PEN-KongressDem Krieg geht die Puste nicht aus

Keiner darf sich ins Schweigen flüchten. Wir Schriftsteller haben die Pflicht, die Toten zu zählen und den Einzelnen, ob Freund oder Feind, aus der Masse der Namenlosen herauszulösen. Eine Rede von Günter Grass

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Wer schreibt, weiß, daß der Zweifel dem Glauben Stolperdrähte spannen muß, auf daß uns keine Hoffnung beflügelt, der nichts außer Absturz gewiß wäre. Also sei anfangs vorwarnend gesagt: Das Motto des nunmehr in Berlin tagenden PEN-Kongresses, "Schreiben in friedloser Welt", könnte vermuten lassen oder gar die fromme Mär bestätigen wollen, es habe jemals friedliche Zeiten gegeben. Nein! Immer herrschte nahbei oder weit weg Krieg. Oft tarnte er sich als "Befriedung" oder "Normalisierung", todbringend war er allemal. Auch fehlte es nicht an Heldengesängen oder nüchternen Beschreibungen gallischer oder sonstiger Kriege. Zu unserer Zeit unterhielten uns mit trickreich gesteigerter Spannung Filme auf Leinwänden und auf der Mattscheibe, die ihren Stoff aus unablässigem Kriegsgeschehen bezogen: abermals Heldenrollen zuhauf.

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Europa, das sich im Verlauf der Jahrhunderte als ausdauernde Triebkraft des Krieges bewiesen hat, gönnte sich zwar, was allerdings nur den Kontinent betraf, gelegentlich Pausen, führte aber, sei es, um nicht aus der Übung zu kommen, sei es, um die Interessen seiner einzelnen und in der Regel verfeindeten Staaten zu wahren, weltweit Eroberungs- und Kolonialkriege. Mehr noch: Während der Kampfpausen haben eine Vielzahl bahnbrechender Erfindungen, selbst wenn deren Erfinder durchaus friedfertig dem uralten Menschentraum, gleich Ikarus fliegen zu können, nur die notwendige Technik lieferten, mit Vorrang dem Krieg, dem modernen Krieg gedient. Wie denn auch seit alters kurzgebunden der Krieg zum Vater aller Dinge erklärt wurde.

Immer war Krieg. Und selbst die Friedensschlüsse bargen, gewollt wie ungewollt, die Keimzellen künftiger Kriege, gleich, ob Verträge im westfälischen Münster oder in Versailles ausgehandelt wurden. Zudem waren und sind die Vorbereitungen für das Führen von Kriegen nicht nur auf schnell veraltende Waffensysteme angewiesen; ein altes Mittel, durch steuerbaren Mangel Völker abhängig und gefügig zu machen, ist seit biblischen Zeiten bis in die globalisierte Gegenwart wirksam. Anläßlich seiner Antrittsrede bei den Vereinten Nationen wurde dieses Mittel von Willy Brandt beim Namen genannt. "Auch Hunger ist Krieg!", rief er vor über drei Jahrzehnten zur Zeit des Kalten Krieges. Die Mortalitätsmuster und Hungerstatistiken bestätigen bis heute seinen Befund. Wer den Markt für Grundnahrungsmittel beherrscht und also mit den Preisen steuernd über Mangel und Überfluß verfügt, muß keinen herkömmlichen Krieg führen.

Wie aber verhielt es sich mit dem Schreiben während anhaltend friedloser Welt? Die Literaten, das heißt, all die Silbenstecher, Lautverschieber, Wörtermacher und Nachredner unterdrückter Schreie, die zwanghaft reimenden wie nicht reimenden Dichter, sie alle, die Männer und Frauen des bloßen Wortgeschehens, waren und blieben dabei, von Troja bis Bagdad: metrisch klagend, nüchtern berichtend, hier den Frieden beschwörend, dort süchtig nach Heldentum. Der wohlfeile Satz: "Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen", ist leicht zu widerlegen.

