Dieser Mann hat die Götter herausgefordert. Er hat mit ihnen gerungen, er hat mit ihnen getrunken, er hat sich vor ihnen in den Staub geworfen und vor ihnen ausgespuckt. Er war kein mutiger Mann, er war verloren und verzweifelt. Eine Weile gefiel das den Göttern, sie schauten ihm zu und waren mal amüsiert und mal verärgert. Dann warfen sie ihn fort, und er starb, jämmerlich und allein, wie sein großer Held, jener Gatsby, der nachts immer über die Bucht starrte zu einem grünen Licht, das er nur sehnsuchtsvoll aus der Ferne betrachten konnte, und als er sich ihm näherte, da zerbrach alles, nicht nur das Licht, sondern auch das Leben. Er war reich und berühmt - und starb jämmerlich und allein BILD

Die Götter, mit denen F. Scott Fitzgerald rang, hatten verschiedene Namen. Sie hießen Alkohol und Ruhm und Reichtum, sie nannten sich Ginevra und Zelda und Sheilah, sie waren schön und anspruchsvoll und verschwenderisch, sie waren die Frauen, die er liebte, sie waren das Leben, von dem er träumte. Und als er die Hand danach ausstreckte, zerplatzte dieser Traum, er löste sich auf und entschwand. Alles, was Fitzgerald blieb, waren die schönen, glänzenden Scherben; alles, was ihm blieb, war ein zerbrochener Spiegel und darin sein Gesicht.

F. Scott Fitzgerald war dabei natürlich kein normaler Narziss. Er war eine Legende zu Lebzeiten, er war ein großer Stilist und Schuldner, er verschwendete Geld und Zeit, er wirkte wie einem der Romane entstiegen, mit denen er die Welt zeichnete, seine Welt, die amerikanische Welt. Er war sein ganzes Leben lang einer jener »romantischen Egoisten« aus diesseits vom Paradies; einer jener Lebemänner und Frauenhelden aus den Schönen und Verdammten; einer jener Sternenfänger und Lebenslügner aus dem Großen Gatsby; einer jener erwartungsvoll Gestrandeten aus Zärtlich ist die Nacht; und er blieb der große Unvollendete, der seinen fünften Roman Die Liebe des letzten Tycoon nicht fertig schreiben konnte, weil er sich in Hollywood zu Tode soff, am 21. Dezember 1940, mit gerade mal 44 Jahren.

Die Liebe ist stets der Schmerz, der bleibt, wenn sie vergeht

Er war fast vergessen damals, zu hoch gestiegen und zu tief gefallen. Die Schriftstellerkollegen hatten ihn immer sehr verehrt; und auch das Publikum tat es bald, mehr und mehr. Jetzt, spätestens, kann man ihn bei uns wiederentdecken, diesen Schreiber, der Buchstaben setzte wie Musiker Noten und mit seinen Figuren durch das Jazz Age tanzte, durch den Boom und den Crash, von den Weiten des Mittleren Westens bis an die Côte d’Azur und schließlich sogar bis an den Rand des Wahnsinns.

Im Diogenes Verlag erscheinen nun als Neuausgabe die fünf Romane, Der große Gatsby und Die Liebe des letzten Tycoon in neuer Übersetzung und Zärtlich ist die Nacht, das heimliche, eigentliche Meisterwerk, neu übersetzt und in der ursprünglichen Fassung von 1934 – erst in dieser chronologisch verschachtelten Form wird deutlich, mit welch grandioser Schwindelkraft Fitzgerald seinen Helden Dick Diver behandelt, wie er ihn strahlen lässt und brillieren, wie er ihm die junge Schauspielerin Rosemary zuführt, wie er dessen Frau Nicole in die Schizophrenie verabschiedet, wie er den Charmeur und Psychiater Diver auf ein Podest stellt, so wie der es selbst tut, bis er ganz langsam daran wackelt, so langsam, dass erst am Ende, als Diver längst gestürzt ist, die Logik und Tragik dieses im Glanz verlorenen Lebens erkennbar wird. Dieser Roman ist ein einziges Gleiten auf einer glatten Oberfläche – Eleganz, das wusste dieser Schriftsteller, ist eben der echte Existenzialismus.

Fitzgerald, und das macht ihn so angenehm, so aufregend, wirkt aber selbst in dieser feinsten Tragödie wie der perfekte Gastgeber seiner Figuren, er ist aufmerksam und nicht zu aufdringlich, er kümmert sich und schenkt nach, wenn das Glas mal leer ist. »Sie stellte sich auf seine Schuhe, schmiegte sich an ihn und hob ihm das Gesicht entgegen wie ein aufgeschlagenes Buch«, so lässt er Dick Diver von seiner Frau anhimmeln. »Er sah sie an, und einen Moment lebte sie in den leuchtenden Welten seiner Augen, bereitwillig und voller Vertrauen«, so lässt er Rosemary ihn anschwärmen. Am Ende sind es allerdings immer die Männer, die verlieren, die einsam sind und in den Nachthimmel starren auf der Suche nach dem Stern, der sie einmal waren. Und tatsächlich behandelt Fitzgerald die Bewohner seiner Romane, seiner Welt wohl nur deshalb so sanft und sorgsam, weil er weiß, wie schmerzhaft es sein wird, sie fallen zu sehen.