PEN-KongressDem Krieg geht die Puste nicht aus

Keiner darf sich ins Schweigen flüchten. Wir Schriftsteller haben die Pflicht, die Toten zu zählen und den Einzelnen, ob Freund oder Feind, aus der Masse der Namenlosen herauszulösen. Eine Rede von Günter Grass

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Wer schreibt, weiß, daß der Zweifel dem Glauben Stolperdrähte spannen muß, auf daß uns keine Hoffnung beflügelt, der nichts außer Absturz gewiß wäre. Also sei anfangs vorwarnend gesagt: Das Motto des nunmehr in Berlin tagenden PEN-Kongresses, "Schreiben in friedloser Welt", könnte vermuten lassen oder gar die fromme Mär bestätigen wollen, es habe jemals friedliche Zeiten gegeben. Nein! Immer herrschte nahbei oder weit weg Krieg. Oft tarnte er sich als "Befriedung" oder "Normalisierung", todbringend war er allemal. Auch fehlte es nicht an Heldengesängen oder nüchternen Beschreibungen gallischer oder sonstiger Kriege. Zu unserer Zeit unterhielten uns mit trickreich gesteigerter Spannung Filme auf Leinwänden und auf der Mattscheibe, die ihren Stoff aus unablässigem Kriegsgeschehen bezogen: abermals Heldenrollen zuhauf.

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Europa, das sich im Verlauf der Jahrhunderte als ausdauernde Triebkraft des Krieges bewiesen hat, gönnte sich zwar, was allerdings nur den Kontinent betraf, gelegentlich Pausen, führte aber, sei es, um nicht aus der Übung zu kommen, sei es, um die Interessen seiner einzelnen und in der Regel verfeindeten Staaten zu wahren, weltweit Eroberungs- und Kolonialkriege. Mehr noch: Während der Kampfpausen haben eine Vielzahl bahnbrechender Erfindungen, selbst wenn deren Erfinder durchaus friedfertig dem uralten Menschentraum, gleich Ikarus fliegen zu können, nur die notwendige Technik lieferten, mit Vorrang dem Krieg, dem modernen Krieg gedient. Wie denn auch seit alters kurzgebunden der Krieg zum Vater aller Dinge erklärt wurde.

Immer war Krieg. Und selbst die Friedensschlüsse bargen, gewollt wie ungewollt, die Keimzellen künftiger Kriege, gleich, ob Verträge im westfälischen Münster oder in Versailles ausgehandelt wurden. Zudem waren und sind die Vorbereitungen für das Führen von Kriegen nicht nur auf schnell veraltende Waffensysteme angewiesen; ein altes Mittel, durch steuerbaren Mangel Völker abhängig und gefügig zu machen, ist seit biblischen Zeiten bis in die globalisierte Gegenwart wirksam. Anläßlich seiner Antrittsrede bei den Vereinten Nationen wurde dieses Mittel von Willy Brandt beim Namen genannt. "Auch Hunger ist Krieg!", rief er vor über drei Jahrzehnten zur Zeit des Kalten Krieges. Die Mortalitätsmuster und Hungerstatistiken bestätigen bis heute seinen Befund. Wer den Markt für Grundnahrungsmittel beherrscht und also mit den Preisen steuernd über Mangel und Überfluß verfügt, muß keinen herkömmlichen Krieg führen.

Wie aber verhielt es sich mit dem Schreiben während anhaltend friedloser Welt? Die Literaten, das heißt, all die Silbenstecher, Lautverschieber, Wörtermacher und Nachredner unterdrückter Schreie, die zwanghaft reimenden wie nicht reimenden Dichter, sie alle, die Männer und Frauen des bloßen Wortgeschehens, waren und blieben dabei, von Troja bis Bagdad: metrisch klagend, nüchtern berichtend, hier den Frieden beschwörend, dort süchtig nach Heldentum. Der wohlfeile Satz: "Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen", ist leicht zu widerlegen.

