Wer schreibt, weiß, daß der Zweifel dem Glauben Stolperdrähte spannen muß, auf daß uns keine Hoffnung beflügelt, der nichts außer Absturz gewiß wäre. Also sei anfangs vorwarnend gesagt: Das Motto des nunmehr in Berlin tagenden PEN-Kongresses, "Schreiben in friedloser Welt", könnte vermuten lassen oder gar die fromme Mär bestätigen wollen, es habe jemals friedliche Zeiten gegeben. Nein! Immer herrschte nahbei oder weit weg Krieg. Oft tarnte er sich als "Befriedung" oder "Normalisierung", todbringend war er allemal. Auch fehlte es nicht an Heldengesängen oder nüchternen Beschreibungen gallischer oder sonstiger Kriege. Zu unserer Zeit unterhielten uns mit trickreich gesteigerter Spannung Filme auf Leinwänden und auf der Mattscheibe, die ihren Stoff aus unablässigem Kriegsgeschehen bezogen: abermals Heldenrollen zuhauf.

Europa, das sich im Verlauf der Jahrhunderte als ausdauernde Triebkraft des Krieges bewiesen hat, gönnte sich zwar, was allerdings nur den Kontinent betraf, gelegentlich Pausen, führte aber, sei es, um nicht aus der Übung zu kommen, sei es, um die Interessen seiner einzelnen und in der Regel verfeindeten Staaten zu wahren, weltweit Eroberungs- und Kolonialkriege. Mehr noch: Während der Kampfpausen haben eine Vielzahl bahnbrechender Erfindungen, selbst wenn deren Erfinder durchaus friedfertig dem uralten Menschentraum, gleich Ikarus fliegen zu können, nur die notwendige Technik lieferten, mit Vorrang dem Krieg, dem modernen Krieg gedient. Wie denn auch seit alters kurzgebunden der Krieg zum Vater aller Dinge erklärt wurde.

Immer war Krieg. Und selbst die Friedensschlüsse bargen, gewollt wie ungewollt, die Keimzellen künftiger Kriege, gleich, ob Verträge im westfälischen Münster oder in Versailles ausgehandelt wurden. Zudem waren und sind die Vorbereitungen für das Führen von Kriegen nicht nur auf schnell veraltende Waffensysteme angewiesen; ein altes Mittel, durch steuerbaren Mangel Völker abhängig und gefügig zu machen, ist seit biblischen Zeiten bis in die globalisierte Gegenwart wirksam. Anläßlich seiner Antrittsrede bei den Vereinten Nationen wurde dieses Mittel von Willy Brandt beim Namen genannt. "Auch Hunger ist Krieg!", rief er vor über drei Jahrzehnten zur Zeit des Kalten Krieges. Die Mortalitätsmuster und Hungerstatistiken bestätigen bis heute seinen Befund. Wer den Markt für Grundnahrungsmittel beherrscht und also mit den Preisen steuernd über Mangel und Überfluß verfügt, muß keinen herkömmlichen Krieg führen.

Wie aber verhielt es sich mit dem Schreiben während anhaltend friedloser Welt? Die Literaten, das heißt, all die Silbenstecher, Lautverschieber, Wörtermacher und Nachredner unterdrückter Schreie, die zwanghaft reimenden wie nicht reimenden Dichter, sie alle, die Männer und Frauen des bloßen Wortgeschehens, waren und blieben dabei, von Troja bis Bagdad: metrisch klagend, nüchtern berichtend, hier den Frieden beschwörend, dort süchtig nach Heldentum. Der wohlfeile Satz: "Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen", ist leicht zu widerlegen.

Um im Lande zu bleiben: Die Deutschen, die sich, in Ermangelung überseeischer Eroberungen, über dreißig Jahre hinweg einen Glaubensstreit als Bürgerkrieg leisteten und zu diesem Gemetzel ihre europäischen Nachbarn einluden, haben während mörderischer Zeit zwar das noch unsicher tastende Aufleben einer jungen Literatur kaum wahrgenommen, doch überliefert sind ihnen dennoch die im Jahr 1636 geschriebenen Gedichte des damals grad zwanzigjährigen Andreas Gryphius, so das Sonett Threnen des Vatterlandes.