NationalsozialismusDer einsame Weg

Zum Katholikentag in Saarbrücken: Eine Erinnerung an einen mutigen Christen – an den Laienbruder Michael Lerpscher, der sich gegen den Willen der Bischöfe dem Kriegsdienst für »Führer und Vaterland« verweigert hat von Ernst T. Mader

Seine Zelle teilt er mit anderen, die unter der gleichen Anklage stehen. Zu ihnen spricht er jetzt, die Bibel in der Hand. Sie gehört nicht ihm, sondern der Gefängnisleitung, aber der Häftling hat darum gebeten, weil er sonst nichts Vertrautes mehr hat. 34 ist er, mittelgroß, sein Körper leicht gedrungen, der Kopf etwas rundlich. Die dunkelbraunen Haare sind millimeterkurz geschnitten, die aufmerksamen Augen blicken milde; er trägt einen kräftigen Schnauzbart. Sein Auftritt wirkt ernst und beschwingt zugleich, und er spricht eine Sprache, deren Klang nicht hierher passt, nach Graz.

Daheim in seinem Dorf redet man so, erklärt Michael Lerpscher den anderen seine Mundart, im Allgäu, fünfhundert Kilometer von hier, auf der anderen Seite der Alpen, wo sie jetzt die Wiesen absuchen, nach Steinen, die sie in Kübeln und Schürzen wegtragen, damit die Sensen nicht stumpf werden beim ersten Schnitt.

Jahrelang ist er dabei gewesen, hat geholfen auf dem elterlichen Bauernhof, neben seinen Geschwistern und der Mutter. Und jetzt, im Frühling 1940, wartet er auf seinen Prozess zusammen mit den anderen, die nicht verstehen können, warum auch dieser Allgäuer bei ihnen sitzt; denn er ist katholisch. Seine Bischöfe haben vor kurzem noch, im September 1939, nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, alle Gläubigen in einem Hirtenbrief aufgefordert, »in Gehorsam gegen den Führer, opferwillig, unter Hingabe ihrer ganzen Persönlichkeit ihre Pflicht zu tun«.

Bei den Mitgefangenen ist das vollkommen anders. Ihre Gemeinschaft verbietet jegliches Töten, auch im Krieg, und die Mitglieder halten sich daran, denn nur so können sie wirkliche Zeugen ihres Gottes sein, den sie Jehova nennen. Sie wundern sich auch über die Bibel in der Hand dieses Mannes – studieren doch katholische Laien, wie sie wissen, die Schrift meist nicht so ernsthaft wie sie selber.

Der stämmige Allgäuer erklärt ihnen, er sehe seinem Prozess mit Ruhe entgegen. Sie zweifeln daran. Bei der Verbreitung pazifistischer Gedanken haben sich Katholiken bisher kaum hervorgetan, im entscheidenden Moment folgten sie immer dem Ruf des Staates zu den Waffen. Warum soll das ausgerechnet bei diesem Laienbruder aus Bayern anders sein?

Zur Welt gekommen ist Michael Lerpscher am 5. November 1905 in der Oberallgäuer Gemeinde Wilhams. Mit drei älteren und später noch drei jüngeren Geschwistern wächst er am Hauchenberg auf, in den die örtliche Sage den Kampf eines tapferen jungen Allgäuers mit einem Ungeheuer verlegt. Am Ende gewinnt der junge Mann einen großen Schatz und löst einen bösen Zauber.

1915 stirbt die Mutter, Josefa Lerpscher. Der Tod dieser sensiblen Frau zwingt den Zehnjährigen wie seine Geschwister zur frühen Reife. Nach zwei Jahren heiratet der Vater wieder, die Stiefmutter empfinden alle als herzensgut. Aber so nah wie der eigenen Mutter kann der junge Michl der neuen Frau im Haus nicht mehr kommen, ein Abstand bleibt.