Um im Lande zu bleiben: Die Deutschen, die sich, in Ermangelung überseeischer Eroberungen, über dreißig Jahre hinweg einen Glaubensstreit als Bürgerkrieg leisteten und zu diesem Gemetzel ihre europäischen Nachbarn einluden, haben während mörderischer Zeit zwar das noch unsicher tastende Aufleben einer jungen Literatur kaum wahrgenommen, doch überliefert sind ihnen dennoch die im Jahr 1636 geschriebenen Gedichte des damals grad zwanzigjährigen Andreas Gryphius, so das Sonett Threnen des Vatterlandes.

"Wjr sindt doch nuhmer gantz / ja mehr den gantz verheret!
Der frechen völcker schaar / die rasende Posaun
Das vom blutt fette schwerdt / die donnernde Charthaun
Hatt aller schweis vnd fleis / vnd vorraht auff gezehret…"

Und Martin Opitz, der die jungen Poeten lehrte, mit Jamben und Trochäen umzugehen, also kunstfertig die Versfüße zu setzen, schrieb mit so ausführlich wie geballt barocker Wortgewalt sein schier endloses TrostGedichte In Widerwertigkeit Dess Krieges.

"Die große Sonne hat mit jhren schönen Pferden
Gemessen dreymal nun den weiten Kreiss der Erden
Seit dass der strenge Mars in vnser Deutschland kam
Und dieser schwere Krieg den ersten Anfang nahm…"

Ja, selbst weit weg von dem immerwährenden Schlachten und Plündern, im fernen Königsberg, wo sich die benachbarten Polen und Russen eine Kriegspause gönnten, vergaß Simon Dach nicht, in seiner Klage "über den endlichen Vntergang und ruinirung der Musicalischen Kürbs-Hütte" der Vernichtung der Stadt Magdeburg zu gedenken:

"Wo laß ich, Deutschland, dich? Du bist durch Beut vnd morden
Die dreißig Jahr her nun dein Hencker selbst geworden…"

Und ist es nicht so, daß Simon Dach mit den hier zitierten zwei Verszeilen seinem Land ein bis ins zwanzigste Jahrhundert, bis hin zu zwei Weltkriegen gültiges Zeugnis ausgestellt hat?

Die von mir genannten Barockdichter suchten in "friedloser Welt" nach Wörtern und Metaphern, geeignet, das unübersehbare Leid und die Verwüstung von Städten, Ländereien und Seelen zu benennen oder in Gleichnisse zu zwingen. Die Erde galt ihnen als Jammertal, denn was der Krieg verschonte, nahm die Pest. Ein weiterer Autor, Johan Jacob Christophel von Grimmelshausen, fand erst nach zeitlichem Abstand die Kraft, in Romanen wie Der Abenteuerliche Simplicissimus und Die Landstörzerin Courasche das nachwirkende Entsetzen über das "Monstrum Krieg" als Erzählbares zu Papier zu bringen, wobei seine Helden nicht etwa als Zeugen von Schlacht zu Schlacht auftreten, sondern dem alltäglichen Greuel verwoben sind.

So haben auch die Kriege späterer Zeit erst im Nachhinein, also in den kurzen und längeren Pausen zwischen den Kriegen, ihren literarischen Niederschlag gefunden. Ob Tolstois Krieg und Frieden , Remarques Im Westen nichts Neues , Celines Reise ans Ende der Nacht , Kluges Schlachtbeschreibung oder Curt Vonneguts Slaughterhouse Five – um nur wenige Autoren zu nennen, in deren Köpfen der Krieg nicht aufhören wollte -, jeweils mußte Zeit vergehen bis zum Wagnis des ersten Satzes.

Um im militärischen Sprachgebrauch zu bleiben: Wir Autoren sind Spätzünder. Selbst wenn wir meinen, der literarischen Avantgarde anzugehören, hinken wir dennoch dem Geschehen hinterdrein, freilich unermüdlich, denn was geschah und geschieht, sich mörderisch auslebt, entkommt uns nicht. Was die Historiker abzubuchen gewillt sind, bleibt uns gegenwärtig.