Um im Lande zu bleiben: Die Deutschen, die sich, in Ermangelung überseeischer Eroberungen, über dreißig Jahre hinweg einen Glaubensstreit als Bürgerkrieg leisteten und zu diesem Gemetzel ihre europäischen Nachbarn einluden, haben während mörderischer Zeit zwar das noch unsicher tastende Aufleben einer jungen Literatur kaum wahrgenommen, doch überliefert sind ihnen dennoch die im Jahr 1636 geschriebenen Gedichte des damals grad zwanzigjährigen Andreas Gryphius, so das Sonett Threnen des Vatterlandes.

"Wjr sindt doch nuhmer gantz / ja mehr den gantz verheret!
Der frechen völcker schaar / die rasende Posaun
Das vom blutt fette schwerdt / die donnernde Charthaun
Hatt aller schweis vnd fleis / vnd vorraht auff gezehret…"

Und Martin Opitz, der die jungen Poeten lehrte, mit Jamben und Trochäen umzugehen, also kunstfertig die Versfüße zu setzen, schrieb mit so ausführlich wie geballt barocker Wortgewalt sein schier endloses TrostGedichte In Widerwertigkeit Dess Krieges.

"Die große Sonne hat mit jhren schönen Pferden
Gemessen dreymal nun den weiten Kreiss der Erden
Seit dass der strenge Mars in vnser Deutschland kam
Und dieser schwere Krieg den ersten Anfang nahm…"

Ja, selbst weit weg von dem immerwährenden Schlachten und Plündern, im fernen Königsberg, wo sich die benachbarten Polen und Russen eine Kriegspause gönnten, vergaß Simon Dach nicht, in seiner Klage "über den endlichen Vntergang und ruinirung der Musicalischen Kürbs-Hütte" der Vernichtung der Stadt Magdeburg zu gedenken:

"Wo laß ich, Deutschland, dich? Du bist durch Beut vnd morden
Die dreißig Jahr her nun dein Hencker selbst geworden…"

Und ist es nicht so, daß Simon Dach mit den hier zitierten zwei Verszeilen seinem Land ein bis ins zwanzigste Jahrhundert, bis hin zu zwei Weltkriegen gültiges Zeugnis ausgestellt hat?

Die von mir genannten Barockdichter suchten in "friedloser Welt" nach Wörtern und Metaphern, geeignet, das unübersehbare Leid und die Verwüstung von Städten, Ländereien und Seelen zu benennen oder in Gleichnisse zu zwingen. Die Erde galt ihnen als Jammertal, denn was der Krieg verschonte, nahm die Pest. Ein weiterer Autor, Johan Jacob Christophel von Grimmelshausen, fand erst nach zeitlichem Abstand die Kraft, in Romanen wie Der Abenteuerliche Simplicissimus und Die Landstörzerin Courasche das nachwirkende Entsetzen über das "Monstrum Krieg" als Erzählbares zu Papier zu bringen, wobei seine Helden nicht etwa als Zeugen von Schlacht zu Schlacht auftreten, sondern dem alltäglichen Greuel verwoben sind.

So haben auch die Kriege späterer Zeit erst im Nachhinein, also in den kurzen und längeren Pausen zwischen den Kriegen, ihren literarischen Niederschlag gefunden. Ob Tolstois Krieg und Frieden , Remarques Im Westen nichts Neues , Celines Reise ans Ende der Nacht , Kluges Schlachtbeschreibung oder Curt Vonneguts Slaughterhouse Five – um nur wenige Autoren zu nennen, in deren Köpfen der Krieg nicht aufhören wollte -, jeweils mußte Zeit vergehen bis zum Wagnis des ersten Satzes.

Um im militärischen Sprachgebrauch zu bleiben: Wir Autoren sind Spätzünder. Selbst wenn wir meinen, der literarischen Avantgarde anzugehören, hinken wir dennoch dem Geschehen hinterdrein, freilich unermüdlich, denn was geschah und geschieht, sich mörderisch auslebt, entkommt uns nicht. Was die Historiker abzubuchen gewillt sind, bleibt uns gegenwärtig.

