rassismus Betreten auf eigene Gefahr
Wie eine Bürgerinitiative gegen Ausländerhass und No-go-Areas kämpft
So was kann man nicht berechnen. Als er am Mittwoch der vorigen Woche im Interview mit Deutschlandradio Kultur WM-Besucher mit »anderer Hautfarbe« vor Reisen nach Brandenburg warnte, weil die diese Gegend »möglicherweise lebend nicht wieder verlassen«, da ahnte der frühere Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye nicht, . Erst die typischen Abwehrreflexe, ein paar Empörungsrituale und beflissene Verniedlichungen. Da und dort auch das Übliche: Wie kann man nur so übertreiben! Damit redet er die Rechten größer, als sie sind! Unglaublich, so kurz vor der Weltmeisterschaft, das schadet den deutschen Interessen!
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Aber inzwischen ist die Stimmung gekippt. Mit einem kleinen verbalen Rückzieher hat Heye den Beschwichtigern den Wind aus den Segeln genommen, die öffentliche Debatte kann jetzt dem eigentlichen Thema gelten: dem Ausländerhass in Deutschland, den realen Gefahren für Andersfarbige,
No-go-Areas
im Osten und anderswo, und der Frage, was gegen diese fatale Bedrohungsgeografie für »Fremde« zu tun ist. Wie man dafür sorgt, dass Deutschland tatsächlich jenes weltoffene Land wird, das Heye und hoffentlich eine Mehrheit der Deutschen sich über die WM hinaus und ohne ständigen Masseneinsatz der Polizei wünschen.
Als der heutige Chefredakteur der SPD-Monatszeitschrift Vorwärts im August 2000 gemeinsam mit dem kürzlich verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, die Bürgerinitiative Gesicht Zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland ins Leben rief, hatten gerade wieder ausländerfeindliche Gewalttaten für mediales Aufsehen gesorgt, nicht nur, aber besonders in den neuen Bundesländern.
Heye war damals noch Sprecher der Regierung Schröder. »Ich wollte als Privatperson, dessen Gesicht inzwischen etwas bekannter geworden war, meine kleine neue Prominenz einfach dazu benützen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken.« Andere nicht ganz so »kleine« Prominente machten mit, voran Iris Berben, Veronika Ferres, Alfred Biolek, Franz Beckenbauer, Henry Maske, Heiner Geißler, Günther Jauch. Johannes Rau übernahm die Schirmherrschaft. Er war es damals auch, der daran erinnerte, dass Solingen und Mölln, Symbolorte der neunziger Jahre für schreckliche Übergriffe gegen Ausländer, »nicht im Osten« lagen. Gesicht Zeigen! hatte sich viel vorgenommen, Aufklärungskampagnen, Kino- und TV-Spots entstanden, und Anzeigen in Zeitungen wurden geschaltet. Finanzieren wollte man sich durch Sponsoren und durch Privatspenden.
Man würde einen langen Atem brauchen, das wussten Heye und die anderen schon damals. Manchmal wurde der Atem, nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hatte und auch die Zahl der Zwischenfälle etwas gesunken war – oder nur die Aufmerksamkeit dafür? –, auch etwas kurz. »Anfang 2006 wussten wir nicht, ob es uns Mitte des Jahres noch geben würde«, sagt Heye. Ein Glück, dass die zwei wichtigsten Sponsoren, Dresdner Bank und Telekom, dabei geblieben sind. Sie stellen das Büro und finanzieren die Kommunikation. Wichtiges Instrument dabei: eine umfangreiche Website ( www.gesichtzeigen.de ). Für konkrete Projekte, zum Beispiel Aktionen in Schulen, gibt es öffentliche Zuschüsse (»Sie wurden Gott sei Dank nicht gekürzt«). Die drei Bürokräfte aber und die Aktionen müssen mit Spenden finanziert werden.