Schneller als bei anderen festigt sich eine Persönlichkeit, die klar sein will und eigenständig; die das Kindliche in sich verschließt, die deshalb der Mitwelt mitunter starr, auch schwermütig vorkommt. Schwer fällt es ihm, Kompromisse einzugehen. Zeitzeugen beschreiben schon den Jungen als einen tief gläubigen Menschen. »Er war einmal bei uns«, erzählte ein Freund später, »und als er wieder ging, schaute ich ihm nach. Von der Kirche her hat es gerade Zwölfuhr geläutet. Da stand er hin, mitten auf der Straße, und hat den Englischen Gruß gebetet. Da hätte sich mancher geniert, so offen zu beten. Ihm war das egal.«

Egal wie die Abende auf dem Tanzboden, wo seine lustlose Anständigkeit gemeinsames Vergnügen schwer macht. Doch mag man ihn im Dorf; er arbeitet daheim mit, spielt Theater, turnt im Verein – kreist aber zunehmend still um sich selbst, je mehr sich Ende der zwanziger Jahre die bisherigen Kameraden der SA anschließen. Er hingegen geht zu der noch jungen Kolping-Gruppe im benachbarten Missen.

Dort lernt er ihren Gründer kennen, den Schreinergesellen Anton Hartmann, der Michael Lerpscher tief beeindruckt und, ohne es zu ahnen, seinen Lebensweg lenkt wie niemand sonst. Denn er erzählt ihm von der Landwirtschaftsschule im oberbayerischen Benediktinerkloster St. Ottilien, die er im Winter 1927/28 besucht hat. Da lerne man etwas fürs Leben, sagt Hartmann, da wirke religiöse Klarheit gegen die drohende braune Verwirrung. Lerpscher entscheidet sich rasch.

Zwei Winter dauert die Ausbildung, die er am 4. November 1930 beginnt; seinen Mitschülern fällt er auf: »Er war ruhig, nicht so lebhaft wie wir anderen. Wenn er einen Standpunkt hatte, den hat er vertreten. Auch in der Schule. Wir mussten da mal eine Rechenaufgabe lösen: Zwanzig oder dreißig Schüler hatten die gleiche Lösung, nur der Lerpscher nicht, und der Assessor sagte: Der Lerpscher hat Recht. Der hat die richtige Lösung.«

Und bald auch eine tiefe Skepsis gegen die Hitler-Bewegung, in der er von den Patres bestärkt wird. Zudem eröffnet ihm St. Ottilien den Weg ins Innere der Bibel. Lerpscher beginnt, sich in die Heilige Schrift zu vertiefen und sie ganz neu zu entdecken. Sein suchendes Herz verfängt sich in Sätzen wie: »Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen!« Und schließlich in dem einen Gebot, das ihn schon seit den Zeiten des ersten Religionsunterrichts beschäftigt hat: »Du sollst nicht töten.«

Als unmittelbare Folge der Lektüre wendet er sich an Anton Hartmann mit der Bitte, ihm beim Abfassen eines Briefes an den Papst zu helfen. Der soll ihm beantworten, was ihn umtreibt: Ist Mord in einem Notfall erlaubt? Hartmann hält das für sinnlos, er glaubt nicht, dass der Brief den fernen Adressaten überhaupt erreichen kann. Er wird nicht geschrieben. Lerpscher ist enttäuscht und will seinen Weg nun allein mit der Bibel finden. Er wird ihn geradewegs zum Pazifismus führen.

Währenddessen bauen die Nationalsozialisten ihre Macht aus. SA-Mitglieder übernehmen die örtliche Kolping-Führung. Mehr als alles andere schreckt Lerpscher das unverhohlen militaristische Gehabe des braunen Deutschland. »Selig sind, die Frieden schaffen«, hat sich ihm eingebrannt, dafür riskiert er Streit daheim und Hänseleien im Dorf.

Als im Mai 1935 die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt wird, die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs abgeschafft ist, und die Aufrüstung beginnt, hält er es zu Hause nicht mehr aus. Er sucht Gleichgesinnte. Und er glaubt zu wissen, wo er als religiöser Pazifist seine Kräfte am sinnvollsten einsetzen kann, seit er von der Christkönigsgesellschaft des Max Josef Metzger im schwäbischen Örtchen Meitingen gehört hat.