Wir Schriftsteller sind Leichenfledderer. Wir leben von Fundsachen, so auch von den rostigen Hinterlassenschaften des Krieges. Längst überbaute Schlachtfelder und Trümmerhalden suchen wir heim und finden den hinterlassenen Uniformknopf, die heil gebliebene Puppe aus Zelluloid. Reste wie diese erzählen uns vom zerfetzten Soldaten, vom verschütteten Kind.

So gern wir die Handlung in friedliche Gefilde, in hügelreich blauende Landschaften, in tief innerste Befindlichkeiten verlagern, dennoch kann uns der Krieg nicht aufhören. Selbst den meiner Generation nachgeborenen Autoren, denen während Zeiten der Aufrüstung und Erprobung von atomaren Erstschlägen Frieden durch wechselseitige Abschreckung verheißen wurde, blicken, sobald sie in geretteten Familienalben blättern, ernst und jung verheiratet das Foto des Urgroßvaters oder des Großvaters an: Der eine verblutete während der Materialschlacht um Verdun, der andere krepierte im Verlauf der Panzerschlacht von Kursk, und schon wollen sie erinnert, das heißt belebt werden, und sei es auch nur auf Papier.

Doch läßt sich Kriegsgeschehen erzählen? Lauert nicht, sobald die Gefahr überstanden ist, die Anekdote und macht ihr Angebot? Wie liest sich eine Kampfhandlung, wenn sie dem Erzählstrang eines Überlebenden eingefädelt ist, der, weil notgedrungen auf sich bedacht, ständig Ich sagen muß und dabei seine löchrige Erinnerung bemüht? Ist das organisierte Chaos eines Krieges auch nur annähernd mit den Mitteln der Literatur zu spiegeln? Oder ist der erzählende Autor allenfalls in der Lage, jene Lücken aufzufüllen, die ihm der aufs Dokument abonnierte Historiker hinterließ? Was geschah zwischen den datierten Schlachten? Wie verlief Alltag hinter der Front? Wer ist mehr zu fürchten: der Feind oder die eigenen Feldgendarmen? Was findet sich in keiner Statistik?

Im Dezember des letzten Jahres wurde in Stockholm die Nobelpreisrede Harold Pinters veröffentlicht. In seinem beispielhaft schnörkellosen Text sprach sich der Dramatiker zuerst als Schriftsteller, dann als englischer Staatsbürger aus. Als seine bittere, niemanden schonende, also unser aller Versagen und rücksichtsvolles Bemänteln offenlegende Rede vorlag, löste sie hierzulande bis ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung blindwütige Attacken aus. Ein Theaterkritiker namens Stadelmaier versuchte Pinter als Altlinken, dessen Bühnenstücke längst passé seien, lächerlich zu machen und abzutun. An der Offenlegung von Wahrheiten, die hinter Beschwichtigungen und einem Gespinst von Lügen versteckt waren, wurde Anstoß genommen. Jemand, ein Schriftsteller, einer von uns, hatte in friedloser Welt vom Recht der Anklage Gebrauch gemacht. Ich zitiere aus Harold Pinters Rede:

"Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterstützten die Vereinigten Staaten von Amerika jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden.

In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich nichts.

Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte niemand. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen. Das muß man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation betrieben und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt."

Im Verlauf seiner Rede stellte Harold Pinter die Frage: "Wieviele Menschen muß man töten, bis man die Bezeichnung verdient hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein?" Diese Frage ist nicht leichthin als bloß rhetorisch abzutun, denn sie betrifft das langerprobte und heuchlerische Zählverhalten des Westens, den Bodycount. Zwar sind wir buchhalterisch bemüht, die Opfer von Terroranschlägen aufzulisten – und deren Zahl ist schrecklich genug –, aber niemand zählt die Leichen nach amerikanischen Bomben- und Raketenangriffen. Ob im zweiten oder dritten Golfkrieg (den ersten führte Sadam Hussein unterstützt von den USA gegen den Iran): Grobe Schätzungen lassen Hunderttausende vermuten.

