Deutschland habe ich mir ein bisschen wie New York vorgestellt: große Städte, wenige Bäume, Wolkenkratzer, schlechte Luft. Da war ich überrascht, als ich in Potsdam ankam. Es ist sehr grün hier, das hat mich gefreut. Meine Mutter hatte Angst, als ich mich entschied, nach Deutschland zu gehen. Sie hatte in den Nachrichten von Ausländerfeindlichkeit gehört. Und in der Schule habe ich viel über den Zweiten Weltkrieg gelesen. Da haben wir gelernt: die Deutschen sind Rassisten, auch heute noch. Ich sagte mir, so schlimm kann es nicht sein. Rassisten gibt es überall. Lorena Tello lebt seit vier Jahren in Deutschland BILD

Ich komme aus Guayaquil von der ecuadorianischen Küste, bin 26, seit vier Jahren wohne ich in Potsdam-Babelsberg. Hier gibt es nicht viele Schwarze, nur ein paar aus Kuba. Auf der Straße falle ich auf. Vor allem Männer starren mich an, das ist mir etwas unangenehm. Die denken bei Latina-Frauen gleich an Strand, Sonne und Sex. Ich trage hier nie kurze Röcke. Wenn ich so etwas anziehe, denken alle, ich bin ein leichtes Mädchen. Am Anfang habe ich in einem mexikanischen Restaurant in Babelsberg als Kellnerin gearbeitet. Ein Gast sagte einmal zu mir: »Warum ziehst du dich nicht an wie eine richtige Latina, zeigst mehr Busen?« – »Wieso sollte ich?«, habe ich zurückgefragt.

Ich fühle mich in Potsdam nicht unsicher. Was der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye gesagt hat, man sollte als Schwarzer nicht nach Brandenburg fahren, weil es sein kann, dass man nicht lebend zurückkehrt – das finde ich übertrieben. Ich hatte in Potsdam bisher nur ein schlimmes Erlebnis. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs, und plötzlich standen zwei Jungen und zwei Mädchen, so um die 14, im Weg. Der eine Junge hat »Scheißneger!« gerufen. Ich dachte, es berührt mich nicht. Aber es hat mir doch wehgetan. Ich fragte den Jungen, ob er ein Problem damit habe, dass ich schwarz bin. Da hat er »Nein« geantwortet. Später haben sie mich immer gegrüßt.

Meine Angst vor Glatzen ist nicht besonders groß. Das sind ja nicht die einzigen Rassisten. Aber wenn ich einen in Bomberjacke sehe, fürchte ich mich doch, weil ich so viele schlimme Sachen gehört habe. Von Freunden und aus den Nachrichten. In der Nähe meiner Wohnung ist ein Fußballstadion, da treffen sich viele Glatzen, und jeden Samstag werden sie sehr aggressiv. Dann gibt es hier um die Ecke noch eine Kneipe von denen. An den Wochenenden gehe ich da nicht lang. Einmal musste ich dort vorbei, da haben die sich gerade mit anderen Fans gestritten. Ich habe Panik gekriegt und die Straßenseite gewechselt. Ich habe auch deshalb keine schlechten Erfahrungen gemacht, weil ich ein bisschen auf mich aufpasse. Abends, zum Beispiel, gehe ich nicht allein auf die Straße. Als ich noch im Restaurant gearbeitet habe, hat mich immer mein Mann um drei Uhr morgens abgeholt.

Der Tag, als der Äthiopier in Potsdam zusammengeschlagen wurde, war mein Geburtstag. Wir wollten in den Speicher, eine Disko in Potsdam, haben uns aber für Berlin entschieden. Der Äthiopier war an dem Abend im Speicher, da gab es wohl schon Ärger. Danach haben sie ihn zur Haltestelle verfolgt und geschlagen. Wären wir dort gewesen, hätte uns das auch passieren können.

Meine Freunde kommen aus Korea, Japan, Lateinamerika und Afrika. Die meisten wohnen in Berlin. Sie kommen mich nicht besuchen. Sie sagen: Ich fahre nicht nach Potsdam, da sind zu viele Nazis. Dabei passiert in Berlin auch viel. Eine Freundin wurde mal in der S-Bahn von einer Gruppe Jugendlicher als »blöde Ausländerin« beschimpft. Und einen Freund aus Indien haben sie in einer Berliner Bushaltestelle fast totgeschlagen.

Es gibt ein paar Orte in Potsdam, die ich auch meide: Drewitz und die Gegend rund um die Zeppelinstraße. Da sind so komische Leute. Ich habe auch gehört, dass in den Plattenbauvierteln die meisten Rassisten wohnen. »Geh da nicht hin«, haben mich Freunde aus Lateinamerika gewarnt. Ich war noch nie dort. Ich bin auch noch nie ins Brandenburger Umland gefahren. Nicht aus Angst, dass was passiert, sondern weil ich fürchte, dass ich den falschen Bus nehme.