Einweihung Endstation Zoo

Die Bahn weiht den Hauptbahnhof in Berlin ein und fährt schneller nach Leipzig

Wenn am 26. Mai die Bundeskanzlerin den neuen Hauptbahnhof der Hauptstadt einweiht, werden viele Berliner traurig sein: Der traditionsreiche Bahnhof Zoologischer Garten verliert seine Funktion – kein einziger Fernzug wird mehr halten, nur noch Regionalzüge und die S-Bahn. Die Fans vom Bahnhof Zoo nehmen es Bahnchef Hartmut Mehdorn persönlich übel, dass er einen alten Berliner Treffpunkt mit bester Anbindung an U- und S-Bahn degradiert, bloß um ein paar Minuten einzusparen.

Zum ersten Mal bekommt Berlin einen zentralen Kreuzbahnhof – und dann auch gleich den größten in Europa. Am 28. Mai, zwei Tage nach den Promis, werden die Fahrgäste den bisher als Lehrter Stadtbahnhof bekannten verkehrsstrategischen Punkt erobern, der den Schienenverkehr nach und von Berlin völlig neu ordnet. An diesem Tag stellt die Bahn auf den Sommerfahrplan um. Und der Fahrplanwechsel bringt noch eine ganze Reihe weiterer Veränderungen. Deutschland werde schneller, jubeln Mehdorns Leute.

Das beginnt in Berlin. Da wurde mit dem Tiergartentunnel zeitgleich zum neuen Bahnhof eine bisher fehlende Nord-Süd-Verbindung unter der City gebaut. Auf der Ost-West-Achse bleiben Spandau und Ostbahnhof als Fernbahnhöfe erhalten, dazu kommen der Bahnhof Gesundbrunnen im Norden und Südkreuz im Süden der Hauptstadt. Generell verbessern sich damit die Umsteigemöglichkeiten, speziell zwischen Regional- und Fernverkehr. Am Hauptbahnhof sollen Tag für Tag über 1000 Züge halten und 300000 Menschen unterwegs sein.

Ein Manko jedoch bleibt zunächst. Viele Fernzüge werden im Hauptbahnhof bis zu einer Viertelstunde stehen bleiben, bevor die Reise weitergeht. Die Bahn versichert, das sei durch Engpässe auf den Strecken nach Leipzig und Hamburg bedingt. Und die sollen bis Dezember, wenn der nächste Fahrplanwechsel ansteht, beseitigt sein.

Auf jeden Fall sparen viele Reisende dank der neuen Verkehrsführung in Berlin Zeit. Dazu kommen Verbesserungen auf den Fernverbindungen wie auf der Strecke Leipzig–Berlin, deren Ausbau es ab 28. Mai möglich macht, in einer Stunde vom Berliner Hauptbahnhof nach Leipzig zu reisen und damit 30 Minuten früher ans Ziel zu kommen. Auch von Hamburg nach Leipzig verkürzt sich die Reisezeit um etwa 30 Minuten, zwischen Erfurt und Stralsund sogar um eine Stunde.

Dresden und Berlin kommen sich durch den zum Fahrplanwechsel abgeschlossenen Ausbau der Trasse über Wittenberg und Bitterfeld eine Viertelstunde näher.

Auch die Fahrzeit zwischen Berlin und München wird ein bisschen kürzer. Heute brauchen die Direktzüge etwa sieben Stunden, bei geschicktem Umsteigen lässt sich noch eine halbe Stunde einsparen. Nun aber nimmt die Bahn die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Nürnberg und Ingolstadt in Betrieb, auf der ICE-Züge 300 Stundenkilometer erreichen. Zwischen Nürnberg und der bayerischen Landeshauptstadt verkürzt sich die Reise immerhin um zwanzig Minuten. Wer künftig von Berlin über Leipzig nach München fährt, kann in sechs Stunden am Ziel sein. Zum Jahresende ist auch der Ausbau der Strecke zwischen Ingolstadt und München für eine Höchstgeschwindigkeit von 200 Stundenkilometern abgeschlossen, und die Fahrt von Nürnberg nach München dauert nur noch eine Stunde.

Nicht alle jubeln über die Beschleunigung. Der Bund Naturschutz Bayern nennt die Neubaustrecke »eines der naturzerstörendsten, teuersten und verkehrspolitisch fragwürdigsten Verkehrsprojekte Deutschlands«. Eine wesentlich billigere Alternative, der Ausbau der existierenden Trasse über Augsburg, wurde von Bahn und Landesregierung abgelehnt. Jetzt sind die ursprünglich auf 2,4 Milliarden Mark geschätzten Baukosten bei 3,6 Milliarden Euro gelandet, und die Augsburger sind frustriert, weil eine Reihe von ICE-Zügen in Richtung Norden wegfällt.