Inzwischen hat die Initiative ihr Aktionsmuster verändert. Statt Anzeigen, Kino und TV stehen persönliche Begegnungen im Vordergrund. Besuche von zugewanderten Deutschen (erster und zweiter Generation) in brandenburgischen Schulklassen (Aktion Rent an Immigrant) zum Beispiel. Für viele Schüler irgendwo auf dem Land in Brandenburg sei das oft die erste Begegnung mit Zuwanderern und deren Kindern, erklärt Heye.
Die Schulklassen sollen später möglichst, soweit sich das organisieren lässt, ihre »Immigranten« in deren Wohnort besuchen: »Die sollen Neukölln oder Kreuzberg sehen und das Milieu, aus dem ihre Besucher kommen.« Sicherlich eine problemnahe Form des Staatskunde-Unterrichts, voll von potenziellen Einsichten und neuen Erfahrungen.
Uwe-Karsten Heye möchte aber den Aktionsradius erweitern. Die Älteren – die Eltern – und die Kleineren, noch Unbeeinflussten, erreichen. »Die Neonazis sind das ja nicht von Geburt an.« Die 13- bis 15-Jährigen sind manchmal in ihrer Weltsicht, die gelegentlich ein Zerrbild ist, schon weit fortgeschritten. Gesicht Zeigen! sollte früher ansetzen, meint der Vorsitzende der Initiative, in Grundschulen, wenn es geht, sogar in der Schulvorbereitung im Kindergarten. Das »Leben der Anderen« sollen die Kinder früh kennen lernen, bevor die böse Saat der Xenophoben aufgeht. Und dann die Erwachsenenarbeit, die Elternerziehung. Der nächste Schritt. Der Kampf gegen den Ausländerhass ist ein Langzeitprojekt. Der 65-jährige Exregierungssprecher – und Vater eines zweijährigen Sohns – hat einen lebhaften Ruhestand vor sich.
Es muss aufhören, dass sich ganze Dörfer vor den Neonazis fürchten
Seine Priorität auf diesem neuen langen Marsch ist zunächst das Zurückdrängen der Furcht. »Wir müssen die von den Neonazis mit ihrer permanenten Einschüchterung erzeugten ›Angsträume‹ schließen«, sagt er. No-go-Areas dürfe es nicht mehr geben. Dass sich ganze Dörfer oder Stadtviertel oder Landschaften vor den Neonazis fürchten, müsse aufhören.
Vor anderthalb Jahren, erinnert sich Uwe-Karsten Heye, hatte eine Gruppe couragierter Berliner Jugendlicher ein paar Neonazis daran gehindert, Ausländer anzugreifen. Dafür sollten sie öffentlich belobigt werden, doch habe man davon abgesehen: »Man hatte Sorge, diese jungen Leute persönlich zu gefährden, wenn ihre Fotos in die Zeitung kämen.«
Keine unbegründete Vorsorge, gewiss. Aber zugleich leider ein Zugeständnis an das Drohpotenzial der rechtsextremistischen Minderheit. »Soll das denn der Normalzustand in Deutschland werden?« Rhetorische Frage, versteht sich. Uwe-Karsten Heyes Antwort: »Gesicht zeigen!«
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- Datum 24.05.2006 - 14:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 24.05.2006 Nr.22
- Kommentare 26
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"Bald müssen sich ausgeraubte Rentner, bedrohte Kinder, vergewaltigte Frauen farbig anstreichen, wenn sie wahrgenommen werden wollen." ???
"Rassissmus, der sich gegen die einheimische Bevölkerung richtet." ???
liefern sie doch ihre verschwörungSStheorien gleich mit, sonst ist ihr geschreibsel so unverständlich.
aber ich vermute mal:
unsere regierung (polizei, richter usw.) wird insgeheim von ausländischen (jüdischen?!) geheimbünden gelenkt.
richtig? na, dann verstehe ich SSie ja doch. Aber was machen SSie hier?
Jetzt wissen wir mehr!
Was ist los in Brandenburg, was ist los in Sachsen-Anhalt!
Ich komme aus Nordrhein-Westfalen!