Sie widmet sich vor allem den Hilfsbedürftigen: Arbeitslosen, Kranken und Strafentlassenen, und sieht darin auch Friedensarbeit. Denn wer es ablehnt, Konflikte durch Kriege zu lösen, der muss sie durch ungeheure Mühe von unten her überwinden.

Diesen Weg des Kriegsgegners Metzger (der 1944 hingerichtet wird) gehen in Meitingen etwa dreißig Brüder und Schwestern mit. Ihnen schließt sich Michael Lerpscher im August 1935 an und nennt sich nun vorübergehend nach einem schwäbischen Heiligen, dessen Vita er in St. Ottilien kennen gelernt hat, Bruder Bertram. Man rühmt Lerpschers Fleiß, seine Freundlichkeit und beäugt etwas misstrauisch sein asketisches Leben. Der Geist von Meitingen bestärkt ihn in seinem Pazifismus. Lerpscher arbeitet auf der institutseigenen Baustelle, in der Gärtnerei und der Trinkerheilanstalt, bis ihn die Filiale Ulrichsbrunn bei Graz anfordert. Im September 1936 macht er sich auf in die Steiermark.

Dort trifft er auf den Kopf der katholischen Friedensbewegung in Österreich, den Priester und Professor Johannes Ude (1956 wird ihn Albert Schweitzer für den Friedensnobelpreis vorschlagen). Udes Botschaft verschmilzt mit der Bibellektüre. Überzeugt vom Friedensauftrag des Evangeliums, bittet Lerpscher, wie seine Mitbrüder später berichten, um eine Audienz bei dem Grazer Fürstbischof Ferdinand Pawlikowski; er will ihn für den Pazifismus gewinnen.

Der Bischof jedoch scheint in dem Gespräch jede religiöse oder andere Kritik am Militär zurückgewiesen zu haben – noch 1944 wird er in einem Hirtenschreiben zum Krieg die »heroischen Taten« in dieser »großen Zeit« preisen. Im übrigen erinnert er den Laienbruder wohl daran, dass es Katholiken nicht zusteht, in der Frage Krieg oder Frieden nach eigenem Urteil zu handeln.

Der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber hat das 1935, in jenem Jahr, als die Wehrpflicht wieder eingeführt worden ist, öffentlich so formuliert: »Die katholischen Theologen haben [] es niemals in den Urteilsbereich des einzelnen mit seinen Kurzsichtigkeiten und Gefühlsstimmungen gelegt, im Kriegsfalle die Erlaubtheit oder das Unerlaubtsein zu erörtern, sondern die letzte Entscheidung der rechtmäßigen Obrigkeit überlassen.«

Militärseelsorger erklären Rekruten fortan die »Tatsache[…], daß echte religiöse Haltung im Sinne des katholischen Glaubens zu höchster soldatischer Leistung führt«. Und seit September 1939 erlebt Lerpscher, wie die Bischöfe in Hirtenbriefen ihre Gläubigen zur vorbehaltlosen Kriegsteilnahme auffordern. »Erfüllt eure Pflicht gegen Führer, Volk und Vaterland!«, ruft Hildesheims Bischof Joseph Godehard Machens den Gläubigen zu. »Erfüllt sie, wenn es sein muss, unter Einsatz der ganzen Persönlichkeit!« Sollte die Angst vor dem Tod auf dem Schlachtfeld schrecken, so fänden die Soldaten Trost und Halt in den heiligen Sakramenten, durch die Teilnahme an Beichte und Kommunion. Nach ihrem Empfang würde sich für die katholischen Landser das »Unglück in Glück« wandeln. »Dann würde sie der Verlust des irdischen Lebens zum ewigen Leben, der Tod für das Vaterland in das ewige Vaterhaus Gottes führen.«

