Bachelor und Master Vorbild Darmstadt
Die Maschinenbauer an der Technischen Universität trennen sich mutig von ihrem Ingenieurdiplom
Dass er eines Tages als Pionier gefeiert würde, hätte Manfred Hampe nie gedacht. Derzeit allerdings kann sich der Darmstädter Professor für Maschinenbau vor Einladungen nicht mehr retten: Kollegen aus Japan, Amerika und Norwegen laden ihn ein, damit er ihnen sein neues Studienmodell vorstellt. Mehr eigene Forschung der Studenten, eine bessere Verzahnung von Theorie und Praxis und ein florierender Austausch mit internationalen Universitäten – das ist das Fundament, auf dem Manfred Hampe seinen neuen Studiengang konzipiert hat. Und: Er hat den Betrieb an seiner Fakultät konsequent auf Bachelor und Master umgestellt.
»Für unsere Studenten ist das eine große Chance«, sagt der Maschinenbauer. »Wir bereiten unsere Leute auf den europäischen Arbeitsmarkt vor – das geht mit dem alten Diplomtitel bei weitem nicht so gut!« Früher gingen gerade einmal 20 Prozent seiner Studenten für ein paar Semester ins Ausland, bei der Einführung des Bachelor hat sich die Quote schlagartig verdreifacht. »Ein deutsches Vordiplom wird an fremden Universitäten nur ganz selten anerkannt, da mussten unsere Studenten teilweise noch Extraprüfungen und Nachweise mitbringen«, sagt Manfred Hampe. Mit dem Bachelor sei das alles hinfällig geworden. Gute Studenten haben es seither schon bis in amerikanische Spitzeninstitute geschafft, um dort ihren Mastertitel zu machen. Angesichts solcher Erfolge gerät Hampe ins Schwärmen: Die internationale Kompatibilität sei schlicht genial.
Trotz der offenkundigen Vorteile steht der Darmstädter noch weitgehend allein auf weiter Flur. »Bei Fachtagungen bin ich der bunte Hund«, sagt er – die meisten seiner deutschen Kollegen aus den Ingenieurwissenschaften hängen am Diplomschema und retten Inhalt und Struktur möglichst unverändert in den Masterstudiengang hinüber. Bei der Industrie stößt die zögerliche Umstellung auf Kritik. Die Arbeitgeber setzen große Hoffnungen in das zweistufige Studium. So hat der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) deutsche Manager gefragt, was sie sich von den Absolventen wünschen. Auf der Liste taucht vom interdisziplinären Denken bis hin zu sozialen Kompetenzen vieles auf, was beim Bachelorstudium oft zum verbindlichen Curriculum gehört. »Die industriellen Anforderungen haben sich geändert, und die bisherigen Studiengänge sind dahinter zum Teil zurückgeblieben«, sagt Bernhard Diegner vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). »Für die Universitäten ist es eine große Chance, wenn sie an dieser Stelle einhaken.«
Wie das funktionieren kann, zeigt wiederum das Beispiel Darmstadt. Forschendes Lernen ist dort das Erfolgsgeheimnis: In kleinen Gruppen arbeiten die Studenten in den Seminaren mit, statt ganze Vorlesungen lang nur Notizen zu machen. Der inhaltliche Anspruch, sagt Manfred Hampe, leide darunter nicht: Wegen der engen Verzahnung kämen die Studenten mit dem Stoff sogar besser klar.
Hinter all diesen Bemühungen steht der Anspruch, dass die angehenden Ingenieure nach dem Bachelor fit sein sollen für den Arbeitsmarkt. Beim bisherigen Diplommodell seien sie das nach den ersten Semestern nicht, weil sie da vor allem Theorie pauken müssten. »Die Studenten haben beim Vordiplom zwar eine große Leistungsfähigkeit, aber sie kriegen die PS einfach nicht auf die Straße«, sagt Alexander Fay. Er ist Professor für Maschinenbau an der Bundeswehr-Universität in Hamburg und strukturiert den Studiengang gerade komplett um. Er orientiert sich dabei am Modell der TU Darmstadt.
Fay will im Studium vor allem Querbezüge zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen herstellen. Die Ingenieurwissenschaften nämlich umfassen einen weiten Wissensbereich von Strömungstechnik über Materialkunde bis hin zu Energietechnik. »Häufig verstehen die Studenten gar nicht, warum sie sich mit allen diesen Disziplinen beschäftigen sollen«, sagt Fay. Die einzelnen Mosaiksteinchen aus dem Studium fügten sich für viele erst rückblickend zu einem großen Bild zusammen.
Im neuen Bachelorangebot will Alexander Fay die Zusammenhänge schon viel früher deutlich machen. »Da gibt es zum Beispiel die beiden Bereiche Thermodynamik und Regelungstechnik. Bislang werden die isoliert unterrichtet. Aber bei einer Heizungssteuerung greifen die direkt ineinander – warum also sollten wir das nicht auch an der Universität so zusammenbringen?«
Diese Art des vernetzten Lernens hat zusätzlich einen positiven Nebeneffekt: In Darmstadt gibt es kaum noch Studienabbrecher, mehr als 80 Prozent der Studenten bleiben bis zum Abschluss dabei – vorher waren es gerade einmal halb so viele. »In den Diplomstudiengängen geben normalerweise viel mehr Studenten gleich auf, weil sie mit Theorie überhäuft werden und nichts anderes sehen als nur Formeln«, sagt Manfred Hampe.
Er teilt die Studenten stattdessen in kleine Arbeitsgruppen auf und vermittelt so ganz nebenbei auch noch das Handwerkszeug für die Teamarbeit. Die Diskussionen sind effektiver als jeder Rhetorikkurs, und die Aufgabenteilung schult die soziale Kompetenz. »Damit sind die Bachelorabsolventen wirklich fit für den Einsatz in der freien Wirtschaft«, sagt Hampe. Immer mehr deutsche Unternehmen stellen gezielt Ingenieure ein, die nicht bis zum Mastertitel weiterstudiert haben. Die jungen Mitarbeiter bringen von der Universität die soliden Grundlagen mit und lernen dann direkt bei der Arbeit dazu.
»Ein Masterabschluss muss verflixt gut sein, damit die Absolventen nach den zwei zusätzlichen Jahren genauso fit sind wie ihre Kollegen, die nach dem Bachelor gleich im Unternehmen ihre Erfahrungen gesammelt haben«, sagt Bernhard Diegner vom Elektrotechnik-Verband ZVEI.
Besonders reizvoll findet er die Möglichkeit, den Mastertitel erst nach einigen Praxisjahren aufzusatteln: »Bis dahin haben die Leute genau herausgefunden, was ihnen besonders viel Spaß macht und wo sie ihre Stärken haben. Wer sich dann spezialisieren möchte, kann sich da viel fundierter entscheiden!«
- Datum 24.05.2006 - 11:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2006
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