Nach dem Ende der Startup-Euphorie vor fünf Jahren ist in der deutschen Gründerszene wieder Bescheidenheit angesagt. Wer heute den Weg in die Selbstständigkeit wagt, versucht in aller Regel nicht, mit glanzvollen Businessplan-Präsentationen bei Risikokapitalgebern Millionen lockerzumachen, sondern fängt erst einmal klein an: mit bescheidenen Räumen, Regalen aus dem Baumarkt und der eigenen Arbeitskraft. Je geringer der Bedarf, desto größer müsste die Bereitschaft der Bank sein, einen Kredit zu gewähren – so das Kalkül vieler Gründer.

Das dachte auch Andreas Falke*, als er sich nach dem Kommunikationsdesign-Studium als Webdesigner selbstständig machen wollte. Statt ein repräsentatives Büro anzumieten und gleich eine Agentur zu gründen, startete Falke erst einmal in seiner Einzimmerwohnung als Freiberufler. Dennoch ging es nicht ganz ohne fremdes Geld. Rund 6.000 Euro Kredit brauchte er, um Computer und Zubehör anzuschaffen und die Anlaufphase zu überbrücken. Der Businessplan für die Kreditgespräche war schnell erstellt: Die ersten kleineren Projekte waren erfolgreich abgewickelt und bezahlt, größere Aufträge weiterer Kunden lagen vor, und die Ausgaben und Investitionen sollten sich ohnehin in engen Grenzen halten. "Die Planung war so ausgelegt, dass ich schon nach wenigen Monaten mit der Tilgung beginnen konnte", sagt Falke.

Gerade wer wenig Geld braucht, hat schlechte Chancen

Die Solidität des Zahlenwerks wurde von den Banken nicht honoriert. Das erste Finanzierungsgespräch bei der Deutschen Bank war so gut wie beendet, als der Existenzgründer die Kreditsumme nannte. An Finanzierungen unter 25.000 Euro habe man kein Interesse, beschied ihn der Kreditberater. Ein Kredit werde bei dieser Summe nur dann gewährt, wenn seine Eltern ein Guthaben in gleicher Höhe als Sicherheit auf ein Sperrkonto einzahlten. "Das war natürlich völlig unsinnig", wundert sich der Webdesigner über den Vorschlag. "Dann hätten mir meine Eltern das Geld doch gleich direkt leihen können."

Nicht besser erging es ihm bei der Commerzbank und der Dresdner Bank. Wegen des geringen Kreditvolumens winkten die Institute ebenfalls ab. Bei der örtlichen Sparkasse wurde Falke ein ganzes Paket von Kreditformularen und Fragebögen vorgelegt, die vorrangig Fragen zu Maschinen- und Immobilieninvestitionen enthielten. Bis zur Kreditgenehmigung sei mit etwa vier bis sechs Monaten zu rechnen, erklärte der Berater.

Keines der Institute machte den Webdesigner auf die Darlehen der staatlichen Förderbank KfW aufmerksam. Dort gibt es mehrere Programme, die speziell auf Existenzgründer mit kleinerem Finanzierungsbedarf zugeschnitten sind. Die Variante für Kleinstkredite ist das "Mikrodarlehen 10" mit einem Betrag bis zu 10.000 Euro, das für haupt- und nebenberufliche Gründungsfinanzierungen vorgesehen ist. Das "Mikrodarlehen" deckt den Bereich bis 25.000 Euro ab, und mit dem "Startgeld" bekommen Gründer bis zu 50.000 Euro Kredit von der KfW.

Alle Programme aber haben ein Problem: Die KfW vertreibt die Kredite nicht selbst, sondern ausschließlich über Banken und Sparkassen. Als Gegenleistung für die Kreditvermittlung erhalten die Banken ein Honorar, das beim "Mikrodarlehen 10" 1.000 Euro beträgt. Außerdem übernimmt die KfW bei diesem Produkt 80 Prozent des Ausfallrisikos, sodass die Bank im Verhältnis zu ihrem Provisionsertrag ein geringes Risiko eingeht.

Doch ein zu großes Ausfallrisiko ist längst nicht immer der Grund, warum sich Banken bei kleinen Gründungsfinanzierungen quer stellen – egal, ob sich ein Handwerker selbstständig machen oder ein Akademiker als Freiberufler starten will. Das zeigt eine im Jahr 2003 vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan veröffentlichte Befragung von Existenzgründern. Auf der Rangliste der zehn häufigsten Ablehnungsgründe bei der Gründungsfinanzierung taucht auf dem vierten Rang die Begründung auf, dass die Kreditsumme zu gering sei. Dieser Satz wurde dreimal häufiger genannt als die Begründung, dass das Gründungskonzept nicht plausibel sei. Außerdem gab mehr als ein Drittel der Befragten an, über staatliche Fördermöglichkeiten nicht ausreichend informiert worden zu sein. Entsprechend schlecht fallen die Noten aus, die die Geldinstitute von den Gründern erhalten. "Die Beratung der Banken wird eher negativ bewertet", schreibt Christine Krämer, die Autorin der Studie.

