Gentherapie Versuch gelungen, Patient tot
Heilen mit Genen ist machbar. Ein 28-jähriger Patient starb dennoch. Jetzt erscheint der erste Bericht zum Vorfall
Sieben Jahre harter Arbeit lagen hinter dem deutsch-schweizerischen Forscherteam. Anfang April schien die Mühe endlich belohnt zu werden. Erstmals habe man drei Patienten mit chronischer Granulomatose, einer tödlich verlaufenden erblichen Immunschwäche, erfolgreich mit einer Gentherapie behandelt, verkündeten die Wissenschaftler am 5. April bei einer Pressekonferenz in Frankfurt. Am Sonntag davor hatten sie ihre Befunde im Fachblatt Nature Medicine veröffentlicht. Dass zu diesem Zeitpunkt einer ihrer Patienten, ein 28-jähriger Mann mit einem Zahnwurzelabszess und einer Infektion der Wange in einer Düsseldorfer Klinik lag, schmälerte die gute Laune der Gentherapeuten nicht. Endlich, so schien es, hatte das Feld nach vielen Fehlschlägen und sogar zwei Todesfällen den Nachweis erbracht: Heilen mit Genen ist machbar.
Fünf Tage später, am 10. April, war die Hochstimmung der Ärzte verflogen, und eine Familie trauerte. Während sich zwei der Behandelten, ein Schweizer Knabe und ein junger erwachsener Deutscher, weiterhin guter Gesundheit erfreuten, war der Mann in der Düsseldorfer Klinik tot. Gestorben an einer nicht beherrschbaren Sepsis (Blutvergiftung) .
Erst gut zwei Wochen später, auf dem Deutschen Internistenkongress in Wiesbaden, gab der verantwortliche Arzt, der Frankfurter Universitätsmediziner Dieter Hoelzer, den Tod des Patienten bekannt. Der aber, sagte Hoelzer, sei höchstwahrscheinlich nicht direkt durch die Gentherapie verursacht worden.
Dennoch verwandelten sich die verantwortlichen Leiter des Therapeutenteams, neben Hoelzer der Heidelberger Gentherapiefachmann Christof von Kalle, sein Frankfurter Kollege Manuel Grez und der Zürcher Mediziner Reinhard Seger, sofort von Helden in böse Buben. Erst hatte man ihnen einen »Glanzpunkt in der Gentherapie« (FAZ) attestiert – angesichts von bloß drei Patienten und einer Beobachtungszeit von nur rund zwei Jahren gelinde überzogen –, nun wurden sie der Vertuschung bezichtigt.
Hoelzer weist den Vorwurf empört zurück: Er sei nicht in erster Linie der Presse verantwortlich, sagt der Mediziner, sondern »den Patienten, den Angehörigen und den Aufsichtsbehörden«. Alle habe man sofort informiert. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz, beteuert Christof von Kalle, habe der Patient – nach einer Antibiotikatherapie – kurz vor der Entlassung aus der Klinik gestanden. Erst später verschlechterte sich sein Zustand dramatisch.
Inzwischen haben von Kalles Experten versucht, herauszufinden, wie es trotz des erfolgreichen Gentransfers zu der Sepsis des Patienten kommen konnte. Bei Granulomatosekranken ist ein Gen defekt, das Fresszellen (Makrophagen) normalerweise dazu befähigt, eingedrungene Bakterien und Pilze aufzunehmen und mit Hilfe aggressiver Sauerstoffverbindungen abzutöten. Nach der Gentherapie waren rund ein Drittel der aus dem Knochenmark hervorgehenden Makrophagen des Patienten funktionstüchtig geworden. Bevor der Mann starb, sei ihre Zahl jedoch »auf unter zehn Prozent gefallen«, sagt der Heidelberger Forscher. Das sei »mit Sicherheit zu wenig, um eine Infektion zu stoppen«. Die therapierten Zellen seien zwar noch im Körper des Toten vorhanden gewesen, aber das Gen hatte in den meisten Fresszellen seine Aktivität eingestellt: »Es ist nun von größter Wichtigkeit, herauszufinden, warum das passierte.« Die Immunfunktion der beiden anderen gentherapierten Granulomatosepatienten wird daher nun intensiv überwacht.
Allerdings ist keineswegs sicher, dass allein das Nachlassen der therapeutischen Wirkung die Ursache für den Tod des Patienten war. Seine Milz war vergrößert – nicht untypisch bei Sepsis, aber auch bei Leukämie. Eine solche war schon früher bei gentherapierten Kindern mit einer anderen Immunschwäche aufgetreten. Zudem hatte der Mann einen Darmdurchbruch erlitten. Auch das kann – mit und ohne Gentherapie – mit dem Tod durch Sepsis enden.
- Datum 23.05.2006 - 07:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2006
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