Preiserhöhungen sind mit dem Fahrplanwechsel nicht verbunden. Hartmut Mehdorn hat allerdings darauf hingewiesen, dass die Bahn nicht ewig steigende Ölkosten verkraften kann. Klettern Strom- und Dieselpreise weiter, wird wohl Bahnfahren bald wieder teurer. Klaus-Peter Schmid

 
Leser-Kommentare
  1. Ich kann nicht sagen, dass mir Bahnhof Zoo irgendwie fehlen wird. Berlin wieder zu einer Stadt zu machen, erfordert nun einmal den Abschied von mancher Nostalgie. Aber ich bin nur Ossi, da kann ich das Festhalten an manchem 80er-Jahre-West- Charme eben nicht nachvollziehen.

    Dass sich Dresden und Berlin wegen des Ausbaus über Wittenberg-Bitterfeld näher kommen, ist übrigens blanker Unsinn. Wer schon im Geographie-Unterricht geschlafen hat, sollte wenigstens mal eine Landkarte zur Hand nehmen. Natürlich fahren die Dresdner Züge auch durch den Tunnel, aber dann in einem recht umständlichen Bogen weiter in Richtung Elsterwerda (die traditionelle Dresdner Bahn wurde von den Westberlinern aus Platzmangel vor der Wende zugebaut).

    Auch die Nörgelei "ein Ausbau München-Nürnberg wäre ja so viel besser gewesen" wird durch Wiederholung nicht besser. Man stelle sich mal im Straßennetz vor: Wir hätten keine Autobahnen bauen brauchen. Nur die Bundesstraßen mit Mittelleitplanken ausstatten, dann kann man da auch 160km/h fahren (die LKW, die dann nicht mal mehr überholt werden können, ignoriert man einfach). Hier und da noch eine Ortsumgehung - klingt unsinnig, aber von der Bahn wird gefordert, dass sie auf zweigleisigen Strecken Güter- und Personenverkehr abwickelt; und dass auch noch mit Hochgeschwindigkeit. Absurd. Sicher, manchmal ist der viergleisige Ausbau einer bestehenden Bahnstrecke sinnvoll (zB. Karlsruhe-Basel) - aber manchmal braucht auch die Bahn völlig neue Trassen, genau wie auch die Autobahnen nur noch wenig Rücksicht auf die Lage der alten Reichsstraßen nehmen (unser Bahnnetz folgt in großen Teilen noch den Trassen des 19. Jahrhunderts!).

    Wer mehr Bahnverkehr will, muss auch neue Trassen akzeptieren, um die Kapazitäten zu erhöhen. Das klassische Netz reicht für Massengüter- und Personennahverkehr. Hochgeschwindigkeitsgüter- und Personenverkehr muss eine zu Autobahn und Luftverkehr konkurrenzfähige Infrastruktur als Basis haben.

    Etwas mehr Fachwissen würde nicht weh tun ...

    • HFR
    • 24.05.2006 um 14:20 Uhr

    "Der Bahnhof Zoologischer Garten verliert seine Funktion – kein einziger Fernzug wird mehr halten"

    Hallo,

    Ganz Fernzug-Deutschland fährt ab dem 28. Mai 2006 am Bahnhof Berlin Zoologischer Garten durch. Ganz Fernzug-Deutschland?

    Nicht ganz! Drei kleine Unternehmen, eines davon sogar eine von Mehdorns schönen Töchtern, ließen den Wunsch ihrer Reisenden nicht unerhört zwischen den Geschäften im neuen Glastpalst am Lehrter Bahnhof verhallen.

    Da sind z.B. die Connex-Züge Leipzig - Berlin oder am Wochenende in den Harz. Oder der Vogtland-Express Hof - Leipzig - Berlin. Die halten da, wo die Leute hinwollen, nämlich am Zoo. Und welch ein Affront gegen die Diktatur der DB-Führung: Am schönen neuen Lehrer Hauptbahnhof, Mehdorns Kaufhaus mit Gleisanschluss, wird kurzerhand durchgefahren! Ein Stich ins Herz derer in der nahen Bahn-Zentrale, die ihre Fahrgäste doch so gerne umer- und vor jeder Bahnreise erst einmal ins Brachland am alten Humboldthafen ziehen möchten. Und dann ist da noch die DB-Tochter DB Autozug, verantwortlich für den Nachtzugverkehr im Konzern. Da praktizierte man echte Basisdemokratie und hat in den Zügen vor einigen Monaten eine Befragung unter den Fahrgästen durchgeführt: Wo möchten Sie in Berlin einsteigen? Das Ergebnis dieses Votums ist im neuen Kursbuch nachzulesen: Nach Paris, Zürich, München oder Wien fährt man zu später Stunde weiterhin am Zoo ab. Und kommt morgens dort auch an. So, wie es sich die Fahrgäste wünschen. Und nicht die Plüschetage im Bahn-Tower.

    Hinzu kommt, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, als Fernzug am Bahnhof Zoo noch der sommerliche D-Zug nach Usedom hinzu.

    Gute Reise. Ab Zoo. Mit Umstieg nach fast ganz Berlin.

    Heiko Focken

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