DIEZEIT: Herr Rabanal, Sie praktizieren als Psychoanalytiker in Lateinamerika. Ist Freuds Lehre dort überhaupt verwurzelt? BILD

César Rodríguez Rabanal: Die Psychoanalyse kam sogar relativ früh nach Lateinamerika, schon in den dreißiger Jahren – damals mussten viele jüdische Vertreter aus Europa emigrieren. In Argentinien, Brasilien, Uruguay hat die Psychoanalyse eine lange Tradition, in Peru ist sie ungefähr seit den fünfziger Jahren verbreitet. Dabei ist sie vor allem auf die großen Städte konzentriert, Buenos Aires in Argentinien, Rio de Janeiro und São Paolo in Brasilien, Lima, Montevideo

ZEIT: Und in ländlichen Gegenden?

Rabanal: Da gibt es keine Analytiker. Wissen Sie, die Unterschiede zwischen Stadt und Land in Südamerika sind sehr viel größer als jene zwischen südamerikanischen und europäischen Städten. Die typischen Patienten eines Psychoanalytikers in Lima oder Buenos Aires sind Privatpatienten aus der Mittel- und Oberschicht, die unterscheiden sich kaum von denen in Europa. Allerdings ist die Psychoanalyse in Südamerika viel mehr in den Alltag inkorporiert als in Deutschland.

ZEIT: Wie das?

Rabanal: In bestimmten Kreisen ist es absolut üblich, dass man eine oder sogar mehrere Psychoanalysen macht. Man spricht auch offen darüber. In Deutschland gewinnt man den Eindruck, eine Psychoanalyse macht nur, wer wirklich krank ist. Bei uns ist es eher umgekehrt: Wer eine Analyse macht, gilt als stark genug, so etwas zu wagen.

ZEIT: Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass die Psychoanalyse in Südamerika anerkannter ist als in Europa?