Wir Schriftsteller sind Leichenfledderer. Wir leben von Fundsachen, so auch von den rostigen Hinterlassenschaften des Krieges. Längst überbaute Schlachtfelder und Trümmerhalden suchen wir heim und finden den hinterlassenen Uniformknopf, die heil gebliebene Puppe aus Zelluloid. Reste wie diese erzählen uns vom zerfetzten Soldaten, vom verschütteten Kind.

So gern wir die Handlung in friedliche Gefilde, in hügelreich blauende Landschaften, in tief innerste Befindlichkeiten verlagern, dennoch kann uns der Krieg nicht aufhören. Selbst den meiner Generation nachgeborenen Autoren, denen während Zeiten der Aufrüstung und Erprobung von atomaren Erstschlägen Frieden durch wechselseitige Abschreckung verheißen wurde, blicken, sobald sie in geretteten Familienalben blättern, ernst und jung verheiratet das Foto des Urgroßvaters oder des Großvaters an: Der eine verblutete während der Materialschlacht um Verdun, der andere krepierte im Verlauf der Panzerschlacht von Kursk, und schon wollen sie erinnert, das heißt belebt werden, und sei es auch nur auf Papier.

Doch läßt sich Kriegsgeschehen erzählen? Lauert nicht, sobald die Gefahr überstanden ist, die Anekdote und macht ihr Angebot? Wie liest sich eine Kampfhandlung, wenn sie dem Erzählstrang eines Überlebenden eingefädelt ist, der, weil notgedrungen auf sich bedacht, ständig Ich sagen muß und dabei seine löchrige Erinnerung bemüht? Ist das organisierte Chaos eines Krieges auch nur annähernd mit den Mitteln der Literatur zu spiegeln? Oder ist der erzählende Autor allenfalls in der Lage, jene Lücken aufzufüllen, die ihm der aufs Dokument abonnierte Historiker hinterließ? Was geschah zwischen den datierten Schlachten? Wie verlief Alltag hinter der Front? Wer ist mehr zu fürchten: der Feind oder die eigenen Feldgendarmen? Was findet sich in keiner Statistik?

Im Dezember des letzten Jahres wurde in Stockholm die Nobelpreisrede Harold Pinters veröffentlicht. In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen. Jemand, ein Schriftsteller, einer von uns, hatte in friedloser Welt vom Recht der Anklage Gebrauch gemacht. Ich zitiere aus Harold Pinters Rede:

"Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterstützten die Vereinigten Staaten von Amerika jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden.

In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich nichts.

Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte niemand. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen. Das muß man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation betrieben und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt."

Im Verlauf seiner Rede stellte Harold Pinter die Frage: "Wieviele Menschen muß man töten, bis man die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein?" Diese Frage ist nicht leichthin als bloß rhetorisch abzutun, denn sie betrifft das langerprobte und heuchlerische Zählverhalten des Westens, den Bodycount. Zwar sind wir buchhalterisch bemüht, die Opfer von Terroranschlägen aufzulisten – und deren Zahl ist schrecklich genug –, aber niemand zählt die Leichen nach amerikanischen Bomben- und Raketenangriffen. Ob im zweiten oder dritten Golfkrieg (den ersten führte Sadam Hussein unterstützt von den USA gegen den Iran): Grobe Schätzungen lassen Hunderttausende vermuten.

Gewiß ist von den bisher sorgfältig gezählten 2400 gefallenen amerikanischen Soldaten des gegenwärtigen Irak-Krieges jeder Soldat als ein Toter zu viel zu beklagen, doch kann diese Verlustliste nicht einen rechtswidrig begonnenen und verbrecherisch geführten Krieg im Nachhinein begründen und gewiß nicht die übergroße Zahl der getöteten und verstümmelten Frauen und Kinder aufwiegen, die aus westlicher Sicht mit der barbarischen Umschreibung "Kollateralschäden" banalisiert wird. So gibt es denn auch nach westlicher Wertung nicht nur Lebende, sondern auch Tote erster, zweiter und dritter Klasse; dabei sind sie alle Opfer des wechselseitigen Terrorismus.

