Wege in die Selbstständigkeit Vorbild Frankreich

In Deutschland ist ein Großteil der Existenzgründer bei der Suche nach Kleinkrediten den Banken ausgeliefert. Es geht auch anders. Ein Blick ins Nachbarland

In Frankreich bietet die Association pour le droit à l‘initiative économique (ADIE), eine gemeinnützige Organisation, Kleinkredite für Existenzgründer an. Schwerpunkt ist die Förderung von Gründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus. Mehr als 6.700 Kredite sagte die ADIE im vergangenen Jahr zu. Damit erzielte sie im Vergleich zur deutschen KfW mehr als das vierfache Abschlussvolumen bei Mikrokrediten. Obwohl die Finanzierung aus der Arbeitslosigkeit heraus unter denkbar ungünstigen Umständen stattfindet, überstehen zwei Drittel der Unternehmen die schwierigen ersten beiden Jahre. Die Kreditausfallquote liegt bei 6,5 Prozent.

Der Erfolg beruht vor allem darauf, dass die ADIE eine andere Struktur und Vertriebsstrategie hat als die KfW. Bei der ADIE ist der Mikrokredit das Kernprodukt, während bei der KfW die Kleinkredite nur einen winzigen Teil der gesamten Aktivitäten ausmachen. Beim Vertrieb arbeitet die ADIE zwar auch mit Banken zusammen. Parallel dazu gibt es jedoch eigene regionale Beratungsstellen, wo die Finanzierung ausgearbeitet werden kann. 300 festangestellte und 1.000 ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich um Beratung und Kreditvergabe.

Auch die Bewertung der Kreditsuchenden erfolgt nach eigenen Kriterien. Während für deutsche Kreditsachbearbeiter die Sicherheiten oftmals oberste Priorität haben, steht in Frankreich die Persönlichkeit des Gründers im Vordergrund. Geprüft werden in erster Linie die Erfolgsaussichten und die Schlüssigkeit des Gründungskonzepts. Als Sicherheit wird üblicherweise eine Bürgschaft über die Hälfte der Kreditsumme aus dem Verwandten- oder Freundeskreis verlangt, die gleichzeitig die Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld des Gründers unter Beweis stellen soll.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die KfW als Kapitalgeber und Banken als Beratungsstellen überhaupt die richtigen Adressen für Mikrokredite sind. Denn bei solchen Kleindarlehen gelten andere Regeln als beim klassischen Unternehmenskredit. Ein solide ausgestatteter öffentlicher Kapitalstock, eine flexible und flächendeckende Organisation und die Einbindung externer Expertise von Handwerk, Dienstleistern und Freiberuflern könnte dem Mikrokredit – und damit den Gründern – zum Erfolg verhelfen. ham

Mehr über Finanzen lesen Sie auf www.zeit.de/finanzen

 
Leser-Kommentare
  1. Heute, sechs Jahre später, ist Deutschland in Sachen Mikrofinanzierung kräftig am aufholen. Hierbei haben die deutschen Mikrofinanzinstitute (MFI) viel auf die Erfahrungen der europäischen Vorreiter zurückgegriffen und verwenden ähnliche Methoden bei der Kreditentscheidung - und Begleitung wie im Artikel beschrieben. Ebenfalls wie im Artikel vorgeschlagen gibt es inzwischen einen genau solchen öffentlichen Kapitalstock, nämlich den "Mikrokreditfonds Deutschland". Dieser wurde im Januar 2010 von der Bundesregierung aufgelegt und fasst 100 Millionen Euro. Aus diesem Pool können derzeit ca. 60 akkreditierte MFI Kredite vergeben. Für dieses Jahr wird deutschlandweit mit einer Vergabe von über 5.000 Krediten gerechnet. Die MFI arbeiten i.d.R. regional um eine optimale Betreuung der Kreditnehmer zu gewährleisten. Diese können z.B. auf der Webseite der Dachorganisation (fast) aller MFI, dem Deutschen Mikrofinanz Institut (DMI)gefunden werden: http://www.mikrofinanz.ne.... smart Mikrokredit vergibt z.B. im Raum Berlin-Brandenburg Mikrokredite an Existenzgründer, Freiberufler, Kleinunternehmen und andere Gewerbetreibende, insbesondere mit Migrationshintergrund. Mehr Infos gibt's auf www.smart-mikrokredit.de

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 24.05.2006
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Frankreich | Finanzen | Selbständigkeit
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service