Gleichwohl berichtet die KfW in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 2005 stolz, dass das im Mai 2005 eingeführte Mikrodarlehen 10 vom Markt "sehr gut angenommen wurde". Die Zahlen belegen allerdings eher das Gegenteil. Unter den Kleinkrediten wurde am häufigsten das Startgeld vermittelt, für das die KfW im Gesamtjahr 3.100 Neuabschlüsse mit einem Volumen von insgesamt 100 Millionen Euro meldet. Die beiden Varianten des Mikrodarlehens machten zusammen ein Neufinanzierungsvolumen von nur 24 Millionen Euro aus. Sie kamen gerade mal auf 1.500 Abschlüsse, davon entfiel weniger als ein Drittel auf das Mikrodarlehen 10.

Angesichts des gesamten Kredit-Neugeschäfts der KfW von mehr als zehn Milliarden Euro haben die Kleindarlehen allenfalls Portokassen-Niveau. Wie gut oder schlecht damit das Potenzial der Zielgruppe ausgeschöpft wurde, lässt sich anhand der Zahlen des KfW-Gründungsmonitors aus dem Jahr 2004 errechnen. Von insgesamt 1,4 Millionen Existenzgründern hatte ein Drittel einen Finanzierungsbedarf zwischen 5.000 und 50.000 Euro; das entspricht genau den Anforderungen der Mikrokredite und des Startgelds. Wenn die Verhältnisse 2005 ungefähr gleich geblieben sind, bediente die Förderbank bei insgesamt 4.600 Darlehenszusagen lediglich rund ein Prozent der Nachfrage mit diesen Produkten. Trotzdem sieht die Staatsbank keinen Handlungsbedarf. "Die Zahlen sind für uns zufriedenstellend", sagt Margarita Tchouvakhina, Direktorin der volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW.

Neue Vertriebswege lehnt die Staatsbank ab

Dabei wäre es für die Bank ein Leichtes, die Mikrodarlehen nach vorn zu bringen. Sie müsste die Banken nur mit neuen Wettbewerbern konfrontieren und ähnliche Vertriebswege wie beim Studienkredit öffnen. Dort hat sich die KfW vom Hausbankprinzip verabschiedet und die Studentenwerke als Vertriebspartner ins Boot geholt. Das Pendant beim Mikrodarlehen wäre die Kreditvermittlung über Handwerkskammern, Freiberuflerverbände oder ähnliche Organisationen, wo die Aussichten der Gründer von Marktkennern beurteilt werden könnten. Um eine allzu großzügige Bonitätsbewertung zu unterbinden, könnte das Vermittlerhonorar in Abhängigkeit von der Zahlungsmoral des Kreditnehmers über mehrere Jahre verteilt oder bei einem Kreditausfall zurückgefordert werden. Das im Vergleich zum Studienkredit größere Ausfallrisiko spiegelt sich ohnehin schon in den höheren Zinsen wider: Während der Studienkredit 5,28 Prozent Effektivzins kostet, liegt das Mikrodarlehen bei 9,68 Prozent.

Doch solche Überlegungen sind bei der KfW tabu. "Außerhalb der Banken sind keine weiteren Vertriebspartnerschaften geplant", betont Abteilungsdirektorin Tchouvakhina. Damit dürfte vorläufig alles beim Alten bleiben: Die Staatsbank muss sich nicht mit Kleinkram beschäftigen, die Banken brauchen beim Blockieren der KfW-Mikrodarlehen weder Sanktionen noch Konkurrenz zu fürchten, und Existenzgründer mit geringem Finanzierungsbedarf müssen sich bei der Kreditsuche auf eine Odyssee begeben.

Auf ihren Internet-Seiten wirbt die Förderbank mit einer fiktiven Webdesignerin, die trotz fehlender banküblicher Sicherheiten bei ihrer Hausbank ganz unkompliziert ein KfW-Mikrodarlehen beantragt und so ihre Gründung finanziert habe. In der Realität brauchte der Webdesigner Falke fünf Monate, um wenigstens ein Geschäftskonto mit Dispokreditrahmen zu erhalten, damit er seine Geschäfte nicht mehr mit dem privaten Girokonto verquicken musste. Bis dahin hatte sich dank einiger größerer Kundenaufträge der Kreditwunsch ohnehin erledigt.

*Name von der Redaktion geändert

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