Viele Auslaender, hohe Arbeitslosigkeit! Ist das ein Grund, sich wieder Reden von Goebbels anzuhoeren?
Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind eine Scham fuer Deutschland und die Politiker dort sollten schleunigst ihren Winterschlaf beenden: es ist an der Zeit!
Was machen wir denn, wenn die NPD eine Karte aufstellt: Alle Ueberfaelle Jugendlicher mit Migrationshintergrund auf Deutsche? Die Fallzahlen sind sicher deutlich hoeher!
Das rechtfertigt in keiner Weise die rechtsradikalen Gewalttaten, zeigt aber, dass die Polizei die Chaoten, ob sie nun weisse oder dunkle Haut haben, nicht mehr unter Kontrolle hat. Schickt doch mal ein paar mehr Patrollien nach Lichtenberg, die dort ein bisschen Praesenz zeigen, Personenkontrollen durchfuehren, Rechtsrock beschlagnahmen und so weiter. Das bringt sicher mehr, als die Einfuehrung einer neuen StaSi, um uns vor den boesen Terroristen zu schuetzen. (Hiermit sind die Milliardenausgaben fuer die Vorratsdatenspeicherung, die Gesundheitskarte, die totale Verkehrsueberwachung mit Mautbruecken, die vollstaendige Abschaffung des Bankgeheimnisses und so weiter gemeint.)
Gruesse
Wie kommen sie auf Hysterie, wenn Fakten belegen: Brandenburg und Sachsen-Anhalt in unverschaemter Weise fuehrend bei Gewalt durch deutsche Rassisten!
Die Oma an der Ecke, der Kiosk-Verkaeufer bestaerken diese Schlaeger, "ja, der Tuerke, all diese Schwarzen: ist doch nicht zum aushalten"!
So reden viele dem Sinne nach in Ostdeutschland und sehr schlicht muss man ihnen antworten: ihr seid nicht zum Aushalten und keine Subventionen mehr!
Wenn Oma zum Kaffe einlaedt, den Schwarzen, dann werden einige Neonazis ihre Schnuersenkel wechseln!
Na, was ist denn das für ein Haufen unnützer, agressiver Kommentare hier! Das zeigt doch richtig schön im kleinen Massstab was sich da draußen in Deutschland abspielt: Die ganze Diskussion über "no-go-areas" spaltet das Land in viele kleine Meinungsgrüppchen die sich gegenseitig Schuld zuweisen und sich beschimpfen. Wirklich passieren tut nichts, und die Neonazis dürfen sich freuen. Wieder mal Wirbel angerichtet.
Ganze Gegenden in schlechtes Licht zu stellen ist ungerecht denen gegenüber, die nicht "fremdenfeindlich" sind. Wird eine Gegend gefürchtet, also auch gemieden von anders aussehenden Menschen, ist das ein Sieg für rechte Schläger. Wie sollen außerdem die Leute offen sein, wenn sie keinen Kontakt haben mit andersfarbigen, andersdenkenden usw. Menschen? Und vor allem die jungen Leute!
Es ist klar, dass schon früher mehr getan werden muss, damit sich nicht schon im Kindesalter negative Gefühle gegen "Fremde" einschleichen. Hier besteht wiederum die Gefahr, die ganze Schuld und Verantwortung auf die Schule zu schieben. Organisationen oder Bürgerinitiativen sind da wohl am besten, nebst Initiativen in Kindergarten und Schule.
In Gegenden wo es etwas öfter zu Übergriffen jeglicher Art gegen jegliche Hautfarbe und Rasse gibt, könnte ruhig mehr Polizeipräsenz herrschen. Wir brauchen doch eh dringend neue Arbeitsplätze, oder nicht?
Und wichtig ist: Leute, zeigt Mut! Lasst nicht zu, dass in eurer Gegenwart irgendwem irgendwas angetan wird!
Jaja, ich weiß was viele denken: Kluge Ratschläge geben ist immer einfach...
