Kriminalroman Was damals in Äthiopien geschah
Ein Reisebericht und Politthriller
»Dieses Buch ist reine Fiktion, die Namen, die Personen und die Orte der Handlung sind frei erfunden.« So oder ähnlich versichern es die Autoren meist im Vorspann. (Kriminal-)Literatur möchte gerne fiktiv bleiben und juristische Auseinandersetzungen meiden. Ihr Verhältnis zu den Tatsachen ist das der als Fiktion getarnten Insinuation: So schlimm könnte es gewesen sein, so übel war es vielleicht. Doch manchmal deckt sie das Übel auf.
In Aschemenschen läuft alles auf die anderthalb Seiten des knappen Nachworts hinaus. Darin schlägt Ulrich Schmid, im Brotberuf Auslandskorrespondent der NZZ, den Tonfall des weitgereisten Zeugen an: »Der zweite Teil ist zu einem großen Teil Tatsachenbericht.« Das, was den Tatsachenbericht ausmacht, geschah vor 30 Jahren in Äthiopien. Es war die Periode des »Roten Terrors«. 1974 hatte eine Militärjunta die Macht ergriffen, um das Volk in einen äthiopischen Kommunismus zu peitschen. Zehntausende kamen um. Heute wird der Zusammenbruch dieses Wahnregimes unter Mengistu als Nationalfeiertag begangen.
Schmid reiste 2005 nach Addis Abeba und erfuhr, dass einer der übelsten Folterer hoch angesehen ist. »Madscheh ist heute der starke Mann des Viehmarktes. Man hat mir angeboten, ihn herzuholen. Er rede gerne mit Fremden, vor allem mit Weißen. Ich lehnte ab. Ich fürchtete mich davor, das Böse in seinen Zügen nicht finden zu können.« Dem Bösen ein Gesicht geben – das ist die unlösbare Herausforderung, der sich Schmids Roman stellt. Gott verpasste Kain ein Mal. Doch seitdem sind die Bösen nur schwer als solche zu erkennen.
Erla, Bankerin aus der Schweiz, gegenwärtig ansässig in Hongkong, kann das ganz schlecht. Sie weiß nicht einmal, ob sie dem Bösen schon begegnet ist. Ihr Schweizer Ex-Chef ist so ein schillernd-unidentifizierbares Exemplar. Er sammelt Gewaltvideos, die das Abschlachten und Zerstückeln von Pferden zeigen. Geilt er sich daran auf, oder dokumentiert er die Grausamkeiten als Tierschützer? Xiao Fei hingegen, quirlig-koboldhafte Teenager-Tochter des größten Unternehmers, besitzt, vielleicht alters- oder kulturgegeben, ein zweites Gesicht für Gut und Böse. Kaum ist sie Gerd, dem unausstehlich gut gelaunten, ständig schmatzenden Senior aus Deutschland begegnet, nimmt sie einen üblen Geruch wahr. »Er ist fast eine Leiche, aber er ist noch nicht tot«, sie erkennt: einen Dämon. Aber Xiao Fei sieht auch die Aschemenschen, die sonst kaum jemand wahrnehmen kann. Es sind schöne, menschenähnliche Wesen. Mit ihren wunderbaren roten Zungen können sie schnalzen, wahrnehmen und zaubern, es sind Wesen, wie sie nur noch in vormodernen Kulturen existieren können, bedroht also vom Untergang und im Abwehrkampf gegen das moderne Böse: Folter und Drogen.
Erla und Gerd und Xiao Fei sind am Rande der Welt zusammengeraten, auf unwahrscheinliche, höchst zufällige Weise. Gerd hat bei Erlas Reiseunternehmen eine Scheinentführung gebucht, leichte Quälerei durch die Entführer inklusive. Xiao Feis Vater befreit ihn, den Touristentrug nicht durchschauend, was Gerd auch nicht weiter stört. Denn eigentlich ist der Deutsche an den Rand der Wüste Taklamakan gereist, um zu vertuschen, was verborgen ist und bleiben soll. Die Tatsache nämlich, dass an Haile Mengistu Mariams Rotem Terror Entsandte der DDR-Staatssicherheit als Berater beteiligt waren. Beraten haben sie, so berichtet der Augenzeuge Jonas Tefera, bei Mord, Morddrohung, psychischer und physischer Folter.
Was der Roman nicht erzählen kann, ist der Skandal: Seit 1995 das Bundesverfassungsgericht den aus der DDR stammenden Agenten der Staatssicherheit eine »Teilamnestie« gewährte, wächst das Gras des Vergessens über diese Taten. Auch wenn Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht verjähren, sind sie nach so langer Zeit extrem schwer zu verfolgen und anzuklagen. Dass sie nicht vergessen werden, ist das Ziel dieses bemerkenswerten, in einer berauschend schönen Sprache geschriebenen sperrigen Romans. Schmids Geschichte schweift zwischen Fantastik, Politthriller und Reisebericht weit aus.
- Datum 23.05.2006 - 11:13 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.05.2006
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