Harold Pinter hat das Unrecht benannt. Beispielhaft hat er bewiesen, was "Schreiben in friedloser Zeit" bewirken kann. Wir Schriftsteller sind aufgerufen, nicht nur anders, das heißt jenseits aller Parteinahme, die Toten zu zählen, sondern auch aufgrund unserer besonderen Begabung den einzelnen Toten, gleich ob Freund oder Feind, Frau oder Kind, aus der Masse der namenlos Verscharrten zu lösen, auf daß er kenntlich wird als Opfer eines Vorgangs, der Krieg heißt und viele Ursachen hat. Wer hat ihn gewollt? Welche Lügen haben seinen Zweck verschleiert? Wem bringt er Gewinn? Welche Börsenwerte steigert der Krieg? Wer hat wem jene Waffen geliefert, die so viel Tod brachten? Und mehr noch als die richterliche Frage "Wen trifft die Schuld?" sollte uns kümmern, ab wann wir mitschuldig wurden.

Als wir nur halbherzig nein sagten? Als wir uns einreden ließen, das sei nicht unser Krieg? Als wir meinten, uns mit der Abwandlung eines Sprichwortes, "Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen", bei jenen lieb Kind zu machen, die schon immer der Meinung waren, der Dichter sollte sich dem vulgären Tagesgeschehen, also der schmutzigen Politik fern- und die Kunst sauberhalten? Als wir uns brav in Schweigen retteten? Ich spreche aus Erfahrung. Sechzehn zählte ich, als ich Soldat wurde. Mit siebzehn lernte ich das Fürchten. Und glaubte dennoch bis zum Schluß, als längst alles in Scherben gefallen war, an den Endsieg.

Seitdem will mir der Krieg selbst während Pausen, die Frieden heißen, nicht aufhören. Es ist wie ein Nachzittern oder vorwarnendes Beben. Es ist die wiederkehrende Krätze. Die seinen Wegspuren – ob auf dem Vormarsch, dem Rückzug – beiläufigen Verbrechen verjähren nicht. Ihn zu überleben war nur des Zufalls Laune zu verdanken. Seitdem nisten mir seine Geräusche im Ohr. Was immer ich schrieb, stets bestand der Krieg – und sei es auch nur in Nebensätzen – auf seinem Handlungsverlauf. Er verlacht Friedensschlüsse. Er vergleicht sich mit seinesgleichen, prahlt mit jeweils zum Einsatz gebrachtem Material, rechnet Tote mit Toten auf. Und uns Schriftstellern beweist er, daß Worte, sie mögen noch so treffend sein, ihn nicht aufhalten können. Auf Befragen zählt er sich zu den Menschenrechten. So erhaben setzt er sich fort. Doch gerät seine Erhabenheit immer dann ins Wanken, wenn Gelächter ihn bloßstellt. Wohl deshalb hat unser barocker Kollege Grimmelshausen seine während dreißig Jahre währender Kriegszeit gewachsene Einsicht dem Roman Simplicissimus als Motto vorangestellt:

"Es hat mir so wollen behagen
Mit Lachen die Wahrheit zu sagen."

Denn lächerlich sind, so ernstgesichtig sie auftreten, des Krieges Fürsprecher. Wenn immer ihren Lügen Zugkraft mangelt, spannen sie Gott ins Geschirr. Ob Bush oder Blair, die Heuchelei ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Jenen Priestern und Missionaren gleichen sie, die seit alters Waffen segneten und mit der Bibel den Tod in ferne Länder trugen. Weil oft karikiert, sind sie zu Karikaturen ihrer selbst geworden. Also lachen wir sie aus. Vielleicht könnte, wie in Hans Christian Andersens Märchen, das schlußendlich den Kaiser nackt sein läßt, ein nicht enden wollendes Gelächter den einen, den anderen Popanz bloßstellen, auf daß sie mit ihren Schleppenträgern verschwinden.

