Urlaub, auf einem verwilderten Campingplatz in Oberfranken. Im Sommer sitzen sie oft am Lagerfeuer und erzählen sich Geschichten.
Wollen die Kinder auf dem Zeltplatz Erika Wittmann über Beckham ausfragen, antwortet sie nur knapp. »Da bin ich mir nicht sicher«, sagt sie meist. Sie weicht aus, weil sie das Gefühl hat, Beckham sei ihr Betriebsgeheimnis. Es gibt den Beckham im Aktenschrank, der ist berechenbar und hat ziemlich kleine Füße. Das ist Erika Wittmanns Beckham. Und es gibt den Beckham aus dem Fernsehen, der ist launisch und tritt in den Schuhen aus Erika Wittmanns Endkontrolle vor die Augen von Millionen Fans. Das ist der Beckham der Zeltplatzkinder. Es gibt wohl keinen Fußballspieler auf der ganzen Welt, der schlechter zu Erika Wittmann passt als ihr bester Kunde.
Erika Wittmann wird ihn nicht in Gedanken begleiten, ihm nicht einmal zuschauen, wenn er in einem deutschen Fußballstadion Beifall empfangen wird. Sie wird diesen anderen Beckham einfach ignorieren. Nur wenn in der Zeitung wieder etwas über sein Sexualleben stehen sollte, wird sie sich fragen: »Betrügt der schon wieder seine Frau?« Die Welt wird Kopf stehen, und David Beckham wird wieder ein paar Zentimenter wachsen. Aber Erika Wittmann wird sich nicht blenden lassen, sie wird ihre Maßstäbe durchsetzen. Für sie wird David Beckham immer klein bleiben, weil sie ihm immer nur auf die Füße guckt.
- Datum 24.05.2006 - 10:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2006
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