Gewiß ist von den bisher sorgfältig gezählten 2400 gefallenen amerikanischen Soldaten des gegenwärtigen Irak-Krieges jeder Soldat als ein Toter zu viel zu beklagen, doch kann diese Verlustliste nicht einen rechtswidrig begonnenen und verbrecherisch geführten Krieg im Nachhinein begründen und gewiß nicht die übergroße Zahl der getöteten und verstümmelten Frauen und Kinder aufwiegen, die aus westlicher Sicht mit der barbarischen Umschreibung "Kollateralschäden" banalisiert wird. So gibt es denn auch nach westlicher Wertung nicht nur Lebende, sondern auch Tote erster, zweiter und dritter Klasse; dabei sind sie alle Opfer des wechselseitigen Terrorismus.

Harold Pinter hat das Unrecht benannt. Beispielhaft hat er bewiesen, was "Schreiben in friedloser Zeit" bewirken kann. Wir Schriftsteller sind aufgerufen, nicht nur anders, das heißt jenseits aller Parteinahme, die Toten zu zählen, sondern auch aufgrund unserer besonderen Begabung den einzelnen Toten, gleich ob Freund oder Feind, Frau oder Kind, aus der Masse der namenlos Verscharrten zu lösen, auf daß er kenntlich wird als Opfer eines Vorgangs, der Krieg heißt und viele Ursachen hat. Wer hat ihn gewollt? Welche Lügen haben seinen Zweck verschleiert? Wem bringt er Gewinn? Welche Börsenwerte steigert der Krieg? Wer hat wem jene Waffen geliefert, die so viel Tod brachten? Und mehr noch als die richterliche Frage "Wen trifft die Schuld?" sollte uns kümmern, ab wann wir mitschuldig wurden.

Als wir nur halbherzig nein sagten? Als wir uns einreden ließen, das sei nicht unser Krieg? Als wir meinten, uns mit der Abwandlung eines Sprichwortes, "Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen", bei jenen lieb Kind zu machen, die schon immer der Meinung waren, der Dichter sollte sich dem vulgären Tagesgeschehen, also der schmutzigen Politik fern- und die Kunst sauberhalten? Als wir uns brav in Schweigen retteten? Ich spreche aus Erfahrung. Sechzehn zählte ich, als ich Soldat wurde. Mit siebzehn lernte ich das Fürchten. Und glaubte dennoch bis zum Schluß, als längst alles in Scherben gefallen war, an den Endsieg.

Seitdem will mir der Krieg selbst während Pausen, die Frieden heißen, nicht aufhören. Es ist wie ein Nachzittern oder vorwarnendes Beben. Es ist die wiederkehrende Krätze. Die seinen Wegspuren – ob auf dem Vormarsch, dem Rückzug – beiläufigen Verbrechen verjähren nicht. Ihn zu überleben war nur des Zufalls Laune zu verdanken. Seitdem nisten mir seine Geräusche im Ohr. Was immer ich schrieb, stets bestand der Krieg – und sei es auch nur in Nebensätzen – auf seinem Handlungsverlauf. Er verlacht Friedensschlüsse. Er vergleicht sich mit seinesgleichen, prahlt mit jeweils zum Einsatz gebrachtem Material, rechnet Tote mit Toten auf. Und uns Schriftstellern beweist er, daß Worte, sie mögen noch so treffend sein, ihn nicht aufhalten können. Auf Befragen zählt er sich zu den Menschenrechten. So erhaben setzt er sich fort. Doch gerät seine Erhabenheit immer dann ins Wanken, wenn Gelächter ihn bloßstellt. Wohl deshalb hat unser barocker Kollege Grimmelshausen seine während dreißig Jahre währender Kriegszeit gewachsene Einsicht dem Roman Simplicissimus als Motto vorangestellt:

"Es hat mir so wollen behagen
Mit Lachen die Wahrheit zu sagen."