Im Osten kann man als Ausländer nachts nicht mehr durch die Straßen gehen, im Westen als Deutscher.
Da der Westen erheblich größer und menschenreicher ist, ist die Gefahr also, die von Ausländern ausgeht größer als die von den sogenannten Rechten.,
Natürlich kann man dies publizistisch bzw. medienwirksam verzerren.
wie kann man denn erwarten dass jemand bei solch einem solch brisanten Thema sein Gesicht zeigt?
http://www.zeig-dich.de/ es gibt diese in gewisser Art vergleichbare Aktion, nämlich für etwas einzutreten was Millionen alleine in Deutschland tun..... Und es tut verdammt gut!
Oh, nein, Herr Heye hat nicht gewußt, welch medialen Tsunami er mit seiner offenbarten Profil-Neurose lostritt.
Richtig ist, die Bürger dieses Landes, ob Deutsche oder nicht - müssen Gesicht zeigen.
Gegen Gewalttäter aller Art!
Gegen Politiker, die erst aus dem Nest gucken, wenn der bequeme Personenschutz nicht mehr allgegenwärtig ist!
Gegen Journalisten, die jeder Sau nachlaufen, die von einem publizistischen Oberhirten durch das mediale Dorf gehetzt wird.
Gegen die Verharmlosung des alltäglichen Verbrechens!
Gegen die Vergewaltiger der deutschen Sprache, die mit ihren verunglückten Sprachkonstruktionen zur Verharmlosung alt bekannter Sachverhalte beitragen.
Anständige Menschen sind gegen Rassissmus. Auch gegen den Rassissmus, der sich gegen die einheimische Bevölkerung richtet.
Allmählich verstärkt sich der Eindruck, nur noch die rechtsradikal motivierten Verbrechen würden verfolgt. Gemessen an der insgesamt vorhandenen Kriminalität ist die politisch motivierte Kriminalität aber immer noch ein kleiner Teilbereich!
Bald müssen sich ausgeraubte Rentner, bedrohte Kinder, vergewaltigte Frauen farbig anstreichen, wenn sie wahrgenommen werden wollen.
Keine Rede mehr von dem Überfall in Potsdam. Aus einem brutalen Überfall mit wahrscheinlich banalem kriminellem Hintergrund wurde ein Vorbote des neuen Genozids herausgearbeitet.
Insgeheim können sich die Rechtsradikalen freuen, weil ihnen die Damen und Herren Heye und Co. die beste Wahlwerbung liefern, die sie sich wünschen können.
Links- wie Rechtsradikale werden von Menschen gewählt, die sich in unserem politischen System nicht mehr identifizieren können. Die letzten Landtagswahlen haben ein sehr hohes Potential aufgezeigt.
Die Damen und Herren Heye und Co. sollten das Spiel mit dem Feuer unterlassen. Insbesondere Herr Heye. Als ehemaliger Regierungssprecher ist Herr Heye für die wirtschaftliche Misere dieses Landes mitverantwortlich. Er würde der Bevölkerung dieses Landes einen größeren Gefallen tun, wollte er in Ruhe seine Memoiren schreiben, seine gut bemessene Pension oder die Vorfreude darauf genießen und das Volk nicht mit seinen abstrusen politischen Theorien belästigen.
Stadtviertel, durch die ein Mensch - gleich welche Hautfarbe - besser nur in Begleitung und möglichst nicht bei Nacht geht, gibt es im Westen schon seit über 20 Jahren, Herr Heye.
Nur Dienstwagennutzer mit Fahrer haben davon nichts bemerken müssen.
Wir brauchen keine Diskussion über irgendwelche besonders gefährlichen Gebiete im Schlagwortstil. Wir brauchen keine wichtigtuerischen Herr Heyes.
Wir brauchen eine einsatzfähige Polizei, verhandlungsfähige Gerichte und einen hilfreichen Opferschutz. Dann zeigen die Bürger auch wieder ihr Gesicht.
korfstroem
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