Ist der Mann verrückt geworden? Gerade muss Erich Schmidt-Eenboom darum bangen, seinen ertragreichen Ruf als schreibender Schreck des Bundesnachrichtendienstes (BND) einzubüßen. Denn sogar er, der publizistische Chefankläger des Dienstes, bandelte bisweilen allzu stark mit den Geheimen an. Akten aus dem Nachlass eines Stasi-Spions, räumt er jetzt ein, gab er 1997 an seinen BND-Kontaktmann mit dem Decknamen »Bessel« weiter – und erhielt dafür als Gegenleistung »Spenden« für sein Weilheimer Friedensforschungsinstitut. Ein Fehler sei dieses »Geben und Nehmen« gewesen, sagt er jetzt, er habe »rote Linien« überschritten. Die Kollegen, am vergangenen Wochenende zu Treffen des Netzwerkes Recherche in Hamburg versammelt, werfen ihm deshalb öffentlich vor, er sei ein »Komplize« des BND. Doch was tut Schmidt-Eenboom in der Klemme seines Lebens?

Er sagt, wie sehr er August Hanning mag.

Hanning war bis zum vergangenen Herbst BND-Präsident und arbeitet jetzt als Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Als er dem BND vorstand, von 1998 bis 2005, wurden mindestens ein Zeitungsredakteur, zwei Buchautoren und ein Historiker von Geheimdienst-Spähtrupps bis ins Privatleben hinein überwacht. Für diesen wohl ungeheuerlichsten Angriff auf die Pressefreiheit seit der Spiegel-Affäre 1962 soll Hanning nach dem Willen vieler Journalisten nun büßen. Sie verlangen seinen Kopf.

Schmidt-Eenboom aber, ausgerechnet, nimmt den Ex-Geheimdienstchef und heutigen Sicherheitskoordinator für die Fußballweltmeisterschaft in Schutz.

»Auf Hanning wird zu Unrecht eingeknüppelt«, sagt Schmidt-Eenboom, nachdem er die eigene Schuld eingestanden hat. »Er wusste davon nichts. Hanning galt doch als systemfremd im eigenen Dienst.«

Möglicherweise ist Erich Schmidt-Eenboom wirklich nicht verrückt geworden. Möglicherweise weist er bloß auf den eigentlichen Kern der aktuellen Affäre hin; darauf nämlich, dass gewisse Teile des Bundesnachrichtendienstes schlicht und einfach der Kontrolle der Führung entglitten sind. In der Tat scheinen einige Geheimdienste hinter dem Rücken des Präsidenten wilde Ermittlungen betrieben zu haben. Fragt sich nur, was man schlimmer finden soll: einen schuldigen oder einen schludrigen Präsidenten des Auslandsnachrichtendienstes?

Sie sollte wohl ein neues Vertrauensverhältnis zur Öffentlichkeit begründen, die Pressekonferenz, damals im November 2005. Beim BND-Symposium über Massenvernichtungswaffen im Berliner Hotel Estrel ließen BND-Chef Hanning und der damalige Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau (heute Hannings Nachfolger im Amt) ihre internationalen Gäste beim Mittags-Büfett stehen, um stattdessen die zahlreich versammelten Journalisten zu beglücken. Die einstmals so bayerisch-abseitige Pullacher Behörde, schien es, kam endlich nicht nur in der Hauptstadt an, sondern auch in der modernen Medienwelt. Doch Hannings und Uhrlaus nett gemeintes Plauderstündchen endete in einem Fiasko. Am Vortag hatte die Berliner Zeitung enthüllt, dass der BND Mitte der neunziger Jahre Journalisten schamlos ausspioniert hatte – die Medienleute im Estrel-Hotel gerieten in Inquisitionsstimmung. »Ich halte eine Überwachung von Journalisten nicht für statthaft und nicht für notwendig«, verteidigte sich Hanning. Uhrlau nickte. Sie wirkten ehrlich.