Denn lächerlich sind, so ernstgesichtig sie auftreten, des Krieges Fürsprecher. Wenn immer ihren Lügen Zugkraft mangelt, spannen sie Gott ins Geschirr. Ob Bush oder Blair, die Heuchelei ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Jenen Priestern und Missionaren gleichen sie, die seit alters Waffen segneten und mit der Bibel den Tod in ferne Länder trugen. Weil oft karikiert, sind sie zu Karikaturen ihrer selbst geworden. Also lachen wir sie aus. Vielleicht könnte, wie in Hans Christian Andersens Märchen, das schlußendlich den Kaiser nackt sein läßt, ein nicht enden wollendes Gelächter den einen, den anderen Popanz bloßstellen, auf daß sie mit ihren Schleppenträgern verschwinden.

Aber – so höre ich jetzt schon Bedenken –, was nützt das? Sogleich wird ein weiterer Popanz samt Schleppenträgern so gottgewollt ölgesalbt mit Lügen den nächsten Krieg begründen. Das war schon immer so.

Ja. Schon immer hieß es nach jeweils dem letzten Krieg: Nie wieder! Schwüre wurden laut. Friedensbewegungen entstanden, lösten sich auf, fanden abermals Zulauf, um sich abermals aufzulösen. Nur dem Krieg ging der Atem nicht aus.

So verging friedlose Zeit. Wir Schriftsteller waren immer dabei, ob schweigend oder protestierend. Geschrieben wurde allemal: dafür und dagegen. Wir wissen das aus wiederholter Erfahrung. Als der immer noch andauernde Irak-Krieg, wie von den USA gewollt, zu beginnen drohte und als er dann schmutzig tatsächlich und zugleich lupenrein im Fernsehen begann, erklärte auch ich mich öffentlich. Zu Beginn und am Ende eines Textes zitierte ich ein Gedicht, das der deutsche Dichter Matthias Claudius geschrieben hatte. Ohnmacht spricht aus seiner Klage. Ohnmacht, die wir uns eingestehen sollten, ohne deshalb zu schweigen. Wie Matthias Claudius nicht schwieg, sondern uns sein bis heute gültiges "Kriegslied" hinterließ:

"s’ ist Krieg / s’ ist Krieg!
O Gottes Engel wehre
Und rede Du darein!
s’ leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!".

Die Eröffnungsrede von Günter Grass zum Kongress des Internationalen PEN in Berlin erscheint hier in einer leicht gekürzten Fassung

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Leserkommentare
    • ARON1
    • 24. Mai 2006 9:28 Uhr

    Liebe Leser!

    Ich hatte bisher, ohne einen konkreten Anlass dafür zu haben, probleme mit dem Autoren G.Grass.
    Diese Rede bzw. dieser Artikel ist einfach großartig, aber erreicht er damit die, die den Arm heben in unserem und anderen Parlamenten. Um Junge Menschen (Soldaten) in den Krieg oder in die Welt hinaus zu schicken?

    Mit freundlichem Gruß

    Aron G. Golan

  1. Genau, Herr Grass! Die USA sind schon immer der Wolf im Schafspelz gewesen und haben uns alle jahrzehntelang mit ihrem Sirenengesang betäubt.
    Bei allem gebotenen Respekt - das ist Blödsinn und ich wundere mich, dass Grass dies in seine Rede gepackt hat. Warum? Wollten er nicht als Schriftsteller über das namenlose Grauen des Krieges sprechen? Stattdessen schwingt er sich zum historischen und moralischen Richter einer ganzen Nation auf.
    Ich glaube, Herr Grass gefiele sich auch gut als wilder freier Intellektueller und unliebsamer Mahner - so wie sein Vorbild Harold Pinter - und stimmt deshalb in den derzeit sehr bekannten Kanon des Antiamerikanismus mit ein.

  2. Natürlich nicht, Aron G. Golan, aber wie Grass sagt, ein Grund mehr lauter/leiser, je nachdem, in die Welt hinausposaunen, ihr verlogenen Kriegs- treiber, -schönredner/Demokratenheuchler/Alltagslügner, wir dazu vielleicht auch, die uns ducken, die es willkommen heißen, die einverstanden sind, dass immer nur die anderen, Fremde, Ausländer, Muslime, Neger, Juden, und und und schuld sind, die wir, saubere Bürger, kritisieren, urteilen, verurteilen müssen, damir wir endlich Frieden haben, diese allergrößte Lüge, die die kürzesten Beine wohl haben, nämlich keine.