Aber – so höre ich jetzt schon Bedenken –, was nützt das? Sogleich wird ein weiterer Popanz samt Schleppenträgern so gottgewollt ölgesalbt mit Lügen den nächsten Krieg begründen. Das war schon immer so.

Ja. Schon immer hieß es nach jeweils dem letzten Krieg: Nie wieder! Schwüre wurden laut. Friedensbewegungen entstanden, lösten sich auf, fanden abermals Zulauf, um sich abermals aufzulösen. Nur dem Krieg ging der Atem nicht aus.

So verging friedlose Zeit. Wir Schriftsteller waren immer dabei, ob schweigend oder protestierend. Geschrieben wurde allemal: dafür und dagegen. Wir wissen das aus wiederholter Erfahrung. Als der immer noch andauernde Irak-Krieg, wie von den USA gewollt, zu beginnen drohte und als er dann schmutzig tatsächlich und zugleich lupenrein im Fernsehen begann, erklärte auch ich mich öffentlich. Zu Beginn und am Ende eines Textes zitierte ich ein Gedicht, das der deutsche Dichter Matthias Claudius geschrieben hatte. Ohnmacht spricht aus seiner Klage. Ohnmacht, die wir uns eingestehen sollten, ohne deshalb zu schweigen. Wie Matthias Claudius nicht schwieg, sondern uns sein bis heute gültiges "Kriegslied" hinterließ:

"s’ ist Krieg / s’ ist Krieg!
O Gottes Engel wehre
Und rede Du darein!
s’ leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!".

Die Eröffnungsrede von Günter Grass zum Kongress des Internationalen PEN in Berlin erscheint hier in einer leicht gekürzten Fassung

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Leserkommentare
    • campos
    • 25. Mai 2006 6:44 Uhr

    es war zeit, dass ein intellektueller eine flammende rede gegen kräfte hält, die im krieg-führen ein probates mittel für ihre wirtschaftlichen und politschen ziele sehen (politiker trauen sich das ja nicht mehr zu sagen, nach däubler-gmelins hitler-vergleich oder andreas renners bush-kritischem zitat).

    gerade heute muss man wieder lesen, dass die usa-administration gar nicht an verhandlungen mit dem iran interessiert seien, angeblich um die iranische führung nicht aufzuwerten.

    dabei machen die amerikaner wieder einmal eine denkbar schlechte figur. sind das plumpe antiamerikanische reflexe? weil ich mir mehr sorgen mache über die amerikanische als über die iranische entwicklung?

    es ist bersornis erregend, mit wieviel einfluss der militärisch-industrielle komplex der usa (ein begriff eines ehemaligen us-präsidenten) über diese autistischen marionetten bush, cheney, rumsfeld und dem pudel blair verfügen.

    supermacht ja, aber noch die führer der "freien welt"? da habe ich langsam meine zweifel.

    da war mal klartext nötig. danke, herr grass.

    • DrKohl
    • 27. Mai 2006 10:19 Uhr

    Stellen Sie sich vor, die Laune der Weltgeschichte hätte ergeben, daß sich Deutschland in einer ganz ähnlichen Lage
    befindet wie der Irak bis vor 3 Jahren (Wir hatten ja mindetens zwei mal Vergleichbares). Dann kommen die Amerikaner, um uns zu befreien, und schießen auf unsere Panzer
    mit ihrer uranangereicherten Munition. Nach der Schlacht spielen die Kinder in diesem Strahlenmüll. Ich glaube, dann wär die deutsche Betrachtung ein wenig anders, wo uns doch schon ein toter Vogel in helle Panik versetzen kann (Nicht anfassen, Kinder!)
    Was ist das für eine Zivilisiertheit, die Kindern und Zivil-
    bevölkerung so etwas antut, Umwelt und Wasser mit solch
    tödlichem Müll zu vergiften? (Die gesundheitlichen Folgen
    sind alle bekannt, ich erspare mir Einzelheiten)

