50 Klassiker der modernen Musik Wasser zu Wein
Das Mikrofon als Instrument: Billie Holiday in der ZEIT-Serie "50 Musikklassiker"

Sogar der strenge Brockhaus würde gerne schreiben, dass sie die Größte sei, wäre er nicht zur Neutralität gehalten. Also bezeichnet er sie als eine »der bedeutendsten und ausdrucksstärksten Sängerinnen der Swingepoche«. Eigentlich will er sagen: die berührendste Stimme der westlichen Welt. Und: dass keine Sängerin Wörter wie love , heaven , moonlight so aussprechen konnte wie sie. Billie Holiday, geborene Eleonora Fagan, gilt als die erste Jazzsängerin, die das Mikrofon zu ihrem Instrument gemacht hat, die den expressiven Stummfilmgestus der gewaltigen Bessie-Smith-Stimmen in einen Tonfilmklang voller Understatement verwandelte. Und natürlich erzählt jedes Lexikon von der tragischen Einheit von Kunst und Leben, von einem schwarzen Mädchen, das mit zehn Jahren vergewaltigt wird, mit fünfzehn sich prostituiert und ihre Autobiografie mit dem Satz beginnt: »Mam und Dad waren noch Kinder, als sie heirateten. Er war achtzehn, sie war sechzehn, und ich war drei.« Das Bild der missbrauchten Frau, der drogen-, männer- und alkoholabhängigen Diseuse wird zum Klischee.
Und doch gibt es eine Zeit vor der Bitterkeit, als sich Melancholie und Lebenslust bei ihr die Waage halten. 1936 trifft sie den Tenorsaxofonisten Lester Young – wie sie selbst ein Ästhet des Zurücktretens – inmitten einer Swingwelt des Tanzens und jener battles , in denen sich die balzenden Hörner von der Bühne zu blasen versuchten. »Lady Day« und »Prez«, wie sie sich gegenseitig nennen, werfen sich Texte und Töne zu, er kann nicht spielen, ohne die Wörter des Songs zu fühlen, bei ihr verschwinden die Worte hinter dem instrumentalen Klang ihrer Stimme – Selbstgespräche zu zweit. Dass die Lieder, die heute Standards des Great American Songbooks sind, damals unerträgliche Schlager waren und von weiblicher Unterwerfung und genussvoller Abhängigkeit erzählten, war Bedingung für die Verwandlung. Nur Wasser kann zu Wein werden.

Im Unterschied zu Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan genügte Billie Holiday eine Pause, ein verschleppter Buchstabe oder ein winziges Heben der Stimme, um ihre Haikus in Jazz zu singen, Artistik war nie ihre Sache. Hellwach und mit einem leichten Lächeln sind diese Aufnahmen von 1937 und 1938 gesungen, das androgyne Saxofon Lester Youngs legt sich unter ihre Stimme, sie erzählt, und er streichelt sie mit seiner Begleitung –
Easy Living
. Doch immer liegt etwas Unausgesprochenes in diesem Sound, das andere, das dahinter liegt und das Wesen von Musik bestimmt: Hoffnung, Angst, eine unverletzbare Liebe. Wenn die beiden am 13. Dezember 1939 das legendäre
The Man I Love
spielen, ist der Ton schon ernster, klassisch geworden. Später lebten die beiden auf verschiedenen Bühnen mit den gleichen Stücken, und erst 1957 stehen sie sich in einem Fernsehstudio für
Fine And Mellow
gegenüber. Nur in ihrem Gesicht spiegeln sich jetzt seine Töne, zwanzig Jahre vorher war die Liebe zu hören.
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- Datum 15.07.2009 - 13:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2006
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