  3. Den ersten Kommentar zur PEN - Rede von G. Grass hörte ich gestern in einem Bericht in Deutschlandradio. Ein Aufschrei, eine Peinlichkeit - nicht das, was Grass über den Krieg sagte, stand im Zentrum des Berichtes - nein, dass sich Grass angeblich nicht entblödet hätte, den Namen des Journalisten Stadelmaier zu nennen, welcher H. Pinter lächerlich gemacht hatte.

    Ist diese Reaktion nicht exemplarisch? Warum solche Angst vorm Namen nennen? Ist es in der heutigen Zeit nicht von größter Wichtigkeit genau die Namen von Korruption, Verfolgung und Mord zu bezeichnen? Manchmal scheint mir, wer die Dinge heute beim Namen nennt, wird nur müde belächelt - die Lächler geben den Anschein, als wären hier zu große Worte gewählt, die Bezeichnungen wären OUT, man spricht so nicht in unserer modernen Zeit. Ganz im Gegenteil. Ich empfinde es als eine Verschleierung und Mittäterschaft, die Dinge immer allgemein halten zu wollen und nicht beim Namen zu nennen.

    Hans Magnus Enzensberger hat ein Zeitzeugnis der besonderen Art in seinem Buch "Das Verhör von Habana" gegeben. Dort können wir nachlesen, was Krieg und Einfluss amerikanischer Interessen in Cuba 1961 angerichtet hatten. Eduardo Geleano berschreibt in "Die offenen Adern Lateinamerikas" grundlegende geschichtliche Fakten. Ich schliesse mich den Worten an: Lasst uns nicht ins Schweigen flüchten.

    Ich bin froh, dass nach langer Zeit einer unserer Schriftsteller und Intellektuellen, die wir so sehr brauchen, den Mut und die Muse gefunden hat, eindeutig über politische Zustände zu sprechen. Danke Günter Grass!

    Sabina Sölbeck

    • th123
    • 24. Mai 2006 11:27 Uhr

    @Hawkwood
    alles was Herr Grass in der Rede gesagt hat, läßt sich zweifelsfrei belegen, wenn das Ihrem Bild von der Politik der USA widerspricht, ist dass kein Grund die Tatsachen zurück zuhalten. Nebenbeibemerkt greift Herr Grass m. E. nicht die USA sondern nur die Außen- und Wirtschaftspolitik der USA an, diesen kleinen aber feinen Unterschied sollte man nicht außer Acht lassen.
    Das der "Kleine Amerikaner von der Straße" an Putsch und Putschversuchen in Südamerika und anderswo keine Aktie hält, wird auch Herr Grass nicht verleugnen können.
    Dennoch trifft er mit der Kernaussage - nämlich dass die Politik der USA erst zu den Zuständen, die man heute zu bekämpfen vorgibt, geführt hat (und diese auch noch weiter verstärkt) - voll ins Schwarze.

  4. Die Art und Weise wie Herr Grass sich und die Welt sieht und darstellt zeugt von einer unglaublichen Selbstgerechtigkeit und drückt die eigenen Minderwertigkeitskomplexe in einem Amerikahass aus der nur noch peinlich ist.
    Nobelpreis hin oder her, bei der Art und Weise mit der Herr Grass seit Jahren Unterstellungen und Verleumdungen in Welt herausposaunt ist es verwunderlich dass ihm immer noch dieser Respekt und fast Unterwürfigkeit seitens unserer "Eliten" (Politik, Medien etc.) zu Teil wird

  5. Lieber Günter Grass,

    das Thema ist viel zu groß und zu großartig angegangen. Mit der Art und Weise wird zudem beinahe ausschließlich die bürgerliche Welt angesprochen -die Soldaten gehören der mehrzahlig nicht an, die Opfer mehrzahlig auch nicht (der 11.September war vielleicht eine Ausnahme). Es fehlt zu viel. Ich finde viele Leute nicht wieder darin. Es werden die repräsentiert, die immer repräsentiert werden und die Art und Weise repräsentiert sich selbst, es ist die bürgerliche Welt (mit der Kritik verweise ich auf den empirischen Kulturwiossenschaftler Werner Schiffauer, der an der deutsch-polnischen Uni Frankfurt Oder lehrt, der in der Form Habermas kritisiert).