Entsprechend sind die Gebete, die dazu anempfohlen werden. »Segne die deutsche Wehrmacht, welche dazu berufen ist, den Frieden zu wahren und den heimischen Herd zu beschützen, und gib ihren Angehörigen die Kraft zum höchsten Opfer für Führer, Volk und Vaterland«, heißt es da im Katholischen Feldgesangbuch von 1939. »Segne besonders unseren Führer und Obersten Befehlshaber in allen Aufgaben, die ihm gestellt sind. Laß uns alle unter seiner Führung in der Hingabe an Volk und Vaterland eine heilige Aufgabe sehen…«

Krieg ist Friedensdienst; Führer, Volk und Vaterland sind des höchsten Opfers wert. So sprechen die Bischöfe. Darf man da, als treuer Katholik, wirklich den Waffendienst ablehnen? Und Hitler die soldatische Gefolgschaft verweigern?

Michael Lerpscher, Bruder Michael, ist ein treuer Katholik und wählt schließlich doch den einsamen Weg. Der Moment der Bewährung kommt im Frühjahr 1940. Die 188.Division in Graz beruft ihn ein und verlangt von ihm den obligaten Fahneneid der Wehrmacht: »Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.«

Das kommt für Lerpscher längst nicht mehr infrage. Wenn auch kein Dokument von seiner Hand erhalten ist, kein Brief, kein Bekenntnis, in dem er seine Haltung erklärt, so spricht doch die Tat für sich. Er verweigert den Eid und geht dafür ins Grazer Gefängnis, bis er nach einer Vorverhandlung im Juli 1940 dem in Wien tagenden Zweiten Senat des Reichskriegsgerichts überstellt wird. Den Willen des Angeklagten bricht auch diese Verhandlung nicht.

In London feiert gerade ein sensationeller Hollywoodfilm europäische Premiere: Vom Winde verweht, Hitler kündigt gnadenlose Luftangriffe auf England an, und in seiner Wiener Zelle sitzt Michael Lerpscher. Diesmal ist es eine Einzelzelle. Vom Staat hat er keine Gnade zu erwarten, von der Kirchenführung keinen Zuspruch. Anders als in Graz ist ihm hier nicht mal mehr eine Bibel erlaubt. Brauchte er sie noch? Er ist sich seiner Sache längst sicher und mit seinem Gewissen im Reinen. Ohnehin lebt er jetzt dort, wohin Worte nicht vordringen. Auch Wilhams ist nun weit weg und vielleicht schon nicht mehr seine Heimat.

Kriegsdienstverweigerung bestraft das Regime mit der Höchststrafe. Etwa 250 Zeugen Jehovas und etwa 30 weitere Männer werden deswegen bis 1945 ihr Leben verlieren. Nachdem einige Zeugen Jehovas schon im Herbst 1939 hingerichtet worden sind, stirbt als erster jener zweiten Gruppe am 21.Juni 1940 in Berlin-Plötzensee der Protestant Hermann Stöhr aus Stettin.

Auf die Aktennummer 179/40 reduziert, wird Michael Lerpscher am 2. August 1940 in Wien wegen »Wehrkraftzersetzung« zum Tode verurteilt und der bürgerlichen Ehrenrechte entkleidet.

Ob jemand ein Gnadengesuch gestellt hat, ist nicht bekannt. Es hätte dem Verurteilten auch nichts genützt. Hitler begnadigt keinen Kriegsdienstverweigerer. Und die Kirchenführung unterstützt Gnadengesuche in solchen Fällen auch auf inständiges Drängen hin nie. Dem zum Tode verurteilten Verweigerer Pater Franz Reinisch wird 1942 im Gefängnis sogar die Kommunion verwehrt, weil er »nicht im Stande der Gnade« ist. Es gibt keinen Grund, dies für eine Ausnahme zu halten.

Die Akten von Lerpschers Prozess sind verloren. Seine Worte vor Gericht hat kein Zeuge notiert. Wie kaum anders zu erwarten, wurde das Urteil nach dem Krieg nie revidiert.

Am 2. September 1940 um 9.30 Uhr liefert man den Verurteilten in das Zuchthaus von Brandenburg-Görden ein; es ist eine der Hinrichtungsstätten im deutschen Reich. Zu seinen Mithäftlingen gehört ein junger deutscher Kommunist: Erich Honecker.