    MfG

    • keox
    • 29. Mai 2006 21:30 Uhr

    "Wir Autoren sind Spätzünder
    Wir Schriftsteller sind Leichenfledderer."

    so stimmt das nicht.

    mitläufer seid ihr, feiglinge, apologeten und profiteure.

    pinter hat ein anliegen: "...auf daß er kenntlich wird als Opfer eines Vorgangs, der Krieg heißt und viele Ursachen hat. Wer hat ihn gewollt? Welche Lügen haben seinen Zweck verschleiert? Wem bringt er Gewinn? Welche Börsenwerte steigert der Krieg? Wer hat wem jene Waffen geliefert, die so viel Tod brachten?" (nobelpreisrede)

    ansonsten heißt es: "...und ich begehre
    Nicht schuld daran zu sein!"
    zeit, 29.05.06

  1. Können Sie mir bitte an einer einzigen Stelle in seinem schriftstellerischen Werk zeigen, wo Handke Kriegstote verhöhnt?

    • Colon
    • 27. Mai 2006 1:52 Uhr

    Grass kehrt zu jenen Themen zurück, die ihn wohl sein ganzes Leben am heftigsten umtrieben. - Der internationale PEN ist zu Gast in Deutschland, einem Land, dem nach unvorstellbaren Abirrungen und Katastrophen, nach der Verleugnung sämtlicher Kriterien die Zivilisation ausmachen, heute Menschen aus aller Welt wohlwollend die Hoffnung entgegen bringen, es sei fähig wahre Freundschaft mit vielen Kulturen aufzubauen und sie ohne Anmaßung zu pflegen. - Insofern war Grass Rückbesinnung auf Gryphius, Grimmelshausen und die anderen Klagenden gegen den ewigen Krieg in doppelte Hinsicht klug. Denn vorgebliche entvölkerte sich Deutschland, schlimm genug, aus "Glaubensgründen", während tatsächlich das Streben weniger "Großer" nach Macht und Einfluß das Land in Ödnis stürzte.
    Münster und Telgte, das sind heute New York und Berlin.

    • DrKohl
    • 25. Mai 2006 9:53 Uhr

    Ich bitte Sie, daß Sie mir ein wenig über die Freiheit erzählen, die Sie meinen, über die Sympathen und Unsympathen, die dafür oder dagegen sind. Es interessiert mich wirklich (ist nicht ironisch gemeint) und vielleicht noch den ein oder anderen hier.

    Angenehmen Feiertag!

    MfG

  2. Wenn Sie nichts mit dem Phänomen Antiamerikanismus anfangen können, so liegt das wohl an Ihnen. Wer versucht Antiamerikanismus als einfaches "Etikett" abzutun, ihn gar als "Majestätsbeleidigung" lächerlich macht und eine US-freundliche Politik mit Prostitution vergleicht, ist aber sicher kein nüchtern-rationaler Kritiker mehr. Aber wer rechnet in einem Land mit über 200.000 Ehemaligen Stasi Mitarbeitern schon mit einer sachlichen und differenzierten Kritik der US-Politik? In einem Land in dem ein Goebbels wortgewaltig gegen die USA gehetzt hat, das den USA am 11.Dezember 1941 den Krieg erklärte und in dem die Attentäter des 11.September 2001 lebten, wundere ich mich nicht mehr. Das "mindestens 50% der Amerikaner selber "antiamerikanisch" wären, ist eine geradezu kindische Argumentation! Es macht einen erheblichen Unterschied WER WAS sagt und was für Folgen das hat! J.S.

  3. >Auch ein Günter Grass sollte sich irgendwann aus der Öffentlichkeit verabschieden.<
    Warum denn?

    >Es wird Zeit, dass neue Leute eine Plattform bekommen, um den aktuellen Zeitgeist zu repräsentieren und den alten Zeitgeist zu korrigieren.<
    Wer schwebt Ihnen vor? Was ist denn "neuer Zeitgeist"? Was soll am "alten Zeitgeist" (ein Paradoxon) falsch?

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