    Auch wenn mein Buch (aha, also wer, der zum Thema selbst was gemacht hat), nicht unter dem Namen hier, noch nicht veröffentlicht ist, es ist nämlich zum Thema, möchte ich mich aus Ihrer Veranstaltung völlig raus halten. Ich les bloß die Zeit.

    Sie müssten mein Buch kennen, in der Glockengießerstr. bin ich nicht gewesen – Stockhausens möchtens lesen. Zumindest müssten Sie verstehen, wenn man ein solches Buch schreibt, geht man nicht auf solche Kongresse – aber man liest bspw. die Zeit.

    Mit Ihrem Satz „Abschiebungen sind ethnische Säuberungen“ haben Sie ein ganzes Dutzend von Kongressen leicht verständlich für alle überflüssig gemacht. Mit Ihrer Rede konnten Sie das nicht übertreffen – Eröffnungsreden sind ja Formalien, Formen. Notwendige Übel. Sie, lieber Günter Grass, sind großartig, dazu reichte Ihnen ein Satz.

    Angesichts des Themas wäre es vielleicht besser ein Eröffnungsschweigen gewesen – aber der Text sollte ja, das stand fest, anderswo dann abgedruckt werden. Dadurch haben Sie den Ort aus den Augen verloren, nicht nur Sie, es ist so üblich geworden, dass man bei Eröffnungsreden eher daran denkt, wo der Text bereits vorgeplant (das kann auch bloß erhofft sein und sich dann erfüllen) erscheint und das verfehlt, was am Ort und auf diesen konzentriert, sinnvoller gewesen wäre. Wobei nicht fest gestanden hätte, ob das dann einfach so anderswo hätte erscheinen können.

    Rainald Goetz hat sich bei einer Lesung mal medial wirksam die Stirn aufgeschnitten. Das hätte mich angesichts des Themas auch nicht beeindruckt.

    Sie haben eine Rede gehalten, Sie sind jemand, der keine solche Rede halten muss. Sie haben anderes getan und tun anderes – praktisch aktiv – wer auch mal in index on censorship rein sieht findet passendere Texte von Ihnen.

    Es ist nicht nötig, Schriftsteller zu kennen, um ein Buch zu schreiben. Allein bereits wegen gewisser Rituale usw. muss man das nicht. Ich bin nicht mit den Schriftstellern, ich bin eher mit denen, die Krieg etc abbekommen. Ich käme mir auf so einem Kongress überflüssig und fehl am Platze vor.

    Was andere nun zu diesem Beitrag sagen, lese ich nicht, das ist ein no read area in dem Fall, Forumserfahrungen.

    Sollte ich in Lübeck sein, können Sie den Text schon mal haben.

    Ich hätte, das muss man ja tun, wenn man was kritisiert, ein Eröffnungstelefongespräch geführt, dessen Inhalt nicht fest gestanden hätte. Ich hätte gewusst, wo ich anrufe (inkl. mehrere Ersatznummern falls was technisch nicht klappt – vielleicht sogar mehrere Gespräche) – das wäre für alle eine spannendere Sache gewesen.

    Mit herzlichen Grüßen

    • bierus
    • 24. Mai 2006 12:06 Uhr

    Welch ein Müll! Ich als ehemaliger Insasse der "kommoden Dikatur" DDR jedenfalls weiß wem ich meine Freiheit (welche Herrn Grass wie ein reifer Apfel in den Schoß gefallen ist) zu verdanken habe. Leute wie Herr Grass gehören mit Sicherheit nicht zu diesem Personenkreis.

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