Die besonders engen Zellen im Erdgeschoss heißen Kammkästen. In einer dieser Todeszellen erfährt Michael Lerpscher am Abend des 4. September 1940 den genauen Zeitpunkt seiner Hinrichtung. Die Henkersmahlzeit hat er vermutlich abgelehnt, und ein Abschiedsbrief ist nicht überliefert, weder in Wilhalms noch bei der Christkönigsgesellschaft in Meitingen. Am Morgen des nächsten Tages gegen 5.30 Uhr betritt der Dienst tuende Hauptwachtmeister die Zelle.

Der letzte Gang des Michael Lerpscher beginnt. Er führt über den Hof und endet in der Garage des Hauses I vor einem dunklen Vorhang. Dort muss er stehen. Der Rest dauert etwa zwölf Sekunden: Die Henker schieben den Vorhang zurück, greifen den Häftling, streifen ihm das Jackett ab und drücken ihm beide Arme auf den Rücken. Dann muss Michael Lerpscher seinen Hals in die halbrunde Öffnung unter dem Fallbeil legen. Ein Hebeldruck lässt es niedersausen, der Kopf rollt in eine Blechschale, unten rinnt das Blut in ein Gefäß. Dem Toten wird noch die Hose heruntergerissen und der nackte Körper dann, den Kopf zwischen den Beinen, in einer Holzkiste zum Krematorium gebracht.

Um diese Zeit arbeiten daheim in Wilhams Männer im Wald, Bauernfamilien bemühen sich um das letzte Grummet oder mähen Streuwiesen ab. Hütejungen sitzen bei ihren Kühen, um zwölf Uhr läutet die Glocke vom Kirchturm. Die furchtbare Nachricht aus Berlin kommt erst einige Tage später mit der Post. Die Familie schweigt.

Geflüsterte Vermutungen machen die Runde im Dorf, heimlich spricht sich der Tod herum. Nach ein paar Tagen kommt der Postbote auf den Lerpscherhof mit einem Paket: Hosen, Weste, Jacke, eine Uhr sind darin und eine Rechnung – Gebühr für die Todesstrafe 300 Reichsmark, Aufwand für die Hinrichtung 158,18 und für die Haft pro Tag 1,50 Mark, Porto für die Zustellung dieser Rechnung 12 Pfennig. Alles zahlbar innerhalb von acht Tagen.

Der Bürgermeister erhält vom Standesamt Brandenburg die Sterbeurkunde zugestellt. Darin wird mitgeteilt, dass »Michael Lerpscher am 5. Sept. 1940 um 5.40 Uhr verstorben ist. Todesursache: Hinrichtung.« Im Kirchenbuch notiert der Pfarrer in verschämter Kurzschrift Todestag und -ursache und liest auf Bitten der Familie eine stille Messe, ohne den Namen des Toten zu erwähnen. Alles, was Michael Lerpscher noch an Papieren in Wilhams hinterlassen hat, verschwindet im Ofen.

Viele Jahre später meint eine Frau aus seinem Dorf: »Ich hab den Michl gekannt, das war ein guter Katholik. Warum der keine Waffe in die Hand nehmen wollte, das kann ich nicht sagen. Der war doch ein grundanständiger Kerl, da hats nix gegeben.«

Bis heute, sechzig Jahre nach dem Ende des Hitler-Reiches, ist Michael Lerpscher ein Außenseiter geblieben – auch wenn in seiner Heimatgemeinde (auf Initiative des Kaufbeurer Publizisten Jakob Knab) seit 1987 eine Tafel an ihn erinnert, Schulbücher ihn erwähnen und die Deutsche Bischofskonferenz ihn 1999, peinlich spät, in Das deutsche Martyrologium des 20.Jahrhunderts aufgenommen hat. Als man im November des vergangenen Jahres in Wilhams seines 100. Geburtstages gedachte, blieben die Honoratioren des Ortes der Feier fern.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler und lehrt zurzeit an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest

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  • Schlagworte Adolf Hitler | Nationalsozialismus | Bibel | Bischof | Wehrmacht | Graz
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